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(Heft 2/2022)
Interview mit Prof. Dr. Gerhard Bäcker zum Informationsportal „Sozialpolitik aktuell“

Den Überblick behalten in der „Dauerbaustelle Sozialstaat“

Wer wissenschaftlich fundierte Berichte und Stellungnahmen zur Sozialpolitik und zur sozialen Lage in Deutschland, Infos zu Gesetzen und rechtlichen Neuregelungen oder auch Infografiken zu diesem Themenspektrum sucht, wird im Informationsportal „Sozialpolitik aktuell“ umfassend fündig. Das Portal hat sich zum Ziel gesetzt, das gesamte Spektrum der Sozial- und Gesellschaftspolitik abzubilden – und das mit dem Anspruch, stets top-aktuell zu sein. Dabei ist es den Verantwortlichen wichtig, kontroverse Forschungsergebnisse und politische Stellungnahmen als Beitrag zur kritischen Meinungsbildung gegenüberzustellen. Getragen ist das Portal von der Idee, auf wissenschaftlicher Basis darüber zu informieren, dass der Sozialstaat in einer demokratischen Gesellschaft unverzichtbar ist und sich zugleich immer wieder Reformanstrengungen unterziehen muss. Wir sprachen mit Prof. Dr. Gerhard Bäcker, Senior Professor am Institut Arbeit und Qualifikation (IAQ) der Universität Duisburg-Essen sowie Senior Fellow der Hans-Böckler-Stiftung, auf dessen Initiative hin das Informationsportal vor über 20 Jahren entstanden ist und der es auch heute noch betreut.

G.I.B.: Für alle, die es noch nicht kennen: Was ist das Informationsportal „Sozialpolitik aktuell“ und wie ist es entstanden?
 

Prof. Dr. Gerhard Bäcker: Gemeinsam mit drei Studienkollegen habe ich vor rund 40 Jahren das Buch „Sozialpolitik – eine problemorientierte Einführung“ veröffentlicht. Unter dem Titel „Sozialpolitik und Soziale Lage in Deutschland“ ist dieses Handbuch 2021 in der 6. Auflage erschienen und mittlerweile ein Standardwerk. Vor über 20 Jahren kam als flankierendes Angebot das Internetportal „Sozialpolitik aktuell“ (www.sozialpolitik-aktuell.de) dazu. Denn der Sozialstaat und die Sozialpolitik sind eine „Dauerbaustelle“. Jedes Jahr gibt es unzählige Gesetze und neue Daten. Mithilfe des Portals können die Nutzer des Buches stets auf die aktuellsten Daten zugreifen. 
Ich persönlich habe mit bescheidenen Bordmitteln angefangen, das Portal aufzubauen. Als ich an die Universität Duisburg-Essen wechselte, habe ich das Projekt mitgenommen und mit der Hilfe von wissenschaftlich Mitarbeitenden weiterentwickelt. Wir kamen aber an unsere Grenzen und waren froh, als die Hans-Böckler-Stiftung uns finanziell unterstützte. Aus der projektbezogenen Unterstützung ist seit zwei Jahren eine längerfristige Förderung geworden. Außerdem bin ich – trotz meiner Pensionierung – weiterhin für „Sozialpolitik aktuell“ zuständig, teilweise werden wir auch noch durch studentische Hilfskräfte unterstützt. Wir haben den Anspruch, aktuell zu sein, arbeiten also jeden Tag daran, das Internetportal neu zu bestücken. Und das wird honoriert: Wir haben täglich zwei- bis dreitausend Zugriffe und befinden uns, was das betrifft, auf einem stabilen, hohen Niveau. Wir können daraus zwar nicht ableiten, wer die Nutzer sind, aber mit den hohen Zugriffszahlen können wir die Förderung immer wieder gut begründen.

Es geht dabei aber nicht nur um reine Daten, sondern um viel mehr?
 

