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(Heft 2/2022)
Wie Randzeitenbetreuung den Pflegealltag erleichtert

„Kinderbetreuung ist kein individuelles Vereinbarkeitsproblem, sondern ein gesellschaftliches“

Das REACT-EU-Projekt „Eulen und Lerchen“ bietet eine passgenaue Randzeitenbetreuung für Familien. Der Verein Mütterzentrum Dortmund e. V. vermittelt Kinderbetreuer*innen für Familien, in denen die Eltern in Früh- oder Spätdienst als Pflegepersonal im Krankenhaus arbeiten. Ziel ist es, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu fördern. Die G.I.B. sprach darüber mit Nicole Siegmann und Maureen Schneider vom Mütterzentrum.

Was beinhaltet das Projekt „Eulen und Lerchen“ und welche Aufgaben hat das Mütterzentrum? 
 

Maureen-Schneider.jpgMaureen Schneider: Es gibt Menschen mit Kindern, die in der Pflege arbeiten und früh raus müssen oder spät nach Hause kommen. Da fehlen morgens schon mal dreißig Minuten Betreuung für die Kinder oder auch bis zu fünf Stunden am Nachmittag und Abend. Wir sprechen dann von Randzeiten. Und hier kommen die „Eulen und Lerchen“ ins Spiel, ein Projekt zur Randzeitenbetreuung für Kinder von Pflegepersonal. Die Lerchen sind ehrenamtliche Frühaufsteher*innen, die Kinder von Pflegepersonal zu Hause in den morgendlichen Randzeiten betreuen. Die sogenannten Eulen übernehmen dann den Spätdienst. Wir führen das Projekt gemeinsam mit zwei Kliniken in Dortmund durch, die sich besonders stark für familienfreundliche Arbeitsmodelle engagieren. Unser Verein vermittelt Kinderbetreuungspersonen an das Pflegepersonal dieser Kliniken, also Familien, die Randzeitenbetreuung benötigen. Wir wählen die ehrenamtlichen „Eulen und Lerchen“ aus, organisieren Weiterbildungen und koordinieren die Einsätze. Uns ist die Qualitätssicherung wichtig. Deshalb führen wir intensive Vorgespräche. In einem umfangreichen Ausbildungsprogramm schulen wir die zukünftigen Betreuer*innen und lernen sie kennen. Denn es ist wichtig, dass Betreuer und Familien gut aufeinander abgestimmt sind. Natürlich steht das Kindeswohl im Vordergrund. Bei allen Beteiligten muss das Bauchgefühl stimmen, und es muss sich ein Vertrauensverhältnis entwickeln. Denn die Betreuer*innen bewegen sich innerhalb der Wohnung der Familie und damit in deren Privatsphäre. 

Weshalb sind Betreuungsangebote zu den Randzeiten wichtig? 
 

Nicole-Siegmann.jpgNicole Siegmann: Früher hat die Großfamilie die Betreuung übernommen. Jetzt steigen die Anforderungen an die Arbeitnehmer*innen an zeitlicher und räumlicher Flexibilität. Zudem bricht das familienunterstützende System weg, da viele Menschen in Kleinfamilien oder alleinerziehend leben und die Erwerbsbeteiligung von Frauen zur eigenständigen Existenzsicherung gestiegen ist. Da springen wir als Verein ein. Die institutionellen Angebote wie Kitas sind zwar gut, aber leider selten flexibel genug für Schichtdienste. Die Randzeitenbetreuung ermöglicht den Eltern die Berufstätigkeit und sichert deren Beschäftigungsfähigkeit. Aus Sicht der Kliniken ist das Halten und Gewinnen von Fachkräften ein wichtiges Ziel. Wir als Gesellschaft müssen uns überlegen, wie wir Familie und Beruf so gestalten, dass die Familien nicht in die Knie gehen, oder in erster Linie die Mütter, die oft einer Mehrfachbelastung ausgesetzt sind.

Wer ist die Zielgruppe des Projekts? 
 

Maureen Schneider: Die Zielgruppe sind Arbeitneh­mer*innen der beiden beteiligten Kliniken, die entweder Kinder im Alter bis 13 Jahren im eigenen Haushalt betreuen oder zusätzlich aufgrund ihrer Familiensituation besonderen Unterstützungsbedarf haben, wie beispielsweise alleinerziehende Eltern. 

