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(Heft 2/2022)
Praxisbeispiele aus Herne und dem Kreis Unna

Kooperative Beschäftigung: So läuft es in den Projekten

Im Oktober 2021 stellte die NRW-Landesregierung ihre „Initiative Wiedereinstieg“ vor, mit der neue Perspektiven für langzeitarbeitslose Menschen geschaffen wurden. Über Förderaufrufe unterstützt die Landesregierung zu diesem Zweck verschiedene arbeitsmarktpolitische Instrumente, darunter die Kooperative Beschäftigung (KoBe). Sie richtet sich an einen besonders arbeitsmarktfernen Personenkreis und soll die Umsetzung des Teilhabechancengesetzes in Nordrhein-Westfalen flankieren. 18 KoBe-Einzelprojekte wurden bewilligt und sind im Frühjahr 2022 in die praktische Umsetzung eingestiegen, darunter auch ein Projekt in Herne und eines im Kreis Unna, die wir uns genauer angeschaut haben.
Zwar hat Nordrhein-Westfalen seine Erfahrungen aus der Umsetzung der Öffentlich geförderten Beschäftigung NRW bei der Entwicklung des zum 1. Januar 2019 eingeführten Teilhabechancengesetzes eingebracht. So kann sich das Land auf die Fahnen schreiben, dass nun erstmalig Coaching eine Regelleistung im SGB II geworden ist. Dennoch sieht die Landesregierung für besonders arbeitsmarktferne Langzeitarbeitslose Lücken im Teilhabechancengesetz, die durch den Förderimpuls des Landes geschlossen werden sollen. 
 
Der Ansatz der Kooperativen Beschäftigung sieht Kooperationen von Beschäftigungs- und Qualifizierungsunternehmen mit Unternehmen der Privatwirtschaft vor, die dazu dienen sollen, die Förderung der Zielgruppe nachhaltiger zu gestalten und Übergänge in ungeförderte Beschäftigungsverhältnisse zu unterstützen. Zunächst nehmen die Teilnehmenden eine nach Paragraf 16 i SGB II geförderte Tätigkeit bei einem Träger auf. Nach einer Stabilisierungsphase sollen die Geförderten dort unter intensiver Nutzung der Möglichkeiten von Praktika, Hospitationen und/oder Zeitarbeit auf eine nachhaltige Beschäftigung bei einem Unternehmen aus dem Netzwerk des Trägers vorbereitet werden. Ziel ist dann der anschließende Übergang auf den allgemeinen Arbeitsmarkt. Zum KoBe-Konzept gehört außerdem, den Teilnehmenden im Förderzeitraum Weiterbildungen zu ermöglichen. Für solche Weiterbildungen, wie zum Beispiel einen Führerschein, steht ein Budget von 3.000 Euro aus dem Teilhabechancengesetz zur Verfügung. 
 
Zwei neue Förderbausteine gibt es im Rahmen der Kooperativen Beschäftigung: die Netzwerkkoordination und das Betriebscoaching. Erstere hat die Aufgabe, Kooperationen zwischen Unternehmen, Trägern und Jobcentern aufzubauen und zu entwickeln. Das Betriebscoaching unterstützt die teilnehmenden Personen bei ihrer Anpassung an die Erfordernisse der Arbeitswelt. Es stellt eine fachliche Anleitung bei der täglichen Arbeit im Betrieb sicher und ermöglicht ein „Training on the Job“, also eine Qualifizierung der Beschäftigten direkt am Arbeitsplatz. Das Betriebscoaching ist im Gegensatz zur ganzheitlich beschäftigungsbegleitenden Betreuung nach Paragraf 16 i SGB II, die parallel genutzt werden soll, also eine arbeitsplatzbezogene Unterstützung, während sich die Betreuung im Rahmen des Teilhabechancengesetzes auf das persönliche Umfeld des Geförderten fokussiert. 
 
