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(Heft 4/2021)
Einsatz des Instruments in videobasierten Onlineberatungen

Der TalentKompass NRW

Die fortschreitende Digitalisierung hat Transformationsprozesse ausgelöst, die viele Menschen beruflich in unruhiges Fahrwasser bringen. Unvorhergesehene Ereignisse wie die Corona-Pandemie sorgen für zusätzlichen Wellengang. Der TalentKompass NRW (TaKo) hat sich in diesen Zeiten als effektiver Navigator in beruflichen Neuorientierungsprozessen erwiesen. Er wird seit Ende 2012 im Rahmen der Beratung zur beruflichen Entwicklung (BBE) kostenfrei eingesetzt, welche von der G.I.B. fachlich begleitet wird. Der Einsatz des TaKos hat sich in Corona-Zeiten auch bestens in videobasierten Onlineberatungen bewährt. Die Pandemie wirkt hier wie ein Modernisierungsbeschleuniger, der Weiterentwicklungsprozesse antreibt. Das ist auch deshalb wichtig, weil das bisherige BBE-Angebot im kommenden Jahr neu aufgestellt wird.

Über dem Schreibtisch von Marion Dirksmeier aus Essen hängt ihr ganz persönlicher TalentKompass. In die bunten Felder hat sie eingetragen, was sie an Eigenschaften und Kompetenzen mitbringt, aber auch, wo es sie beruflich hinzieht und was ihre Wünsche sind. Die 52-Jährige ist freiberufliche Marktforscherin und Dozentin an der FOM Hochschule für Ökonomie & Management. Sie beschreibt sich selbst als „Veränderungssucherin“ und hat durch die BBE endlich einen klaren Fokus gefunden. „Ich wusste zwar immer schon, was ich alles kann. Aber jetzt weiß ich auch genau, was ich will“, sagt sie. „Wenn jetzt ein Angebot für eine Festanstellung kommt, werde ich genau wissen, ob es auch wirklich das richtige für mich ist.“

Marion Dirksmeier ist eine von mehr als 9.300 Ratsuchenden, die im letzten Jahr das BBE-Angebot in Anspruch genommen haben. Besonders häufig nutzten Menschen mit einem kaufmännischen oder sozialen beruflichen Background das für sie kostenfreie Angebot, außerdem lag der Frauenanteil 2020 bei knapp zwei Dritteln und damit ähnlich hoch wie in den Vorjahren. Fast die Hälfte (45 %) der Teilnehmenden gab als Anlass für die Inanspruchnahme von BBE an, sich beruflich neu orientieren bzw. den Beruf wechseln zu wollen. Wie viele von ihnen wegen coronabedingter Umbrüche zur Beratung kamen, ist allerdings schwer zu beziffern. Fakt ist aber, dass der Lockdown die 144 BBE-Beraterinnen und -Berater in den landesweit 95 Beratungsstellen im vergangenen und auch in diesem Jahr vor enorme Herausforderungen gestellt hat: technisch, strukturell, didaktisch und auch emotional.

Von 0 auf digital
 

Dass Marion Dirksmeier die maximal neun Beratungsstunden per Videokonferenz absolvieren und dabei auch digital mit dem TalentKompass arbeiten konnte, hat auch mit der Eigeninitiative ihrer Beraterin Susanne Müser-Nasri aus Hattingen zu tun. Die studierte systemische Beraterin und gelernte Controllerin ist unter anderem als Business-Coach und Change-Managerin ausgebildet und bietet die BBE über die Volkshochschulen in Hattingen und Dortmund an. Das ist übrigens in den meisten Regionen in Nord­rhein-Westfalen so. Denn als das BBE-Angebot Ende 2012 von der Landesregierung auf den Weg gebracht wurde, hatte man es an die schon vorhandene Infrastruktur der Bildungsscheck-Beratungsstellen „angedockt“. In manchen Städten und Kreisen ist BBE deswegen auch bei der Wirtschaftsförderung oder bei gemeinnützigen Weiterbildungsträgern angesiedelt.

