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(Heft 2/2022)
Klimaschutz, Arbeitsplätze und Wettbewerbsfähigkeit im Rheinischen Revier

„Zeigen, dass es geht!“

Der mit dem Kohleausstiegsgesetz der Bundesregierung beschlossene Kohleausstieg ist für das Rheinische Braunkohlerevier eine enorme Herausforderung und zugleich die Chance zu zeigen, dass Klimaschutz und wirtschaftlicher Erfolg Hand in Hand gehen können. Zwischen Aachen, Mönchengladbach, Düsseldorf und Köln entsteht das weltweit ambitionierteste Klimaschutzprojekt. Gleichzeitig geht es darum, die Region für neue Unternehmen attraktiv zu machen, neue Arbeitsplätze zu schaffen und bestehende zukunftsfähig zu gestalten. Für die Prozesse des Strukturwandels in der Region ist auf Landesebene die Stabsstelle Strukturwandel Rheinisches Revier zuständig. Ein Gespräch mit Alexandra Landsberg, Leiterin dieser Stabsstelle im Ministerium für Wirtschaft, Innovation, Digitalisierung und Energie des Landes Nord­rhein-Westfalen.

G.I.B.: Frau Landsberg, auf Ihrer Homepage www.revier-gestalten.nrw sind Sätze zu lesen wie „In den kommenden Jahren wird es nirgendwo spannender als im Rheinischen Revier“ und „Hier geht es um das weltweit ambitionierteste Klimaschutzprojekt“. Was genau passiert da gerade im Rheinischen Revier, das solche Superlative rechtfertigt?
 

Alexandra Landsberg: Die Formulierungen spiegeln einfach die Realität. Man muss sich nur bewusst machen, dass CO2-Emissionen die Hauptursache für den globalen Klimawandel sind und die im Rheinischen Revier abgebaute Braunkohle zu den – von China abgesehen – weltweit größten CO2-Emittenten zählt. Und China wird in absehbarer Zeit nicht aus diesem Markt aussteigen. Mit einem Budget von 14,8 Milliarden Euro können wir neue Perspektiven gestalten. Vor diesem Hintergrund ist unser Vorhaben, die Braunkohle jetzt sukzessive komplett aus dem Markt zu nehmen, in der Tat ein gigantisches Klimaschutzvorhaben. 

Auf Ihrer Homepage ist aber auch von der „Modernisierung von Wirtschaft und Gesellschaft“ die Rede. Ihr Anspruch geht also über den Klimaschutz hinaus.
 

Tatsächlich geht es hier um einen umfassenden Strukturwandel, bei dem wir in einer Region mit 2,5 Millionen Einwohnern wie in einer Nussschale zeigen, wie die Zukunft nachhaltig gestaltet werden kann – und das früher als anderswo. Klar ist: Der Ausstieg aus der Braunkohle dient dem Klimaschutz, aber es müssen auch Ersatzarbeitsplätze entstehen. Zudem muss es gelingen, die gegenwärtig rund 50.000 Arbeitsplätze in der energieintensiven Industrie des Rheinischen Reviers in der braunkohlefreien Zukunft zu erhalten. Sollten dennoch Arbeitsplätze wegfallen, müssten sie durch neue, gut bezahlte Arbeitsplätze ersetzt werden, denn nur dann kann der Strukturwandel gelingen, wird die Gesellschaft den Umbau akzeptieren. Insofern ist das, was hier im Rheinischen Revier geschieht, ein Reallabor zur Modernisierung von Wirtschaft und Gesellschaft. 
Die Klimaschutzziele von Paris werden wir nicht im Rheinischen Revier und auch nicht in Nordrhein-Westfalen allein erreichen. Das muss ein weltweiter Prozess sein und deshalb ist es von großer Bedeutung, dass der Strukturwandel im Rheinischen Revier so erfolgreich verläuft, dass er weltweit als Vorbild gelten kann. 
Schon heute besteht ein großes internationales Interesse an unserem Vorgehen. Es erreichen uns Anfragen von internationalen Besuchergruppen auch aus Regierungskreisen, die sich anschauen wollen, was wir hier im Rheinischen Revier machen. Wenn wir diese Region weltweit als herausragenden innovativen Standort für eine erfolgreiche wirtschaftliche Zukunft vermarkten können und das im Strukturwandel erworbene Wissen weltweit verfügbar machen, dann ist das sowohl praktisch gelebtes Standortmarketing als auch ein gutes Argument für den Klimaschutz weltweit. Das erhöht nicht nur die Zahl der Anfragen zur Ansiedlung neuer Unternehmen und damit die Chance auf neue Arbeitsplätze, sondern forciert zugleich den internationalen Klimaschutz, weil wir zeigen können: Es geht! 

