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(Heft 2/2022)
Lokale Ökonomie und Armutsbekämpfung in der Südstadt von Viersen

Stärkung des sozialen Zusammenhalts im Quartier

In der Stadt Viersen sind die beiden Handlungsfelder „Nachhaltige Integration in Beschäftigung“ sowie „Stärkung der lokalen Ökonomie“ unmittelbar verknüpft, arbeiten die Fachbereiche „Soziales und Wohnen“ sowie „Wirtschaftsförderung“ im Rahmen des vom Europäischen Sozialfonds und dem Bundesministerium des Innern und für Heimat geförderten Programms „Bildung, Wirtschaft, Arbeit im Quartier“ (kurz BIWAQ) eng zusammen. Das Projekt dient der Aufwertung der lokalen Ökonomie, der Integration in Beschäftigung sowie der Stärkung des sozialen Zusammenhalts im Quartier.
Keine Frage, lokale Ökonomie und Integration in Beschäftigung stehen in direktem Zusammenhang. Doch so strategisch verknüpft wie in Viersen, einer 78.000 Einwohner*innen zählenden kreisangehörigen Stadt am linken Niederrhein im Regierungsbezirk Düsseldorf, sind die beiden Handlungsfelder längst nicht überall. Hier, speziell in der Südstadt, arbeiten die Fachbereiche „Soziales und Wohnen“ sowie „Wirtschaftsförderung“ eng zusammen. Grund hierfür ist die sozioökonomisch benachteiligte Lage vieler Bewohner*innen im Quartier. In der Südstadt leben knapp 10.000 Menschen. Sowohl die SGB II-Quote (16,7 %) wie auch die Arbeitslosenquote (14,4 %) liegen jeweils um rund 50 Prozent deutlich über jener der Stadt insgesamt. Gleiches gilt für den Anteil der Einwohner*innen mit Migrationshintergrund. 
 
Gründe genug also für eine klare Strategie im Handlungsfeld „Integration in Beschäftigung“. In der Viersener Südstadt wird sie erkennbar im „Kontaktladen Aufbruch“, einer Anlaufstelle für (langzeit-)arbeitsloser Quartiersbewohner*innen sowie für Geflüchtete und Neuzugewanderte aus der Europäischen Union. Martina Maaßen, Vorsitzende des Vereins „Brückenbau“, lis­tet das umfangreiche Unterstützungs­angebot des Kontaktladens auf: „Anam­nese und Profiling, Berufsfeldorientierung und Bewerbungshilfen, Angebote zu digitaler Bildung und Vermittlungsaktivitäten in Beschäftigung, aber auch Informationen zu Themen wie Entschuldung, Suchterkrankungen, Haushaltsführung und Energieeinsparung sowie Kulturtrainings zum Alltagsmanagement und handlungsorientierte Sprachförderung.“
 
Doch selbst wenn die Arbeit der Verantwortlichen im Kontaktladen erfolgreich war und die Chancen der Menschen am Arbeitsmarkt Fuß zu fassen tatsächlich verbessert wurden, – wie soll der letzte, der entscheidende Schritt, der Übergang in ein konkretes Beschäftigungsverhältnis gelingen, wenn vor Ort kaum adäquate Arbeitsplätze zur Verfügung stehen und die Geschäftsstraßen des Quartiers nicht unwesentlich von Leerständen betroffen sind? Die denkbare Antwort „dann eben woanders, in einer weiter entfernt liegenden Stadt“, greift nach Ansicht von Manfred Wittmann vom Fachbereich „Soziales und Wohnen“ der Stadt Viersen zu kurz: „Das ist mit Blick auf die Zielgruppen einfach unrealistisch. Wenn man sich die Beschäftigungsverhältnisse anschaut, wird deutlich, dass die Pendlerquoten parallel zum formalen Qualifikationsniveau steigen, dass also Menschen mit eher geringer beruflicher Qualifikation kaum pendeln.“
 