Im Wesentlichen beschäftigen wir uns mit vier Punkten: Wir scannen täglich das Netz: Was gibt es Neues hinsichtlich von Dokumenten, Beiträgen, Gutachten, Projektergebnissen von Instituten, Ministerien, Forschungsgesellschaften? Neben aktuellen Daten werden zum Beispiel auch Berichte der Bundesregierung oder frisch veröffentlichte Forschungsberichte von Böckler sofort eingestellt. Wir nehmen alle uns wichtig erscheinenden, im Netz verfügbaren Dokumente auf und ordnen sie in die Systematik ein. Denn unsere Arbeit verlangt nach einer guten Struktur, damit die Leserinnen und Leser die Informationen auch finden können. 
Unsere zweite Aufgabe ist es, alle gesetzlichen Neuregelungen zu dokumentieren. Und das mit allen zugehörigen Materialien, zum Beispiel Regierungs- und Referentenentwürfen, Anhörungsprotokollen, Fundstellen von Gesetzestexten. Diese Materialien kommentieren wir auch. Einmal im Jahr machen wir eine Broschüre daraus, benannt „Dauerbaustelle Sozialstaat“. Diese Broschüren gibt es mittlerweile schon 25 Jahre.
Unser drittes großes Arbeitsfeld sind die Infografiken, die wir selbst erstellen, ebenfalls kommentieren und der Öffentlichkeit kostenfrei zur Verfügung stellen. Einmal im Monat erscheint die „Infografik des Monats“. Insgesamt bieten wir über 600 Infografiken an, die ständig aktualisiert werden. In der digitalen Fassung des Handbuchs „Sozialpolitik und Soziale Lage in Deutschland“ sind die jeweiligen Infografiken verlinkt, sodass man aus dem Text direkt auf sie zugreifen kann. In der Printfassung ist das über einen QR-Code ebenfalls möglich.
Und in unserem vierten großen Arbeitsfeld katalogisieren wir Datensammlungen. Diese vier Arbeitsfelder sind die großen Aufgaben. Nebenbei geben wir noch Hinweise auf Zeitschriften und vermitteln Grundinformationen für Leserinnen und Leser. Eine Menge Arbeit, – aber wir haben dadurch den Vorteil, dass wir, was sozialpolitische Themen angeht, immer auf dem aktuellen Stand sind.

Das zentrale Motiv für das Portal ist es also, frei verfügbare Daten, die es in großer Menge und oft in den Weiten des Internets nur versteckt gibt, für die praktische Arbeit zugänglich zu machen? 
 

Ursprünglich als Unterstützung des Buches entstanden, hat sich das Portal mittlerweile völlig verselbstständigt. Die Zielgruppe sind Multiplikatoren aus der Wissenschaft, Lehrende und Lernende an weiterführenden Schulen, Personen im Bildungsbereich, in den Gewerkschaften, in Institutionen und Behörden sowie Journalist*innen. Und in der Tat registrieren wir besonders viele Zugriffe und häufig auch Resonanz und Rückfragen aus diesen Bereichen. Die Daten sind zwar im Internet alle frei verfügbar, aber wer zum Beispiel mal auf den Seiten der Bundes­agentur für Arbeit (BA) etwas gesucht hat, weiß mit welcher Mühe das verbunden ist. Zum einen ändert sich durch ständige Relaunches der entsprechenden Webseiten immer wieder der Weg zu den Daten und Tabellen. Zum anderen sind sie generell oft schwierig aufzufinden. Und wir schauen nicht nur auf Daten der BA, sondern auch auf die Daten der Sozialversicherungsträger, der Steuerstatistik, des Mikrozensus des Statistischen Bundesamtes, auf die volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, die Einkommens- und Vermögensstatistik und viele mehr. Wir finden solche Quellen nicht nur für die User des Portals, sondern übersetzen sie auch in anspruchsvolle Präsentationsgrafiken. 
Unsere inhaltliche Motivation dabei ist es, den Sozialstaat zu stärken und zu verteidigen. Was natürlich Kritik, Reformen, Veränderungen keineswegs ausschließt – ganz im Gegenteil. Aber man muss wissen: Entstanden ist das Portal zu einer Zeit, als der berüchtigte „neoliberale Geist“ die Presse, die Wissenschaft und die Ministerien durchwehte und alles Sozialstaatliche gewissermaßen infrage gestellt wurde. In dieser Situation fühlten wir uns aufgerufen, zu sagen: Lasst erst einmal die Fakten sprechen. Stimmt es tatsächlich, – um ein klassisches Beispiel zu nehmen –, dass Arbeitslosigkeit besteht, weil die Menschen faul sind und keine Arbeit aufnehmen wollen? Geben wir wirklich zu viel aus für den Sozialstaat? Also notwendig erschien uns eine Versachlichung und Information über Leistungen, aber auch über Defizite des Sozialstaates. Dahinter steht eine innere Überzeugung. Aber: An erster Stelle verarbeiten wir Daten. Die Datenverarbeitung richtet sich nicht nach irgendwelchen normativen Annahmen, sondern richtet sich streng nach wissenschaftlichen Standards.

Welche Bedeutung hat die von Ihnen angesprochene grafische Aufbereitung der Daten? Und welchen Stellenwert haben diese Grafiken für die Nutzer*innen des Portals?
 

Sie sind absolut wichtig. In den letzten Jahren und Jahrzehnten ist die grafische Darstellung von Daten ganz stark in den Vordergrund getreten. Umfängliche Tabellen mit zehn Zeilen und zwanzig Spalten will niemand mehr lesen. Eine grafische Darstellung muss gut gemacht sein, damit der Sachverhalt erklärt wird. Das stößt auf große Zustimmung. Schulbuchverlage oder Lehrveranstaltungen nutzen immer wieder unsere Grafiken. Und wir fordern auch direkt dazu auf.

Die Arbeit im Bereich Monitoring und Evaluation bei uns in der G.I.B. wird heute unter dem Motto „evidenzbasierte Politikgestaltung“ gesehen. Gibt es diesen Trend auch bei Ihnen?
 

