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(Heft 4/2021)
Der Innovationsfonds der Landesinitiative „Durchstarten in Ausbildung und Arbeit“

Das Projekt „Your Way!“: Geflüchtete Frauen in Wuppertal finden ihren Weg in Arbeit

In Deutschland eine Arbeit zu finden, ist für alle Geflüchteten eine große Herausforderung. Für geflüchtete Frauen gestaltet sich der Weg in Arbeit jedoch noch deutlich schwieriger als für Männer. Um das zu ändern, schlossen sich in Wuppertal der alpha e. V. und die Diakonie Wuppertal – Soziale Teilhabe gGmbH zusammen. Gemeinsam schufen sie das Projekt „Your Way!“. Als 5. Baustein (Innovationsfonds) der Landesinitiative „Durchstarten in Ausbildung und Arbeit“ richtet es sich mit einem innovativen Ansprachekonzept an junge geflüchtete Frauen.

„Junge geflüchtete Frauen sind in unserer Gesellschaft nahezu unsichtbar“, konstatiert Barbara Steins, die Bereichsleiterin für berufliche Förderung und Integration vom alpha e. V. Und tatsächlich: Zwar erlebte Deutschland in den letzten Jahren einen starken Zuwachs geflüchteter Frauen, fast 40 Prozent der Zugewanderten, die im ersten Halbjahr 2018 einen Asylantrag stellten, waren weiblich. Nur: Sie werden von Arbeitsagenturen und Jobcentern oft nicht als Zielgruppe erkannt und mit passgenauen Angeboten bedient. „Und das, obwohl sie hochmotiviert sind, sich in den deutschen Arbeitsmarkt zu integrieren.“ Das bestätigt die IAB-BAMF-SOEP-Befragung von 2016. Darin gaben 88 Prozent der geflüchteten Frauen an, dass Arbeit für sie die beste Möglichkeit sei, um ein eigenständiges Leben führen zu können. Nur leider spiegelt sich das bislang nicht in der Realität auf dem Arbeitsmarkt wider. Vor der Corona-Pandemie waren nur 13 Prozent der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten aus den Hauptherkunftsländern weiblich. In Wuppertal beispielsweise ist die Integrationsquote von Männern zehnmal höher als die der Frauen. Das liegt nicht nur daran, dass sie tendenziell ein geringeres Bildungsniveau und weniger Berufserfahrung haben als Männer, sondern vor allem am fehlenden Zugang zu Unterstützungsangeboten. Genau an diesem Punkt setzt „Your Way!“ an.

Mobile Ansprache und projekt-begleitende App
 

Ziel des Projekts ist es, die bislang schwer zu erreichende Zielgruppe – junge geflüchtete Frauen zwischen 18 und 27 Jahren – über Möglichkeiten der beruflichen Integration zu informieren, sie auf eine Ausbildung vorzubereiten und sie auf ihrem Weg in Arbeit zu begleiten. Gelingen soll dies mithilfe einer mobilen und digitalen Form der Ansprache. In der Praxis funktioniert das so: Eine pädagogische Fachkraft, die von einer mehrsprachigen Assis­tentin unterstützt wird, sucht die Frauen da auf, wo sie sich hauptsächlich aufhalten – in ihren Quartieren, auf Kinderspielplätzen, vor Supermärkten, in Moscheen etc. Hierbei sorgt das knatternde „Ape-Mobil“ – ein italienischer Minitransporter auf drei Rädern – für den aufmerksamkeitswirksamen Auftritt.

