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(Heft 2/2022)
Projekt „Emscherland 2020“ in der Metropole Ruhr

Langzeitarbeitslose und Auszubildende im Einsatz für eine klimafreundliche Zukunft

Im Ruhrgebiet setzt die Emschergenossenschaft/Lippeverband (EGLV) zusammen mit den Kommunen Castrop-Rauxel, Recklinghausen, Herne und Herten sowie der Durchführungsgesellschaft der Internationalen Gartenausstellung 2027 (IGA Metropole Ruhr 2027) bis 2023 einen Natur- und Wassererlebnis-Park mit dem Namen „Emscherland“ um. Die Realisierung dieses „Zukunftsgartens“ mit vielen unterschiedlichen Arbeiten des Garten- und Landschaftsbaus bietet Langzeitarbeitslosen Qualifizierungsmöglichkeiten mit dem Ziel einer dualen Berufsausbildung im Garten- und Landschaftsbau, einer Branche, die ständig nach Fachkräften sucht.
Statt Ruhrgebiet könnte die rheinisch-westfälische Industrieregion aus guten Gründen auch Emschergebiet heißen, denn die nördliche Emscherzone hat das Revier kaum weniger geprägt als die Städte an der südlich gelegenen Ruhr. Zumindest „hat die Emscher die erfolgreiche Entwicklung des Ruhrgebiets zu einer bedeutenden europäischen Mon­tanregion überhaupt erst ermöglicht, da sie über Jahrzehnte als unverzichtbarer Kanal für die Abwässer aus dem Bergbau, der Industrie und den Städten bis hin zu den nördlichen Stadtteilen Dortmunds fungierte.“ Das sagt Dr. Martina Oldengott. Die Mitarbeiterin der Emschergenossenschaft, Deutschlands ältestem Wasserwirtschaftsverband, ist aktuell von ihrem Arbeitgeber für die Projektleitung der Internationalen Gartenausstellung (IGA) Metropole Ruhr 2027 freigestellt. Jetzt plant und realisiert sie gemeinsam mit einer Vielzahl von Akteuren die in wenigen Jahren anstehende Internationale Gartenausstellung (IGA 2027) im Ruhrgebiet.
Eine der vielen im Rahmen der IGA 2027 entwickelten Ideen ist das Projekt „Emscherland 2020“. Umgesetzt wird das an der Stadtgrenze zwischen Castrop-Rauxel und Recklinghausen verortete Vorhaben von der Emschergenossenschaft zusammen mit den beiden genannten Kommunen und den in die Emscherland-Konzeption ebenfalls eingebundenen Städten Herne und Herten sowie der Durchführungsgesellschaft der IGA 2027. Dass die Emschergenossenschaft dabei eine führende Funktion übernimmt, ergibt sich aus ihrem Leistungsspektrum, denn sie entwickelt nicht nur Lösungen für wasserwirtschaftliche Herausforderungen und Strategien zur Bewältigung des Klimawandels, sondern auch innovative Dienstleistungen in gesellschaftlicher Verantwortung für die gesamte Region, darunter Projekte in den Handlungsfeldern Stadt- und Freiraum­entwicklung, Ökologie und Bildung. Themen also, mit denen sich auch das Projekt „Emscherland“ befasst. 
 
Hier geht es um die Anlage eines Natur- und Wasser-Erlebnis-Parks, den Bau von Emscher-Promenade und Emscher-Terrassen sowie um einen als „Wasser-Erlebnis“ konzipierten „Gewässer-Lernort“ für Kinder und Jugendliche. Wichtig dabei: Alle genannten Einzelprojekte sind unmittelbar mit arbeitspolitischen Maßnahmen verknüpft, bieten Langzeitarbeitslosen die Chance auf einen Einstieg in den Arbeitsmarkt und jungen Menschen die Möglichkeit, eine duale Ausbildung in einem zukunftsträchtigen Wirtschaftszweig, dem Garten- und Landschaftsbau, zu beginnen.

Komplexes Finanzierungs- und Kooperationsgefüge
 

Die Vorgeschichte der Entscheidung, alle baulichen Projekte mit arbeitspolitischen Maßnahmen zu verknüpfen, ist denkbar originell: Aufgrund ihrer Kontakte zum Bundesverband der Friedrich-Bödecker-Kreise e. V., der sich unter anderem bei der Leseförderung von Kindern und Jugendlichen engagiert, hatte Martina Oldengott zusammen mit einer Gruppe von Jugendlichen einen Roman erstellt: „Schnell geriet der Hauptstrang der in einem Park an der Emscher spielenden Erzählung um einen kriminellen Immobilienhai zu einer Nebenspur. Im Mittelpunkt stand nun die Idee der Jugendlichen, einen Park nicht nur literarisch zu konzipieren, sondern auch tatsächlich zu bauen und zu einem ökologischen Produktionsstandort zu entwickeln, der ihnen selbst, also den an der Schreibwerkstatt beteiligten Autorinnen und Autoren, eine Ausbildung und Beschäftigung bietet.“
 
