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(Heft 2/2022)
CSR-Kompetenzzentrum OWL hilft Betrieben, nachhaltiges Wirtschaften als Strategie zu begreifen

Besonders verantwortungsvoll, besonders innovativ

Für das Konzept einer verantwortungsvollen Unternehmensführung wirbt das CSR-Kompetenzzentrum OWL. Betriebe können sich durch strategisches Handeln auf den Feldern Ökonomie, Ökologie und Soziales zukunftsfähig aufstellen. Dies geht auch in kleinen Schritten.
Mit Schokolade lässt sich Geld verdienen. Stammt der verwendete Kakao aus nachhaltigem Anbau, profitiert auch die Umwelt vom Geschäft. Wenn von der erwirtschafteten Summe überdies ein Anteil in den Bau einer Schule im Herkunftsland des Kakaos fließt, besitzt ein Geschäftsmodell zusätzlich einen sozialen Effekt durch das Stärken des Bildungssystems. Dieses Beispiel ist kein fiktives. Es exis­tiert in Herford und beschreibt die verzweigten Tätigkeitsfelder eines dortigen Süßwaren-Produzenten. Und es steht fast idealtypisch für die Idee der Corporate Social Responsibility (CSR), auf Deutsch: der verantwortungsvollen Unternehmensführung. Sie ist ein zukunftsorientiertes Konzept und will gemäß der drei Säulen der Nachhaltigkeit einen positiven Einfluss auf die Bereiche Ökonomie, Ökologie und Soziales nehmen.
 
Simon Gröger kennt eine Vielzahl von Unternehmen, die auf unterschiedliche Weise eine besondere gesellschaftliche Verantwortung übernehmen. Er arbeitet für die Wirtschaftsförderung der Stadt Detmold, die den Namenszusatz „GILDE GmbH“ (Gewerbe- und Innovationszentrum Lippe-Detmold) trägt, und ist dort auch für das 2015 eröffnete CSR-Kompetenzzentrum OWL tätig. In Ostwestfalen-Lippe hat die Landesregierung Nordrhein-Westfalens seinerzeit eins von insgesamt sieben regionalen Kompetenzzentren angesiedelt und fördert das aktuelle Projekt „CSR 4.0 – Digitalisierung und Unternehmensverantwortung“ mit Mitteln des Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE) und des Ministeriums für Wirtschaft, Innovation, Industrie, Digitalisierung und Energie. Simon Gröger sieht die Aufgabe des CSR-Kompetenzzentrums OWL nicht allein darin, im Netzwerk von Unternehmen, Kammern, Verbänden und Forschungseinrichtungen den CSR-Gedanken breiter bekannt zu machen. „Wir wollen mit unseren Aktivitäten Firmen helfen, die verantwortungsvolle Unternehmensführung als Strategie sukzessive in ihre Geschäftstätigkeit zu implementieren“, sagt er. An Beispielen wie dem des Herforder Schokoladenherstellers erklärt das Zentrum in diversen Veranstaltungsformaten die Möglichkeiten, unternehmerisch etwas Gutes zu tun – über den ursprünglichen Geschäftszweck und das vom Gesetzgeber geforderte Maß hinaus.
 
Der CSR-Ansatz von mehr Verantwortung ist für Unternehmen äußerst bedeutsam. Schließlich, sagt Simon Gröger, blickten immer mehr Menschen in unserer Gesellschaft kritischer und bewusster auf den Ursprung und die Herstellungsweise von Gütern, Produkten und Dienstleistungen. Das bleibt nicht ohne Folgen. „Der Markt übt Druck aus“, sagt Simon Gröger. Der Markt, das ist interessierte und kritische Kundschaft auf der einen Seite, das sind aber auch Partnerunternehmen in Lieferketten mit neuen Erwartungen. Im Automotive-Bereich etwa kann ein Fahrzeughersteller einen Zulieferer dazu verpflichten, bis zu einem gewissen Zeitpunkt auf den vollständigen Einsatz erneuerbarer Energie umzustellen. Dies folgt dem Gebot des klimaneutralen Wirtschaftens zur Rettung der natürlichen Lebensgrundlagen. Veränderungen wie diese sind aber auch eine ökonomische Notwendigkeit, weil zögerliche Unternehmen Aufträge und damit perspektivisch auch ihre Zukunftsfähigkeit zu verlieren drohen.

