(Heft 3/2022)
Jenseits von Salon und Verkauf

Handwerkerinnen

Mehr Frauen in Handwerk und Technik? Ist das tatsächlich immer noch Thema? Denn das war es doch schon vor 30 Jahren. Damals gab es Projekte für „Mädchen in Männerberufen“ und Förderprogramme wie etwa „Frauen in gewerblich-technische Berufe“ und viele Initiativen mehr. Dennoch bleibt es ein Thema, wenn man auf die Fakten schaut. Wie sich diese darstellen, welche aktuellen Strategien es gibt, warum alles so schwer und langwierig ist und wo es perspektivisch langgehen sollte, darum geht es im Folgenden.
Gibt es zu wenig Frauen in Handwerk und Technik? Hierzu ein Beispiel: Im zukunftsträchtigen Sanitär- und Heizungsbau (bezogen etwa auf die Potenziale der Solarenergie) lag der Frauenanteil bei den Auszubildenden nach Information des Statistischen Bundesamtes im Jahr 2020 bei gerade mal 1,5 Prozent. Und Straßenbauerin wollen sogar nur 0,82 Prozent Mädchen lernen, so eine Pressemitteilung des Hauptverbandes der Deutschen Bauindustrie e. V. vom April diesen Jahres. Im gesamten Handwerk sind es lediglich rund ein Fünftel aller neuen Ausbildungsverträge, die 2019 mit Mädchen geschlossen wurden, berichtet der Zentralverband des deutschen Handwerks auf seiner ZDH-Website „Frauen des Handwerks“. Alles in allem also ernüchternde Zahlen. Positive Entwicklungen gibt es dagegen in ausgewählten Berufen, zu vermelden, so der ZDH. So ist der Anteil weiblicher Auszubildender innerhalb von 15 Jahren gestiegen: Bei den Konditorinnen um 61 Prozent, bei den Raumausstatterinnen um 48 oder bei den Orthopädieschuhmacherinnen um 28 Prozent. 

Frauen werden sichtbar
 

7.300 weibliche Auszubildende gab es 2018 in ausgewählten Handwerksberufen, die als sogenannte Mangelberufe bezeichnet werden: in der Bauelektrik, in der Kraftfahrzeugtechnik, im Metallbau oder auch im Fleischereihandwerk. Das sind 30 Prozent mehr Frauen als noch vor 10 Jahren gemäß den Berechnungen des Statistischen Bundesamtes. Dennoch sind aber nach wie vor die meisten weiblichen Azubis des Handwerks im Friseurberuf oder als Fachverkäuferin im Lebensmittelhandwerk zu finden. Grund genug, die Sicht von Expert*innen einzuholen, die tagtäglich mit diesem Phänomen befasst sind.
 
Ute Wehling von der Handwerkskammer Braunschweig-Lüneburg-Stade (HWK BLS) ist so eine Expertin, die ein Siegel „Handwerk ist hier auch Frauensache“ an Unternehmen vergibt. Zum Handlungsbedarf sagt sie: „Das Handwerk ist in weiten Bereichen unverändert männlich. Trotz aller gut gemeinten Projekte und Initiativen der vergangenen Jahrzehnte ist es uns nicht gelungen, diesen Trend zu ändern. Umso wichtiger ist es unserer Ansicht nach, Klischees hinsichtlich der Berufsorientierung aufzubrechen, und zwar nicht nur bei den jungen Menschen, die vor der Berufswahl stehen, sondern gerade auch bei den ausbildenden Betrieben. Die HWK BLS gehört zu jenen Kammern, die auch die bundesgeförderte „Initiative Klischeefrei“ durch eine Partnerschaft unterstützen. Christina Völkers, die in der norddeutschen Handwerkskammer (HWK BLS) eine Koordinierungsstelle zur Frauenförderung leitet, beobachtet inzwischen einen Wandel im Hinblick auf die Rolle der Frau im Handwerk. Es gehe zwar nur langsam mit den Zahlen nach oben, aber es ist ein Lichtblick, so Völkers. „Gerade in den letzten zwei Jahren ist zu beobachten, dass wir eine andere Generation am Start haben. Die jungen Frauen bringen ein starkes Selbstbewusstsein mit und ein Freiheitsgefühl, das heißt, dass sie sich nichts mehr sagen lassen, bezogen auf ihre Berufswahl. Also das betrifft nicht alle, aber es ist sichtbar. Und die jungen Frauen, aber auch die jungen Männer wählen zunehmend aus einer größeren Bandbreite von Berufen.“ 
 