Wer sind die Auftraggebenden und was war der Anlass für das Projekt? 
 

Nicole Siegmann: Die Kliniken „Katholische St-Johannes-Gesellschaft gGmbH (SJGD)“ und das „Klinikum Dortmund des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL Klinik)“ sind aktiv auf uns zugekommen. Der generelle Personalmangel und die erschwerten Bedingungen während der Coronapandemie haben deren Initiative befördert. Kliniken sind Arbeitgeber und sie erkennen, dass ihre Arbeitnehmer*innen Familie und Beruf miteinander verbinden können sollten. Die Kliniken stehen seit vielen Jahren vor diesen Herausforderungen, aber durch Corona war die Belas­tungsgrenze erreicht und der Handlungsdruck enorm. Schon vor Projektbeginn hatten die Kliniken mehrere Familien auf der Warteliste vorgemerkt. 

Welche Akteure sind am Projekt beteiligt und wie ist es finanziert? 
 

Nicole Siegmann: Das kommunale Engagement beim Projekt „Eulen und Lerchen“ ist hoch. Die Dortmunder Wirtschaftsförderung mit ihrem Arbeitsschwerpunkt „Work & Care“ hat uns finanziell bei der Konzeption des Projektes unterstützt. Die Initiative für das Projekt kam aus dem Netzwerk „Randzeitenbetreuung“, das Ende 2019 von Gleichstellungsbeauftragten der beiden Krankenhausgesellschaften ins Leben gerufen wurde. Mittlerweile ist dieser Arbeitskreis mit Vertreter*innen des Jugendamtes, freien und kommunalen Trägern von Kinderbetreuungsangeboten und der Arbeitsverwaltung sehr breit aufgestellt und damit ein wichtiger Begleiter des Randzeiten-Projektes. Unser Projekt zeigt, wie hoch der Bedarf für die Mitarbeitenden ist: Die SJGD und die LWL Klinik übernehmen den kompletten finanziellen Eigenanteil in Höhe von 20 Prozent der Projektkosten. Das ist eine Besonderheit dieses Projekts. Die übrigen 80 Prozent der Fördermittel kommen aus dem Europäischen Sozialfonds. 

Welche Bedarfe haben Familien, die in der Pflege arbeiten? 
 

Maureen Schneider: Ganz unterschiedlich, von dreißig Minuten Betreuung früh morgens über den Abholdienst von der Kita bis hin zur fünfstündigen Betreuungszeit am Nachmittag und Abend. In einer Familie sind in der Regel zwei Betreuerinnen eingesetzt. Das gewährleistet bei Krankheit oder Urlaub die Betreuung des Kindes mit einem vertrauten Menschen. 
 
Nicole Siegmann: Sowohl Pflege, Care-Arbeit als auch Ehrenamt sind weiblich geprägt. Meist sind es die Mütter, die uns den Betreuungsbedarf anzeigen. Pflegepersonal in Deutschland sind mehrheitlich Frauen. Oft sind es die Frauen, auf denen die Doppelbelastung Familie und Beruf liegt, und meist sind es Frauen, die sich ehrenamtlich engagieren. Das zeigen nicht nur Studien, sondern auch unsere langjährigen Erfahrungen aus anderen Projekten. 

Wie gestalten Sie die Akquise der Ehrenamtlichen? Wer bewirbt sich?
 

Maureen Schneider: Wir fahren in die Nachbarschaften und hängen Plakate in Lebensmittelgeschäften auf. In Zeitungsartikeln wird darüber berichtet. Die Menschen stolpern über die Begriffe „Eulen und Lerchen“ und werden neugierig. Eine Klinik hat ein Alumni-Netzwerk, das zur erfolgreichen Vermittlung zweier Betreuerinnen führte. Auf digitalen Wegen wie auf eBay-Kleinanzeigen, auf dem Portal nebenan.de und Nachbarschaftsgruppen auf Facebook erreichen wir auch Bewerber*innen. Wir verteilen Handzettel in den Briefkästen. Das ist zurzeit die effektivste Methode, um passende Betreuungskräfte zu finden. Wir achten darauf, dass Betreuende und Familien in einer Nachbarschaft leben, damit die Anfahrtswege kurz sind. Viele Betreuerinnen sind im Ruhestand und haben selbst in der Pflege gearbeitet. Sie kennen die Bedarfe, möchten anderen helfen und sind mit dem Herzen dabei. 