Aber Sie sprachen es eingangs bereits an: Weltweit größter CO2-Emittent ist China. Wenn sich dort nichts ändert, bleibt das Hauptproblem ungelöst.
 

Richtig, aber China und auch andere Staaten schauen nach Europa. Auch China macht sich auf die Suche nach neuen Wegen, unternimmt viel im Bereich Ausbau erneuerbarer Energien. Aber gleichzeitig bauen sie weitere Kohlekraftwerke. Insofern ist eine der Schlüsselfragen für den weltweiten Klimaschutz, wann dort die Kohlekraftwerke wieder runtergefahren werden. Hier kommt dem Rheinischen Revier, das ja auch his­torisch eine große Menge CO2 ausgestoßen hat, eine gewisse Vorbildfunktion zu. Je wettbewerbsfähiger und erfolgreicher wir mit unserem großen Programm sein werden, umso wahrscheinlicher ist es, dass sich auch andere Staaten trauen, den von uns gewählten Weg einzuschlagen. 

Bei der globalen Betrachtung des Themas gerät zwangsläufig der Krieg in der Ukraine in den Blick. Welche Auswirkungen hat er auf Ihr Programm? 
 

Er löst zunächst eine Verunsicherung hinsichtlich der Frage aus, ob der beschleunigte Kohleausstieg schon bis 2030 gelingen kann. Aktuell brauchen wir die Kohle noch weiter und der Energiekonzern RWE Power überlegt, wie er die Kraftwerke eine Zeit lang weiter verfügbar halten kann. Das heißt, wir agieren hier momentan auf kurze Sicht, ohne jedoch unser Ziel Kohleausstieg 2030 aus dem Auge zu verlieren. Je rascher wir beim Ausbau erneuerbarer Energien vorankommen, umso schneller werden wir unabhängig von russischem Gas. Hier zeigt sich: Wir müssen viele Herausforderungen gleichzeitig in den Griff bekommen. 

Wie lässt sich so ein immens großes Vorhaben, bei dem alles miteinander verknüpft zu sein scheint und unzählige Beteiligte mitwirken müssen, koordinieren und steuern? Welche Rolle spielt dabei Ihre Stabsstelle?
 

Der Strukturwandel im Rheinischen Revier funktioniert in einem Drei-Ebenen-System. Die Bundesregierung hat den Kohleausstieg beschlossen und setzt den Rechtsrahmen. Die Landesregierung – und hier sind fast alle Ministerien einbezogen – verantwortet den strukturpolitischen Gesamterfolg des Programms. Dabei übernimmt die Stabsstelle die Koordinierung innerhalb der Landesregierung und begleitet die Staatskanzlei fachlich bei der Arbeit mit der Bundesregierung. In der Region setzt die Zukunftsagentur Rheinisches Revier den Strukturwandel um. Zu ihren Gesellschaftern zählen die Gebietskörperschaften, die Kammern und Gewerkschaften sowie die Regionalmanagements. Sie haben gemeinsam das von der Landesregierung genehmigte Wirtschafts- und Strukturprogramm erarbeitet, in dem die Strategie für den wirtschaftlichen Transformationsprozess festgehalten ist. 
Die Grundidee dahinter ist, dass sich die Region selbst eine neue Zukunft geben muss. Das bedeutet, dass die Zukunftsagentur auf das Wirtschafts- und Strukturprogramm einzahlende Projekte von der Idee bis zur Durchführung unterstützt. Zudem fasst sie Einzelprojekte zu Projektfamilien zusammen und vernetzt Partner aus Wissenschaft, Wirtschaft, Politik und Verbänden, während die Stabsstelle mit der Landesregierung wiederum die regionalökonomische und fördertechnische Gesamtverantwortung übernimmt und letztlich über die Vergabe von Fördermitteln gemäß dem Strukturstärkungsgesetz entscheidet.