Martina Oldengott griff die Idee unverzüglich auf und baute die arbeitspolitische Komponente in das zunächst rein ökologisch ausgerichtete „Emscherland“-Projekt ein. Das sollte sich auszahlen, weil es sich beim Beantragen von Fördermitteln als Alleinstellungsmerkmal gegenüber Konkurrenten erwies. Als zusätzlich vorteilhaft stellte sich heraus, dass die Vestische Arbeit als kreisangehöriges Jobcenter schon früh Fördermittel für die Beschäftigung, Qualifizierung und Ausbildung in Aussicht gestellt hatte. Mit den Zusagen des Jobcenters, sagt Martina Oldengott im Rückblick, „hatten wir alle Partner zusammen, die wir für unsere konzeptionelle Philosophie brauchten.“ Beste Voraussetzungen also für den Aufbau eines komplexen Finanzierungsgefüges zur Realisierung des Projekts, für das Zuwendungen aus dem EFRE, hier grüne Infrastruktur und Mittel zur Erfüllung der europäischen Wasserrahmenrichtlinie, Fördermittel der Bundesagentur Arbeit sowie eine Förderung aus der nationalen Stadtentwicklungspolitik im Rahmen des Bundesprogramms „Nationale Projekte des Städtebaus“ für das Brückenbauwerk „Sprung über die Emscher“ eingeworben wurden. 

Das Schöne mit dem Nützlichen verbinden
 

Die Aufträge im Bereich Garten- und Landschaftsbau unter Einbezug von Langzeitarbeitslosen wurden in wesentlichen Teilen von der ARGE Netzwerk Weg & Raum Emscherland 2020 gewonnen. Im Netzwerk arbeiten seit 1994 gemeinnützige Beschäftigungs- und Qualifizierungsträger der Emscherregion zusammen, überwiegend um regionale, überörtliche Aufträge zu realisieren. 
Brigitte Pawlik von Netzwerk Weg & Raum erläutert: „Als Netzwerk gemeinnütziger Träger bearbeiten wir öffentliche Aufträge, deren Ziel ist, die Gestaltung der grünen Infrastruktur im Ruhrgebiet mit sozialen und arbeitsmarktpolitischen Zielen zu verbinden.“ So auch im „Emscherland“-Projekt, bei dem ebenfalls das ökologische Großvorhaben mit der Förderung von Arbeit, Aus- und Weiterbildung verbunden wird. Das hatte die Emschergenossenschaft als Antragstellerin in enger Zusammenarbeit mit den anderen Partner*innen entschieden. 
 
Aktuell, erläutert Carsten Taschner vom Jobcenter Kreis Recklinghausen, kommen langzeitarbeitslose Menschen im Rahmen von Arbeitsgelegenheit (AGH) zum Einsatz. Einige von ihnen werden im Anschluss über § 16 i SGB II „Teilhabe am Arbeitsmarkt“ bei den gemeinnützigen Trägern oder beteiligten Betrieben beschäftigt. Letztere sind Personen, die innerhalb der letzten sieben Jahre nicht oder nur kurzzeitig sozialversicherungspflichtig beschäftigt waren. Sie erhalten den gesetzlichen Mindestlohn beziehungsweise den Tariflohn des Trägers oder des Einsatzbetriebs. Im Rahmen ihrer Tätigkeit können sie den Führerschein erwerben oder über weitere Bausteine Teilqualifizierungen wie zum Beispiel den Motorsägen-Schein oder Flurförderschein erwerben, Zertifikate, die ihren nachhaltigen Einstieg in den Arbeitsmarkt fördern. Darüber hinaus werden auch über § 16 e SGB II geförderte Mitarbeiter*innen beschäftigt. Diese Förderung zielt auf die Stärkung der Beschäftigungsfähigkeit und die Aufnahme einer ungeförderten Beschäftigung am allgemeinen Arbeitsmarkt. 
 
