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(Heft 2/2022)
Ein Interview mit Carsten Harder, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Dortmund, und Philipp Kaczmarek, Leiter von deren Kommunikationsabteilung

„Die Gleichwertigkeit von beruflicher und akademischer Bildung sollte gesetzlich verankert werden“

Das Handwerk in Nordrhein-Westfalen fordert von der Politik einen Dreiklang von Nachhaltigkeit, Bildung und Wachstum und sieht sich als unverzichtbarer Partner für die konkrete Umsetzung von klimapolitischen Maßnahmen. Ein besonderes Augenmerk richtet es auf die Gleichwertigkeit von beruflicher und akademischer Bildung.

G.I.B.: Herr Harder, überall in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft wird Nachhaltigkeit gefordert. Wie nachhaltig ist das Handwerk? 

Carsten-Harder.jpgCarsten Harder: Die Bedeutung von Nachhaltigkeit ist im Handwerk längst angekommen. Nachhaltigkeit in ihren drei Dimensionen – wirtschaftlich, ökologisch und sozial – ist seit jeher fest in der Typik des Handwerks verankert, in der Betriebsstruktur ebenso wie in der Geschäftstätigkeit. Das Handwerk kann Nachhaltigkeit. 
Auch wir als Handwerkskammer haben uns auf den Weg einer nachhaltigen Entwicklung gemacht. Wir möchten unsere Rolle als wichtiger Multiplikator der Nachhaltigkeit in der Region weiter stärken und auf diese Weise dazu inspirieren, dass sich auch unsere Mitgliedsbetriebe noch intensiver mit dem Thema beschäftigen. Damit wir unsere Aktivitäten weiter ausbauen können, kooperieren wir mit der Hochschule Bochum, um mit deren Expertise eine Nachhaltigkeitsstrategie zu entwickeln sowie eine Nachhaltigkeitsberichterstattung für die HWK zu etablieren. Letztere ist bereits für große Unternehmen mit mehr als 500 Beschäftigten vorgeschrieben. Das trifft auf Handwerksbetriebe eher selten zu, aber über kurz oder lang wird die Nachhaltigkeitsberichterstattung aller Voraussicht nach auch für kleinere Unternehmen Pflicht. Wir sind also noch vor der Welle, wollen aber gemeinsam mit dem Westdeutschen Handwerkskammertag auf die absehbaren rechtlichen Vorgaben vorbereitet sein. 

Die Bundesregierung möchte mit einer so bezeichneten sozialökologischen Marktwirtschaft ein „Jahrzehnt der Zukunftsinvestitionen“ einleiten. Was bedeutet das für das Handwerk?

Carsten Harder: Den Vorstoß der Bundesregierung begrüßen und unterstützen wir, denn dazu gehört auch der Ausbau der erneuerbaren Energien, an dessen Umsetzung das Handwerk maßgeblich beteiligt ist. Zudem profitiert das Handwerk von den dazu im Klima- und Transformationsfonds bis 2026 zur Verfügung gestellten 200 Milliarden Euro, denn alle geplanten Maßnahmen, von der energetischen Sanierung von Gebäuden bis zur Erweiterung der Lade­infrastruktur, werden ja von Handwerkerinnen und Handwerkern umgesetzt. Ohne Handwerk geht es nicht. 

Das Handwerk spricht vom „Dreiklang Nachhaltigkeit, Bildung und Wachstum“. Was heißt das für die Ausbildung von jungen Menschen?