Müssen die Ehrenamtlichen eine besondere Ausbildung vorweisen?
 

Maureen Schneider: Eine pädagogische Ausbildung ist keine Bedingung. Die Betreuungsperson muss menschlich zu den Kindern und zur Familie passen. Die Ehrenamtlichen, die wir zuvor sorgfältig ausgewählt haben, nehmen an unserem Einführungstraining teil. Hier werden sie für wichtige Themen der Kinderbetreuung sensibilisiert. Dabei geht es um Erwartungen der Ehrenamtlichen sowie der Familien, um Kindeswohl und Kommunikation. Wir sprechen aber natürlich auch über rechtliche Dinge, wie den Datenschutz.
 
Nicole Siegmann: Als Mütterzentrum haben wir langjährige Erfahrung in der Ausbildung von Tagesmüttern, was diesem Projekt zugutekommt. Ein Erste-Hilfe-Kurs ist zu absolvieren und das erweiterte polizeiliche Führungszeugnis wird angefordert. Im Kontext dieses Projekts kommt es darauf an, das Herz am richtigen Fleck zu haben und liebevoll mit Kindern umzugehen. Das ist uns sehr wichtig und das ist Hauptkriterium für die Auswahl.

Viele Familien warten bereits auf die Betreuung. Wer darf mitmachen? 

Nicole Siegmann: Die am Projekt beteiligten Krankenhäuser führen eigene Listen mit Familien, die Bedarf angezeigt haben. Von den Häusern, in denen es familienunterstützende Dienste gibt, bekamen wir schnell Familien vermittelt. Das zeigt, dass es eine Sache des Vertrauens ist, sich auf eine Randzeitenbetreuung einzulassen. Durch unsere Anbindung an die Personalabteilungen, deren hervorragendes Engagement und die bereits etablierten Strukturen innerhalb der Kliniken konnten wir das Projekt gemeinsam gut starten. 

Welche Herausforderungen haben Sie im Projekt erlebt? 
 

Maureen Schneider: Die Familien sind „on fire“, dass es losgehen kann, aber wir brauchten anfangs Zeit zur Organisation und Auswahl. Wegen hoher Coronafallzahlen mussten wir umdenken, als zum Beispiel die öffentlichen Erste-Hilfe-Kurse abgesagt wurden. Da haben wir Inhouse-Schulungen organisiert. 
 
Nicole Siegmann: Eine weitere Hürde war die Fluktuation unter den jüngeren Ehrenamtlichen. Die erklären wir uns mit sich schnell verändernden Lebensumständen, sei es Umzug oder ein neuer Uni-Stundenplan. So legen wir den Fokus auf Senior*innen, sie haben meist einen stetigeren Alltag und sind verlässlich. Der Zeit- und der Personalaufwand in diesem Projekt setzen große Flexibilität voraus. Die Durchführung braucht flexibles Personal, das ideenreich ist und sich gut miteinander abstimmt. 

Wie schätzen Sie die Rolle der Gesellschaft beim Thema Randzeitenbetreuung ein? 
 

Nicole Siegmann: Kinderbetreuung ist kein individuelles Vereinbarkeitsproblem, sondern ein gesellschaftliches. Es muss verlässliche Strukturen geben, die kindgerecht gestaltet werden. Wir überlegen im Verein oft, wie es wäre, aus dem Ehrenamt zukünftig sozialversicherte Beschäftigungsverhältnisse zu entwickeln. Das wäre ein Riesenziel. Andere Ideen gehen in die Richtung, die Kinderbetreuung auf dem zweiten Arbeitsmarkt zu verankern, etwa als Projekt mit Langzeitarbeitslosen. Bis dahin bleibt es eine Schieflage in der Gesellschaft. Es wird nicht ausreichend anerkannt, welchem extremen Organisationsdruck Familien und insbesondere Mütter ausgesetzt sind. Auch die Arbeit der Betreuungspersonen müsste ausreichend sozialversicherungspflichtig abgesichert werden.

Was können Arbeitgeber von Ihnen lernen?
 

