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(Heft 2/2022)
„dieKümmerei“ in Köln-Chorweiler

„Die Grenzen zwischen Gesundheits- und Sozialwesen aufbrechen“

Unbürokratische und schnelle Hilfe bei allen Gesundheits- und Sozialthemen – das bietet seit September 2021 „dieKümmerei“ für die Menschen in Köln-Chorweiler. Das Team der von der Herznetzcenter GmbH und der AOK Rheinland/Hamburg initiierten Quartierszentrale ermöglicht Hilfesuchenden einen niedrigschwelligen Zugang zu medizinischen und sozialen Leistungen.
„Unser Ziel ist eine Veränderung der bisherigen Strukturen hin zu einem Angebot, in dem Hilfe suchende Menschen nicht ständig weiterverwiesen werden, sondern gebündelt bei einer zentralen Anlaufstelle alle nötige Unterstützung finden“, sagt Birgit Skimutis, Leiterin der „Kümmerei“. Diese Unterstützung stellt ihr neunköpfiges Team sicher. Ihren Sitz hat die Einrichtung direkt in der Mitte des Stadtteils Köln-Chorweiler in einem Ladenlokal in der unteren Etage eines für das Quartier, oder das „Veedel“, wie man in Köln sagt, typischen Wohnhochhauses. Das Team ist multiethnisch, mehrsprachig und multidisziplinär aufgestellt. Pflegefachkräfte, Sozialpädagog*innen, Gesundheitswissen­schaftler*innen, medizinische Fachangestellte und andere Professionen arbeiten Hand in Hand und decken so unter anderem die Kompetenzbereiche medizinische Versorgung, Case Management und Pflege ab. Die Mitarbeiter*innen der „Kümmerei“ sprechen insgesamt dreizehn Sprachen. So sind sie in der Lage, für die Hilfesuchenden zu übersetzen, sie zu unterstützen, zu begleiten, zu beraten oder sie an andere Einrichtungen vor Ort zu vermitteln.
 
„Der zentrale Erfolgsfaktor des Kümmerei-Ansatzes ist es, die Grenzen zwischen Gesundheits- und Sozialwesen aufzubrechen und somit die Angebote der Gesundheitsversorgung mit den sozialen Angeboten der Kommunen zu vernetzen“, sagt Birgit Skimutis. „Das erreichen wir dadurch, dass mehrsprachige und multiethnische Gesundheitslots*innen im persönlichen Gespräch gemeinsam mit den Bürger*innen im Veedel die gesundheitlichen und sozialen Bedürfnisse identifizieren und dann Maßnahmen einleiten und koordinieren. Unser Team berät zu medizinischen und sozialen Angeboten vor Ort, vermittelt Termine bei Haus- und Fachärzten sowie in Angebote aus dem sozialen Bereich. Und es führt auch Schulungen zu Prävention und Gesundheitsförderung vor Ort durch.“ Zudem bieten in der „Kümmerei“ knapp 30 Mitarbeitende von 19 verschiedenen Institutionen und Einrichtungen regelmäßig Sprechstunden an. Dazu zählen zum Beispiel Fallmanager*innen des Jobcenters oder auch Fachkräfte der Krebsberatung Köln.
 
Entstanden ist das Projekt „dieKümmerei“ aus dem Versorgungsvertrag „HerzNetz-Köln²“ der AOK Rheinland/Hamburg. Seit 2012 richtete sich dieser Versorgungsvertrag zunächst an Versicherte mit chronischer Herzinsuffizienz im gesamten Kölner Stadtgebiet. „Eine 2018 extern durchgeführte wissenschaftliche Evaluation hat gezeigt, dass durch die engmaschige Betreuung – eben das ‚sich Kümmern‘ um diese chronisch kranken Menschen – ihre Versorgung und vor allem ihre individuelle Lebensqualität deutlich verbessert werden konnten“, sagt Matthias Mohrmann, Vorstandsmitglied der AOK Rheinland/Hamburg. „Die gut funktionierenden Strukturen dieses Projekts haben wir dann 2019 in das Konzept der „Kümmerei“ übertragen.“ 
 
Um „dieKümmerei“ in Köln-Chorweiler zu etablieren, wurde ein sogenannter „Selektivvertrag“ zwischen der HerzNetzCenter GmbH und der AOK Rheinland/Hamburg geschlossen, aus dem „dieKümmerei“ seitdem finanziert wird. Zum 1. Oktober 2021 ist auch die IKK classic dem Vertrag beigetreten, sodass derzeit zwei Krankenkassen die „Kümmerei“ tragen. Weitere Krankenkassen sollen folgen. Aufgebaut wurde das Netzwerk von der HerzNetzCenter GmbH gemeinsam mit der AOK Rheinland/Hamburg, der Stadt Köln und den vor Ort bereits engagierten Akteuren und Initiativen.

Vorbild „Gesundheitskiosk“ in Hamburg
 

Ihr Vorbild hat „dieKümmerei“ in Hamburg. Dort wurde seit 2017 in den Stadtteilen Billstedt und Horn ein regionales, integriertes Gesundheitsnetzwerk mit Fokus auf Prävention, Gesundheitsförderung und -erhaltung aufgebaut. Das Herzstück dieses Netzwerks ist ein sogenannter „Gesundheitskiosk“, der die organisatorische Schnittstelle zwischen der medizinischen Versorgung und dem Sozialraum darstellt. Solche Gesundheitskioske wurden durch die AOK Rheinland/Hamburg mittlerweile auch an zwei Standorten in NRW implementiert. Im ersten Halbjahr 2022 wurden im Aachener Stadtteil Rothe Erde und in Essen-Altenessen zwei Einrichtungen eröffnet. Weitere Gesundheitskioske in Solingen, Duisburg und Krefeld sind in Vorbereitung.
 