Hinzu kommen junge Erwachsene, die im Rahmen des Projekts den fachpraktischen Teil der Ausbildung im Garten- und Landschaftsbau absolvieren. Die gemeinnützigen Träger Jugend in Arbeit, die Dorstener Arbeit und die GBH Herne haben in Zusammenarbeit mit dem Kreisgartenbaulehrbetrieb Recklinghausen eine Ausschreibung zur Umsetzung einer „Berufsausbildung in außerbetrieblichen Einrichtungen“ (BaE) – kooperativ, gewonnen. Brigitte Pawlik: „Der Kreisgartenbaulehrbetrieb stellt als Kooperationsbetrieb die fachpraktische Ausbildung sicher. Um die anstehenden Arbeiten auch in Abstimmung mit dem Ausbildungsrahmenplan des Garten- und Landschaftsbaus professionell zu organisieren, wurden für die Laufzeit des Ausbildungsprojektes zwei zusätzliche Ausbilder befristet beim Kreis Recklinghausen beschäftigt.“ Auf ihre Ausbildung vorbereitet wurden die jungen Erwachsenen in einer mehrmonatigen Vorschaltmaßnahme bei einem der beteiligten Träger. 
 
Bessere Voraussetzungen für Arbeit und Ausbildung im Garten- und Landschaftsbau als im „Emscherland“-Projekt lassen sich kaum denken: Im Zentrum steht hier der interkommunale „Natur- und Wasser-Erlebnis-Park“. Er entsteht da, wo Emscher, Suderwicher Bach und Rhein-Herne-Kanal aufeinander treffen. Die 30 Hektar große Fläche umfasst einen Wasserspielplatz, einen Staudengarten, ein Imkerhaus, eine Streuobstwiese und Bauerngärten sowie die mit einem Weingarten versehenen Emscher-Terrassen. Die Vielgestaltigkeit des Parks hat einen besonderen Sinn: Sie spiegelt alle in den verschiedenen Berufsbildern des Garten- und Landschaftsbau beschriebenen Tätigkeiten und Aufgaben. Hier können die Auszubildenden alles lernen, was sie in ihrem späteren Beruf können und wissen müssen: von der Pflanzenanzucht über das Anlegen eines Bachlaufs bis hin zur Errichtung von Trockenmauern. Der naturnahe Erholungsraum bietet nach Auskunft von Martina Oldengott eine Kombination aus Unterhaltung, Entspannung, Bildung und Naturerlebnis: „Für die Emscher und den Suderwicher Bach werden große Auen geschaffen und damit die eigendynamische ökologische Entwicklung beider Gewässer initiiert. Konkret heißt das: Die hundert Jahre in ein Korsett aus Deichen eingepferchte Emscher kann zukünftig frei von menschlichen Eingriffen selbst ihr Flussbett formen.“
 
Bereits im kommenden Jahr soll der Park fertiggestellt sein und ist damit der erste von insgesamt fünf geplanten „Zukunftsgärten“ für die Internationale Gartenausstellung Metropole Ruhr (IGA) 2027, die anderen entstehen in Gelsenkirchen, Duisburg, Dortmund sowie in Bergkamen/Lünen. Die Zukunftsgärten fungieren als Präsentationsflächen und Laborräume für Zukunftsthemen und Innovationen. Sie leisten einen Beitrag zur grünen Infrastruktur, zur Klima-Resilienz sowie zur Naherholung und zum Tourismus in der Region. Dabei knüpfen die Projektverantwortlichen an die Idee der landwirtschaftlichen Mustergüter aus dem 18. Jahrhundert an. Martina Oldengott: „Sie verbinden das Schöne mit dem Nützlichen, waren Labor für neue Pflanzenzüchtungen, boten Arbeitsplätze und dienten Lehrzwecken – genau wie jetzt unsere Zukunftsgärten.“

Karriere in der grünen Branche
 

Weitere Projektbausteine sind die sieben Hektar großen Emscher-Terrassen als Erholungsraum zwischen Emscher und Rhein-Herne-Kanal sowie die städteverbindende 18 km lange Emscher-Promenade, die später östlich bis Dortmund und westlich bis Essen ausgebaut werden soll: „Damit verbindet sie als IGA-Radweg die Zukunftsgärten Dortmund, Emscherland und Gelsenkirchen klimafreundlich auf kurzer und barrierearmer Strecke.“ Parallel dazu entsteht ein auch „Blaues Klassenzimmer“ genannter „Gewässer-Lernort“ mit „Wasser-Erlebnis“. An rund dreißig Stationen können Kinder und Jugendliche spielerisch den Lebensraum der Tiere und Pflanzen, aber auch etwa die Wasserkraft als nachhaltigen Energielieferanten kennenlernen. Eine Besonderheit des Projekts ist der Bau der Brücke „Sprung über die Emscher“. Die 412 Meter lange stählerne Zügelgurt-Brücke in doppelter S-Form überquert in zehn Meter Höhe eins der wenigen Wasserkreuze in Deutschland: die von Abwässern befreite Emscher und den Rhein-Herne-Kanal, einen der bedeutendsten binneneuropäischen Berufsschifffahrtskanäle. Im Untergrund verläuft, nun nicht mehr sichtbar und riechbar, der unterirdische Abwasserkanal der Emscher. Das heißt, vier Infrastrukturschichten überlagern sich am Wasserkreuz.
 