Nicole Siegmann: In puncto Nachhaltigkeit raten wir Arbeitgebern, sich zusammenzutun, um ein solch aufwendiges Projekt zu finanzieren. Es braucht eine gute Vorbereitung und Organisation. Vieles muss bedacht werden, etwa die steuerlichen Rahmenbedingungen, damit den Beschäftigten kein geldwerter Vorteil aufgrund von Betreuung entsteht. Hier kann die Einbettung in eine andere Organisationsform als die unsere empfehlenswert sein: Wir sind Dienstleister für Arbeitgeber und arbeiten daran, das Projekt zu verstetigen. Es ist nicht damit zu rechnen, dass das Steuerrecht im Hinblick auf Entlastung für Familien in absehbarer Zeit geändert wird, auch wenn das wünschenswert wäre. Also muss die Frage lauten: Wie kommen wir unter den gegebenen Umständen zu einer guten Lösung der Finanzierung? Ein ähnliches Projekt in Essen „Sonne, Mond und Sterne“ wird seit 2015 vom Verband alleinerziehender Mütter und Väter (VAMV) durchgeführt. Deren Projekt wird vom Jugendamt und dem Jobcenter finanziell unterstützt. Auch hier schließt die ergänzende Kinderbetreuung Betreuungslücken und ermöglicht in diesem Fall alleinerziehenden Eltern, ihr Einkommen zu erwirtschaften.

Welche Branchen können von Ihren Erfahrungen profitieren?
 

Nicole Siegmann: Der Ansatz, familienfreundliche Strukturen zu schaffen, ist branchenunabhängig. Wie sind die Beschäftigungsverhältnisse organisiert, das ist die ausschlaggebende Frage. Wie sind die Arbeitsbedingungen? Immer dann, wenn eine zeitliche und räumliche Flexibilität abgedeckt werden muss, die schwer mit der institutionellen Kinderbetreuung zu vereinbaren ist, dann ist der Einstieg in ein Randzeitenbetreuungs-Projekt relevant für Arbeitgeber. 
 
Maureen Schneider: In einer Situation des Fachkräftemangels haben eigentlich fast alle Arbeitgeber ein großes Interesse daran, ihre Arbeitnehmer*innen bei der Sorgearbeit zu unterstützen. Ihre Arbeitskraft wird damit gehalten und die Attraktivität als Arbeitgeber wird massiv gesteigert.
 
Nicole Siegmann: Arbeitgeber sollten prüfen, ob sie einer Mutter oder einem Vater diese strukturelle Verlässlichkeit zugestehen können. Oft geht es nur um eine halbe Stunde im Dienstplan, die für Menschen mit Sorgearbeit nicht abgedeckt werden können. Hier sind betriebliche Regelungen zu prüfen, die besondere Bedarfe der Familien berücksichtigen. Hier könnten Arbeitgeber überlegen, eine Ungleichbehandlung in Kauf zu nehmen. Arbeitnehmer*innen haben unterschiedliche Bedarfe und Bedürfnisse. Ich denke, verlässliche Kinderbetreuung und -erziehung ist im Sinne einer zukunftsfähigen Gesellschaft immens wichtig und sollte auch bei Arbeitgebern entsprechend gewürdigt werden. 

  • Modellprojekt „Randzeitenbetreuung – Ergänzende Kinderbetreuung in Dortmund im elterlichen Haushalt für Pflegekräfte im Klinikbereich“ 
  • Kooperation zwischen der Katholischen St-Johannes-Gesellschaft gGmbH, dem Klinikum Dortmund des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL Klinik), und dem Mütterzentrum Dortmund e. V. als Projektträger 
  • Förderung: REACT-EU-Mittel (Europäischer Sozialfonds) und Eigenanteil der Kliniken 
  • Im Oktober 2021 wurde das Projekt gestartet. Die Laufzeit dauert bis März 2023

 

Kontakt

Nicole Siegmann, Geschäftsführerin
Maureen Schneider, Projektmitarbeiterin
REACT-Projekt Randzeitenbetreuung „Eulen & Lerchen“
Mehrgenerationenhaus
Mütterzentrum Dortmund e. V.
Tel.: 0231 9978960
https://muetterzentrum-dortmund.de

Autorin

Hanna Göhler
Tel.: 01577 6332164
hanna.goehler@digitalhabitat.de 

 

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