Fokus liegt auf dem Handlungsfeld „Soziale Beziehungen“
 

Zum Markt gehört ferner der Arbeitsmarkt, also die eigenen oder künftigen Mitarbeitenden. Die Attraktivität von Arbeitgebern bemisst sich zunehmend danach, wie nachhaltig das Unternehmen ausgerichtet ist und wie transparent es die Geschäftstätigkeit auch der Belegschaft gegenüber kommuniziert. Je deutlicher die nachhaltigen Bemühungen, umso eher, so Grögers These, entfalte ein Unternehmen Bindungs- und Anziehungskraft für Fachkräfte. Das Bewusstsein für nachhaltige Themen lässt sich auch systematisch in Betrieben aufbauen: Die GILDE-Wirtschaftsförderung ist Teil des bundesweiten Projekts „Transfer von Nachhaltigkeit in die berufliche Aus- und Weiterbildungspraxis“ (TraNaxis), das Ausbildende in kleinen und mittleren Unternehmen zu Nachhaltigkeitsthemen qualifiziert und zu Multiplikatoren macht. Es knüpft an das Förderprogramm „Berufsbildung für nachhaltige Entwicklung (BBNE)“ an. Im Grunde, so Simon Gröger, sei es unerheblich, ob der Nachhaltigkeitsimpuls innerhalb eines Betriebs von Mitarbeitenden oder – wie häufig – von der Geschäftsleitung ausgehe. „Das Interesse am nachhaltigen Wirtschaften sollte in jedem Fall von innen kommen, also intrinsisch sein“, sagt Simon Gröger. Das Kompetenzzentrum selbst gehe nicht proaktiv auf Unternehmen zu. Es macht allerdings über seine Website und das verzweigte Netzwerk Angebote. „Wir sensibilisieren für das Thema“, so Simon Gröger. In Workshops und Veranstaltungen führt das Kompetenzzentrum inhaltlich in das Thema CSR ein und präsentiert dank des engen Kontakts in die Region gute Beispiele als nachahmenswerte Initiativen von Unternehmen.
 
Simon Gröger glaubt, dass das Konzept verantwortungsvollen Unternehmertums in der Region inzwischen einen großen Bekanntheitsgrad erreicht habe. Speziell in Detmold lasse die Wirtschaftsförderung bereits seit 2005 CSR-Aspekte ins klassische Standortmarketing einfließen. „Es gibt nur noch wenige Firmen, die nicht in der einen oder anderen Weise mit Nachhaltigkeitsthemen in Kontakt gekommen sind.“ Wer dennoch nur eine ungefähre Ahnung davon besitzt, was sich hinter CSR verbirgt, dem weitet das CSR-Kompetenzzentrum OWL zum Beispiel mit einem insgesamt sechsstündigen digitalen Workshop den Blick. „Häufig ist Firmen gar nicht bewusst, dass sie bereits auf gewissen Fel­dern besonders verantwortungsbewusst unterwegs sind“, sagt Simon Gröger. Daher steht zu Beginn der Workshops immer ein Erklärstück, um die CSR-Handlungsfelder zunächst einzugrenzen: Sie lauten Beschäftigte, Umwelt, Markt/Lieferkette und Gemeinwesen. Der leichteste Zugang zu nachhaltigem Handeln führt über das Handlungsfeld Umwelt. „Natürlich weisen wir die Teilnehmenden darauf hin, dass Ökologie das bekannteste Thema ist“, sagt Simon Gröger. „Wir legen den Fokus aber besonders auf soziale Beziehungen.“ Die seien mannigfaltig und erlaubten auch kleinen und mittleren Unternehmen, mit überschaubar aufwendigen Maßnahmen Positives zu bewegen. Simon Gröger weiß von einem Betrieb, der eine junge Mitarbeiterin für ein paar Stunden die Woche freistellt, damit sie eine Jugend-Sportmannschaft am Nachmittag trainieren kann. Dieses Beispiel von „Zeitspende“ zeige, wie Handlungsfelder sich überlappen können: Die Beschäftigten haben die Erlaubnis, sich nach Neigung im Privaten zu engagieren, wovon letztlich auch das Gemeinwesen profitiere – und auch der Ruf des Unternehmens.