Bevor wir zu den Finanzen kommen, zunächst die Inhalte: Wie sieht das von der Zukunftsagentur für das Rheinische Revier erstellte Wirtschafts- und Strukturprogramm im Einzelnen aus? Was sind die zentralen Handlungsfelder und wie ist der aktuelle Stand?
 

Entwickelt wurde das Programm entlang der wirtschaftlichen Stärken und Kompetenzen der Region. Vor diesem Hintergrund hat die Zukunftsagentur vier Zukunftsfelder benannt: Energie und Industrie, Ressourcen und Agrobusiness, Innovation und Bildung sowie Raum und Infrastruktur. 
In den Zukunftsfeldern geht es darum, Akteure zu vernetzen, um innovative, strukturwirksame Projekte zu generieren, Wissenschafts- und Unternehmenslandschaft zusammenzuführen, um Forschungsergebnisse in Anwendung zu bringen, neu entstehende Kompetenzen beim Standortmarketing sichtbar zu machen und so insgesamt Entwicklungsimpulse in das gesamte Revier und weit darüber hinaus zu senden.
Den vier Zukunftsfeldern sind bislang 280 vorausgewählte Projekte zugeordnet. 78 von ihnen sind bereits bewilligt, für 66 weitere steht die Bewilligung noch in diesem Jahr an. Dabei stehen wir jetzt an einer wichtigen Schwelle: Die nun startenden Projekte werden für weite Teile der Bevölkerung und der Unternehmerschaft erst nach und nach erfahrbar. Alle müssen darauf vertrauen, dass gute Projekte in die Umsetzung gehen. Dieses Jahr werden die Projekte dann nach und nach sichtbar, besuchbar, erlebbar. Das ist ein Wendepunkt, ein Bewusstseinswandel: Aus großen, abstrakten Plänen wird „Strukturwandel zum Anfassen“.
So entsteht zum Beispiel im Rahmen des Zukunftsfelds Energie und Industrie der Brainergy Park Jülich, ein interkommunales, deutschlandweit einzigartiges Gewerbegebiet mit den Themenfeldern „Neue Energien“ und „Energiewende“, eine Simulationsfläche und Demonstrationsplattform für das Energiemanagement der Zukunft. Zentrum des Parks ist der Brainergy Hub, ein Living Lab für die intelligente Energieversorgung von morgen, das darüber hinaus Gründerinnen und Gründern sowie Unternehmen aus der Energiebranche attraktive Unternehmensflächen bietet. Die dahinterstehenden Forschungsinstitute verkörpern eine hoch konzentrierte Standortintelligenz auf dem Forschungsfeld neuer Energien und bürgen so für Qualität. Weitere Projektbeispiele sind der grüne Wasserstoff-Hub in Bedburg, wo Überschussstrom aus einem nahe gelegenen Windpark zur Erzeugung von Wasserstoff genutzt werden soll, Projekte für eine klimafreundliche Luftfahrt, die „Modellfabrik Papier“ in Düren, die helfen soll, bis 2045 achtzig Prozent des Energiebedarfs in der Papierproduktion einzusparen, oder das Helmholtz-Cluster für nachhaltige und infrastrukturkompatible Wasserstoffwirtschaft in Jülich. Das HC-H2 wird das bundesweit größte Wasserstoff-Innovationszentrum und soll innovative Wasserstofftechnologien zur schnellen Marktreife führen, um klimaschädliche Emissionen zu reduzieren. Das macht aus dem Rheinischen Revier eine Wasserstoff-Modellregion mit Strahlkraft in die ganze Welt und schafft vor Ort konkrete Ansiedlungsanreize für Unternehmen.

Gibt es bereits ähnliche herausragende Beispiele für die anderen Zukunftsfelder?
 

