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(Heft 2/2022)
Transformation der Wirtschaft zu einer Green Economy

Umwelt, Wirtschaft und Arbeit zusammendenken

Mit ihrer Umweltwirtschaftsstrategie will die Landesregierung die Unternehmen und Regionen in Nordrhein-Westfalen dabei unterstützen, die Erschließung nationaler und internationaler Märkte der Umweltwirtschaft erfolgreich fortzusetzen und die Potenziale des Umweltschutzes für Wirtschaft und Beschäftigung nutzbar zu machen. Damit dient die Strategie auch einer umfassenden Transformation der Wirtschaft zu einer Green Economy. Zentrale Bestandteile der Transformation wie der Strategie sind die Themen Digitalisierung und Fachkräftesicherung.
Umwelt- und Klimaschutz stehen hoch im Kurs. Das gilt vermutlich für fast alle gesellschaftlichen Kreise, erst recht für die globale „Fridays for Future“-Bewegung, die sich schon lange für umfassende, schnelle und effiziente Klimaschutzmaßnahmen engagiert. Sicher aus guten Gründen, doch „gute Umweltschutzpolitik im Sinne einer nachhaltigen Entwicklung funktioniert nur in Kombination mit einer guten Umweltwirtschaftspolitik“, weiß Dr. Peter Markus, Referatsleiter für Umweltwirtschaft und Strukturpolitik im Ministerium für Umwelt, Landwirtschaft, Natur- und Verbraucherschutz des Landes Nordrhein-Westfalen.
 
Sein Zuständigkeitsbereich, die Umweltwirtschaft, ist nach seinen Angaben „eine national und weltweit stark wachsende Querschnittsbranche mit Schnittflächen zu zahlreichen Wirtschaftsbereichen, die wirtschaftliches Wachstum mit dem Angebot umweltfreundlicher und ressourceneffizienter Produkte und Dienstleistungen verbindet, mit denen eine Green Economy umgesetzt werden kann.“ Das betrifft unter anderem Ressourceneffizienz sowie Ressourcenschutz, Abwasser- und Abfallbehandlung genauso wie umweltfreundliche Mobilität und grüne Agrartechnologien sowie erneuerbare Energien und die Entwicklung eines darauf aufbauenden Energiewirtschaftssystems.
 
„Umweltwirtschaft“, so der Referatsleiter, „umfasst also nicht nur den in der Regel eher reaktiven Umweltschutz, sondern vor allem die notwendigen sozio-ökologischen Transformationsprozesse.“ Hilfreich ist dabei die Innovationskraft der Branche in Nordrhein-Westfalen: So stammen rund zwei Prozent aller weltweiten Patente der Umweltwirtschaft aus NRW und mit rund 19 Prozent aller bundesweit angemeldeten entsprechenden Patente zählt das Land zu den wichtigen Innovationsstandorten in Europa. Fast eine halbe Million Menschen arbeiten in dieser Schlüsselbranche, das sind rund fünf Prozent aller Beschäftigten in Nordrhein-Westfalen.
 
Mit ihrer ressortübergreifenden Umweltwirtschaftsstrategie unterstützt die Landesregierung Unternehmen und Regionen in Nordrhein-Westfalen bei der weiteren Erschließung nationaler und internationaler Märkte der Umweltwirtschaft sowie dabei, die Potenziale des Umweltschutzes für Wirtschaft und Beschäftigung zu nutzen. So soll sich die Branche zu einem „Impulsgeber auch der globalen Green Economy“ entwickeln und Nordrhein-Westfalen „maßgeblich“ zur Erreichung der Pariser Klimaziele, der Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen (Sustainable Development Goals), des europäischen Green Deals und zur Transformation von Wirtschaft und Gesellschaft beitragen. Dr. Peter Markus wünscht sich, dass sich der Green-Economy-Ansatz noch stärker als bisher in den Unternehmen und der Gesellschaft NRWs, aber auch in den verschiedenen Ressorts etabliert. 
 
Ein Kernelement der Umweltwirtschaftsstrategie ist der Umweltwirtschaftsbericht der Landesregierung. Mit ihm hat Nordrhein-Westfalen als erstes Bundesland ein Berichts- und Monitoring-System zur Darstellung der ökonomischen und ökologischen Bedeutung der Umweltwirtschaft etabliert. Für die Identifizierung und verbesserte Nutzung nationaler und internationaler Marktchancen in diesem Segment sowie für den Austausch zwischen Unternehmen, Forschung, Verbänden, Hochschulen, Regionalagenturen und der Wirtschaftsförderung auf regionaler und kommunaler Ebene sorgt das Kompetenznetzwerk Umweltwirtschaft.NRW, ein landesweites Netzwerk für den Wissens- und Technologietransfer im Bereich von Umweltinnovationen.
 
