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(Heft 2/2022)
Das nachhaltig ausgerichtete Unternehmen TAOASIS nutzt die Potentialberatung NRW, um seine Gemeinwohl-Orientierung zu bilanzieren.

Den tieferen Sinn im eigenen Wirtschaften erkennen

Das Geschäftsmodell nachhaltiger zu gestalten, verlangt von Unternehmen große Anstrengungen. Wer sich zusätzlich dem Gemeinwohl verpflichtet fühlt, nimmt alle betrieblichen Zusammenhänge von der Zulieferung bis zur Kundschaftsbeziehung unter die Lupe. Die Potentialberatung NRW erweist sich hierbei als geeignetes Förderinstrument, auch diese komplexen Themenfelder zu bearbeiten und zukunftsgerichtete Lösungen zu entwickeln.
Ein wogendes Meer aus Violetttönen verströmt das Aroma der Provence. Und doch ist es Ostwestfalen-Lippe, wo Lavendelfelder bis an die Bundesstraße 239 heranreichen. Was die nach Urlaub duftenden Pflanzen mit Gemeinwohl-Ökonomie zu tun haben, erschließt sich hier nicht auf den ersten Blick. Beim genaueren Hinsehen allerdings werden Zusammenhänge erkennbar. Die in Lage im Kreis Lippe beheimatete „Natur Duft Manufaktur TAOASIS“ baut seit einiger Zeit auf biologische Weise aromatische Heilpflanzen für ihre ätherischen Öle und Düfte selbst an. Das hilft, mehr Kontrolle über die Qualität der hergestellten Produkte zu erlangen. Sonst können Unternehmen bei den üblicherweise verzweigten Lieferketten eher begrenzten Einfluss auf Herstellungsprozesse nehmen. Dies sind einige der Faktoren, die für die Bewertung der Gemeinwohlorientierung von Betrieben eine Rolle spielen.
 
Gemeinwohl-Ökonomie als innovativer Ansatz in der Arbeitswelt bedarf zunächst der Erläuterung. So ausgerichtete Unternehmen definieren ihren Erfolg nicht ausschließlich über betriebswirtschaftliche Kriterien. „Wir stellen uns in besonderem Maße die Fragen, was wir den nachfolgenden Generationen hinterlassen, wie wir mit der Natur und begrenzten Ressourcen umgehen“, sagt Axel Meyer, Geschäftsführer und Gründer von TAOASIS. Nachhaltigkeit ist die bestimmende Prämisse. Dies beginnt bei ökologischen und klimaschonenden Produktionsweisen und schließt die Langlebigkeit von Produkten, die Wertschöpfung vor Ort, den menschlichen Umgang im Betrieb, gerechtere Handelsbeziehungen sowie hochwertige und sinnhafte Arbeitsplätze mit ein.

Besondere Bilanzierung erfordert große Transparenz
 

Für Katharina Tenbrink, die bei TAOASIS die Qualitätssicherung leitet, ist auch der Transparenzgedanke von Bedeutung. „Wir als ökologisch ausgerichtetes Unternehmen legen unsere Arbeitsweise offen und dokumentieren zugleich, woher unsere Rohstoffe kommen, wie sie produziert werden und welchen Einfluss wir nehmen können.“ Das erfolgt über eine Gemeinwohl-Bilanzierung, die ebenfalls in Händen von Katharina Tenbrink liegt. Die Geschäftstätigkeit damit zu erfassen ist in etwa so, als würde man „eine normale Bilanz auf den Kopf stellen“, sagt Axel Meyer. Dahinter stecke der Gegenentwurf zu einer Wirtschaftsweise, die ihre Gewinne damit erziele, ohne nennenswerte Rücksicht auf Mensch und Natur auf dem günstigsten Weg zu produzieren und den größtmöglichen Absatz zu generieren.
 
Sich über eine Gemeinwohl-Bilanz deutlich davon unterscheiden zu können, sei mitentscheidend gewesen, sagt Axel Meyer, betriebsintern das Interesse für eine weitere Zertifizierung zu wecken. Denn TAOASIS unterzieht sich bereits regelmäßigen Audits, beispielsweise um die Anforderungen des Öko-Siegels Demeter zu erfüllen. Eine Gemeinwohl-Bilanz untersucht über eine Matrix, wie ein Unternehmen vier Werte mit fünf Berührungsgruppen lebt. Die Gruppen sind Lieferant*innen, Finanzpartner*innen, Mitarbeitende, Kundschaft und gesellschaftliches Umfeld. Die Kategorien auf der Werte-Ebene lauten Menschenwürde, Solidarität und Gerechtigkeit, ökologische Nachhaltigkeit sowie Transparenz und Mitentscheidung. So sind insgesamt 20 Beziehungen zu analysieren. Ein Punktesystem gibt den Stand der Gemeinwohlorientierung an.
 