Warum als Standort für „dieKümmerei“ Köln-Chorweiler ausgewählt wurde, beantwortet AOK-Vorstand Matthias Mohrmann so: „Wir haben die Modellregion aufgrund der gesundheitsbezogenen und sozioökonomischen Gegebenheiten ausgesucht. Neben wirtschaftlicher Benachteiligung – in Chorweiler leben zum Beispiel sehr viele Menschen, die auf Sozialleistungen angewiesen sind und die Jugendarbeitslosigkeit ist hoch – stehen vor allem gesundheitliche Faktoren wie das Auftreten von Übergewicht, mangelnde sportliche Betätigung sowie die geringe Inanspruchnahme von Vorsorgeuntersuchungen im Fokus.“
 
„dieKümmerei“ verfolgt einen ganzheitlichen Ansatz, der alle Faktoren des Sozial- und Gesundheitswesens vereint. Das Konzept sieht sowohl spontane Kontaktaufnahmen vor als auch feste Beratungstermine und eine langfristige Betreuung. Zudem gehen Kulturmittler*innen proaktiv auf die Menschen im Veedel zu und machen regelmäßig auf die Angebote der „Kümmerei“ aufmerksam. Das Angebot richtet sich insbesondere an die Menschen, für die der Zugang zum Gesundheitssystem bislang erschwert ist – etwa aufgrund sprachlicher Barrieren, oder weil sie sich im komplexen deutschen Gesundheitssystem nicht zurechtfinden. „Unser langfristiges Ziel ist es, sozioökonomisch benachteiligte Bevölkerungsgruppen niedrigschwellig mit Gesundheitsangeboten zu erreichen und die Themen Vorsorge und Prävention in den Mittelpunkt zu stellen“, sagt Matthias Mohrmann „Zudem schafft „dieKümmerei“ eine Vernetzung von Angeboten im Gesundheits- und Sozialwesen, mit der wir die Menschen vor Ort bestmöglich unterstützen und die Grenzen zwischen kommunalen Aufgaben und den Aufgaben der gesetzlichen Krankenversicherung aufbrechen können.“ 

Unterstützung auch in komplexen Einzelfällen
 

Das praktische Beratungsbeispiel, von dem „dieKümmerei“-Leiterin Birgit Skimutis berichtet, zeigt, wie wichtig die Arbeit der „Kümmerei“ im Einzelfall für die Hilfesuchenden sein kann:
 
„Da ist der Fall der fünfjährigen Elena (Name geändert). Ihre Eltern stammen aus dem Iran und sprechen nur wenig Deutsch. Elena wurde in Deutschland geboren und geht in einen Kindergarten. Sie sprach dort aber nicht und spielte auch nicht mit den anderen Kindern. Die Eltern standen dem hilflos gegenüber. Über die Leiterin des Kindergartens kam dann der Kontakt zur „Kümmerei“ zustande. Eine aus dem Iran stammende Mitarbeiterin besuchte die Familie zu Hause. Dadurch, dass sie die gleiche Sprache spricht und aus dem gleichen Land stammt, gab es keine Kommunikationsprobleme. Sie ist dann gemeinsam mit der Familie zum Kinderarzt gegangen und hat das Gespräch übersetzt, genauso wie bei zahlreichen folgenden Arztterminen in einer Kölner Kinderklinik. Die Diagnose Autismus hat insbesondere die Mutter psychisch stark belastet. Die Kümmerei-Mitarbeiterin hat sie daraufhin regelmäßig zu Hause besucht, über das Krankheitsbild und Therapiemöglichkeiten aufgeklärt und der Familie so neue Hoffnung gegeben. Mittlerweile wurde Elena eine Kita-Begleitperson bewilligt, die sie täglich begleitet. Elena spielt jetzt mit den Kindern in der Kita und fängt an, einzelne Wörter zu sprechen. Die Familie ist glücklich, dass sich Elenas Gesundheitszustand deutlich verbessert hat.“
 
Der Selektivvertrag, der die Finanzierung der „Kümmerei“ sichert, läuft vorerst bis Ende 2024. Es ist jedoch das Ziel, „dieKümmerei“, wie auch die weiteren genannten Gesundheitskioske in NRW dauerhaft zu etablieren. Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) hat Anfang Mai bekannt gegeben, dass er zeitnah die Weichen für bundesweite Gesundheitskioske – nach Vorbild des Modells der AOK Rheinland/Hamburg – stellen will. 
 

Kontakte

Birgit Skimutis, Leitung „dieKümmerei“, Köln,
Tel.: 0151 12952256
b.skimutis@herznetzcenter.de
Christina Vogt, Pressesprecherin Stabs-bereich Kommunikation AOK Rheinland/Hamburg – Die Gesundheitskasse, Düsseldorf,
Tel.: 0211 81928418
christina.vogt@rh.aok.de
www.aok.de/rh

Autor

Frank Stefan Krupop
Tel.: 02306 741093
frank_krupop@web.de

Ansprechperson in der G.I.B.

Denise Anton
Tel.: 02041 767262
d.anton@gib.nrw.de 
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