Carsten Harder: Das nordrhein-westfälische Handwerk mit seinen 195.000 mittelständisch geprägten Betrieben, 1,2 Millionen Beschäftigten und 80.000 Auszubildenden ist ein starker, unverzichtbarer Partner für mehr Nachhaltigkeit, für bessere Bildung und ein hohes Wachstum. Und wir sollten nicht vergessen: Die meisten Entwicklungen und Patente kommen aus dem Handwerk. Aber letztlich kommt es auf die konkrete Umsetzung der ambitionierten politischen Ziele an, für die auch so viele junge Menschen demonstrieren. Wir brauchen auch Leute, die mit anpacken.
Im Bereich der Bildung ist die Gleichwertigkeit von beruflicher und akademischer Bildung das oberste Ziel der Handwerksorganisation, denn nur so sichern wir die Fachkräfte von morgen. Es wäre gut, das gesetzlich zu verankern. Aber dazu gehört auch eine Attraktivitätssteigerung der dualen Berufsausbildung, zum Beispiel beim Azubiticket, bei Azubi-Wohnheimen sowie eine Förderung der Aufstiegsfortbildung. 
Auch die Bildungszentren des Handwerks müssen gestärkt werden und dazu wollen wir sie modernisieren. Damit komme ich zur Finanzierung des Berufsbildungssystems. Wenn die berufliche Bildung für die Gesellschaft genauso wichtig ist wie die akademische, dann müssen auch beide in gleichem Maße finanziell unterstützt werden. Momentan gilt bei der Finanzierung der beruflichen Bildung die Drittelförderung, also Bund, Land und Handwerk finanzieren zu gleichen Teilen. Doch im Zeitverlauf haben sich Bund und Land immer weniger beteiligt und mittlerweile trägt das Handwerk 50 Prozent der Kosten für die Ausbildung in den Berufsbildungszentren. In der vergangenen Legislaturperiode haben wir vom Land dafür eine Einmalzahlung bekommen, doch wir brauchen eine verbindliche Förderung, um planen zu können.

Lassen sich unter den vielen Teilnehmenden der Fridays-for-Future-Bewegung nicht genug junge Menschen finden, die sich für einen Arbeitsplatz im Handwerk interessieren? 

Carsten Harder: Definitiv und deshalb haben wir die Bewegung mit einem Augenzwinkern in „Handwerk for future“ umbenannt. Einfach weil all die Ziele der Bewegung nur mit qualifizierten Handwerkerinnen und Handwerkern umzusetzen sind. Ja, die vielen engagierten jungen Menschen sind eine interessante Zielgruppe für die Fachkräftegewinnung, denn sie wollen die Zukunft unserer Erde mitgestalten. Aber wenn sie diese Zukunftsaufgabe selbst übernehmen möchten, müssen sie irgendwann eine Ausbildung machen. Durch Reden allein werden wir keine Veränderung erzielen, also müssen sie auch mit anpacken. Wir laden diese Gruppen zu uns ein, starten Kampagnen etwa auf Instagram, wo junge Menschen ihre Storys erzählen, warum sie ins Handwerk gegangen sind.
Auf einem unserer Plakate ist zu lesen: Jeder Mensch ist von Natur aus Handwerker, – bis die Erwachsenen sich einmischen. Im Kindergarten gibt es noch Bob den Baumeister und die Kinder erlernen spielerisch Bauen, Neubauen und Reparieren im Rahmen ihrer Fähigkeiten und Begabungen. Doch sobald sie in die Schule kommen, wird es nicht weiter gefördert und sie verlernen das Praktische wieder. Jedes Kind hat eine gewisse haptische Begabung und deswegen müssen wir den klassischen Werkunterricht wieder in der Schule etablieren. Zudem müssen die Gymnasien dazu beitragen, dass nicht alle ihre Schülerinnen und Schüler in der Hochschule landen. Das Handwerk braucht auch intelligente, technisch orientierte Abiturientinnen und Abiturienten.
Auch die Berufsschulen sollten sich mehr als Zulieferer des dualen Bildungssystems verstehen. Früher waren sie viel mehr Partner der beruflichen Bildung. Mittlerweile aber hat sich ein System entwickelt, aus dem heraus Schülerinnen und Schüler mit technischem Abitur direkt ins Studium an eine Fachhochschule wechseln. Das heißt: Sie werden quasi am Handwerk vorbeigeleitet und diejenigen, die das Gymnasium nicht schaffen, gehen aufs Berufskolleg, statt eine Ausbildung im Handwerk zu beginnen. Das müssten wir ändern und jungen Menschen eine Wertschätzung des Handwerks näherbringen. Das wird auch gelingen, denn hier gibt es so viele spannende Entwicklungen wie vor allem die E-Mobilität oder auch in Zukunft die Entwicklung von Wasserstoffantrieben. Aber dazu müssen wir weg von defizitären Begriffen wie Fachkräftemangel. Vielmehr sollten wir die Jugendlichen begeistern und ihnen sagen, dass sie im Handwerk beste Möglichkeiten haben, die zukünftige Welt in ihrem Sinne mitzugestalten. 