Susanne Müser-Nasri arbeitet frei für die Volkshochschule. In enger Kooperation mit der VHS musste sie schnell und unbürokratisch technische Lösungen finden, um auch während des Lockdowns weiterhin mit ihren Klientinnen und Klienten in Kontakt bleiben zu können. Auch den TalentKompass hat sie sofort in die videobasierten Onlineberatungen integriert. Davon haben Ratsuchende wie Marion Dirksmeier und auch Barbara Block profitiert. Die 51-jährige Diplom-Kauffrau aus Witten arbeitet seit vielen Jahren im Bereich Jahresabschlusserstellung/Steuern und fühlte sich zuletzt nicht mehr richtig wohl in diesem Job. Sie wollte mit professioneller Unterstützung einen neuen Blick auf ihre Talente und Fähigkeiten werfen und sich diese bewusst machen. Obwohl sie vorher lediglich einen Achtsamkeits-Kurs online absolviert hatte und ansonsten keinerlei Erfahrung mit in die BBE brachte, liefen die virtuellen Sitzungen reibungslos. „Ob ich mich ins Auto setze und irgendwo hinfahre, oder ob ich zehn Minuten vorher am Laptop alles einrichte – das ist doch egal“, findet Barbara Block. Besonders gut hat ihr gefallen, dass man den Bildschirm teilen konnte und alles direkt sehr präsent war, zum Beispiel wenn Frau Müser-Nasri etwas beschriftet oder gezeichnet hat. „Anderswo hätte sich jemand an ein Flipchart gestellt.“

Beraterin Susanne Müser-Nasri glaubt sogar, dass der beschreibbare TaKo in PDF-Form den digitalen Beratungsprozess noch effizienter gemacht hat. „Der geteilte Bildschirm bedeutet Teilhabe. Wir können interaktiver arbeiten, zum Beispiel schneller von einem Thema zum anderen switchen, etwas suchen oder zeigen. Und ich muss nicht in den Arbeitsmaterialien des TaKos, die 54 Seiten Papier umfassen, herumblättern.“

Rahmenbedingungen müssen stimmen
 

Vor Corona fand BBE in Präsenzform von Angesicht zu Angesicht statt. Dass die plötzliche Umstellung auf Digital für die meisten Beratungsstellen schwierig war, liegt unter anderem auch an den strengen Datenschutzbestimmungen. Nicht nur die Videoplattformen, auf denen die Sitzungen virtuell stattfinden, müssen den Richtlinien entsprechen, sondern auch zusätzliche digitale Werkzeuge wie etwa Whiteboards. „Das hat nicht bei allen sofort und gleich gut funktioniert“, berichtet Reinhard Völzke. Er ist zuständiger Referent für Fachkräftesicherung im Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales des Landes Nordrhein-Westfalen (MAGS) und hat den TaKo 2005 zusammen mit der G.I.B. und weiteren Experten entwickelt. „Schulen z. B. nutzen ein spezielles System, das eine datengeschützte Umgebung für Online-Unterricht und verschiedene Anwendungen bietet. Im Erwachsenenbildungsbereich ist so etwas ungleich schwieriger zu organisieren, weil es keine staatliche Struktur gibt und man die verschiedenen Träger unter einen Hut kriegen muss.“ Hier müssten bessere Rahmenbedingungen geschaffen werden, meint Reinhard Völzke.

Diese technischen und organisatorischen Hemmnisse erklären vermutlich auch die deutlich gesunkenen Beratungszahlen im Corona-Jahr 2020. Lagen diese 2018 bei fast 14.400 und 2019 noch bei über 13.000, gab es im vergangenen Jahr „nur noch“ rund 9.300. Wird aber berücksichtigt, dass das Förderprogramm eigentlich erst im Sommer bzw. Herbst 2020 wieder richtig anlaufen konnte, liest sich diese Zahl deutlich positiver. Der Bedarf an Beratung während einer beruflichen Neuorientierung war trotz oder vielleicht sogar wegen Corona unvermindert groß.

Während manche Klientinnen und Klienten ihr berufliches Ziel schon gut kannten und nur zwei oder drei Stunden in Anspruch nahmen, um sich Tipps für mögliche Weiterbildungen zu holen, haben andere sehr intensiv mit dem TalentKompass gearbeitet. Susanne Müser-Nasri setzt ihn regelmäßig in rund drei Viertel der Beratungen ein. „Das Besondere am TaKo ist der interessen- und wertebasierte Ansatz“, sagt Reinhard Völzke. „Wenn jemand etwas tut, zu dem er wirklich steht, wird er ganz anders motiviert sein. Er verhält sich flexibler auf dem Arbeitsmarkt, hat eine höhere Weiterbildungsbereitschaft und wagt auch eher den Schritt in eine Exis­tenzgründung.“

Ohne Lotsen keine Orientierung

 

Der Weg dorthin ist sicherlich auch deshalb anspruchsvoll, weil sich die Ratsuchenden nicht nur über eigene Fähigkeiten, sondern auch über Werte und Wünsche klar werden müssen. Dabei spielt auch die eigene Biografie eine wichtige Rolle: Was habe ich früher schon gern gemacht? Was waren persönliche Erfolgsgeschichten? Im entscheidenden Schritt gilt es, vorhandene Fähigkeiten mit persönlichen Interessen und Wünschen neu zu kombinieren und damit ganz neue Tätigkeitsfelder für sich zu entdecken. Eine sehr offene Herangehensweise, die Raum für Gedankenspiele lässt, und bei der sich der eine oder andere vielleicht auch verzetteln kann.