18 KoBe-Projekte an 13 Standorten in Nord­rhein-Westfalen mit insgesamt 222 Plätzen für Teilnehmende haben ein positives Votum der Landesregierung erhalten und sind Anfang des Jahres in die praktische Umsetzung gestartet. Jeweils eines dieser Projekte setzten die Gemeinnützige Beschäftigungsgesellschaft Herne mbH (GBH) und die Werkstatt im Kreis Unna (WiKU) um. Beide sind mit über 30-jähriger Tätigkeit im arbeitspolitischen Feld geradezu prädestiniert dafür. 

Betriebscoach unterstützt von Anfang an
 

Die Vorbereitungsphase des Herner KoBe-Projekts startete im Oktober 2021. Die GBH hatte bereits im Rahmen ihrer Interessenbekundung fünf kooperationswillige Betriebe benannt: eine Tischlerei, einen Malerbetrieb, ein Bauunternehmen, ein Service- und ein Security-Unternehmen. Diese Unternehmen hatten unter anderem in Aussicht gestellt, Plätze für Hospitationen/betriebliche Erprobungen bereitzustellen, und deutlich gemacht, dass Bedarf an zuverlässigen Arbeitskräften besteht und dass sie die Teilnehmenden bei entsprechender Eignung bei Einstellungen berücksichtigen werden. Das Jobcenter wies der GBH daraufhin potenziell geeignete Langzeitarbeitslose zu. „Diese Menschen haben wir zum Vorstellungsgespräch eingeladen und bei denen, die für die Tätigkeiten infrage kamen, ist dann sofort der Betriebscoach unterstützend tätig geworden, sodass in diesem Fall sieben Männer am 1. Januar 2022 bei uns anfangen konnten“, berichtet Ingo Kreutz, der als Netzwerkkoordinator einer der Projektverantwortlichen bei der GBH ist. Es handele sich bei dem Personenkreis um Menschen mit vielen Vermittlungshemmnissen, aber mit dem Wunsch, Arbeit aufzunehmen. 
 
Fünf Teilnehmer starteten im Garten- und Landschaftsbaubereich (GaLa-Bereich) der GBH, einer im Hochbaubereich und einer im Bereich „Quartierhausmeister“. Sie befinden sich derzeit alle im Training-on-the-Job. Dabei erlernen die Teilnehmer die fachgerechte Durchführung einfacher, spezifischer Tätigkeiten aus dem jeweiligen Arbeitsbereich. Von Anfang an werden sie vom Betriebscoach betreut. Alle zwei Wochen findet bei der GBH außerdem eine Gruppenveranstaltung mit den Teilnehmern statt, auf der sie selbst über ihre Erfahrungen bei der Arbeit, auch über Schwierigkeiten oder Qualifizierungsbedarfe berichten und sich gegenseitig beraten können. Solche gruppendynamischen Prozesse sieht der Förderansatz ausdrücklich vor. Während des Trainings-on-the-Job wird parallel festgestellt, ob es gesundheitliche Einschränkungen bei den Teilnehmern gibt und welche Qualifizierungen sie brauchen, um auf den Arbeitsmarkt vermittelt werden zu können. Leider hätten manche Teilnehmer solche gesundheitlichen Einschränkungen mitgebracht. Die würden zurzeit „abgearbeitet“, bevor dann die Qualifizierungen starten könnten, berichtet Ingo Kreutz. „Für den GaLa-Bereich haben wir zum Beispiel festgestellt, dass bei vielen Teilnehmern der Führerschein fehlt.“ Bevor sie in die Qualifizierungen einsteigen können, werden die Teilnehmer bei der GBH an die branchentypischen Tätigkeiten herangeführt. Ingo Kreutz relativiert das allerdings etwas: „Zuallererst müssen wir die Menschen daran gewöhnen, regelmäßig zur Arbeit zu kommen, pünktlich zu sein, das Ganze überhaupt durchzuhalten. Das in engem Kontakt zu den Teilnehmern hinzubekommen, ist zurzeit die Hauptaufgabe unseres Betriebscoaches. Die Menschen sind wohl motiviert, wenn es dann aber real ans Arbeiten geht oder eine Qualifizierung starten soll, geben sie doch schnell auf oder halten nicht durch.“ 
Der Betriebscoach rotiert täglich zwischen den verschiedenen Einsatzorten der Teilnehmer und führt viele Einzelgespräche mit ihnen. Zum Netzwerk der GBH gehört außerdem ein weiterer Träger, bei dem die Teilnehmer zusätzlich wöchentlich von einem Jobcoach unterstützt werden, etwa wenn es um Probleme im persönlichen Umfeld geht. Darüber hinaus stehen dort zum Beispiel Bewerbungstrainings auf dem Programm. Ingo Kreutz sieht die Unterstützung der Teilnehmer sowohl durch den Betriebs­coach als auch durch den Jobcoach nach Paragraf 16 i als wesentliche Erfolgsfaktoren für eine nachhaltige Integration in Beschäftigung. 
 