Für Dr. Christoph Harrach ist eine Gemeinwohl-Bilanz das „geeignete Werkzeug, um Nachhaltigkeit überhaupt erst erheben und bewerten zu können.“ Der Unternehmensberater ist der Gemeinwohl-Bewegung seit Jahren verbunden und seit 2015 ihr nationaler Botschafter. Zur Intuition, mit der nachhaltig orientierte Unternehmen gewisse Entscheidungen seit jeher träfen, komme dank der Bilanz nun die Systematik. Für Thomas Dreikandt, Wirtschaftsförderer im Kreis Lippe und in der Regional­agentur OWL tätig, ist dies eine ebenso passende wie innovative Herangehensweise. „Ein Unternehmen wie TAOASIS bindet bei der Gemeinwohl-Bilanzierung die Mitarbeitenden ein, um die verschiedenen Beziehungen zu untersuchen, will sich für die Zukunft gut aufstellen und entwickelt daraus zudem einen Handlungsplan.“ Dies erfülle Sinn und Zweck der Potentialberatung vollständig. Für Thomas Dreikandt sind die genannten Aspekte wesentlich: Er gibt für die Regionalagentur, die das Land Nordrhein-Westfalen als Servicestelle in allen Arbeitsmarktregionen unterhält, fachliche Stellungnahmen zu Förderanträgen ab. Fallen sie positiv aus, stellt er entsprechend Beratungsschecks aus und die Potentialberatung kann mit finanzieller Unterstützung des Landes und des Europäischen Sozialfonds (ESF) erfolgen.

Mitarbeitende bringen sich in Workshops ein
 

Die Beteiligung der TAOASIS-Mitarbeitenden an der Potentialberatung war in mehrfacher Hinsicht ein Gewinn. In fünf Workshops, die die Werte der GWÖ mit Blick auf die einzelnen Berührungsgruppen thematisch behandelten, gab es kreativen Input und Impulse, wie die jeweiligen Beziehungen noch nachhaltiger werden könnten. In einem Workshop ging es darum, die Möglichkeit zur Mitbestimmung von Geschäftskunden an Prozessen bei TAOASIS zu bilanzieren. Nachdem die Gedanken lange gekreist hatten, sagt Katharina Tenbrink, verwies eine Mitarbeiterin auf den Private-Label-Bereich, bei dem andere Firmen Produktserien von TAOASIS für sich herstellen lassen. Hier, so die Mitarbeiterin, verfüge die betreffende Firma über Mitspracherecht und Einflussmöglichkeit. Für Katharina Tenbrink war die Idee der Kollegin mehr als ein selbstverständlicher Wortbeitrag. Sie hatte die Mitarbeiterin bisher eher zurückhaltend erlebt. So gesehen habe die Potentialberatung es auch ermöglicht, „Teambuilding zu betreiben und sich abteilungsübergreifend anders kennenzulernen.“
 
Ein weiterer Pluspunkt im Prozess war, innerbetrieblich das Bewusstsein für die Ausrichtung des Unternehmens zu schärfen. „Mit dem Blick auf die einzelnen Bereiche der Matrix haben wir uns vor Augen geführt, wo und warum wir ökologische und soziale Schwerpunkte setzen“, so Axel Meyer. Nicht alle in der Belegschaft, die seit der Gründung 1991 von zwei auf 70 Mitarbeitende stark gewachsen war, konnten wie selbstverständlich erklären, warum TAOASIS etwa immer mehr Lavendel selbst anbaue oder auf den Einkauf billigen Orangenöls verzichte.
 
Zur Einordnung der Gemeinwohl-Bilanz bringt Berater Christoph Harrach einen Aspekt ins Spiel, der das Thema „Greenwashing“ betrifft, also den Versuch von Firmen, sich im Umweltbereich besser darzustellen, als ihre Geschäftstätigkeit es eigentlich hergibt. Zwar erfolgt die in einem 60 Seiten starken Papier darzulegende Bilanzierung zunächst zum Großteil über Selbsteinschätzung und eigene Punktevergabe, doch laut Statut ist dem ein Prüfprozess von außen an die Seite zu stellen. Beim Erstellen einer Kompaktbilanz blickt eine Peer-Gruppe mit bis zu vier anderen Unternehmen, die sich ebenfalls auf einen nachhaltigen Weg begeben, auf die Firma. Durch regelmäßigen Austausch und Rückmeldung kommt es hier zum externen Abgleich der Selbsteinschätzung. Bei der Vollbilanz erfolgt eine unabhängige Überprüfung durch einen externen Auditor. Beide Fremdbetrachtungen sind der Veröffentlichung der Gemeinwohl-Bilanz im Internet hinzuzufügen. Für Christoph Harrach ist dies ein Mittel, um größtmögliche Transparenz herzustellen. Im Übrigen sei es auch nicht ausgeschlossen, dass Firmen ihr Gemeinwohl in einigen Bereichen selbst sogar schlechter einschätzen. Da eine Gemeinwohl-Bilanz alle zwei Jahre zu erneuern ist, ließen sich so letztlich auch Fortschritte kenntlich machen. Ganz im Sinne der Potentialberatung NRW, die Zukunftsfähigkeit von Unternehmen als fortlaufenden Prozess versteht und nicht als Endpunkt.
 

Kontakte

TAOASIS GmbH, Lags
Axel Meyer, Geschäftsleitung
Katharina Tenbrink, Leitung Qualitätssicherung
Tel.: 05232 6904600
kt@taoasis.de
Stiftung Gemeinwohl-Ökonomie NRW, Steinheim
Dr. Christoph Harrach, Innovations- und Gemeinwohl-Berater
Tel.: 0177 6331831
christoph.harrach@stiftung-gwoe.nrw
Regionalagentur OWL & Wirtschaftsförderung
Kreis Lippe, Detmold
Thomas Dreikandt
Tel.: 05231 62-1413
t.dreikandt@kreis-lippe.de

Autor

Volker Stephan
Tel.: 0173 3679157
post@volker-stephan.net

Ansprechperson in der G.I.B.

Andreas Bendig
Tel.: 02041 767206
a.bendig@gib.nrw.de 

 

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