Fünf strategische Handlungsfelder hat das Land dabei ausgemacht, darunter die Förderung der Aus- und Weiterbildung von Fachkräften als Schlüssel für die Innovations- und Leistungsfähigkeit der Betriebe und zur nachhaltigen Wettbewerbssteigerung der nordrhein-westfälischen Umweltwirtschaft – im regionalen sowie internationalen Kontext. Die weiteren Handlungsfelder beziehen sich auf Förderung von Innovationen, Marktentwicklung und Internationalisierung, Vernetzung, Kommunikation und Standortentwicklung sowie Rahmensetzung und Normung.

Green Skills gewinnen an Gewicht
 

Im Kontext des Statusberichtes zur Weiterentwicklung der Umweltwirtschaft gibt es für die Landesregierung zwei zentrale Querschnittsthemen: „Fachkräfte“ und „Digitalisierung“, denn klar ist: ökologische und digitale Transformation greifen ineinander, wie sich am Umbau der Stromnetze beispielhaft zeigen lässt: Immer weniger Strom kommt aus zentralen Kraftwerken, sondern wird zunehmend aus dezentralen erneuerbaren Quellen wie Photovoltaik, Windkraft und Kraft-Wärme-Kopplung eingespeist. Das Home wird zum Smart-Home, die Haushalte liefern Energie, Smart Meter erfassen Einspeisungen wie Verbräuche. 
 
Das hat Auswirkungen auf die Arbeitstätigkeiten und Qualifikationsanforderungen von Fachkräften. Sie ändern sich infolge der Energie- und Ressourcenwende, aber auch aufgrund der parallel stattfindenden Digitalisierung, so etwa in den gebäudetechnischen und bauhandwerklichen Berufen der Bereiche Elektro, Gas, Wasser, Sanitär. „Beim Smart-Home zum Beispiel“, illustriert Dr. Sabine 
Stuart-Hill vom Umweltminis­terium NRW den Sachverhalt „braucht es nicht nur den Installateur bzw. die Installateurin, der bzw. die die Heizung anschließt, sondern auch eine Fachkraft, die die verschiedenen Systemelemente des Hauses miteinander verbindet. Das kann ein*e Systemtechniker*in sein, aber auch ein*e Installateur*in plus Zusatzausbildung.“ 
 
Klar jedenfalls ist für sie: Green Skills gewinnen an Gewicht, also Fähigkeiten und Kenntnisse, die notwendig sind, um Produkte, Dienstleistungen oder Produktions- und Verwaltungsabläufe auf die Herausforderungen des Klimawandels sowie die damit verbundenen Vorgaben und Vorschriften auszurichten. Jenseits des Klimawandels erkennen wir zunehmend, dass Risiken und Vulnerabilitäten der Globalisierung und des schnellen gesellschaftlichen Wandels größere Bedeutung erlangen. Es gilt diese zu erkennen, einzuordnen und für unsere Resilienzförderung mit einzubeziehen. Sabine Stuart-Hill: „Erforderlich ist zukünftig systematisches, themenanalytisches und lösungsorientiertes Denken im Gesamtsystem, ein integratives Denken, das neben dem Technischen auch das Ökologische und Soziale umfassen muss. Das gilt für fast alle Berufe sowohl im Dienstleistungssektor wie im Handwerk und in der Industrie.“ Gleiches gelte für alle Teilmärkte der Umweltwirtschaft wie zum Beispiel die umweltfreundliche Landwirtschaft oder die Wasserwirtschaft sowie vor allem für eine Kreislaufwirtschaft insgesamt, bei der bestehende Materialien und Produkte so lange wie möglich geteilt, geleast, wiederverwendet, repariert, aufgearbeitet und recycelt werden. 
 
Doch bislang sehen Unternehmen ihre Bedarfe an Fachkräften mit Green Skills nicht gedeckt: „Größere Betriebe haben Personalabteilungen und Strategien zur Fachkräftesicherung sowie die notwendigen Zusatzqualifizierungen“, so Stuart-Hill, „sie präferieren oft akademisch ausgebildete Personen, von denen sie meinen, dass sie sich neue Kompetenzen selbst aneignen. In kleineren Betrieben ist die Fachkräftegewinnung weitaus schwieriger.“
 
Das Umweltministerium will deshalb die Umweltwirtschaft als Arbeit- und Ausbildungsgeber „entlang aller Bildungswege“ bewerben, angefangen bei den Schulen. Unterrichtsgegenstand einer „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ (BNE) könnten die Umweltgüter Wasser, Luft und Boden ebenso sein wie die Themen Elektromobilität, erneuerbare Energien, die Circular Economy oder die Entwicklung grüner Infrastrukturen. Beispielhaft für ein solches Vorgehen stehen Initiativen wie „BNE trifft MINT“, „Green Day“ oder die zdi-Netzwerke MINT.Regio. Wünschenswert wären solche Initiativen laut Dr. Peter Markus in allen 53 Kreisen und kreisfreien Städten des Landes. 
 
Doch mehr noch als bisher müssten Themen der Green Economy Eingang finden in Unterrichtspläne und -methoden, Lehrbücher, digitale Medien sowie die Fort- und Weiterbildung von Lehrkräften. In den MINT-Fächern, so der Umweltwirtschaftsexperte, könne an ökologischen Fragen gearbeitet werden, und in Fächern wie Politik, Geografie und Wirtschaft ließen sich verstärkt Transformationsprozesse aufgreifen, Innovationsfähigkeit üben und die Anwendung digitaler Technik erproben.
 
