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(Heft 3/2021)
Fluch oder Segen für Beschäftigte?

Routinearbeiten im technischen Wandel

Mit der Sonderauswertung der Beschäftigtenbefragung aus dem Jahr 2018/2019 hat das Landesinstitut für Arbeitsgestaltung NRW (LIA.nrw) für Nordrhein-Westfalen Routinetätigkeiten innerhalb verschiedenster Berufsbilder untersucht. Besonders im Blick dabei: Die Auswirkungen auf die Gesundheit und die beruflichen Perspektiven von Beschäftigten.

Wer kennt das nicht? Morgens nach dem Aufstehen, Kaffee oder Tee zubereiten, waschen, Zähne putzen, anziehen, bei der Arbeit angekommen, den Computer hochfahren, schnell die E-Mails checken, Anrufbeantworter abhören oder vielleicht Arbeitsmaterial zusammenpacken, den Wagen beladen und los zur Baustelle. Routinen eben, Tätigkeiten, die man schon sehr oft ausgeführt hat, Tätigkeiten, die ohne viel zu überlegen, schnell und sicher von der Hand gehen. Routinen lassen sich in allen Lebensbereichen finden, ob in der Freizeit oder im Berufsalltag. Denn Routinen geben eine Struktur vor, sie sparen Zeit, neue Entscheidungen sind nicht notwendig. Das gibt Sicherheit.

Aber gerade in der Arbeitswelt bröckelt für Routinetätigkeiten diese Sicherheit, zumindest was deren Beschäftigungsperspektiven betrifft. Der Trend zur Automatisierung und Digitalisierung ist in der Arbeitswelt schon längere Zeit erkennbar. Schlagworte wie Technologie oder Industrie 4.0 stehen für die Vernetzung von Arbeitsabläufen unter der Zuhilfenahme von neuester Informations- und Kommunikationstechnologie. Sich wiederholende Tätigkeiten und monotone Arbeiten sind zunehmend davon betroffen, durch Maschinen- oder Robotereinsatz ersetzt zu werden. Doch was bedeutet das konkret für den Arbeitsmarkt?

In einer Veröffentlichung von 2017 hatte das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) den Anteil von sozialversicherungspflichtigen Beschäftigungsverhältnissen in NRW, bei denen mehr als 70 Prozent der Tätigkeiten zukünftig von computergesteuerten Maschinen übernommen werden könnten, noch auf 16 Prozent geschätzt. Dabei handelt es sich um jene Tätigkeiten, die von sich regelmäßig wiederholenden Abläufen und Eintönigkeit geprägt sind. Dass das Feld der technologischen Entwicklung einer sehr starken Dynamik unterliegt, zeigen aktuellere Zahlen eines IAB Kurzberichtes aus 2021. Demnach werden in NRW bereits heute mehr als ein Drittel aller Berufe mit einem sehr hohen Anteil an Routinearbeiten (>70 %) identifiziert, für deren Ersatz schon jetzt technologische Entwicklungen am Markt existieren.

Ein Grund für das LIA.nrw, in seiner regelmäßig stattfindenden Beschäftigungsbefragung NRW mit einer Sonderauswertung einen differenzierteren Blick auf den Bereich der Routinetätigkeiten und den damit verbundenen Risiken und Chancen in der Arbeitswelt zu werfen. Stichprobenartig wurden für die Untersuchung im Zeitraum 2018/2019 rund 2.000 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte ab 16 Jahren aus unterschiedlichsten beruflichen Tätigkeitsbereichen und Branchen befragt. Die Auswertung der computergestützten Telefoninterviews zeigt: Jeder Dritte hat häufig oder sogar immer routinierte oder eintönige Arbeiten auszuführen. Dabei ist das Verhältnis von Frauen und Männern in dieser Gruppe durchaus ausgeglichen. Und 42 Prozent der Befragten haben zumindest manchmal mit Routineaufgaben zu tun.

Beschäftigte ohne abgeschlossene Berufsausbildung häufig von Routinetätigkeiten betroffen
 

Interessant wird es, wenn die berufliche Qualifikation der Befragten mit dem Anteil der anfallenden Routinetätigkeiten in Bezug zueinander gesetzt wird. Laut Aussagen des LIA.nrw gaben 23 Prozent der befragten Beschäftigten an, ein Studium oder eine Promotion abgeschlossen zu haben. Von häufigen Routinetätigkeiten sind davon lediglich 17 Prozent betroffen. Der überwiegende Anteil der Befragten, nämlich 63 Prozent, verfügt nach eigener Aussage über eine abgeschlossene Berufsausbildung. Bei etwa einem Drittel dieser Personengruppe gehören Routinetätigkeiten und eintönige Arbeit häufig zu ihrem Arbeitsalltag.

Besonders auffällig zeigen sich die Angaben der Beschäftigten ohne abgeschlossene Berufsausbildung. 14 Prozent verfügen über keinerlei Berufsabschluss und fast die Hälfte dieser Beschäftigten erledigt immer oder häufig Routineaufgaben. Die höchs­ten Aufkommen von Routinetätigkeiten liegen nach Auswertungen des LIA.nrw im Segment „Reinigen, Abfall beseitigen, Recyceln“, im Arbeitsbereich „Herstellen, Produzieren von Waren und Gütern“, im „Überwachen, Steuern von Maschinen, Anlagen, technischen Prozessen“ sowie im „Versorgen, Bedienen, Betreuen von Maschinen“. In allen Arbeitsfeldern sind häufige oder stets vorkommende Routinearbeiten etwa zu einem Drittel vertreten. Beschäftigte im Gastgewerbe, im Handel, in der Logistik und im Bereich Verkehr sind davon besonders betroffen.

