Sie sind hier: Startseite Heftarchiv 2022 Zukunft Green Economy Aus dem Quartier für die Menschen der Stadt
Navigation
 
(Heft 2/2022)
Netzwerker GrünBau gGmbH Dortmund

Aus dem Quartier für die Menschen der Stadt

Die Sozialplanung und Stadterneuerung der Stadt Dortmund arbeitet seit Langem mit quartiersbezogenen Strategien für eine nachhaltige, gemeinwohlorien­tierte Stadtentwicklung und die Beseitigung von benachteiligenden Lebenslagen. Eine Akteurin, die die Ziele der Stadt in die Umsetzung bringt, eigene Ideen entwickelt und dabei auch noch relevante Kooperationspartner*innen vernetzt, ist die Grünbau gGmbH mit Sitz in der Dortmunder Nordstadt.
In über 30 Jahren hat sich die „GrünBau gemeinnützige Gesellschaft für soziale Beschäftigung und Qualifizierung in der Stadterneuerung mbH“ (GrünBau) von einem kleinen Beschäftigungsprojekt in der Dortmunder Nordstadt zu einem selbstbewussten sozialen Unternehmen mit über 250 Mitarbeitenden und verschiedenen Tochtergesellschaften entwickelt. Die Basis für GrünBau legte Geschäftsführer Andreas Koch 1987 gemeinsam mit zwei Kollegen. Ausgehend von den Aktivitäten des Dortmunder Planerladen e. V. – einem Zusammenschluss von Studierenden der Raumplanung und Architektur, um die Laborsituation Universität zu verlassen und „mitten ins Geschehen“ einzusteigen, – riefen sie das Beschäftigungsprojekt „Bauteam grüne Nordstadt“ ins Leben. Die Idee dahinter: Berufshilfe anhand von sinnvollen Arbeiten im Quartier durchzuführen. 
 
Bis dahin war es üblich, Jugendliche überwiegend in Werkstätten zu qualifizieren, wo wenig motivierend Werkstücke produziert, die entweder in den Eigenbedarf übergingen oder vernichtet wurden. Als Starthilfe für das Bauteam grüne Nordstadt diente das „Hof- und Fassadenprogramm“, ein Förderprogramm der Stadterneuerung zur Aufwertung des Wohnumfeldes. Nach dem Motto „Beton raus – Grün rein“ übernahmen die Gründer und zehn über „Arbeit statt Sozialhilfe“ geförderte Jugendliche die Entsiegelung von Hofflächen, die Begrünung von Fassaden und Hinterhöfen für Mieter*innen und Privateigentümer*innen der Dortmunder Nordstadt. Aus dem Bauteam grüne Nordstadt gründete sich Ende 1990 die GrünBau gGmbH. Aktuell fördert GrünBau in den Bereichen Jugendhilfe, schulbezogene Angebote, Arbeitsmarktdienstleistungen, und benachteiligte Menschen bei der Integration in den Arbeitsmarkt, unterstützt sie durch ganzheitliche Angebote bei der Gestaltung ihres (Berufs-)Lebens und verbindet dies mit engagierten Projekten. Seit der Gründung hat der gemeinnützige Träger seinen Sitz mitten im Stadtteil in der Nähe des Borsigplatzes. Von dort aus beobachtet, kommuniziert und gestaltet er die Veränderungen in der Stadt aktiv mit. 

Vernetzung und Mehrzielstrategien
 

Damals wie heute war und ist der Bedarf im Dortmunder Norden hoch, einerseits Arbeitsplätze zu schaffen und andererseits das Quartier stabil und lebenswert zu erhalten. „Wir haben immer integriert gearbeitet und in unseren Projekten mehrere Ziele miteinander verbunden“, sagt Andreas Koch. Ein Blick auf die derzeitigen Arbeitsfelder von GrünBau spiegelt dies wider. Von der Pflege städtischer Flächen und Spielplätze inklusive Grünschnitt, Aufarbeitung und Überarbeitung über die Sanierung von Problemimmobilien, Mieterberatung und -betreuung für Dortmunder Wohnungsgesellschaften, Beratung und Hilfe für Wohnungslose und Neuzugewanderte bis hin zum „Urban Gardening“: Die GrünBau-Tätigkeitsbereiche sind in den vergangenen Jahren durch die Projektarbeit facettenreich angewachsen. Genauso wie das Geflecht der Partner*innen, mit denen gemeinsam Vorhaben entwickelt und umgesetzt werden. Dabei steht das soziale Engagement für bedürftige Menschen an erster Stelle, gleichwohl auch das Bestreben fortwährt, positive Impulse für die Entwicklung der Stadt auszusenden. 
 