„Die Jugendlichen von heute“, heißt es dazu im Umweltwirtschaftsbericht, „werden die eigentlichen Protagonisten der Energie- und Ressourcenwende in der Umsetzung der nächsten Jahrzehnte sein. Die Generation ,Fridays for Future‘ verkörpert eine ganzheitliche Betrachtungsweise und leitet daraus verantwortliches Handeln ab.“ Um möglichst viele Menschen dieser Generation als Fachkräfte der Zukunft zu gewinnen, sollten Unternehmen der Umweltwirtschaft ihnen frühzeitig Plätze für Berufsfelderkundungen und Praktika zur Verfügung stellen.

Förderinstrumente neu justiert
 

Schon heute, aber mehr noch in Zukunft verändern sich Ausbildungsberufe in Folge von Digitalisierung und ökologischer Transformation. So bereits geschehen für die Ausbildungsberufe Mechanikerin und Mechaniker für Holzbearbeitung oder Mechatronikerin und Mechatroniker für Land- und Baumaschinen sowie bei den umwelttechnischen Berufen in der Kreislauf- und Abfallwirtschaft oder Fachkraft für Wasserwirtschaft.
 
Als besonders vielversprechend sieht der Umweltwirtschaftsbericht des Landes „hybride Formen der Kompetenzentwicklung, bei denen Kooperationen zwischen Lernorten, Unternehmen, Berufsbildungseinrichtungen, Entwicklung und Forschung neu und innovativ angelegt werden. Die Auszubildenden lernen dabei auch in den Laboren und Labs der Hochschulen, die Studierenden werden ebenso in Forschung-und-Entwicklung-Vorhaben von Unternehmen einbezogen; Fach- und Führungskräfte, Ausbilderinnen und Ausbilder, Trainerinnen und Trainer, Lehrkräfte und FuE-Spezialistinnen und -Spezialisten tauschen sich aus.“ 
 
Hervorzuheben ist auch das spezifische Unterstützungsprogramm für grüne Gründungen „KUER.NRW | Grüne Gründungen in Nordrhein-Westfalen“ (KUER steht für Klima, Umwelt, Energieeffizienz, Ressourcenschonung). Damit habe das Land Pionierarbeit geleis­tet und als erstes Bundesland gezielt junge, wachstumsstarke Unternehmen der Umweltwirtschaft gefördert. Hier begleiten speziell akkreditierte KUER-Coachs Mentor*innen, Spezialist*innen, Branchenexpert*innen und Angel-Investoren die Gründungsinteressierten über alle Phasen des Gründungsprozesses hinweg – von der Ideenfindung über die Erstellung des Businessplans bis zur Unternehmensgründung und Markteinführung.
 
Doch die ökologische Transformation, ist sich Dr. Peter Markus sicher, schafft nicht nur Arbeitsplätze für High-Potentials, sondern auch für Menschen mit schwierigeren Startbedingungen und anfangs geringer Qualifikation, zumal „der Green Job der Zukunft nicht unbedingt ein digitaler Job sein muss.“ Er und Sabine Stuart-Hill betrachten auch diese Entwicklung ganzheitlich: „Manchmal ist auch eine analoge Lösung besser und außerdem dürfen wir nicht vergessen: Die Digitalisierung selbst frisst einiges an Energie.“
 
Energie ganz anderer Art aufbringen müssen Beschäftigte nach ihrer Ausbildung für ihre Weiterbildung, wobei nicht wenig davon über das Training-on-the-Job erfolgt. Nicht nur hier gelte es, die EU-Förderfonds EFRE, ESF, JTF und REACT-EU mit ihrem neuen „Nachhaltigkeitsfokus Wirtschaft und Arbeit“ zu nutzen. 
 

Kontakte

Dr. Peter Markus
Referatsleiter Querschnittsaufgaben,
Umweltwirtschaft, EFRE
Ministerium für Umwelt, Landwirtschaft, Natur- und Verbraucherschutz des Landes Nordrhein-Westfalen
Tel.: 0211 4566362
peter.markus@mulnv.nrw.de
https://www.umwelt.nrw.de/umwelt/umweltwirtschaft-in-nrw/umweltwirtschaftsstrategie
Dr. Sabine Stuart-Hill
Referentin für EU-Strukturpolitik
Referat VIII-1 – Querschnittsaufgaben,
Umweltwirtschaft, EFRE
Tel.: 0211 4566489
sabine.stuart-hill@mulnv.nrw.de
www.umwelt.nrw.de
www.umweltwirtschaft.nrw.de

Autor

Paul Pantel
Tel.: 02324 239466
paul.pantel@vodafonemail.de

Ansprechperson in der G.I.B.

Joachim Liesenfeld
Tel.: 02041 767215
j.liesenfeld@gib.nrw.de
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