Während es in den 1990-er Jahren Einzelkämpferinnen im Handwerk gab, die oft gegen jeglichen Widerstand von Eltern, Freund*innen, Kolleg*innen und Meistern im Betrieb ihren Berufswunsch durchgesetzt hatten, wirken nun gesellschaftliche Veränderungen, so Christina Völkers. Natürlich hätten da auch die jeweiligen Initiativen und Mädchenprojekte ihren Anteil, aber eben auch veränderte Rahmenbedingungen, wie zum Beispiel, dass Männer nun Elternzeit nehmen können. Entscheidend seien aber, wie viele Interviews mit jungen Frauen zeigen, dass sie selbstverständlicher einen angeblich untypischen Beruf wählen, sei es als Malerin, Tischlerin oder Dachdeckerin. Und dass heute auch die Söhne von Inhabern wagen, eine eigene Berufsentscheidung zu treffen und nicht automatisch in die Fußstapfen des Vaters treten, um den Handwerksbetrieb fortzusetzen. 

Es bewegt sich was
 

Zurück zu den Zahlen. Die Universität Göttingen hat sich im Auftrag des Landes Niedersachsen mit dem Thema „Frauen im Handwerk“ befasst und 2015 eine Studie mit Daten und Empfehlungen herausgegeben. Während sich aktuelle Statistiken nur auf einzelne Berufe beziehen, enthält diese Studie Analysen von langfristigen Trends, sowohl bezogen auf die Berufsorientierung und die Ausbildungsbeteiligung als auch auf die Beschäftigung von Fachkräften und Frauen im Handwerk. Und schließlich nahmen die Wissenschaftler*innen auch den Frauenanteil im Führungsbereich, also Meis­terinnen und Unternehmerinnen in den Blick. Beispielhaft einige Ergebnisse: Für den Zugang zu bestimmten Berufen konstatierten die Wissenschaftler*innen, dass nur wenige Mädchen (in den letzten Jahren) eine Ausbildung in gewerblich-technischen Berufen aufgenommen haben: 10 Prozent der ausbildungsinteressierten Schulabgängerinnen – im Vergleich zu 60 Prozent der ausbildungsinteressierten Schulabgänger, also den jungen Männern. Und diejenigen, die sich tatsächlich auch bewerben, hätten signifikant niedrigere Chancen den Ausbildungswunsch zu realisieren als männliche Schulabgänger mit vergleichbaren Qualifikationen und ähnlichen soziodemografischen Merkmalen. 
 
Unter den weiblichen Auszubildenden beschrieben die Autor*innen zwei gegensätzliche Entwicklungen: Zum einen den Rückgang der neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge in den traditionell am stärksten von Frauen gewählten Berufen, nämlich bei den Friseurinnen und den Fachverkäuferinnen im Lebensmittelhandwerk. Zwischen 2005 und 2013 gab es hier rückläufige Zahlen zwischen 31 und 38 Prozent. Und zum anderen gab es in männerdominierten Ausbildungsberufen einen deutlichen Anstieg des Frauenanteils (über 19 Prozent), insbesondere bei Berufen der Kraftfahrzeugmechatronik, der Tischlerei, der Elektronik und bei Maler- und Lackierer*innen. Insgesamt sei jedoch ein Rückgang der Zahl weiblicher Auszubildender in neu abgeschlossenen Handwerksberufen zu beobachten, der aktuell bei 20 Prozent liegt.
 
Der Beschäftigtenanteil von Frauen in Handwerksbetrieben beträgt übrigens knapp mehr als 30 Prozent und ließe sich noch steigern, wenn in den Betrieben mehr Teilzeitarbeitsverhältnisse ermöglicht würden. Förderlich wäre auch eine Willkommenskultur in den Unternehmen, die weibliche Fachkräfte, also Handwerksgesellinnen und Meisterinnen dazu motiviert, im Betrieb zu bleiben oder als Neue hinzuzukommen, so die abschließenden Empfehlungen der Göttinger Studie. 