Aber es gibt schon noch signifikante Lohnunterschiede zwischen Industrie und Handwerk. Das kann man nicht einfach wegdiskutieren. 

Carsten Harder: Vordergründig betrachtet mag das so sein, aber diejenigen, die ein Studium absolvieren, bekommen auch nicht gleich zu Beginn ihrer Erwerbstätigkeit ein Spitzengehalt. Zwar befürworten auch wir tarifliche Strukturen und anständige Gehälter, doch berechnet auf das Lebenseinkommen eines Menschen, verdient eine Person mit einer Ausbildung im Handwerk, die zudem noch die Meister- oder Meisterinnenprüfung absolviert und sich womöglich mit einem Betrieb selbstständig macht oder einen Betrieb übernimmt, nicht weniger als viele Akademikerinnen und Akademiker, teilweise vielleicht sogar deutlich mehr.

Was unternehmen Sie, um speziell junge Frauen als Fachkräfte für das Handwerk zu gewinnen? 

PPhilipp-Kaczmarek-rund.jpghilipp Kaczmarek: Dazu haben wir erst kürzlich die Kampagne „Starke Frauen. Starkes Handwerk“ gestartet. Mit ihr möchten wir Mädchen nach Abschluss der allgemeinbildenden Schule für das Handwerk gewinnen, aber gleichzeitig auch Gesellinnen dazu motivieren, sich zur Meis­terin weiterzuqualifizieren, um später vielleicht einen Betrieb zu übernehmen oder neu zu gründen. Außerdem wollen wir mit der Kampagne Auszubildende, Gesellinnen, Meis­terinnen und Chefinnen motivieren, sich künftig noch besser zu vernetzen, zu unterstützen und für das handwerkliche Ehrenamt zu engagieren.
Darüber hinaus wollen wir auch das Lehrpersonal an den Schulen sowie Eltern und Großeltern erreichen, da sie die jungen Menschen bei der Berufswahl am meisten beeinflussen. Um diese unterschiedlichen Zielgruppen zu erreichen, arbeiten wir crossmedial, nutzen die sozialen Medien genauso wie Plakatkampagnen und Filme. 
Doch wir sollten nicht vergessen, dass schon heute viele Frauen im Handwerk beschäftigt sind, zum Beispiel im Konditorei-Handwerk oder bei den personenbezogenen Dienstleistungen wie Friseur und Kosmetik, hier sind deutlich mehr Frauen als Männer beschäftigt. Doch es stimmt: In den technischen Gewerken sind Frauen noch deutlich unterrepräsentiert. Diese Altlast im Denken, das gesamte Handwerk sei eine Männerdomäne, wollen wir aufbrechen. Im vergangenen Monat berichtete übrigens das Statistische Bundesamt, dass der Männeranteil bei den neu abgeschlossenen Ausbildungsverträgen im Friseurhandwerk binnen zehn Jahren von 12 auf 31 Prozent gestiegen ist. Warum sollte es demnächst nicht Meldungen geben, dass der Anteil der Frauen etwa im Kfz-Bereich oder beim Gerüstbau ähnlich deutlich gestiegen ist?

Müssen nicht auch die Betriebe umdenken, wenn sich der weibliche Anteil an den Fachkräften im Handwerk erhöhen soll? 

Carsten Harder: Hier hat längst ein Umdenken stattgefunden, zumal es gar keine Alternative für Betriebe gibt, wenn sie genügend Fachkräfte gewinnen wollen. Aber ein anderer wichtiger Aspekt kommt hinzu. Im Handwerk gibt es mitunter tatsächlich körperlich anspruchsvolle Tätigkeiten. Genau deshalb planen wir ein Projekt zur körperlichen Entlastung im Handwerk durch den Einsatz neuer Technologien. Das dient auch dem Arbeits- und Gesundheitsschutz für alle. So wird deutlich, dass das Handwerk auch für junge Menschen geeignet ist, die körperlich nicht so stark belastbar sind wie diejenigen, die jeden Tag nach der Schule ins Fitnessstudio gehen. Indem wir die körperliche Belastung reduzieren, öffnen wir viele Berufe auch für Frauen. 

