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(Heft 3/2022)
Mit einer Potentialberatung arbeitet das Franziskusheim Geilenkirchen an der modernen Zukunft

Pflege entlasten durch digitale Hilfen

Wie digitale Assistenzsysteme die Pflege unterstützen können, prüft das Franziskusheim Geilenkirchen. Wichtige Ergebnisse einer Potentialberatung sind eine neue Stelle für eine IT-Fachkraft und weitere Workshops.
Technische Entwicklungen können das Arbeiten im Pflegeberuf und am Menschen erleichtern. Für den von Fachkräftemangel gekennzeichneten Berufszweig sind sie von nicht zu unterschätzender Bedeutung, um Belastungen und Stress zu reduzieren, mehr Zeit für die Pflege zu gewinnen und damit dieses Berufsfeld attraktiver zu machen. Und wenn das Feld der digitalen Möglichkeiten weit erscheint, ist ein Eingrenzen auf das Machbare hilfreich. 
 
Die Pflegeeinrichtung Franziskusheim gGmbH in Geilenkirchen hat sich genau dies zum Ziel gesetzt. Um sich auf dem Gebiet der Digitalisierung in der Altenpflege zu orientieren, nutzte das von der katholischen Pfarrgemeinde St. Mariä Himmelfahrt getragene Heim das Förderinstrument der Potentialberatung NRW. Das Landesarbeitsministerium bewilligt darüber kleinen und mittleren Unternehmen Mittel, um mit der Hilfe einer externen Beratungsfirma Perspektiven und Handlungsansätze für ihre Wettbewerbsfähigkeit zu entwickeln.
 
Weil die Potentialberatung in die erste Phase der Corona-Pandemie fiel, habe dies unfreiwillig Einfluss auf ihre inhaltliche Ausgestaltung genommen, sagt Paul Fuchs-Frohnhofen. Er ist einer der Geschäftsführer von MA&T, dem vom Franziskusheim beauftragten Beratungsinstitut aus Würselen. Fragen der digitalen Kommunikation an den beiden einbezogenen Standorten Franziskusheim und Wasserburg Trips waren wegen der Kontaktbeschränkungen auf einmal vordringlich, um den Kontakt zu Pflegenden und Angehörigen sowie intern unter den Mitarbeitenden zu gewährleisten. Miet-Tablets hielten testweise Einzug in die Wohnungen, die Mitarbeitenden erprobten Plattformen für Online-Treffen.

Sozialdienst in die Beratungen einbezogen
 

Darüber hinaus behielten Heim und Beratungsunternehmen aber auch im Blick, welche digitalen Ansätze Belastungen im Pflegebereich ab- und neue Arbeitsoptionen aufbauen könnten. Die Beteiligten entschieden dabei, das Thema nicht auf die Pflegetätigkeit zu fokussieren. Es sei vielmehr sinnvoll, sagt Claudia Bessin, beim Aufbau digitaler Strukturen über die Pflegekräfte hinaus weitere wichtige Gruppen zu beteiligen, etwa Mitarbeitende des Sozialen Dienstes oder des Quartiersmanagements. „Es gibt allein an den technischen Schnittstellen der einzelnen Bereiche enormes Entlastungspotenzial“, so die Projektmanagerin des Franziskusheims. Das betrifft zum Beispiel die Vernetzung des Heims mit der Burg Trips. Es gelte, leistungsfähige Drahtlosnetzwerke und Internetanbindungen für die hausinterne Kommunikation vorzuhalten. Ebenso wichtig sei es für Mitarbeitende in der ambulanten Pflege, die auf Smartphone oder Tablet festgehaltene Dokumentation ihrer Tätigkeit bei Hausbesuchen störfrei an die Verwaltung übermitteln zu können.
 
Um Fragen der technischen Infrastruktur und einsetzbarer Programme parallel zu behandeln, bildete das Franziskusheim innerhalb der Potentialberatung ein gemischtes Projektteam aus Beschäftigten des Sozialen Dienstes und des Pflegedienstes. In teils virtuell abgehaltenen Workshops analysierte diese Kerngruppe Voraussetzungen und Möglichkeiten. Weitere Mitarbeitende wurden über Arbeitsgruppen eingebunden. „Technisch ist einiges möglich“, sagt Paul Fuchs-Frohnhofen mit Blick auf die verfügbaren Systeme. Im Test war etwa Videotelefonie für den Kontakt mit Arztpraxen. „Das ist ein wichtiges Feld für den Sozialdienst“, sagt Claudia Bessin. Wenn ärztliche Sprechstunden künftig virtuell als Televisiten erfolgen und damit Fahrten ersetzen könnten, schone dies die Ressourcen. Neben der Zeitersparnis für die Betreuenden sei dies – bei weniger ernsthaften Beschwerden – auch bequemer für die Bewohner*innen, so Claudia Bessin. Die digitalen Komplettlösungen aus Kommunikation und Software, die Fernuntersuchungen möglich macht und ans Datensystem der Arztpraxis angeschlossen ist, aber seien „doch aufwändiger als wir geglaubt haben“, sagt Paul Fuchs-Frohnhofen. Daher habe das Franziskusheim sich noch nicht entschieden, welches System im Haus zum Standard wird.