Ja, der Future Mobility Hub als Teilprojekt des Vorhabens „Mobilität der Zukunft für den ländlichen Raum“ im Zukunftsfeld „Raum und Infrastruktur“ oder die Huminstoff-Produktion aus biogenen Reststoffen im Rhein-Kreis Neuss im Zukunftsfeld „Ressourcen und Agrobusiness“. Huminstoffe werden zur Steigerung der Widerstandsfähigkeit, Qualität und Erträge von Nutzpflanzen als Bodenverbesserungsmittel eingesetzt. Basis hierfür ist derzeit fossile (Braun-)Kohle. Im Rahmen des Projekts wird eine Produktionsanlage zur Herstellung von Huminstoff aus biogenen Rohstoffen wie Gärresten, Lebensmittelresten und Gülle errichtet und erprobt.
Zum Zukunftsfeld Innovation und Bildung gehört zum Beispiel das Artificial Intelligence (AI) Village in Hürth, Europas erster voll-digitalisierter Campus mit dem Forschungs- und Kompetenzzentrum für KI und Robotik als Kernelement, ein Wirtschafts- und Innovationsstandort, der Start-ups fördert und Laborräume als Testumgebungen zu erschwinglichen Preisen zur Verfügung gestellt.
Da für das Rheinische Revier tiefgehende digitale Kenntnisse junger Menschen als Fachkräfte von morgen unverzichtbar sind, ist für das Zukunftsfeld Innovation und Bildung auch die offene CodingSchool in Mönchengladbach zu erwähnen. Das Projekt des Arbeitsministeriums, an dem sich auch das Schulministerium beteiligt, ist Teilvorhaben einer geplanten Gründerfabrik, die es jungen Menschen ermöglicht, sich im Bereich Programmierung umfassend weiterzubilden und beruflich zu orientieren.

Wie ist die Zivilgesellschaft in die Entwicklung und Umsetzung der Projekte einbezogen; gibt es da auch klar geregelte Verfahren? Und: Gibt es auch Bedenken oder Widerstand gegen einzelne Vorhaben? 
 

Die Landesregierung misst Transparenz und Partizipation im Rheinischen Revier eine große Bedeutung zu. Die Zukunftsagentur Rheinisches Revier hat deshalb breite Beteiligungsstrukturen in der Region aufgebaut, die ausgebaut werden sollten. Diese Strukturen tragen dazu bei, eine neue gemeinsame und zukunftsgerichtete Identität für das Rheinische Revier zu schaffen. Des Weiteren unterstützt und begleitet die Landesregierung die Aktivitäten der Zukunftsagentur Rheinisches Revier zur Jugendbeteiligung im Rheinischen Revier. So fand Ende des letzten Jahres in Halle ein Planathon mit dem Titel „Jugend gestaltet Strukturwandel“ statt. Im Nachgang zur Veranstaltung hat eine Delegation Jugendlicher ein Jugendgutachten ausgearbeitet, in dem die Jugendlichen ihre Visionen und Handlungsempfehlungen für die Gestaltung des Strukturwandels in den Kohleregionen an politische Entscheidungsträger formulieren. Das Jugendgutachten soll nun an Vertreterinnen und Vertreter der Bundesregierung und der vier Landesregierungen übergeben werden.

Im Zuge des Strukturwandels gehen nach Ihren eigenen Berechnungen allein bei RWE rund 9.000 Arbeitsplätze in der Braunkohlewirtschaft verloren. Hinzu kommen induzierte Arbeitsplätze bei den Zulieferern und im Bereich der Dienstleistungen. Kann es mit Ihrem Programm gelingen, einen Großteil der Arbeitsplätze in der Energiewirtschaft und in der – noch – energieintensiven Industrie zu erhalten und neue Arbeitsplätze zu schaffen? 
 