Verantwortungsvolles Handeln lässt sich messen
 

Das CSR-Kompetenzzentrum OWL hilft Unternehmen mit diversen Angeboten, die geeigneten Handlungsfelder für sich zu identifizieren. Dabei könne auch die Konzentration auf einige Ideen hilfreich sein, um nicht in der Flut von Möglichkeiten unterzugehen, sagt Simon Gröger. Das eigene CSR-Management nach einem Kreislaufmodell anzugehen, das auch in Politikwissenschaft und Soziologie Anwendung findet, habe sich dabei besonders tauglich für Firmen erwiesen. Fünf Schritte sieht dieses Modell vor. Zunächst definieren Unternehmen ihre Ausgangslage über den Status quo der Nachhaltigkeit und erfassen so, in welchen Handlungsfeldern es bereits Aktivitäten gibt und wo noch nicht. Im zweiten Schritt legt der Betrieb auf dieser Basis seine Ziele fest. Das Kompetenzzentrum empfiehlt, diesen Prozess durch kleine Projektteams steuern zu lassen, die möglichst unterschiedliche Abteilungen und Hierarchieebenen abdecken. Zu den gewählten Themen entwickeln die Beteiligten im dritten Schritt geeignete Maßnahmen. Über das Umgesetzte äußert das Unternehmen sich anschließend sowohl nach innen als auch nach außen. „Die Kommunikation über CSR-Aktivitäten ist uns ein besonderes Anliegen, denn viele Unternehmen sprechen noch viel zu selten über ihr Engagement“, sagt Simon Gröger. Im fünften und letzten Schritt gehe es darum, die eingeleiteten Maßnahmen zu messen und in ihrer Qualität zu bewerten. Zum Wesen der CSR gehört es, dass Unternehmen in einem selbst gewählten zeitlichen Abstand den Kreislauf von Neuem beginnen, ihren Status quo mit den erreichten Verbesserungen analysieren und neue Ziele festlegen. Denn Nachhaltigkeit ist ein stetiger Entwicklungsprozess und manifestiert sich häufig in kleinen Schritten. „Und kein Unternehmen ist auf allen Handlungsfeldern gleich stark“, so Simon Gröger. Auch wer als kleines Unternehmen kaum Einfluss auf Lieferanten besitzt, kann Handlungsfelder für sich bearbeiten, indem er etwa auf bestehende Zertifizierungen und Siegel setzt. Simon Gröger nennt dafür als Beispiel die Beteiligung an etablierten Marken wie „Familienfreundliches Unternehmen“.
 
Der allgemeinen Einschätzung, dass CSR-Maßnahmen sich schlecht messen ließen, tritt Simon Gröger entgegen. „Die Kennzahlen existieren, man muss sie nur heranziehen.“ Die Fluktuation von Mitarbeitenden oder der Krankenstand im Unternehmen seien als Indikatoren durchaus in Zusammenhang mit der Fürsorge eines Betriebs zu bringen. Maßnahmen können hier positive Veränderungen zeitigen. Sehr einfach sei der Blick auf die Ausgaben für Energieeinkauf: Geringere Kosten könnten hier auf gute Ansätze beim ressourcenschonenden Arbeiten hindeuten. Auch lohne der Blick auf die Kindertagesstätten der unmittelbaren Firmenumgebung: Die Einrichtungen, in denen viele Kinder von Mitarbeitenden untergebracht sind, könnten von Initiativen des Unternehmens profitieren. Simon Gröger kennt Angebote von Firmen an Kitas zur MINT-Frühbildung oder für Experimente mit Wasser- oder Windkraft. „Dies fällt im CSR-Bereich in das Handlungsfeld Beschäftigte und kann spielerisch und positiv zur Entwicklung und Vorbildung der Kinder von Mitarbeitenden beitragen“, sagt Simon Gröger. Solche Maßnahmen zu messen und zu bewerten, weise Parallelen zum Transparenzstandard Deutscher Nachhaltigkeitskodex (DNK) oder der Gemeinwohl-Ökonomie auf. „CSR-Initiativen können Betrieben durchaus den Anstoß geben, ihre Gemeinwohlorientierung genauer zu untersuchen“, so Simon Gröger. Die CSR-Bilanz stelle dann nach dem Messen und Bewerten der eigenen Prozesse den Berichtsteil dar. Auch hieran kann die Öffentlichkeit teilhaben: Wenn der jeweilige Bericht im Internet erscheint, können alle Bezugsgruppen die CSR-Bilanzierung einsehen. Das beugt auch einer möglichen Tendenz von Unternehmen vor, nur ihre guten Seiten darstellen zu wollen und verbesserungswürdige Bereiche unter den Tisch fallen zu lassen.