Gesundheitliche Belastungen und unsichere Berufsperspektiven
 

Menschen, deren beruflicher Alltag im Regelfall von Routinen bestimmt ist, fühlen sich oft durch Arbeitsbelastungen beansprucht. Arbeiten unter Lärmbelästigung, grellem Licht oder schlechter Beleuchtung und hohem Zeitdruck sind nur einige Beispiele, die das LIA.nrw identifiziert hat und wo mit einem wirksamen Arbeitsschutz gegengesteuert werden könnte. Beanspruchungen durch das Heben und Tragen von Lasten, körperliche Zwangshaltungen und einseitige Bewegungsabläufe sowie das Bedienen von schweren Arbeitsgeräten gehen besonders häufig mit Routineaufgaben einher. Viel Fantasie braucht es nicht, um sich vorzustellen, wie sich diese Belas­tungen langfristig auf das Wohlbefinden und den Gesundheitszustand der Beschäftigten auswirken. Rückenbeschwerden und Muskel-Skelett-Erkrankungen im Allgemeinen scheinen vorprogrammiert zu sein. Folglich bewertet diese Personengruppe ihren Gesundheitszustand tendenziell als schlechter und zweifelt mehr daran als andere Beschäftigte, ihre derzeitige Tätigkeit auch bis zum Rentenalter durchführen zu können, wie eine spätere Auswertung des LIA.nrw zeigt.

Des Weiteren liegt es nahe, davon auszugehen, dass die aufgeführten Tätigkeiten zukünftig zum Teil oder sogar vollständig durch den Einsatz moderner Technologien substituiert werden könnten und dass durch die Automatisierung Jobverluste einhergehen. Dementsprechend schätzen Beschäftigte mit einem hohen Anteil an Routinetätigkeiten die Risiken des Jobverlustes innerhalb eines Jahres fast doppelt so hoch ein wie andere Beschäftigte.

Qualifizierung und Einführung entlastender Technologien als Partizipationsprinzip
 

Das LIA.nrw geht davon aus, dass die fortschreitende Technologisierung die Entstehung ganz neuer, wertiger Berufsbilder und Tätigkeitsbereiche nach sich ziehen wird, und das IAB hält sogar einen positiven Saldo im Hinblick auf die Entwicklung von Arbeitsplätzen für möglich. Unter der Annahme, dass fortschreitende Automatisierung auf der einen Seite einfache repetitive Tätigkeiten zunehmend ersetzt und auf der anderen Seite neue Tätigkeitsfelder geschaffen werden – wie etwa bei der Entwicklung, Wartung und Steuerung von Maschinen – erhält die kontinuierliche Qualifizierung und Weiterbildung von Beschäftigten eine herausragende Rolle.

Die Auswertungen des LIA.nrw zeichnen indes ein ganz anderes Bild. Denn wer häufig oder stets mit Routineaufgaben betraut ist, nimmt seltener an Weiterbildungsmaßnahmen teil als andere Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer. 41 Prozent dieser Beschäftigten gaben an, in den letzten 12 Monaten an keiner beruflichen Bildungsmaßnahme teilgenommen zu haben. Und insbesondere der zukunftsorientierte Bereich der Informations- und Kommunikationstechnik ist bei Weiterbildungsteilnahmen ebenso unterrepräsentiert wie Schulungen zu rechtlichem, betrieblichem oder kaufmännischem Wissen, Bildungsangebote also, die den Weg für Beschäftigte zu höherwertigen Aufgaben bereiten würden. Was gerade in diesem Kontext von Bedeutung ist: Nach eigenen Angaben fühlt sich etwa ein Fünftel dieser Beschäftigten bei der Arbeit unterfordert.

Die Ergebnisse des LIA.nrw eignen sich zwar nicht dafür, um direkte Beschäftigungseffekte einer möglichen Substitution von Routinearbeiten auf den nordrhein-westfälischen Arbeitsmarkt abzuleiten, sie liefern aber durchaus wichtige Hinweise dafür, in welchen Arbeitsfeldern Arbeitsplätze zukünftig gefährdet sein könnten. Und wichtig ist auch, dass allein die Möglichkeit einer Substitution von Routinearbeiten noch keine Tatsache schafft. Denn bei der Entscheidung eines Unternehmens um den Einsatz von neuen Maschinen und Robotern wirken letztendlich noch andere Faktoren mit, wie Wirtschaftlichkeit, technische Machbarkeit und nicht zuletzt auch rechtliche und ethische Aspekte. Hier zeigt sich der Gestaltungsspielraum, der durchaus auf den verschiedenen Akteursebenen vorhanden ist, und in den Aspekte des betrieblichen Arbeitsschutzes integriert werden sollten.

Ansprechperson in der G.I.B.

Lena Becher
Tel.: 02041 767251
l.becher@gib.nrw.de

Autorin

Marion Slota
Tel.: 0157 77035666
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