Viele Jugendliche, Mädchen und Jungen, haben nach Abschluss der allgemeinbildenden Schule noch kein klares Ziel vor Augen und besuchen deshalb ein Berufskolleg. Steckt darin nicht viel Potenzial für das Handwerk?

Carsten Harder: Das ist ein ganz wichtiger Punkt. Die Einmündung in das Berufskolleg fällt den jungen Menschen wahrscheinlich auch viel leichter, denn so bleibt man in der gewohnten Schulumgebung. Umso wichtiger ist es, die Fähigkeiten, Begabungen und Interessen der jungen Menschen frühzeitig zu ermitteln. Dann gäbe es vermutlich auch viel weniger Studienabbrecher und wir könnten denjenigen, für die sich das Studium als falscher Weg erweist, viele Enttäuschungen und psychische Belastungen ersparen. Wir arbeiten in diesem Zusammenhang aktuell zusammen mit der Fachhochschule Dortmund an einem Projekt mit dem Ziel, die Durchlässigkeit zwischen der beruflichen und akademischen Bildung stärker zu fördern. Das vermeidet volkswirtschaftlichen, aber auch ganz persönlichen Schaden bei den jungen Menschen, die man zuvor auf einen falschen Weg geschickt hatte.

Aktuelle Krisen wie der Krieg in der Ukraine und die Pandemie verschieben anscheinend die Handlungsprioritäten. Kommen dabei die klimapolitischen Ziele unter die Räder?

Carsten Harder: Auch wenn der erschütternde Krieg nicht bei uns stattfindet, sind wir und die Betriebe doch mit einbezogen. Welche Folgen der Krieg letztlich hat, ist bislang kaum abzuschätzen, aber wir spüren schon jetzt die Entwicklung der Energiekosten und die gestörten Lieferketten, Betriebe bekommen keine Materialien mehr für die Weiterverarbeitung oder die Preise steigen so stark, dass Endverbraucher gar nicht mehr in der Lage sind, ihre geplanten Projekte umzusetzen. Das Handwerk versucht, an vielen Stellen zu helfen, und wir stellen ein enormes Engagement von Unternehmerinnen und Unternehmern bei der Hilfe für die Menschen in der Ukraine fest. Bei der Integration von Geflüchteten engagiert sich das Handwerk durch die Bereitstellung von Praktika und wenn gewünscht von Ausbildungsplätzen und sorgt dafür, dass Geflüchtete eine Perspektive in Deutschland bekommen. Auch wenn diese Menschen irgendwann mal in ihr Land zurückgehen, werden sie die erworbenen Kompetenzen für den Wiederaufbau gut brauchen können. Nichtsdestotrotz glaube ich nicht, dass die Klimakrise aus dem Fokus gerückt ist. Natürlich nehmen sowohl Corona als auch der Krieg eine große Rolle in der Berichterstattung und der Politik ein. Aber die Klimaproblematik wird nicht aus dem Blickfeld verschwinden. Die Ziele, die wir uns als Gesellschaft gesetzt haben, lassen keinen Aufschub mehr zu.

Kontakt

Handwerkskammer Dortmund
Carsten Harder, Hauptgeschäftsführer
Tel.: 0231 5493101
carsten.harder@hwk-do.de

Philipp Kaczmarek, Leiter Kommunikation
Referent der Geschäftsführung
Tel.: 0231 5493422
philipp.kaczmarek@hwk-do.de
www.hwk-do.de

Das Interview führten

Josef Muth
Tel.: 02041 767156
j.muth@gib.nrw.de

Eva-Maria Tomczak
Tel.: 02041 767205
e.tomczak@gib.nrw.de

Text

Paul Pantel
Tel.: 02324 239466
paul.pantel@vodafonemail.de

 

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