Initiative Klischeefrei
 

Diese Empfehlungen und viele weitere Ansätze spielen eine Rolle bei der „Initiative Klischeefrei“, die 2016 startete, um im gesamten Bundesgebiet eine Berufs- und Studienwahl frei von Geschlechterklischees zu etablieren. Es gibt eine bundesweit tätige Fachstelle beim Kompetenzzentrum Technik-Diversity-Chancengleichheit e. V. Auf der Internetseite finden sich zahlreiche Informationen, wie etwa Themendossiers, gute Praxisbeispiele und Empfehlungen für Unternehmen, Multiplikator*innen und für Jungen und Mädchen. Den Kern der Initiative bildet ein 20-köpfiges Forum. Darin vertreten sind mehrere Bundesministerien, die Bundesagentur für Arbeit, einige Landesministerien – NRW ist über das Schulministerium vertreten –, Verbände aus Handwerk und Industrie, der Deutsche Gewerkschaftsbund, die Hochschule für Polizei oder auch die öffentliche Verwaltung NRW. 
 
Andere Organisationen können der „Initiative Klischeefrei“ beitreten, mit Beratung und Öffentlichkeitsarbeit unterstützt werden und durch Vernetzung ihre Kompetenz in Sachen Berufs- und Studienwahl frei von Geschlechterklischees erhöhen. 447 solcher Partnerorganisationen hatte die Initiative im August 2022, über 100 davon Unternehmen und Verbände. 

Fachkräftemangel 
 

Der Hauptverband der DeutschenBauindustrie nutzte den diesjährigen Girls` Day für einen Beitritt zur „Initiative Klischeefrei“ und verkündete dies in einer Pressemitteilung dieses Jahres. Ihn bewegt nicht nur, dass seine Betriebe einen Nachholbedarf an weiblichen Fachkräften haben und dass man auf „diese bestens ausgebildeten Mitarbeiterinnen“ nicht mehr verzichten könne und wolle. Es ist vor allem der hinlänglich bekannte Fachkräfteengpass, der auch den Verband umtreibt. Einer DIHK-Umfrage im Frühsommer 2022 zufolge benannten 71 Prozent der befragten Bauunternehmen diesen als ein Risiko für die wirtschaftliche Entwicklung ihres Unternehmens, und das trotz Corona-Krise und Krieg in der Ukraine. „Seit Jahren liegt die Zahl der neu für die Branche gewonnenen gewerblichen Auszubildenden im ersten Lehrjahr (2021: 13.560) deutlich unter der Zahl der pro Jahr in den Ruhestand verabschiedeten Bauarbeiter (2021: 14.000) … und das trotz wieder steigender Lehrlingszahlen“, so der Hauptverband der Deutschen Bauindustrie auf seiner Internetseite. Bei den Bauingenieur*innen beobachtet man seit 2015, dass die Zahl der offenen Stellen die Zahl der Arbeitslosen übersteigt. Und hier kommen wieder die Frauen ins Spiel. Echte Verbesserungen konnte man da in den letzten zwei Jahrzehnten sehen. Die Frauenquote bei den Studierenden stieg von 20 auf 30 Prozent und auch unter den Beschäftigten in Bauunternehmen gibt es mittlerweile 28 Prozent weibliche Bauingenieure. Die guten Beschäftigungschancen seit Beginn des Bauaufschwungs 2006 haben wohl auch zur Wirkung beigetragen. 
 