Mittlerweile kann der sozialwirtschaftliche Akteur auf ein gewachsenes, verlässliches Partnerschaftsnetzwerk von Unterstützer*innen und Kooperationspartnern aus Verwaltung, Wirtschaft, Politik und sozialen Trägern zurückgreifen. So ist beispielsweise eine enge Kooperation mit der öffentlichen Verwaltung aus den Bereichen Kinder und Jugend, Tiefbau, Grünflächen, Soziales und Stadterneuerung mit Handwerksbetrieben und Wohnungsunternehmen entstanden. Zudem ist die GrünBau gGmbH Gründerin und Vorstand der Interessengemeinschaft Sozialgewerblicher Beschäftigungsinitiativen e. V., in den siebzehn Dortmunder Organisationen unter einem Dach gemeinsam Lobbyarbeit machen, und Programme umsetzen. Der gemeinnützige Träger ist Mitglied im Paritätischen NRW, war jahrelang in der Dortmunder Bildungskommission tätig und sitzt unter anderem im Beirat des Dortmunder Jobcenters. Und weil Kooperation und sozialer Einsatz laut Andreas Koch neben einem festen Rahmen auch finanzielle Mittel benötigt, wurde von ihm und seinen Kolleg*innen 2010 die „Dortmunder Stiftung Soziale Stadt“ ins Leben gerufen. Die Bürgerstiftung ist inzwischen eine Schlüsselinstitution geworden, um den „Aktionsplan Soziale Stadt Dortmund“ – eine Konzentration öffentlicher Fördermittel auf dreizehn benachteiligte Stadtteile im Dortmunder Norden – mit zusätzlichem Kapital und bürgerschaftlichem Engagement zu begleiten.
 
Mit den Erfahrungen aus der langjährigen Ortsansässigkeit und den Aktivitäten in der Nordstadt als Hintergrund versteht sich der Träger ganz selbstsicher als Mittler und Bindeglied zwischen Stadtverwaltung und Stadtviertel. „Wir kriegen die Bedarfe und Stimmungen des Quartiers mit und können unser Wissen von der Basis hochtransportieren, bis es Eingang findet in so etwas wie die Sozialplanung und Stadterneuerungsprogramme“, so Andreas Koch. Etwa so wie durch die Mitarbeit im „Dortmunder Netzwerk EU-Armutswanderung“ im Rahmen der Dortmunder Gesamtstrategie Neuzuwanderung der städtischen Sozialplanung. Ein Verbund diverser städtischer und nicht städtischer Akteure bringt Expertisen und Know-how fach- und trägerübergreifend auf Augenhöhe zusammen. Der Plan dahinter: gemeinsam eine Struktur zu schaffen, die flexibel auf Entwicklungen wie zum Beispiel die EU II Osterweiterung und der damit verbundenen Zuwanderung aus Rumänien und Bulgarien mit bedarfsgerechten Angeboten reagieren kann.

Gemeinnütziges Generalunternehmen in der Gebäudesanierung und frisches Gemüse aus dem Industriegebiet
 

Für das enge Zusammenspiel im Netzwerk ist die Arbeit der GrünBau Tochtergesellschaft „Viertelwerk gGmbH“ (Viertelwerk) exemplarisch. 2016 entschied sich Dortmund, seine kommunale Arbeitsmarktstrategie mit der gleichzeitigen Inwertsetzung von Problemimmobilien zusammenzuführen. Vorausgegangen war ein mit dem Bundespreis Soziale Stadt und dem Preis Stadtumbau NRW prämiertes Modellprojekt der Stiftung Soziale Stadt und GrünBau, welches in Kooperation mit der Stadt Dortmund und der Dortmunder Gesellschaft für Wohnen mbH realisiert und mit Viertelwerk in die Verstetigung überführt wurde. Hier geht es darum, zentrale Themenfelder der Stadterneuerung und Sozialplanung innerhalb einer Maßnahme nachhaltig zu bearbeiten. Arbeitslose Menschen bekommen über öffentlich geförderte Beschäftigung eine berufliche Perspektive, gleichzeitig werden sogenannte „Schrott­immobilien“ in lebenswerten Wohnraum besonders für bedürftige Personengruppen gewandelt und damit ein Beitrag zur Stabilisierung des Wohnquartiers geleis­tet. Dafür kauft die Kommune verwahrloste Immobilien an und übergibt sie in Erbpacht zur Sanierung und anschließende Vermietung und Bewirtschaftung an das gemeinnützige Wohnungsunternehmen Viertelwerk. Das Besondere daran: Die Muttergesellschaft GrünBau übernimmt die Rolle der Generalübernehmerin. Damit hat die gemeinnützige Gesellschaft das Steuer in der Hand, um Beschäftigungs- und Qualifizierungsmaßnahmen leichter einzuplanen. Zur sogenannten Personalgestellung greift sie auf die Qualifizierungsmaßnahmen von GrünBau zurück und führt die notwendigen Arbeiten kooperativ mit Fachfirmen zum Beispiel aus dem Dachdeckerei-, Heizungs-, Sanitär- und Baugewerbe durch. Die gemeinsame Tätigkeit führt arbeitslose Menschen und Betriebe zusammen, eine Win-win-Situation für Träger und Unternehmen. Denn neben der Ausführung von Auftragsarbeiten lernen Fachfirmen potenzielle neue Arbeitskräfte kennen und Arbeitslose einen möglichen Arbeitgeber. 
 
