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(Heft 2/2022)
Prosperkolleg gibt Unternehmen wichtige Impulse für nachhaltiges Wirtschaften

Transformation zur Circular Economy

Wirtschaften unter ökologischen Gesichtspunkten ist für viele Unternehmen Herausforderung und Chance zugleich. Das vom Ministerium für Wirtschaft, Innovation, Digitalisierung und Energie (MWIDE) des Landes Nordrhein-Westfalen bis Anfang 2023 geförderte Forschungsprojekt Prosperkolleg unterstützt kleine und mittelständische Unternehmen in der Emscher-Lippe-Region und NRW auf dem Weg zur zirkulären Wertschöpfung (Circular Economy). Dabei zeigt das Projekt auch, welche Anforderungen die Transformation an betriebliche Abläufe und die Qualifikation der Beschäftigten stellt. Es liefert damit wichtige Impulse für das im Juni 2022 startende ESF-Förderprogramm zur Transformationsberatung.
Nach Ansicht von Stefan Alscher steht dem Wirtschaftssystem nicht weniger als ein Paradigmenwechsel bevor. „Dass die Umwelt verliert, weil die Wirtschaft gewinnt, das müssen wir ändern“, sagt der Experte für zirkuläre Wertschöpfung bei der Effizienz-Agentur NRW (EFA NRW) im Projekt Prosperkolleg. Zahlen des in Amsterdam beheimateten gemeinnützigen Sozialunternehmens Circle Economy bestärken ihn. Demnach fielen 2020 über 91 Prozent aller weltweit verwendeten Materialien der Verschwendung anheim, nur ein karger Rest von 8,6 Prozent der 100 Milliarden Tonnen Rohstoffe findet den Weg zurück in den Kreislauf. Um diesen Anteil zu erhöhen, haben sich die Hochschule Ruhr West und die WiN Emscher-Lippe GmbH mit der Stadt Bottrop, der Effizienz-Agentur NRW und dem Verein Prosperkolleg e. V. zusammengeschlossen. Gemeinsam sollen mit Unternehmen insbesondere der Emscher-Lippe-Region, aber auch aus ganz NRW Produktentwicklungen und innovative Geschäftsmodelle für eine zirkuläre Wertschöpfung auf den Weg gebracht werden.
 
Das Prosperkolleg sieht sich hier als Wegbereiter. Da der Begriff „Kreislaufwirtschaft“ im Deutschen seit geraumer Zeit im Kontext des Kreislaufwirtschaftsgesetzes eher mit Abfall- und Recycling assoziiert wird, spricht das Prosperkolleg von zirkulärer Wertschöpfung oder Circular Economy. Es gehe natürlich auch um Recycling, sagt Friederike von Unruh, aber beispielsweise noch vielmehr um neue Geschäftsmodelle, Produktdesigns oder die Neugestaltung ganzer Lieferketten und Wertschöpfungsnetzwerke. Die wissenschaftliche Mitarbeiterin an der HRW ist aktuell Leiterin des Prosperkolleg-Projekts. „Hinter der zirkulären Wertschöpfung verbirgt sich ein nachhaltiges Wirtschaftssystem, das Ressourcen so lange wie möglich im Kreislauf halten will“, sagt sie. „Es ist der Gegenentwurf zum gängigen linearen Wirtschaften, das darauf ausgelegt ist, Rohstoffe zu beschaffen, zu einem Produkt zu verarbeiten und später als Abfall zu entsorgen.“

Circular Economy ist Herzstück des European Green Deals
 

Warum aber sind eine zirkuläre Wirtschaft und die damit verbundenen nachhaltigen Produktions- und Lieferketten so dringlich – und nicht bloß „nice to have“? Die Erklärung liefern Institutionen, Verbände und Organisationen, die sich dem Erhalt der natürlichen Lebensgrundlagen verschrieben haben. So weist das Umweltbundesamt (UBA) als staatliche Einrichtung darauf hin, dass insbesondere der Lebensstil entwickelter Industrienationen mit ihrem ausgeprägten Konsum und Rohstoffhunger die Leistungsfähigkeit des Planeten Erde übersteige. Im Jahr 2021 terminierte die Non-Profit-Denkfabrik Global Footprint Network den sogenannten „Erdüberlastungstag“ auf den 29. Juli. Den Rest des Jahres verbrauchte der Mensch mehr Ressourcen, als die Erde durch ihre Regenerationsfähigkeit eigentlich bereitstellen kann. Den Erd­überlastungstag mit seiner Berechnungsmethode über den „ökologischen Fußabdruck“ der Menschheit bezeichnet das UBA als „wichtige Orientierungsmarke“ für Politik, Verbraucherinnen und Verbraucher. Wäre allein der Ressourcenverbrauch Deutschlands weltweiter Standard, liege der Tag noch früher im Jahr: am 4. Mai 2022. Für den World Wildlife Fund (WWF) steht fest, dass für den Erhalt der Artenvielfalt eine Trendwende bis 2050 erforderlich sei, die durch ein integriertes Aktionsprogramm aus besserem Naturschutz, nachhaltiger Landnutzung und nachhaltigem Konsum erreicht werden könne. Und nicht zuletzt hat die Europäische Kommission im European Green Deal von 2019 klare Vorgaben gemacht: Die Klimaneutralität bis 2050 soll zur Hälfte durch zirkuläre Wertschöpfung erreicht werden.
 