Eigentlich sollten die ersten KoBe-Teilnehmer des GBH-Projekts im Mai schon in Praktika eingemündet sein. Es hat sich aber herausgestellt, dass die Stabilisierungsphase doch längere Zeit in Anspruch nimmt als ursprünglich geplant. Trotzdem glaubt Ingo Kreutz, dass die ersten Praktika circa. Ende Mai/Anfang Juni starten können. Er schätzt, dass die Mehrzahl der Teilnehmer das anvisierte Ziel, die Vermittlung in eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung, auch erreichen wird.

Teilnehmende helfen bei der Realisierung der Internationalen Gartenausstellung
 

Ein weiteres KoBe-Projekt, dort mit 15 Teilnehmenden, hat die WiKU ins Leben gerufen, die als einer der größten Träger der Region im Kreis Unna, aber auch in Hamm und Dortmund tätig ist. „Als wir die Interessenbekundung für ein KoBe-Projekt abgegeben haben, waren wir schon mit den Städten Bergkamen und Lünen im Gespräch. Dabei ging es darum, die Internationale Gartenausstellung (IGA), für die die Vorarbeiten in diesen Städten jetzt anlaufen und die dann 2027 präsentiert wird, mit Beschäftigungsförderung zu verbinden“, erklärt WiKU-Geschäftsführer Herbert Dörmann. Am 1. Dezember 2021 konnte das KoBe-Projekt dann starten. Vor dem Hintergrund der IGA liegt der branchenspezifische Schwerpunkt des Projekts im GaLa-Bereich und auch im Bauhandwerk. Die WiKU hat in diesem Branchensegment intensive Arbeitsbeziehungen zu aktuell rund 50 Unternehmen. Ein Projekt in diesen Branchen bietet sich auch deshalb an, weil die Branchenbetriebe aktuell im Kreis Unna 280 offene Stellen ausweisen. Das bedeutet laut der Kreishandwerkerschaft, dass der Arbeitsmarkt auch für angelernte Kräfte aufnahmefähig ist.
 
„Nach einer intensiven Beratung der Teilnehmenden vor dem Start sind wir mit einer achtwöchigen Einstiegs- und Erprobungsphase in das Projekt gestartet“, sagt Herbert Dörmann. Man sei aber bereits in der ersten Projekt-Woche mit den Teilnehmenden auch zur praktischen Arbeit auf die Baustellen gefahren, „damit für die ehemals Langzeitarbeitslosen direkt deutlich wird: Hier geht es um betriebsförmige Arbeit auf realen Baustellen.“ Dabei handelt es sich um Einsatzorte des NRW-weiten Netzwerks Weg & Raum, mit dem die WiKU kooperiert. Dieses Netzwerk arbeitet seit über 25 Jahren zusammen mit dem Land, der Regionaldirektion der BA und Landesinstitutionen wie der Emschergenossenschaft an größeren Aufträgen im GaLa-Bereich und verbindet das mit Beschäftigungs- und Qualifizierungsangeboten. Unter der Koordination und fachlichen Regie des „Netzwerk Weg & Raum“ arbeitet die WiKU auf diesen realen Baustellen der Emschergenossenschaft und der IGA in Lünen und Bergkamen und setzt dabei die KoBe-Teilnehmenden ein. „Unsere Mitarbeitenden berichten, dass das eine völlig andere Qualität hat als klassische Maßnahmen“, sagt Herbert Dörmann. „Die Motivation der Teilnehmenden ist extrem hoch, auch durch die Perspektive, dass viele Menschen das, was sie tun, später bei der IGA dann bestaunen können.“ Natürlich müsse der Betriebscoach trotzdem nicht nur eventuelle gesundheitliche Probleme der Teilnehmenden im Blick haben, sondern auch darauf achten, dass die Menschen bei der Arbeit nicht gleich zu Beginn überfordert würden, sagt Herbert Dörmann. In zwei, drei Fällen habe man bereits feststellen müssen, dass die gesundheitlichen Voraussetzungen nicht ausreichen, um die teils schwere Arbeit durchzustehen. „Für diese Personen ist das dann leider nicht der richtige Projektansatz.“
 