„Die meisten erkennen am Anfang die Richtung der beruflichen Veränderung nicht. Deshalb brauchen sie neben dem Kompass auch einen Lotsen, der sie auf Kurs bringt“, findet Susanne Müser-Nasri und ihre Klientin Marion Dirksmeier ergänzt: „Ohne das regelmäßige Gespräch mit meiner Beraterin, die mir Feedback gegeben hat, hätte der TaKo allein wenig genutzt.“

Doch wie lief es digital auf der persönlichen Ebene? Das Wort „Kompetenzbilanzierungsverfahren“ klingt zwar sehr trocken, aber der Prozess kann sehr persönlich und aufwühlend sein. Vielleicht kommen schmerzhafte Brüche im Lebenslauf wieder zutage oder es werden lang versteckte, geheime Wünsche endlich ausgesprochen. So war es auch bei Barbara Block: „Ich habe mithilfe von Frau Müser-Nasri zum ersten Mal erkannt, dass vermeintliche Misserfolge in meinem Lebenslauf eigentlich Erfolge waren. Sie hat mir Zuversicht und Vertrauen gegeben, dass es immer irgendwie weitergeht.“

Digitale Empathie ist gefragt
 

Das liegt zum einen sicherlich daran, dass Susanne Müser-Nasri jede Menge, wie sie sagt, „Feldkompetenz“ mitbringt und aus ihrer eigenen wechselvollen Biografie schöpfen kann. Auch sie hat sich beruflich mehrmals neu erfinden und Change-Prozesse durchlaufen müssen. Heute verbindet sie die analytische Sichtweise der Controllerin mit der Feinfühligkeit einer psychosozialen Beraterin. Digitale Empathie ist für sie ganz natürlich: „Ich habe in den Videoberatungen die Erfahrung gemacht, dass sich die Menschen online sogar mehr öffnen können. Sie sind zu Hause in ihren eigenen vier Wänden, die ihnen Schutz und Sicherheit bieten. Das nimmt Nervosität und Hemmungen.“ Ihre Klientin Marion Dirksmeier macht ihr ein großes Kompliment: „Obwohl wir uns bisher nicht direkt gegenübergesessen haben, ist eine große Nähe entstanden. Würde ich Frau Müser-Nasri, die ich ja noch nie persönlich getroffen habe, zufällig bei einem Spaziergang begegnen, dann würde ich sie wohl wie eine alte Bekannte begrüßen.“

Es gibt aber auch immer noch viele Ratsuchende, die während des Lockdowns lieber abgewartet haben und jetzt wieder gern das Präsenz-Angebot nutzen. Wie unterschiedlich die Herangehensweisen auch bei einer reinen Onlineberatung sind, zeigt sich schon am Beispiel von Barbara Block und Marion Dirksmeier. Während die eine den TalentKompass parallel auch in der Papierform nutzte, um zu Hause am Schreibtisch handschriftliche Notizen zu machen, erstellte die andere Power-Point-Präsentationen von ihren Hausaufgaben.

Pandemie als Modernisierungsbeschleuniger
 

Reinhard Völzke vom MAGS glaubt, dass mit dem TaKo in Zukunft sowohl analog, digital als auch in einer Mischform gearbeitet wird – zum Beispiel mit einem persönlichen Auftakttreffen und anschließenden weiteren virtuellen Beratungsstunden. „Jetzt geht es darum, die durch Corona entstandene Dynamik aufzunehmen und daraus für Berater und Klient gleichermaßen attraktive Anwendungsmöglichkeiten zu entwickeln“, verspricht er.