Vor dieser Kulisse ist der Auftrag des Pros­perkollegs zu sehen. Von ihm sollen Impulse in die Region Emscher-Lippe und darüber hinaus ins gesamte Bundesland gehen. Wirtschaft, Wissenschaft, Kommunen und andere Stakeholder sollen sich dadurch gleichermaßen für das Thema öffnen und sensibilisiert werden. Das Denken im Sinne der zirkulären Wertschöpfung entkoppelt wirtschaftliches Wachstum idealerweise von der Entnahme von Primärrohstoffen und schafft gleichzeitig Möglichkeiten für Innovation und wirtschaftliche Entwicklung. Die ökologische Notwendigkeit umzusteuern ist dabei nur ein Aspekt. Für Unternehmen bieten sich darüber hinaus durch den Transformationsprozess auch große Chancen. Allein für Deutschland, so etwa die Prognosen der Boston Consulting Group, könnte die Entwicklung hin zu einer Circular Economy zufolge bis 2030 eine Wirtschaftskraft von 140 bis 200 Milliarden Euro entfesseln. Um mit solchen Entwicklungen Schritt halten zu können, ist die Arbeit des Prosperkollegs darauf ausgelegt, früher als oft üblich Erkenntnisse in die Unternehmenspraxis einzuspielen und gemeinsam mit Unternehmen und anderen Akteuren den Transformationsprozess zu gestalten, sagt Friederike von Unruh.

Zirkuläre Geschäftsmodelle: Wertschöpfungsstrategien entlang des gesamten Produktlebenszyklus
 

Die Vorboten des nachhaltigen Wirtschaftssystems haben längst Einfluss auf das unternehmerische Handeln. Das Marketing vieler Firmen zum Beispiel rückt eine ressourcenschonende Produktion oder die regenerative Energieversorgung von Standorten in den Vordergrund. „Das kann im Markt aktuell noch ein Alleinstellungsmerkmal sein“, sagt Stefan Al­scher. Der Druck werde aber auf alle Betriebe zunehmen, entweder durch gesetzliche Vorgaben oder weil Konsument*innen vermehrt nachhaltige Produkte einfordern. Unternehmen, die zur Abgabe eines Nachhaltigkeitsberichts verpflichtet sind, könnten mit dem zirkulären Ansatz ihr Rating verbessern und so attraktiv für Investoren bleiben. Gerade beim Thema Treibhausgasemissionen – CO2-Werte bezeichnet Stefan Alscher als „die Nachhaltigkeitswährung der Wirtschaft“ – werde der Blick über den eigenen Tellerrand hinaus wichtig. Wer die CO2-Bilanz aller eingesetzten Materialien, Komponenten und Produkte nachweisen müsse, werde im Sinne des zirkulären Ansatzes zunehmenden Wert darauf legen, Teil einer Liefer- und Produktionskette mit möglichst geringen Umweltlasten zu sein.
 
Allein dies weist auf die Komplexität des Transformationsprozesses hin. Er benötigt neben technologischen Lösungen in besonderer Weise auch Netzwerke von Rohstofflieferanten, Produzenten und Wiederverwertern, die ihre Arbeitsweise stärker aufeinander abstimmen. Beispiele für neue Geschäftsmodelle finden sich bereits jetzt im Bereich der Metallverarbeitung. Firmen, die hochwertigen Edelstahl benötigen, haben nicht allein mit steigenden Rohstoffpreisen zu kämpfen. Denn Verzögerungen bei der Lieferung von Primärrohstoffen können betriebliche Prozesse ebenfalls erheblich beeinträchtigen. Neue Beziehung zwischen Lieferanten und Kunden sind hier ein möglicher Ausweg: Das in Auftrag gegebene Produkt wird also nicht komplett, sondern lediglich für eine gewisse Anzahl an Betriebsstunden verkauft, nach einigen Jahren gewartet und schließlich zum Aufarbeiten in den Metall verarbeitenden Betrieb zurückgeführt.