Während das Interesse von Frauen am Bauingenieursstudium stieg, sah es dagegen bei den Maschinenbaustudentinnen mit nur 12 Prozent Anteil (2020/2021) ganz anders aus. Der geringe Anteil von Frauen im Maschinenbaustudium ist der Grund, warum die Hochschule Ruhr-West, am Standort Mülheim an der Ruhr, den ersten Frauenstudiengang Maschinenbau in Deutschland 2018 eingerichtet hat. Der viersemestrige Einstieg verläuft parallel zum koedukativen Grundstudium Maschinenbau und enthält die gleichen fachlichen Anforderungen und Themen. Methodisch wird im Frauenstudium aber mehr angeboten: Frauen können in kleinen Gruppen lernen; Projekte und Exkursionen stehen für verstärkte Praxis­erfahrungen. Ein (freiwilliges) Begleitprogramm enthält Mentoringangebote durch ältere Studentinnen, Get-Together-Treffen zur Vernetzung, Vorträge von Fachleuten aus der Praxis und Workshops zu Projektmanagement oder auch Präsentationstechniken. Ab dem fünften Semester studieren alle zusammen. Die ersten Teilnehmerinnen dieses neuen Maschinenbaustudiums absolvieren gerade ihre Bachelorprüfung. Der in den USA entwickelte Ansatz monoedukativer Teilstudiengänge ist dabei nur ein möglicher Ansatz, um den Frauenanteil in zukunftsorientierten technischen Fächern zu erhöhen.

Strategien für die Zukunft
 

Die Strategie der Hochschule-Ruhr-West in Mülheim ist eine von vielen, die aktuell parallel umgesetzt werden. Die Ansätze, die über die „Initiative Klischeefrei“ verfolgt werden, sollen die Interessen und Neigungen entlang der gesamten Bildungskette, bei Mädchen und Jungen, je nach ihren individuellen Voraussetzungen, fördern. Das zeigt mehr und mehr Wirkung – so die Beobachtung von Expertinnen wie Christina Völkers, die direkten Kontakt mit jungen Handwerkerinnen hat. Das heißt jedoch nicht, dass diese selbstbewusste neue Generation nicht doch noch Unterstützung, sei es über Mentoring, Coaching oder Begleitung, gebrauchen könnte. 
 
Darüber hinaus gilt es, verstärkt zielgruppenspezifische Ansprache für Handwerk, Technik – auch für die Digitalbranche – einzusetzen, um mehr Teilhabe, mehr Chancengleichheit, aber auch eine größere „Nutzung“ der Talente zu erreichen, zum Beispiel auch Frauen (Männer) mit eigenen Kindern als Auszubildende zu gewinnen und die Teilzeitausbildung zu nutzen, wie etwa weibliche Auszubildende mit Migrationshintergrund gezielt anzusprechen. Tatsache ist, wer tatsächlich mehr Frauen in Handwerksbetrieben, in der Bauindustrie oder im IT-Bereich als Fachkräfte gewinnen möchte, muss an vielen Stellschrauben drehen. 
 
So könnten auch gezielt Ausbilderinnen in Handwerks- und Technikberufen eingesetzt werden. Ihre Motivation, Ausbilderin zu werden und ihre Erfahrungen als Vorbilder sowohl für weibliche wie männliche Azubis sind in Themendossiers der „Initiative Klischeefrei“ in mehreren Beispielen nachzulesen. Fachkräfte als Ausbilderinnen zu qualifizieren und zu vernetzen und so verstärkt auch Mädchen für bestimmte Berufe zu erreichen, könnte stärker erprobt werden. Es wäre auch für Betriebe eine Unterstützung, mit gemischten Teams zukünftig mehr zu erreichen. 
 

Kontakte

Handwerkskammer Braunschweig-Lüneburg-Stade
Koordinierungsstelle zur Frauenförderung
Rudolf-Diesel-Str. 9, 21684 Stade
Christina Völkers
Tel.: 04141 606228
voelkers@hwk-bls.de
www.hwk-bls.de
Handwerkskammer Braunschweig-Lüneburg-Stade
Burgplatz 2 + 2a, 38100 Braunschweig
Ute Wehling
Tel.: 0531 1201211
wehling@hwk-bls.de

Links

Deutsches Handwerksinstitut, K. Haverkamp, K. Müller, P. Runst, A. Gelzer: Frauen im Handwerk, Volkswirtschaftliches Institut für Mittelstand und Handwerk an der Universität Göttingen, 2015
Zentralverband des Deutschen Handwerks: ZDH-Website: Frauen des Handwerks: https://www.zdh.de/ueber-uns/fachbereich-soziale-sicherung/frauen-im-handwerk/
Handwerkskammer Braunschweig – Lüneburg – Stade: Frauen im Handwerk, 2021: https://www.hwk-bls.de/artikel/frauen-koennen-handwerk-22,0,643.html

Autorin

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