Doch die Projektverantwortlichen schauen schon weiter in die Zukunft. Ihnen gilt „Emscherland 2020“ als Modellprojekt für zukünftige Vorhaben. Martina Oldengott: „Wie viele Wirtschaftszweige unterliegt auch die grüne Branche neuen Herausforderungen. Neben Anpassungsstrategien an den Klimawandel spielen auch die Digitalisierung und eine gute technische Ausstattung im Garten- und Landschaftsbau sowie in der Pflanzenproduktion, Distribution, im Handel und in der Vermarktung eine immer größere Rolle. Virtual und Augmented Reality sind wesentliche Instrumente in der Werbung und Vermittlung. Der Fachkräftemangel wird zu einer existenziellen Herausforderung für die Zukunft und das beeinflusst unsere Planungen zur IGA Metropole Ruhr 2027.“ Auch in dem Zusammenhang wird deshalb darüber diskutiert, wie sich die Förderinstrumente der Jobcenter nutzen lassen, um durch eine verstärkte baustellenbezogene Zusammenarbeit von gemeinnützigen Beschäftigungs- und Qualifizierungsträgern mit Fachbetrieben die Chancen der Eingliederung auf dem Arbeitsmarkt für die Teilnehmer*innen zu erhöhen. 
 
Auf Landesebene tagt dazu regelmäßig ein „IGA Arbeitskreis“, dem das nord­rhein-westfälische Arbeitsministerium, die Regionaldirektion NRW der Bundesagentur für Arbeit, die IGA Durchführungsgesellschaft, der Verband Garten- und Landschaftsbau, die Jobcenter der Zukunftsstandorte, die G.I.B. und das Netzwerk Weg & Raum angehören. Gemeinsames Ziel ist, auch die Förderung von benachteiligten Zielgruppen im IGA 2027-Kontext zu unterstützen. In einer Untergruppe haben die IGA Gesellschaft, der Verband Garten-, Landschafts- und Sportplatzbau (VGL), die G.I.B. sowie das Netzwerk Weg & Raum einen Vergabe-Leitfaden entwickelt und veröffentlicht: „Auftragsvergabe unter Einbeziehung der Beschäftigung und Qualifizierung von Langzeitarbeitslosen und arbeitslosen jungen Erwachsenen im Rahmen der Projekte der IGA 2027“. Der Leitfaden und eine Musterausschreibung zeigen, wie im Rahmen von öffentlichen Projekten die Beschäftigung, Qualifizierung und Ausbildung von Arbeitslosen vergabekonform gestaltet werden sollten. 
 
Darüber hinaus ist unter Federführung von Martina Oldengott geplant, im Rahmen des „Emscherland“-Projekts die Ausbildung im Handlungsfeld Parkmanagement zu etablieren. Martina Oldengott: „Das könnte ein Vorbild sein für die gesamte IGA mit dem Ziel, die bauliche Umsetzung und die anschließende Pflege, Unterhaltung und Bewirtschaftung der geschaffenen Gärten und Parks mit Ausbildungs-, Qualifizierungs- und Beschäftigungsmaßnahmen zu verknüpfen.“ Die Idee macht Schule: Nach dem Kreis Recklinghausen mit dem „Emscherland“-Projekt machen sich zurzeit der Kreis Unna für den Zukunftsgarten Bergkamen und die Stadt Lünen mit denselben Zielen auf den Weg. 
 

Kontakte

Dr. Martina Oldengott
Projektleitung IGA Metropole Ruhr 2027
Tel.: 0201 56576904
m.oldengott@iga2027.ruhr
https://www.iga2027.ruhr/
Brigitte Pawlik
Netzwerk Weg & Raum, Duisburg
Tel.: 0203 41030521
brigitte.pawlik@weg-und-raum.de
Jobcenter Kreis Recklinghausen
Carsten Taschner
Fachdienstleiter 80  – Markt und Integration
Tel.: 02361 3067301
carsten.taschner@vestische-arbeit.de
www.jobcenter-kreis-recklinghausen.de

Autor

Paul Pantel
Tel.: 02324 239466
paul.pantel@vodafonemail.de

Ansprechpersonen in der G.I.B.

Ute Soldansky
Tel.: 02041 767256
u.soldansky@gib.nrw.de
Benedikt Willautzkat
Tel.: 02041 767204
b.willautzkat@gib.nrw.de
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