Bei der direkten Ansprache der Frauen ist es wichtig, nicht zu offensiv zu sein, sondern immer respektvoll und empathisch. „Sie sollen sich zu nichts gedrängt fühlen“, sagt Ann-Kathrin Hellmich, pädagogische Fachkraft von der Diakonie Wuppertal – Soziale Teilhabe gGmbH. Als hilfreicher Gesprächsöffner erweisen sich auch kleine Give-aways wie Stofftiere für die Kinder oder etwas Gebasteltes aus den Werkstätten der beiden Träger. Ist man erst einmal ins Gespräch gekommen, erfahre man meist auch schnell, ob und an welcher Stelle die Frauen Unterstützung brauchen. Diejenigen, die aus verschiedenen Gründen das Angebot momentan nicht annehmen können oder möchten, erhalten einen Projekt-Flyer in ihrer jeweiligen Muttersprache. So wissen sie zumindest, dass das Team von „Your Way!“ für sie da ist, wenn sie Hilfe benötigen.
Neben der mobilen Ansprache gibt es auch die digitale. Mit der kostenlosen Your Way-App können sich Teilnehmerinnen und Interessentinnen über alle Aktivitäten und Veranstaltungen zum Projekt sowie über die Themen Beruf, Familie, Freizeit, Kultur und Soziales in Wuppertal informieren. Zudem finden sie über die App Adressen und Telefonnummern von Ärztinnen und Ärzten sowie von unterschiedlichen Behörden. Dank Social Media erreicht das Projekt die Frauen darüber hinaus auf Facebook, Instagram und Co., und erhält hierbei tatkräftige Unterstützung einer reichweitenstarken Botschafterin: Die Syrerin Esraa Hammami floh 2015 nach Deutschland, hat zwei Kinder und befindet sich derzeit in einer Ausbildung zur Erzieherin. Jemand also, der einen Großteil des Weges, den die Teilnehmerinnen noch vor sich haben, bereits zurücklegen konnte und daher genau weiß, was in den Frauen vorgeht. Um diesen Frauen eine Stimme zu geben, hat sie schon zuvor auf zahlreichen Veranstaltungen des Jobcenters über ihre Geschichte gesprochen.

Lokale Strukturen nutzen
 

Zentrales Element für die Umsetzung von „Your Way!“ ist der kooperative Gedanke. Angesiedelt beim Kommunalen Integrationszentrum (KI) greift das Projekt auf deren Netzwerk zurück, um potenzielle Teilnehmerinnen und deren Bedarfe zu identifizieren. Hierbei profitiert das Projekt zudem von den Strukturen der Landesinitiativen „Gemeinsam klappt´s“ und „Durchstarten in Ausbildung und Arbeit“. Darüber hinaus stehen die beiden Träger im regelmäßigen Austausch mit der Steuerungsgruppe des Jobcenters Wuppertal, dem KI und dem Jugendamt, um gemeinsam zu beraten, welche zusätzlichen Unterstützungsstrukturen sich für „Your Way!“ eignen könnten oder wie man das Projekt noch stärker in die Öffentlichkeit tragen kann. Beim letzten Punkt spielen insbesondere die Stadtteilkonferenzen eine wichtige Rolle. „Jeder Stadtteil in Wuppertal hat seine eigene Konferenz, die jeweils mehrmals im Jahr stattfindet. Hier kommen alle relevanten Akteure aus den Vierteln zusammen, um Problemlagen zu erörtern und Lösungen zu finden. In diesem Rahmen haben wir „Your Way!“ vorgestellt. Alle waren begeistert von unserem Ansatz und haben sich sofort bereit erklärt, an der Verbreitung des Projekts mitzuwirken“, freut sich der Abteilungsleiter Coaching und Vermittlung der Diakonie Wuppertal – Soziale Teilhabe gGmbH, Anton Mause über die Unterstützungsbereitschaft in der Stadt. Über die E-Mail-Verteiler der einzelnen Stadtteilkonferenzen erreiche ein monatlicher Newsletter zum Projekt alle relevanten Stellen in den jeweiligen Stadtteilen und sorge so für eine breite Streuung des Angebots.

Viele Kooperationen mussten die beiden Träger aber erst aufbauen. Inzwischen arbeitet das Projekt aber mit zahlreichen ehrenamtlichen Vereinen zusammen, wie zum Beispiel „Miteinander in Ronsdorf“ oder dem „Sternpunkt Spielplatz“ in Vohwinkel. „Wir versuchen immer mit Partnern zu kooperieren, die vor Ort gut vernetzt sind, um mit den geflüchteten Frauen in den Quartieren in Kontakt zu kommen“, sagt Anton Mause.

