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(Heft 2/2022)
Die meisten lassen sich positiv beeinflussen

Gesundheitsrelevante Einflussfaktoren bei sozial benachteiligten Kindern und Jugendlichen

Gesundheit und gesundheitliche Ungleichheit waren die zentralen Diskussionsthemen der Online-Zirkeltreffen des NRW-Förderprogramms „Zusammen im Quartier – Kinder stärken – Zukunft sichern“ (ZiQ), die am 25. und 28. März 2022 gemeinsam mit dem Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales des Landes Nordrhein-Westfalen durchgeführt wurden.
Was hält uns gesund? Ist Gesundheit in der Gesellschaft gleich verteilt? Wie wird Gesundheit eigentlich definiert? In der Fachliteratur gibt es verschiedene Definitionen von Gesundheit. Das Team „Armutsbekämpfung und Sozialplanung“ (TAS) der G.I.B. hat die Beschreibung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) als Diskussionsgegenstand in die Zirkeltreffen eingebracht. Demnach wird Gesundheit ganzheitlich betrachtet und geht mit einem vollständigen körperlichen und sozialen Wohlergehen einher. Gesundheit unterliegt einer Vielfalt an individuellen und gesellschaftlichen Einflussfaktoren. Dazu zählen neben den persönlichen Erbanlagen, dem Geschlecht und dem Alter ebenso die jeweilige Lebensweise, Beziehungen und soziale Netzwerke, die Zugänge zu Bildung und Kultur, das Arbeits- und Wohnumfeld, soziale Sicherheit und die allgemeinen Bedingungen der sozio­ökonomischen, kulturellen und physischen Umwelt. Sie stehen miteinander in Wechselwirkung. Und: Gesundheit wird subjektiv unterschiedlich wahrgenommen.

Gesundheit und gesundheitliche Ungleichheit
 

Obwohl Deutschland zu den westlichen Industrienationen gehört, in denen die Bevölkerung an einem hohen allgemeinen Lebensstandard und einem gut ausgebauten sozialen Sicherungssystem teilhaben kann, sind laut Robert Koch-Institut diese Ressourcen in der Bevölkerung ungleich verteilt. Arme und sozial benachteiligte Menschen sind sehr häufig auch gesundheitlich benachteiligt. Insbesondere wirken sich sozioökonomische Unterschiede beim Gesundheitsstatus von Kindern und Jugendlichen aus. Deutlich wird dies laut Gesundheitsberichterstattung des Bundes 2018 bereits bei der Schuleingangsuntersuchung: Sozial benachteiligte Kinder und Jugendliche weisen deutlich höhere körperliche, psychische, kognitive, sprachliche und motorische Entwicklungsdefizite auf als vergleichsweise Gleichaltrige aus bessergestellten Familien. Die Gesundheitskompetenz bezüglich einer gesundheitsfördernden Ernährung, das heißt, die Fähigkeit Gesundheitsinformationen zu erkennen, zu bewerten und anzuwenden, ist bei Menschen mit niedrigem Einkommen und niedrigem Bildungsstand oft nicht so ausgeprägt wie bei Personengruppen mit höherem Einkommen und Bildungsgrad. 
 
Eine besondere Rolle im Ernährungsverhalten spielt in Fachkreisen das individuelle „Ernährungsumfeld“. Dies beinhaltet beispielsweise die Verfügbarkeit, die Zugänglichkeit, die Zusammensetzung, die Portionsgrößen, die Präsentation und die Bewerbung von verschiedenen Lebensmitteln und Getränken. Es bezieht somit auch finanzielle Ressourcen, individuelles Verhalten sowie soziale und kulturelle Einflüsse ein. Dass neben einer gesunden Ernährung auch die körperliche Aktivität die eigene Vitalität und das Wohlbefinden steigert, Heilungsprozesse unterstützt und Erkrankungen verhindern kann, ist in vielen Studien belegt. Trotzdem leiden nach Angaben des Landeszentrums Gesundheit Nordrhein-Westfalen etwa 80 bis 90 Prozent der Erwachsenen in Deutschland an Bewegungsmangel. Und nach Schätzungen der WHO sterben jedes Jahr 3,2 Millionen Menschen vorzeitig an den Folgen körperlicher Inaktivität. In unteren gesellschaftlichen Schichten und bei Angehörigen einer ethnischen Minderheit ist der Umfang an sportlicher Freizeitaktivität geringer als bei jenen mit einem höheren sozioökonomischen Status und bei deutschstämmigen Personen. 