Wechselspiel von Digitalisierung und Nachhaltigkeit
 

Seit 2020 kümmert das CSR-Kompetenzzentrum OWL sich auch verstärkt um Aspekte der Digitalisierung in Unternehmen. Gemeinsam mit der Initiative für Beschäftigung OWL e. V. (IfB) entwickeln die Beteiligten im Auftrag des Wirtschaftsministeriums Nord­rhein-Westfalen über drei Jahre hinweg Maßnahmen im Förderprojekt „CSR 4.0 – Digitalisierung und Unternehmensverantwortung“. Ziel ist es hier, Unternehmen dabei zu unterstützen, Nachhaltigkeit und Digitalisierung in ihre Strategie zu integrieren. Im Projekt entsteht zum Beispiel ein praxisorientierter Leitfaden zu „Digitalisierung und Unternehmensverantwortung“. Für Simon Gröger ist von Bedeutung, dass CSR dabei mehr Aspekte umfasse, als verantwortlich mit Daten von Beschäftigten, Kundschaft und Geschäftspartnern umzugehen. „Wir arbeiten daran, Digitalisierung auch im CSR-Handlungsfeld Markt so einzusetzen, dass zum Beispiel bei Lieferketten eine größere Transparenz entsteht.“ Ein Weg dorthin könnte über Blockchains führen, also feststehende Datenregister, in die sich QR-Codes von eingesetzten Materialien und Rohstoffen einpflegen lassen. „Damit können zum Beispiel Käufer eines Textilprodukts leichter recherchieren, welche Färberei im Ausland unter welchen sozialen und ökologischen Bedingungen zugearbeitet hat“, so Simon Gröger. In der Konsequenz kann ein Betrieb hier über den Einsatz digitaler und nachhaltiger Ressourcen im Wettbewerb punkten.
 
Wenn man so will, zeigt auch die CSR-Initiative sich veränderungswillig: Digitalisierung ist inzwischen ein eigenes Handlungsfeld geworden. Damit ist ein willkommener Effekt erzielt, auf den das Kompetenzzentrum OWL auch bei den Unternehmen setzt: Innovation. Beim eingangs erwähnten Schokoladenhersteller zum Beispiel geht es nicht allein ums ökologisch produzierte und fair gehandelte Produkt. Es gibt auch eine neue Verpackungsvariante mit kompostierbarer Folie statt Aluminiumhülle. Wer solche Ideen umsetzt und entwickelt, kann schnell in Supermärkten oder Bio­läden neu gelistet werden. CSR kann Dominoeffekte auslösen: Das Wirken in neuen Handlungsfeldern sorgt für Innovationen, die wiederum neue Handlungsfelder eröffnen, wodurch neue Produkte entstehen können. Für Simon Gröger und seine Mitstreitenden sind solche Effekte „ein Beweis dafür, dass CSR Innovationen auslöst und auch dadurch zukunftsorientiert ist.“
 

Kontakt

CSR 4.0 | CSR-Kompetenzzentrum OWL
GILDE Gewerbe- und Innovationszentrum Lippe-Detmold GmbH
Wirtschaftsförderung Detmold
Simon Gröger, Projektmitarbeiter
Tel.: 05231 954220
groeger@gildezentrum.de

Autor

Volker Stephan
Tel.: 0173 3679157
post@volker-stephan.net

Ansprechperson in der G.I.B.

Andreas Bendig
Tel.: 02041 767206
a.bendig@gib.nrw.de
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