Mit Blick auf zusätzliche neue Arbeitsplätze gibt es schon heute eine gute Nachricht: So hat jüngst die von uns in Auftrag gegebene IW-Consult-Studie zu den Arbeitsplatz- und Wertschöpfungseffekten der Strukturförderung im Rheinischen Revier gezeigt, dass die Zukunftstechnologien zum Jobmotor werden. Demnach ist mit 27.000 neuen Arbeitsplätzen und einem Wertschöpfungspotenzial von mehr als 50 Milliarden Euro zu rechnen. Damit würden die durch den Ausstieg aus der Braunkohle-Verstromung voraussichtlich wegfallenden Arbeitsplätze mehr als kompensiert. Wenn alles gut läuft, sind sogar 5.000 weitere neue Arbeitsplätze möglich. Mehr noch: Von den Veränderungen profitieren auch Zulieferer und Menschen außerhalb der Region, die in Bau und Betrieb der Projekte eingebunden sind. Laut IW Consult wirken die Innovationsimpulse auch in die angrenzenden Metropolen Köln oder Düsseldorf hinein, sodass außerhalb des Reviers zusätzlich rund 13.000 Arbeitsplätze entstehen. Für diesen Erfolg ist es entscheidend, dass wir die Unternehmen mit der Strukturförderung wirksam erreichen.
Zu Recht sagen Sie „noch energieintensive Industrie“, denn genau darum gehts bei der Industrie. Tatsächlich hatte sich in der Vergangenheit im Rheinischen Revier aufgrund der sicheren, günstigen Energieversorgung durch Braunkohle mit den Branchen Aluminium, Ernährungswirtschaft, Chemieindustrie und Papierherstellung eine erfolgreiche energieintensive Industrie angesiedelt. Sie wird in den nächsten Jahren nicht aufgrund des Braunkohleausstiegs, sondern aufgrund der Entwicklung der CO2-Preise mit steigenden Preisen umgehen müssen und durch neue technische Prozesse mit weniger Energie auskommen müssen, um Kosten zu reduzieren.
Denkbar und realistisch sind da zum Beispiel die rohölfreie Raffinerie, die Papierherstellung ohne Wasser, eine Ernährungswirtschaft, die offensiv Abwärme nutzt oder eine Aluminiumindustrie, die statt mit Primär- mit Sekundäraluminium arbeitet. Das alles ist Grundlage dafür, dass die rund 50.000 Arbeitsplätze in der energieintensiven Industrie erhalten bleiben – oder sogar neue dazu kommen. 

Bevor so neues Geld in die Region fließt, muss Geld investiert werden. Welche und wie viele Fördermittel stehen Ihnen für die Flankierung des Strukturwandels im Rheinischen Revier zur Verfügung?
 

Uns stehen bis 2038 rund 14,8 Milliarden Euro zur Verfügung. Davon ist ein Drittel in originärer Zuständigkeit des Landes und zwei Drittel stammen aus einer Vielzahl von Bundesprogrammen. Grundsätzlich ist es so, dass wir jedes Bundesprogramm adressieren können, wenn wir in Berlin die Zuständigen von der Qualität eines Projekts überzeugen können. Zurzeit sind wir im Gespräch mit dem Bund, um das Verfahren bei der Identifikation passender Förderprogramme zu optimieren.
Investive Maßnahmen können vorrangig über die „Rahmenrichtlinie Investitionsgesetz Kohleregionen des Landes Nordrhein-Westfalen“ gefördert werden. Hier können wir grundsätzlich auch die Förderung von investitionsvorbereitenden Maßnahmen über die Rahmenrichtlinie prüfen. Ansonsten sind vorbereitende Maßnahmen wie etwa Gutachten und Studien als konsumtive Maßnahmen grundsätzlich über die Förderrichtlinie zur „Stärkung der Transformationsdynamik und Aufbruch in den Revieren und an den Kohlekraftwerkstandorten“ (kurz: STARK) förderfähig, ein erfolgreiches, auch auf Vorschlag von Nord­rhein-Westfalen neu geschaffenes Programm der Bundesregierung. Diese vorbereitenden Untersuchungen sichern die Qualität der Projekte und stärken den Antragstellenden den Rücken. 
Hervorzuheben ist darüber hinaus der „Just Transition Fonds“ (JTF) der Europäischen Union. Hier können wir besonders gut kleine und mittlere Unternehmen adressieren. 

Welche über den JTF geförderten konkreten Unterstützungsangebote speziell für kleine und mittlere Unternehmen sind zu erwarten?
 

Die Landesregierung plant ein neues Breitenförderprogramm „Zukunftsgutscheine“. Hintergrund des Programms ist die Tatsache, dass die Schaffung neuer Wertschöpfung und neuer Arbeitsplätze im Rheinischen Revier bei den regionalen Unternehmen erfolgen muss. Besondere Wachstumschancen ergeben sich nachweislich bei der Transformation von Geschäftsmodellen in Richtung Klimaverträglichkeit, Green-Deal-bezogener Wachstumsfelder und Digitalisierung. Bei diesem Prozess wollen wir in Partnerschaft mit der Zukunftsagentur, den Kammern und der Agentur für Arbeit die Unternehmen mit dem neuen Breitenförderprogramm der „Zukunftsgutscheine“ umfassend unterstützen. 
 