Im Grunde ist das unser Selbstverständnis. Wir informieren möglichst sachlich korrekt über Zusammenhänge und hoffen, dass das Einfluss gewinnt in der Weiterbildung in Universitäten, Schulen, Volkshochschulen, bei Journalisten und natürlich auch in Behörden und Verbänden. Uns geht es dabei nicht nur um Politikgestaltung, sondern darum, wie politische und inhaltliche Zusammenhänge wahrgenommen werden.

Journalist*innen sind als Multiplikator*innen sehr wichtig. Datenjournalismus ist derzeit in den Medien ein großes Thema. Ihr Portal dürfte bei diesem Trend für Journalist*innen doch also ein gefundenes Fressen sein. 
 

Das ist so. Viele Journalisten – auch die der einflussreichen Blätter wie der Süddeutschen Zeitung – rufen uns auch an. Es gibt zum Beispiel Nachfragen zu unseren „Themen des Monats“ oder Anfragen, wenn jemand etwas über ein bestimmtes Thema schreiben will. Wenn sich Journalisten oder auch Studenten, die eine Ausarbeitung zu einem bestimmten Thema zu erstellen haben, aus unserer Datensammlung bedienen. Bitte!

Enzo Weber vom IAB sagte neulich in einem G.I.B.-Interview, dass die Corona-Pandemie die Arbeitsweise verändert hat, weil Informationen viel zeitnäher gefordert wurden, was eigentlich gar nicht der bis dahin gängigen Arbeitsweise des IAB entsprach. Merken Sie das bei Ihrer Arbeit auch?
 

Dazu ein Beispiel: Wir sind immer wieder angefragt worden, warum wir keine Daten über den Anstieg der Kurzarbeit im Zuge der Corona-Pandemie haben. Da muss man antworten: Die BA veröffentlicht nur die tatsächlich genehmigte Kurzarbeit, nicht die Antragstellung. Und das dauert eben. Diesen Zeitverzug kann man mit seriöser Arbeit nicht überbrücken. Der Druck zur Tagesaktualität wächst aber ungeheuer, vor allem durch das Internet. Selbst Zeitungen können gar nicht mehr tagesaktuell sein. Das Statistische Bundesamt hat sich diesem Druck gebeugt, indem es jetzt bezogen auf den Mikrozensus vorläufige Daten veröffentlicht und erst später dann abschließende Daten. Sollen wir also die vorläufigen Daten verwenden und, wenn die abschließenden Daten erscheinen, alles wieder verändern? Wir versuchen schon, immer aktuell zu sein, aber: Was nicht geht, geht nicht. Das muss man auch offen kommunizieren, weil die Seriosität der Daten ein ganz wichtiges Qualitätsmerkmal ist.

Man kann sich fragen, ob Aktualität nicht auch eine gewisse Pseudo-Relevanz hat. Denn: Bestimmte Erkenntnisse erschließen sich nur in einem gewissen Zeitraum und manchmal auch im Kontext. Man hat aber das Gefühl, dass in den Medien sehr stark um Aktualität konkurriert wird.
 

Das ist absolut richtig. Viele soziale, gesellschaftliche, ökonomische Ereignisse ändern sich nicht von Jahr zu Jahr. Aber nichts ist langweiliger in der Wissenschaft oder auch in der Publizistik, als über Konstanz zu berichten. Man forscht und berichtet immer lieber über irgendetwas Neues, über große Veränderungen. Wer etwa sagt: Das Normalarbeitsverhältnis ist immer noch belastbar, erntet nur ein müdes Gähnen. Wer berichtet: Die atypischen Arbeitsverhältnisse nehmen explosionsartig zu, hat die ganze Aufmerksamkeit. Auf der anderen Seite gibt es natürlich in der Tat Veränderungen. Einige Daten haben einen großen Signalwert. Etwa die Armutsrisikoquote, die SGB II-Quote oder auch regionale Daten über Verschlechterungen oder Verbesserungen der Arbeitsmarktlage auf kommunaler bzw. regionaler Ebene.

Berichte über solche Veränderungen haben aber nur dann einen Wert, wenn man sie erklären kann, oder?
 

Deswegen nehmen wir bei Veröffentlichung solcher Daten immer eine ausführliche Kommentierung vor. Hinzu kommen methodische Hinweise. Dass Entwicklungen auf den ersten Blick so rätselhaft sind, dass wir sie nicht kommentieren können, ist eher selten. Im Allgemeinen kann man die Hintergründe schon gut identifizieren.
 

Kontakt

Prof. Dr. Gerhard Bäcker
Institut Arbeit und Qualifikation (IAQ)
der Universität Duisburg-Essen
Tel.: 0203 3792573
gerhard.baecker@uni-due.de

Das Portal Sozialpolitik-aktuell im Internet

Das Interview führten

Josef Muth
Tel.: 02041 767156
j.muth@gib.nrw.de
Georg Worthmann
Tel.: 02041 767246
g.worthmann@gib.nrw.de

Text

Frank Stefan Krupop
Tel.: 02306 741093
frank_krupop@web.de

 

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