Konzepte des Prosperkollegs und der Transformationsberatung des Landes stärken auch Kompetenz der Beschäftigten
 

In seinen fünf interdisziplinären Arbeitspaketen deckt das Prosperkolleg verschiedene Stufen der Transformation zur zirkulären Wertschöpfung ab. Dazu zählt, verantwortliche Personen in der Wirtschaft für die Idee der zirkulären Wertschöpfung über unterschiedliche Kanäle anzusprechen und zu sensibilisieren. Weiterhin führt das Prosperkolleg Unternehmen an die ersten Schritte zur Umsetzung heran. „In Wertschöpfungsnetzwerken ist es für mich als Unternehmen wichtig zu wissen, wie die Unternehmen vor und nach mir denken“, sagt Stefan Alscher. Anschaulich ist dies etwa bei Molkereiprodukten. Bei diesen müssten Hersteller, Abfüller und Recycler Einigkeit über nachhaltige Verpackungen herstellen. Tatsächlich fehlt aber oft das Bewusstsein für ein solches vernetztes Arbeiten. Abhilfe schaffen kann ein vom Prosperkolleg entwickelter vierstufiger Potenzialcheck inklusive des Tools „Circularity Matrix“ und Workshops, in denen Unternehmen ihre jeweiligen Handlungsmöglichkeiten herausarbeiten können. 
 
Ein weiterer Bestandteil des Prosperkollegs ist das Circular Digital Economy Lab (CDEL), ein digitales Forschungs-, Entwicklungs- und Demonstrationslabor am Standort Prosper III in Bottrop. Ziel des CDELs ist es, eine modulare, vernetzte und auf verschiedene Produkte anpassbare, digitalisierte Demontage- und Verwertungslinie für Altprodukte wie Elektroschrott zu entwickeln. Diese werden automatisch erkannt, möglichst optimal zerlegt und schließlich der Verwertung zugeführt. Hieraus lassen sich Erkenntnisse für ein verbessertes Produktdesign nutzen. Zudem können sich Forschende und Interessierte der zirkulären Wertschöpfung in einem virtuellen Forschungsnetzwerk vernetzen, um gemeinsam Potenziale der zirkulären Wertschöpfung zu analysieren sowie zirkuläre Strategien und Lösungsansätze zu entwickeln.
 
In einem anderen wichtigen Arbeitspaket nimmt das Prosperkolleg das Thema Qualifizierung in der sich durch Circular Economy verändernden Arbeitswelt in den Blick. Paul Szabó-Müller und Anna Groeneveld von der HRW identifizieren Qualifizierungsbedarfe und erarbeiten Qualifikationskonzepte. Sie empfehlen, Kompetenzen im zirkulären Wirtschaften über einen möglichst individuellen und flexiblen Lernprozess aufzubauen: „Falls es bisher noch nicht gemacht wird, benötigt ein Unternehmen gar eine neue Geschäftseinheit, die in den Betrieb zu integrieren ist, wenn es künftig Produkte für die Wartung und Reparatur zurücknimmt und wieder verkaufen will“, sagt Paul Szabó-Müller. Er sieht in jedem Fall Qualifizierungsbedarfe, etwa wenn jenseits der klassischen Logistik solch ein Rückführungssystem in den Betrieb dazukommt. Über eine Roadmap, die den Veränderungsprozess mit einem Konzept unterlegt, lasse sich der Prozess wirkungsvoll steuern. Die Verantwortlichen des Pros­perkollegs sind sich darüber einig, dass Beschäftigte in unterschiedlichen betrieblichen Bereichen neue Kompetenzen erlangen müssen und deshalb neue Qualifizierungskonzepte unabdingbar sind. Qualifizierung sollte deshalb Teil einer Circular Economy Roadmap sein, wie sie etwa auf dem Prosperkolleg-Potenzialcheck aufbauen und mit welcher sich der Veränderungsprozess wirkungsvoll steuern lässt. 
 
Mit dem neuen ESF-Förderinstrument Transformationsberatung will die Landesregierung Nordrhein-Westfalens Mitte des Jahres auf den wachsenden Qualifizierungsbedarf reagieren: Kleine und mittlere Unternehmen sollen diese in Anspruch nehmen können, um die Möglichkeiten der zirkulären Wertschöpfung für ihr Geschäftsfeld auszuloten.
 

Kontakte

Hochschule Ruhr West
Standort Prosper III
Prosperkolleg, Bottrop
www.prosperkolleg.de

Friederike von Unruh, Projektleitung
Tel.: 0208 88254899
friederike.vonUnruh@hs-ruhrwest.de
Paul Szabó-Müller, Erhebung von
Qualifizierungsbedarfen
Tel.: 0208 88254877
paul.szabo-mueller@hs-ruhrwest.de
Effizienz-Agentur NRW, Duisburg
Stefan Alscher, Ressourceneffizienz-
Beratung
Tel.: 0203 37879323
sal@efanrw.de

Ansprechperson in der G.I.B.

Ralf Burger
Tel.: 02041 767316
r.burger@gib.nrw.de 
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