Arbeitsmarktintegration als Fernziel
 

Haben die Frauen einmal den Weg ins Projekt gefunden, gilt es zu ermitteln, welche Voraussetzungen sie mitbringen, bevor ihnen durch ein intensives Coaching geholfen werden kann. Im Erstaufnahmegespräch wird geklärt, ob und welche beruflichen Vorerfahrungen oder Abschlüsse vorhanden sind, aber auch, was ihnen den Zugang zu Arbeit oder Sprachkursen bisher versperrt hat. Bei jungen Müttern ist das oft die fehlende Kinderbetreuung und/oder nicht selten mangelnde Unterstützung aus der Familie. „Wir erleben es leider immer wieder, dass männliche Familienangehörige Vorbehalte gegenüber unserem Projekt oder Angeboten im Allgemeinen haben, die den Frauen eine Partizipation an Sprachkursen, Freizeitangeboten und kulturellen Veranstaltungen ermöglichen sollen. Daher bieten wir auch ein familienorientiertes Coaching an, um alle Familienmitglieder über die Vorteile aufzuklären, die es hat, wenn ihre Frauen oder Mütter sich in Arbeit und Gesellschaft integrieren“, sagt Barbara Steins.

Sobald geklärt ist, an welcher Stelle auf ihrem Weg in Arbeit sich die Teilnehmerin befindet, startet das Coaching. Höchste Priorität dabei hat immer die individuelle Situation der Teilnehmerin. Auf Basis ihrer Voraussetzungen und Wünsche werden Hand in Hand realistische Ziele erarbeitet. „Es ist wichtig, ihnen genau aufzuzeigen, was in ihrer jetzigen Situation möglich ist. Das bedeutet auch, ihnen zu sagen, dass es nicht sinnvoll ist, sich mit A2-Sprachniveau für eine Ausbildung zu bewerben. Stattdessen zeigen wir, welche Perspektiven sie haben, wenn sie noch ein Jahr intensiv Deutsch lernen“, sagt Ann-Kath­rin Hellmich. Denn das Ziel sei nicht nur, sie zeitnah in Arbeit zu vermitteln, sondern sie nachhaltig in den Arbeitsmarkt zu integrieren.

Bei den meisten Frauen rückt dieses Ziel jedoch zunächst in den Hintergrund. Stattdessen gehe es darum, Schritt für Schritt eine Basis für sie zu schaffen, die sie überhaupt dazu befähigt, eine Ausbildung anzustreben oder eine Beschäftigung aufzunehmen. „Der Hauptteil der Teilnehmerinnen ist noch nicht so weit, dass sie zum einen die Kenntnisse über das Ausbildungssystem sowie Ausbildungsformen in Deutschland haben und zum anderen die notwendigen sprachlichen Voraussetzungen erfüllen“, sagt Barbara Steins. Deshalb finden zweimal wöchentlich abwechselnd Veranstaltungen bei den Trägern statt, um ihnen Systemwissen zu vermitteln: über Schulbildung, das Ausbildungssystem oder gesundheitliche Vorsorge, aber auch zu Angeboten kultureller und sozialer Teilhabe. Parallel dazu haben die Frauen die Möglichkeit, in unterschiedliche Berufs- und Tätigkeitsfelder hineinzuschnuppern. Zum einen über die vielfältigen Angebote in den eigenen Werkstätten der Träger, zum anderen durch Praktika oder Hospitationstage bei Betrieben aus dem Netzwerk.