Dazu hat er in einem von der G.I.B. organisierten Workshop verschiedene Vorschläge von Beraterinnen und Beratern gesammelt. Bislang kann man sich den TaKo als PDF auf der Plattform www.weiterbildungsberatung.nrw herunterladen und gemeinsam online bearbeiten. „Eine mögliche Erweiterung wäre, dass einzelne Arbeitsblätter wie zum Beispiel das Ideenblatt künftig in elektronischer Form zur Verfügung gestellt werden und komfortabel am Rechner ausgefüllt werden können“, so Völzke. Außerdem solle der Leitfaden für die Beraterinnen und Berater um didaktische Hinweise zum Einsatz des TaKos in virtuellen Umgebungen erweitert werden und online zugänglich sein. Auch Susanne Müser-Nasri hat Ideen und Umsetzungen beigesteuert. Sie hat die sogenannte Entscheidungsmatrix, bei der man verschiedene Tätigkeiten und Interessen unterschiedlich gewichten muss, in eine Excel-Tabelle umgewandelt, die dann automatisch ein Ranking erstellt: ein Best-Practice-Beispiel aus dem neuen digitalen Beratungsalltag.

BBE wird zu PiE
 

Der TaKo rüstet sich also für die Zukunft – denn er wird weiterhin gebraucht, auch wenn die BBE ab 2022 in eine neue Förderphase eintritt und künftig PiE (Perspektiven im Erwerbsleben) heißen wird. Das Nachfolgeprogramm knüpft an die bisherigen Beratungen an, wird allen offenstehen und weiterhin maximal neun Stunden umfassen. Neu ist aber, dass die Fachberatung Anerkennung im Ausland erworbener Berufsqualifikationen (FBA) für Menschen mit Migrationshintergrund ab 2022 fest in der PiE verankert sein wird und beide Angebote noch mehr miteinander verknüpft werden als bisher. „Damit wollen wir dem erhöhten Fachkräftebedarf im Land gerecht werden“, sagt Daniela Kleinhoff, Ansprechpartnerin für die künftige PiE-Beratung im zuständigen Fachreferat des MAGS. In einem Ausschreibungsverfahren konnten sich Weiterbildungsträger sowie freiberufliche Beraterinnen und Berater für die neue Förderphase bewerben. Daniela Kleinhoff wünscht sich, dass es in Zukunft auch im Rahmen von PiE ein flächendeckendes und gut vernetztes Beratungs­angebot und eine große Trägervielfalt geben wird. Die Förderung ist zunächst auf zwei Jahre befristet. Die Bundes­agentur für Arbeit (BA) hat mit der Berufsberatung im Erwerbsleben (BBiE) inzwischen ein sehr ähnliches Programm im Angebot, welches sie gerade flächendeckend in ganz Deutschland etabliert. Hier stößt ein aus Bundesmitteln gefördertes Angebot auf eines des Landes, das sich aus den Töpfen des Europäischen Sozialfonds (ESF) speist. Eine Förderung durch den ESF muss sich immer von anderen Förderungen abgrenzen können, um Überschneidungen und Doppelförderungen zu verhindern. Auch aus Sicht des MAGS ist es sinnvoll, dass sich die Programme ergänzen. Auf lange Sicht wird sich das Förderprogramm PiE in NRW also verändern. „Wir finden es wichtig, im Sinne der Beratungsvielfalt auch noch ein Landesprogramm anzubieten“, meint Daniela Kleinhoff vom MAGS. „Und wir werden die kommenden zwei Jahre nutzen, um das Angebot weiterzuentwickeln und es vielleicht noch besser auf verschiedene Regionen, Branchen und Zielgruppen zuzuschneiden, damit wir eine Lücke für uns finden.“ Daniela Kleinhoff betont ausdrücklich, dass PiE und BBiE nicht in Konkurrenz stünden. Das Ministerium empfehle sogar, sich zu vernetzen und im bestmöglichen Sinne der Ratsuchenden zusammenzuarbeiten. Hier habe es sogar schon erste gemeinsame Veranstaltungen gegeben.

Ansprechpersonen in der G.I.B.

Nicole van Lieshaut
Tel.: 02041 767102
n.vanlieshaut@gib.nrw.de

Elisabeth Tadzidilinoff
Tel.: 02041 767244
e.tadzidilinoff@gib.nrw.de

Kontakte

Susanne Müser-Nasri, BBE-Beraterin
VHS Hattingen
Marktplatz 4
45527 Hattingen
Tel.: 0177 5646235
info@potenzial-agentur.de
www.potenzial-agentur.de

Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales
des Landes Nordrhein-Westfalen
Fürstenwall 25
40219 Düsseldorf
Daniela Kleinhoff
Tel.: 0211 8553447
Daniela.Kleinhoff@mags.nrw.de

Reinhard Völzke
Tel.: 0211 8553279
Reinhard.Voelzke@mags.nrw.de

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Autorin

Steffi Schmitz
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