Andreas Koch und sein Team denken aber einen Schritt über die baulichen Maßnahmen hinaus. Sofern möglich, bekommen arbeitslose Bewohner*innen der Problem­immobilien die Chance, bei der Instandsetzung mitzuarbeiten. Und nach der Vermietung des sanierten Wohnhauses gibt es bei Viertelwerk eine soziale Wohnraumbegleitung, die darauf zielt, die Lebenssituation der Menschen dauerhaft zu fes­tigen. Genau das passiert aktuell an der Mallinckrodtstraße. In dem „Problemhaus“ wohnten rumänische Roma Familien unter sehr prekären Verhältnissen. „Wenn man die Menschen unterstützen und mit ihnen arbeiten will, braucht es ein ganzes Paket an Hilfestellungen drum herum“, ist der GrünBau Geschäftsführer überzeugt. Zur Verständigung, Vertrauensarbeit und Kulturvermittlung wurde erfolgreich ein Mediator eingesetzt, der selbst Teil der Community ist und ein Büro vor Ort hat. 
 
Die Mehrzielstrategie sowie die Verzahnung der  Konzepte der GrünBau gGmbH mit Bestrebungen der Dortmunder Stadtverwaltung findet sich auch in dem Projekt „QuerBEET sozial“ wieder. Ein Gewächshaus mit Außengelände ist Lernort für urbanes Gärtnern. Der eher untypische Standort: ein etwa 5.000 qm großes Industriegelände in Dortmund Hörde. Dort bilden sich ausschließlich Frauen über Arbeitsgelegenheiten fort, um ihre Chancen auf dem ersten Arbeitsmarkt zu verbessern. Finanziellen Anschub sowohl zum Aufbau der Stadtteilgärtnerei nebst anfänglichen Betriebskosten gab das Stadtteilerneuerungsprogramm Soziale Stadt Hörde des Amtes für Stadterneuerung. Ferner stellt die Stadt Dortmund das Grundstück für zunächst 10 Jahre zur Verfügung. Gewächshäuser, bunte Beete, Sozialräume, Büro oder Lager, die Gärtnerei holt nicht nur den Gartenbau zurück in die Stadt und bringt Farbe in das Industriegebiet, sondern unterstützt zudem die Dortmunder Tafel mit dem produzierten Gemüse. Frisches Gemüse aus dem Industriegebiet also! Soziale und ökologische Aspekte fließen in dieser Urban Gardening-Maßnahme symbiotisch zusammen, fördern Integration und Teilhabe von benachteiligten Personen und beeinflussen beiläufig die CO2-Bilanz der lokalen Nahrungsmittelproduktion positiv. Und das Projekt soll wachsen: Geplant ist, das Gewächshaus demnächst auch für Schulen und Kindergärten des Quartiers zu öffnen.

Selbstbewusst Partnerschaften stabilisieren und erweitern
 

GrünBau wirkt auf eine Sozial- und Gesellschaftspolitik hin, die soziale Benachteiligungen beseitigt, ein selbstbestimmtes Leben ermöglicht und sachgerechte Rahmenbedingungen für zukunftsfähige soziale Arbeit schafft. Genau diese Haltung spiegelt sich in den Projekten und Maßnahmen der letzten drei Jahrzehnte. Doch wie gelingt es, diese Motivation und das starke unterstützende Partnerschaftsgeflecht über die Jahre zu halten? Nach Aussagen von Andreas Koch gibt es in Dortmund eine über lange Zeit gewachsene Tradition der vertrauensvollen Kooperation über die Schranken von Arbeitgeber*innen und Arbeitnehmer*innen hinweg. Viele Verbindungen sind eng mit Personen verknüpft. Nur wie resilient ist das Netzwerk bei Personalwechseln? „Das ist tatsächlich ein Problem. Da muss man Energie reinstecken!“, sagt er, „deshalb ist es wichtig, alle Ebenen mitzunehmen, insbesondere die Arbeitsebene, um dort den Staffelstab weiterzugeben.“ Für das Zusammenwachsen gibt es kein Patentrezept. Doch scheint es sehr hilfreich zu sein, sich einen Beirat mit hoher fachlicher Kompetenz an die Seite zu holen. Und nicht zuletzt immer wieder wie es das GrünBau-Leitbild formuliert, mit einer „kommunikativen, offenen und emphatischen Grundhaltung“, den Mut, das Selbstbewusstsein und den Weitblick zu haben, Impulse in Richtung Politik und Verwaltung auszusenden sowie unterschiedliche Akteure an einen Tisch zu bringen und zur Mitarbeit einzuladen. 
 

Kontakte

GrünBau gGmbH
Andreas Koch, Geschäftsführer
Tel.: 0231 22616036
akoch@gruenbau-dortmund.de

Autorin

Marion Slota
Tel.: 0157 77035666
info@marion-slota.de

Ansprechpersonen in der G.I.B.

Dr. Frank Nitzsche
Tel.: 02041 767157
f.nitzsche@gib.nrw.de

Tim Stegmann
Tel.: 02041 767264
t.stegmann@gib.nrw.de
Artikelaktionen