Selbst fahrender Pflegewagen eher denkbar als ein Roboter
 

Gewicht bei Anschaffungen dieser Art wird künftig das Wort eines Fachmanns für Informationstechnologie (IT) haben. Dessen Einstellung im April 2021 sehen die Beteiligten „als wichtigstes Ergebnis“ der Potentialberatung an. Mit ihm als ers­tem Ansprechpartner in allen Fragen der Datenübermittlung erübrigt sich zum Beispiel für die Mitarbeitenden in der ambulanten Pflege eine zeitraubende und teils nervenaufreibende Fehlersuche, die Zeitpläne durcheinander bringen konnte. Sofern es etwa ein Problem beim Speichern einer Pflegedokumentation gibt, „lässt es sich nun mit gutem Gefühl an die richtige Stelle delegieren und klären“, sagt Claudia Bessin. Früher mussten die Mitarbeitenden sich an eine Führungskraft oder die Service-Hotline des Server-Dienstleis­ters wenden.
 
Nicht zuletzt für die Beschäftigten in der Haustechnik stelle der Fachmann in IT-Fragen eine spürbare Entlastung dar, ergänzt Paul Fuchs-Frohnhofen. Mit der neu eingerichteten Stelle sende das Franziskusheim nach Auffassung von Claudia Bessin zudem die Botschaft ins Unternehmen, die Chancen der Digitalisierung prioritär zu behandeln. „Wir können zwar nicht alle Erwartungen kurzfristig erfüllen, zeigen aber, dass das Thema nicht nebenbei zu behandeln ist.“ Im Sinne der Potentialberatung, die Impulse für eine weitere Beschäftigung mit dem gewählten Schwerpunkt setzen will, bindet das Franziskusheim den IT-Fachmann in Planungsprozesse ein. Dafür ist eine neue Reihe von Workshops mit MA&T vorgesehen, die das Franziskusheim laut Claudia Bessin selbst finanziere. „Potentialberatungen sind bereits dann erfolgreich“, sagt Paul Fuchs-Frohnhofen, „wenn im Unternehmen das Bewusstsein entsteht, wichtige Themen langfristig verfolgen und dafür auch Geld in die Hand nehmen zu wollen.“ Geförderte Potentialberatungen zum selben Themenfeld sind grundsätzlich nach Ablauf von drei Jahren möglich. 
 
Die Weichen für eine digitale Zukunft sehen die Beteiligten gestellt, auch wenn es noch nicht der Pflegeroboter sein sollte, der perspektivisch über die Flure des Franziskusheims rollt. Diese Assistenzsysteme wirken auf Paul Fuchs-Frohnhofen gleichermaßen „inspirierend und desillusionierend“. Verfügbarkeit, Kosten und Konfiguration eines maschinellen Helfers seien aktuell zu große Hürden. Konkreter könne das Franziskusheim in den Workshops etwa überlegen, einen selbst fahrenden Pflegewagen anzuschaffen. Der könne bei Bedarf und auf Anforderung automatisiert Nachschub an Handtüchern, Windeln oder Spritzen auf die Zimmer bringen. Um eine echte Hilfe darzustellen, müsse ein Pflegewagen aber auch eigenständig Aufzug fahren können oder an das Bestellsystem für Pflegeartikel angeschlossen sein. Claudia Bessin sieht durch die erfolgte Potentialberatung ein wichtiges Etappenziel erreicht: „Unsere Mitarbeitenden wissen, dass sie die Möglichkeit haben, aktiv an Veränderungen mitarbeiten zu können.“ Mit den Digitalisierungsschritten mache das Franziskusheim zudem die Pflegearbeit attraktiver für junge Menschen, so Paul Fuchs-Frohn­hofen. „Pflege bleibt zwar primär interaktive Arbeit direkt mit Menschen. Ihre Zukunft ist aber nicht entkoppelt von gesellschaftlichen und technischen Entwicklungen. Das trägt zu einem modernen Image bei.“
 

Kontakte

Franziskusheim gGmbH, Geilenkirchen
Claudia Bessin, Projektmanagement
Tel.: 02451 62099919
bessin@franziskusheim-gk.de
MA&T Sell & Partner GmbH – Mensch, Arbeit und Technik, Würselen/Aachener Kreuz
Paul Fuchs-Frohnhofen, Geschäftsführer
Tel.: 02405 45520
fuchs@mat-gmbh.de

Autor

Volker Stephan
Tel.: 0173 3679157
post@volker-stephan.net

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