„Maßnahmen für junge Frauen müssen länger gedacht werden“
 

Im Sommer 2022 endet die Förderphase für das Projekt. Zu Beginn hatte man sich formal darauf geeinigt, pro Träger 15 Plätze für Teilnehmerinnen zur Verfügung zu stellen. Weil die Nachfrage aber groß ist, haben beide Träger über ihre Kapazitäten hinaus Plätze angeboten. Aktuell befinden sich 19 Teilnehmerinnen beim alpha e. V. und 20 bei der Diakonie Wuppertal – Soziale Teilhabe im Projekt. Mit den begleitenden Angeboten werden darüber hinaus noch viele weitere Frauen erreicht. Dass „Your Way!“ bei der Zielgruppe so gut ankommt, zeigt sich nicht nur anhand der Zahlen, sondern vor allem im täglichen Umgang mit den Frauen. „Sie sind dankbar für unser Angebot und meistens sehr motiviert, etwas an ihrer Situation zu ändern. Diese Rückmeldung bekommen wir auch von unseren Kooperationspartnern, wenn wir gemeinsam mit ihnen Veranstaltungen in ihren Quartieren ausrichten. Frauen, die sonst das Gefühl hatten, keine Anlaufstelle zu haben, fühlen sich im Projekt gut aufgehoben“, so Ann-Kathrin Hellmich. Und noch einen wertvollen Effekt erzeugt das Projekt: es führt die Frauen zusammen. „Wenn die Frauen durch das Projekt an Sportkursen, Tanzkursen oder Ähnlichem teilnehmen, können sie untereinander Kontakte knüpfen, sich über Erfahrungen austauschen und sich so aus ihrer Isolation befreien“, stellt Barbara Steins fest. Sie weist allerdings auch darauf hin, dass Maßnahmen für junge Frauen länger gedacht werden müssen, als es eine Projektlaufzeit hergibt. „Jungen geflüchteten Männern wird von der Familie nicht verboten, Angebote wie unseres anzunehmen. Es wird ihnen auch nicht gesagt, dass sie heiraten und Mutter werden sollen. Die Absicht, junge geflüchtete Frauen in Ausbildung und Arbeit zu bringen, ist löblich, aber auch sehr ambitioniert. Mindestens ebenso wichtig ist es, ihnen auch eine soziale und kulturelle Teilhabe zu ermöglichen, damit sie ihre Talente und Neigungen entdecken können, um sich selbst zu verwirklichen. Aber dafür braucht es Zeit.“


Innovationsfonds

Das Projekt „Your Way!“ wird über den Innovationsfonds (Baustein 5) der Landesinitiative „Durchstarten in Ausbildung und Arbeit“ finanziert, für den insgesamt fünf Millionen Euro zur Verfügung stehen. Das Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales des Landes Nordrhein-Westfalen (MAGS) sowie das Ministerium für Kinder, Familie, Flüchtlinge und Integration des Landes Nordrhein-Westfalen (MKFFI) tragen die Initiative gemeinsam. Der 5. Baustein hat zum Ziel, junge geflüchtete Menschen unabhängig von ihrem Aufenthaltsstatus mithilfe kreativer Projekte und modellhafter Einzelvorhaben in Ausbildung und Arbeit zu bringen. Gleichzeitig sollen mögliche Hemmnisse auf Unternehmensseite abgebaut werden, damit Betriebe junge Geflüchtete ausbilden und beschäftigen können. Darüber hinaus wird der Aufbau von Strukturen zur Unterstützung der benannten Zielgruppen gefördert. Insgesamt werden in NRW 19 Projekte im Rahmen des Innovationsfonds umgesetzt.

Weiterführende Informationen zur Landesinitiative: https://www.durchstarten.nrw/

Weiterführende Informationen zu den Innovationsfondsprojekten: Auf durchstarten.nrw:
https://www.durchstarten.nrw/foerderbausteine/foerderbaustein-f5/f5-innovationsfond

Förderbaustein 5 – Projekte im Innovationsfonds
1. Zwischenbericht zum Stichtag 31.12.2020 – Download unter: https://www.gib.nrw.de/veroeffentlichungen/g-i-b-berichte/durchstarten-in-ausbildung-und-arbeit

Ansprechpersonen in der G.I.B.

Peter Fehse
Tel.: 02041 767209
p.fehse@gib.nrw.de

Oliver Schweer
Tel.: 02041 767252
o.schweer@gib.nrw.de

Kontakte

Alpha e. V. Soziale Dienstleistungen
Heinz-Kluncker-Str. 4
42285 Wuppertal
Barbara Steins
Tel.: 0202 31720024
steins@alphaev.de

Diakonie Wuppertal – Soziale Teilhabe gGmbH
Tütersburg 4
42277 Wuppertal
Anton Mause
Tel.: 0202 49616928
AMause@diakonie-wuppertal.de

Nathratherstr. 148
42327 Wuppertal
Ann-Kathrin Hellmich
Tel: 01578 0505853
AHellmich@diakonie-wuppertal.de

Autor

Nils Strodtkötter
nils.strodtkoetter@web.de

 

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