Die Ursachen dafür sind vielfältig: „Je geringer die formale Qualifikation, umso niedriger der Lohn und umso höher der Anteil der Fahrtkosten am Lohn. Irgendwann rentiert es sich für manche nicht mehr. Erst recht nicht bei einer Teilzeitstelle und die suchen vor allem viele Frauen, weil sie oftmals familiäre Care-Arbeit und Berufstätigkeit verbinden müssen. Ein Auto steht ihnen nur selten zur Verfügung und mit öffentlichen Verkehrsmitteln brauchen sie bis zur nächstgelegenen Nachbarstadt mehr als eine halbe Stunde – und dann sind sie immer noch nicht im Gewerbegebiet angekommen. Jobs dort kommen also für Personen, die Kinder oder pflegebedürftige Angehörige versorgen müssen, oft schon aus Zeitgründen nicht infrage.“
 
Hilfreich wären für diesen Personenkreis Arbeitsplätze direkt vor Ort. Darauf haben die Verantwortlichen in der Stadt reagiert und im Rahmen des ESF-Bundesprogramms „Bildung, Wirtschaft, Arbeit im Quartier“ (BIWAQ) im Handlungsfeld „Lokale Ökonomie“ ein umfassendes Konzept entwickelt, das die lokalen Unternehmen fördert, die Potenziale der Digitalisierung zu nutzen und für E-Commerce zu sensibilisieren. „Wir wollen die Südstadt zukünftig als Standort für urbane Manufakturen sowie als Gastronomiestandort etablieren und Start-ups bei der Ansiedlung im Quartier unterstützen“, erläutert Susanne Laurenz von der Wirtschaftsförderung der Stadt das Konzept: „Individuelle Beratungen zu digitalen Bedarfen, Schulungen in Online-Marketing, Ansiedlungs- und Leerstandsmanagement sowie gemeinsame Marketingaktionen gehören ebenso zu unserem Plan wie beispielsweise die Aktivierung von Immobilieneigentümer*innen.“
 
Damit das Zusammenspiel der beiden Handlungsfelder gelingt und eine so geförderte lokale Ökonomie auch tatsächlich zu einem Zuwachs an Arbeitsplätzen führt, finden monatliche Arbeits­treffen auf „Ebene der Praktikerinnen und Praktiker“ statt. An ihnen nehmen Mitarbeiter*innen der Teilprojektpartner, also der Hochschule Niederrhein und des Vereins Brückenbau, teil sowie städtische Mitarbeiter*innen aus der Projektleitung, darunter der Wirtschaftsförderung mit dem Citymanagement, sowie das Quartiersbüro und die stellvertretende Abteilungsleitung Soziales und Wohnen. Ergänzt wird die Kooperation durch monatliche Abstimmungsgespräche zum Themenfeld „Lokale Ökonomie“. Hier sind die Wirtschaftsförderung mit dem Citymanagement sowie die Hochschule Niederrhein und die Projektleitung vertreten – eine ausgeprägte Kooperationskultur zur Realisierung einer lokalen Ökonomie, die Arbeitsplätze schafft und Armut bekämpft.
 
Das Konzept zeigt Wirkung: Mehr als 20 Personen wurden bereits in Arbeit vermittelt, darunter eine 50-Jährige aus Rumänien zugewanderte Frau mit langer Berufserfahrung, die in ihrem Heimatland eine Ausbildung als Krankenschwester absolviert hatte: Sie hat einen sozialversicherungspflichtigen Job als Altenpflegehelferin gefunden.
 

Kontakte

Susanne Laurenz
Stadt Viersen, Wirtschaftsförderung
Koordinationsbereich Citymanagement
Tel.: 02162 101280
susanne.laurenz@viersen.de
www.viersen.de
Manfred Wittmann, M. A.
Stadt Viersen, Sozialplanung
Telefon: 02162 101387
manfred.wittmann@viersen.de
www.viersen.de

Autor

Paul Pantel
Tel.: 02324 239466
paul.pantel@vodafonemail.de

Ansprechperson in der G.I.B.

Susanne Marx
Tel.: 02041 767201
s.marx@gib.nrw.de
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