Dabei sind die „Zukunftsgutscheine“ an zwei Gruppen von KMU im Rheinischen Revier adressiert. Ers­tens: Direkt vom Kohleausstieg betroffene KMU, die ihr Geschäftsmodell ändern, um neue Absatzmärk­te zu adressieren und so Wertschöpfung und Beschäftigung im Unternehmen zu sichern. Zweitens: KMU, die zwar nicht direkt vom Kohleausstieg betroffen sind, die ihr bisheriges Geschäftsmodell aber transformieren oder weiterentwickeln, um in den auf den Green-Deal oder die Digitalisierung bezogenen Wachstumsfeldern des Rheinischen Reviers neue Geschäftschancen zu nutzen und neue Wertschöpfung und Beschäftigung zu schaffen.
Die Transformation von Geschäftsmodellen umfasst dabei Produkt-, Prozess- oder Organisationsinnovationen mit dem Ziel, für das Unternehmen neue Kundengruppen und insbesondere klimaschutz- und digitalisierungsbezogene Märkte zu adressieren oder in ihren bestehenden Märkten neue, innovative Lösungen für mehr Klima- und Umweltschutz sowie klimaneutrale Produktion oder Produkte zu entwickeln. 

Inwiefern sind die Beschäftigten in das Förderprogramm einbezogen?
 

Die Zukunftsgutscheine setzen sich aus vier Bausteinen zusammen, wovon zwei unmittelbar das Personal in den Unternehmen betreffen. Der erste Baustein betrifft die Förderung einer externen Beratung zu strategischen, rechtlichen, technischen oder betriebswirtschaftlichen Fragestellungen im Rahmen der Transformation. Der zweite Baustein bezieht sich auf die Förderung personeller Ressourcen in Unternehmen, die für die Transformation oder Weiterentwicklung erforderlich sind. Der dritte Baustein umfasst die Förderung von für die Transformation erforderlichen Investitionen in Innovationsaktivitäten und betriebliche Vermögenswerte, wie etwa Maschinen und Anlagen, in Hinblick auf eine klimafreundliche und digitalisierte Wirtschaft, und im vierten Baustein geht es um die Förderung notwendiger Qualifizierungsmaßnahmen in bestehenden Belegschaften.

Zum Abschluss eine etwas provokante Frage: Rund 50.000 Beschäftigte sind im Rheinischen Revier in energieintensiv produzierenden Unternehmen tätig, was rund fünf Prozent aller Beschäftigten in diesem Wirtschaftsraum entspricht. Kritische Stimmen sind der Auffassung, dass angesichts dieses Anteils zu viele Fördermittel in die Region fließen. Was halten Sie von solchen Bedenken?
 

Schaut man lediglich auf die Beschäftigtenzahl und die Zahl der 2,5 Millionen Menschen, die in dieser Region leben, erscheint die Summe außergewöhnlich hoch – und das ist sie ja auch. In die richtige Relation gesetzt wird sie aber erst dann, wenn man sich vor Augen führt, dass hier etwas geschieht, was es vorher in Deutschland so noch nie gegeben hat: Mit dem Braunkohleausstieg gibt man aus Klimaschutzgründen eine komplette Branche auf, die mittelfristig noch eine wirtschaftliche Perspektive gehabt hätte. Das war beim Strukturwandel im Ruhrgebiet etwas völlig anderes, denn da hing die Kohlebranche schon seit vielen Jahren am Fördertopf. Damit das hier nicht passiert, ist präventive, vorsorgende Strukturpolitik gefragt. Insofern sind die Mittel angemessen, zumal wir eine über die Region hinausreichende Verantwortung haben. Wenn uns hier der Strukturwandel gelingt, ist das ein international wirkendes Vorzeigemodell, das auch anderen Ländern Mut macht, den gleichen Weg zu gehen. Wenn wir hier im Rheinischen Revier den Strukturwandel schaffen, sind wir einen Riesenschritt weiter im Menschheitsprojekt Klimaschutz. 
 

Kontakt

Alexandra Landsberg
Leiterin der Stabsstelle für den
Strukturwandel im Rheinischen Revier
Ministerium für Wirtschaft, Innovation,
Digitalisierung und Energie
des Landes Nordrhein-Westfalen
Tel.: 0211 61772417
alexandra.landsberg@mwide.nrw.de

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Interview und Text

Paul Pantel
Tel.: 02324 239466
paul.pantel@vodafonemail.de
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