Wenn es um die Anbahnung von Praktikumsplätzen geht, setzt die WiKU neben den Kontakten zu Fachfirmen, die ebenfalls für die Emschergenossenschaft und die IGA im Einsatz sind, und eine enge Kooperation mit der Kreishandwerkerschaft besonders auf eine gemeinsam mit der Unnaer Kreisbau- und Siedlungsgesellschaft (UKBS) projektierte „Facility-Gesellschaft“. Sie soll kurzfristig große Teile der Immobilien der UKBS samt Umfeld betreuen und pflegen (Hausmeisterservice) und könnte schon bald Praktikums- und Arbeitsplätze im GaLa-Bereich für die KoBe-Teilnehmenden bereitstellen. Herbert Dörmann sieht für etwa die Hälfte der Teilnehmenden eine realistische Chance, letztendlich in eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung einzumünden, sagt aber auch: „Ob wir das in der vorgegebenen Zeit schaffen, – das ist eine andere Frage.“
Sowohl Ingo Kreutz als auch Herbert Dörmann bewerten das Instrument „Kooperative Beschäftigung“ dennoch grundsätzlich sehr positiv. Ingo Kreutz sieht zum Beispiel einen Fortschritt gegenüber der „Öffentlich geförderten Beschäftigung“, bei der die Betreuung der Teilnehmenden nicht ganz so engmaschig geknüpft war. „Die Menschen sind im KoBe-Projekt sehr gut eingebettet. Ich sehe die Kooperative Beschäftigung als ein rundes Paket.“ Auch Herbert Dörmann weist auf die Lücken hin, die die Kooperative Beschäftigung schließt: „In der Konstruktion des Teilhabechancengesetzes war ja keine fachliche Anleitung für die Geförderten in der Finanzierung verankert. Für den betriebsnahen Ansatz brauchen wir aber eine Begleitstruktur. Deswegen waren wir froh, dass mit der Kooperativen Beschäftigung jetzt genau so eine Struktur finanziert wird. Ich halte das für absolut vernünftig und denke, es würde sich lohnen, diesen Ansatz, auch auf die lange Strecke zu denken.“ Damit spricht Herbert Dörmann den aus seiner Sicht einzigen Wermutstropfen bei der Kooperativen Beschäftigung an: die kurze Förderdauer. Die Förderung der KoBe-Projekte endet am 31. März 2023. „Man muss ja wissen: Wir arbeiten mit einer Zielgruppe, die zu den schwierigsten überhaupt gehört. Menschen, von denen man eigentlich sagt: Die sind nicht mehr vermittelbar. Das macht es für uns in dem relativ engen Zeitfenster der Förderung nicht einfach und ist schon eine extreme Herausforderung.“
 

Kontakte

Gemeinnützige Beschäftigungsgesellschaft Herne mbH, Herne
Ingo Kreutz
Tel.: 02323 169189
ingo.kreutz@gbh.herne.de
Werkstatt im Kreis Unna
Herbert Dörmann
Tel.: 02303 2805137
h.doermann@werkstatt-im-kreis-unna.de

Autor

Frank Stefan Krupop
Tel.: 02306 741093
frank_krupop@web.de

Ansprechpersonen in der G.I.B.

Ute Soldansky
Tel.: 02041 767256
u.soldansky@gib.nrw.de
Benedikt Willautzkat
Tel.: 02041 767204
b.willautzkat@gib.nrw.de 
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