Politik für eine gesunde Ernährung 
 

Zwischen sozialer und gesundheitlicher Situation eines Individuums besteht also nachweislich eine enge Verbindung. Aber welche Maßnahmen könnten helfen, die Gesundheitssituation der Menschen in Deutschland, besonders aber in Städten oder Stadtteilen mit armen und von Armut bedrohten Bewohner*innen, zu verbessern? Eine Veröffentlichung des Lehrstuhls für Public Health und Versorgungsforschung der Ludwig-Maximilians-Universität München und des Leibniz Instituts für Präventionsforschung und Epidemiologie im Rahmen des vom Bundesminis­terium für Bildung und Forschung geförderten „Policy Evaluation Network“ zeigt mögliche bzw. notwendige Interventionen auf den verschiedenen politischen Ebenen, von Europäischer Union bis zur Kommune, auf. Zentral ist dabei die Entbindung gesunder Lebensmittel von der Mehrwertsteuer, eine Herstellerabgabe auf Süßgetränke und das Angebot einer qualitativ hochwertigen Verpflegung in kommunalen Kitas, Schulen, Kliniken und anderen öffentlichen Einrichtungen. 
 
Denn bereits im Kindesalter, zum Teil sogar schon vor der Geburt, wird die Basis für die gesundheitliche Entwicklung im Leben angelegt. Gesundheitsbezogene Einstellungen und Verhaltensmust­er, die sich in jungen Jahren ausbilden, haben oftmals bis ins Erwachsenenalter hinein Bestand. Jedoch: Die meisten gesundheitlichen Einflussfaktoren lassen sich positiv beeinflussen und sind gestaltbar. Hier können Förderangebote aufklären, unterstützen und motivieren, die persönlichen Gesundheitsressourcen und -potenziale zu stärken und die Verantwortung für das eigene Wohlbefinden zu erhöhen. Hilfreich für die passgenaue Entwicklung und Platzierung solcher Fördermaßnahmen ist das Wissen über räumliche Unterschiede zur gesundheitlichen Lage und die Erfassung kleinräumiger Gesundheitsdaten, im Sinne einer nachhaltigen kommunalen Sozialplanung.

Niederschwellige, sozialraum­orientierte Gesundheitsförderung in den ZiQ-Projekten
 

Der Baustein „Gesundes Aufwachsen“ des ZiQ-Förderprogramms in NRW hat seine Stärken im Bereich der gesundheitlichen Einflussfaktoren Ernährung und Bewegung. Gemeinsames Kochen und Essen, Abenteuer im nahe gelegenen Wald erleben, Gärtnern im Innenstadtgarten, Gemüsebeete auf ehemaligen Parkplätzen anlegen, Kräuter bei Wanderungen im Stadtteil kennenlernen, Hip-Hop Tanzen, Buden bauen und beim open Sunday in der Sporthalle toben, sind nur einige Beispiele der ideenreichen Projektangebote. Die Ernährungs- und Bewegungsangebote bieten den Kindern, Jugendlichen und auch ihren Familien die Chance, ihr Körperempfinden positiv und sich als selbstwirksam zu erleben. Wichtig dabei: Der Zugang muss niederschwellig sein und es soll Spaß machen! Wie Entdecker*innen und Forscher*innen erobern sich Projektmitarbeitende gemeinsam mit Kindern und Jugendlichen öffentliche Freiräume in den Quartieren wie Hinterhöfe, wohnungsnahe Parkplätze und öffentlichen Parks, um Bewegung auch im Alltagserleben zu integrieren. Einige Projekte bilden in Kooperation mit Vereinen gezielt jugendliche Übungsleiter*innen und Multiplikator*innen aus, denn Erfahrungen und Wissen um gesundheitsförderndes Verhalten soll sich bei den Quartiersbewohner*innen verankern und weitergetragen werden. 
 
Die Projektförderung läuft Ende 2022 aus. Die Arbeit in den Quartieren aber längst noch nicht. Denn es ist ein langer Prozess, um sich einer sozialen und gesundheitlichen Gleichheit in den ZiQ-Stadtteilen anzunähern. Für die Projektverantwortlichen bedeutet das spätestens zu diesem Zeitpunkt, Unterstützer*innen für ihr Wirken zu finden und Ideen zu kreieren, wie ihre wertvolle Arbeit weitergeführt werden kann. Einen Impuls für erfolgreiche Netzwerkarbeit und Marketing in eigener Sache erhielten die Teilnehmenden der Zirkeltreffen durch einen Vortrag aus dem Jugendamt der Stadt Dortmund. Fazit: Gute Projekte und Aktionen müssen für die Öffentlichkeit sichtbar werden. Das schafft Anerkennung, Wertschätzung und Interesse innerhalb und außerhalb der eigenen Reihen, um Sponsoren mit den eigenen Zielen zu identifizieren und für eine finanzielle Unterstützung gewinnen zu können. Also: Tue Gutes und rede darüber. Oder noch besser, lass andere darüber reden und teilhaben!
 

Ansprechpersonen im MAGS

Ministerium für Arbeit, Gesundheit und
Soziales des Landes Nordrhein-Westfalen
Alexandra Homberger
Wolfgang Kopal
Gabriele Schmidt
Vera Strucks
zusammen-im-quartier@mags.nrw.de

Autorin

Marion Slota
Tel.: 0157 77035666
info@marion-slota.de

Ansprechpersonen in der G.I.B.

Lisa Bartling
Tel.: 02041 767263
l.bartling@gib.nrw.de
Lars Czommer
Tel.: 02041 767254
l.czommer@gib.nrw.de 

 

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