Sie sind hier: Startseite Heftarchiv 2021 Basisarbeit Künstliche Intelligenz im Betrieb will gut überlegt sein
(Heft 3/2021)
Die Kompetenzplattform Künstliche Intelligenz NRW bringt Wissenschaft, Forschung und Wirtschaft zusammen.

Künstliche Intelligenz im Betrieb will gut überlegt sein

Die Dachorganisation des Landes für Künstliche Intelligenz, KI.NRW, will dem Mittelstand in Nordrhein-Westfalen den Einstieg in die KI erleichtern und dazu beitragen, dass das Bundesland sich zu einem führenden KI-Standort in Europa entwickelt. Dabei stehen nicht nur technologische Entwicklungen und Netzwerk-Arbeit im Vordergrund, sondern auch ethisch-rechtliche Aspekte. Die Beteiligung von Beschäftigten sei bei der Einführung von KI-Anwendungen ein wesentlicher Faktor, sagt KI.NRW-Geschäftsführer Christian Temath.

Wem Künstliche Intelligenz (KI) so vertraut ist wie die Unterwasserwelt des Südpolarmeers, dem hilft ein Blick in den Backofen. Wenn darin die Brötchen langsam verbrennen, ist das Pech oder mangelnder Aufmerksamkeit geschuldet. Es kann aber auch ein Zeichen von fehlender KI sein. Ein Ofen dagegen, der den Backvorgang ohne Programmierung eigenständig bis zum gewünschten Ergebnis steuert, ist eine denkbare, intelligente Hilfe und entlastet den Menschen. Um den Backofen hierzu in die Lage zu versetzen, benötigt es eine entsprechende informationstechnische Infrastruktur. Diese greift auf relevante Daten wie Hitzeentwicklung und Zeit zu, verknüpft sie mit einem Bilderkennungssystem und leitet aus den folgenden Rechenprozessen die richtigen Vorgänge ab.

Künstliche Intelligenz fürs Bäckerhandwerk ist nur ein Beispiel für Assistenzsys­teme, denen in Zukunft eine besondere Rolle in der Arbeitswelt zukommen. Nach Berechnungen der Unternehmensberatung McKinsey werden KI-Anwendungen bis zum Ende dieses Jahrzehnts etwa 13 Billionen Dollar zusätzliche Wertsteigerung auslösen und jährlich 1,2 Prozentpunkte zum Wachstum des globalen Bruttoinlandsprodukts beitragen. KI.NRW sieht daher in dem Whitepaper „Vertrauenswürdiger Einsatz von KI“ das Produktivitätswachstum von Künstlicher Intelligenz auf einer Stufe mit vorangegangenen industriellen Revolutionen, verkörpert durch Dampfmaschinen, Industrieroboter und die Informationstechnologie. Das Papier hat KI.NRW gemeinsam mit den Universitäten Bonn und Köln sowie dem in St. Augustin ansässigen Fraunhofer-Institut für Intelligente Analyse- und Informationssysteme (IAIS) veröffentlicht, an dem KI.NRW als Kompetenzplattform angesiedelt ist. Die Ministerien für Wirtschaft, Innovation, Digitalisierung und Energie (MWIDE) und für Kultur und Wissenschaft (MKW) des Landes Nord­rhein-Westfalen unterstützen die Arbeit von KI.NRW mit Fördermitteln.

Industrielle Revolutionen werden in der Regel von großen Umwälzungen begleitet und stellen die arbeitenden Menschen vor vielfältige Herausforderungen. Disruptive Auswirkungen sind auch im Zusammenhang mit künstlicher Intelligenz und maschinellem Lernen zu erwarten. Deshalb hat die Kompetenzplattform nicht allein die Aufgaben, den Transfer von KI aus der Forschung in die Wirtschaft zu beschleunigen und Nordrhein-Westfalen zu einem bundesweit führenden Standort für angewandte KI auszubauen. „KI.NRW unterstützt mit der Initiierung des Flagships ,Zertifizierte KI’ auch dabei, KI-Systeme nach ethisch-rechtlichen Grundsätzen zu überprüfen, und stärkt somit das Vertrauen der Menschen in die Anwendungen“, sagt KI.NRW-Geschäftsführer Christian Temath.

KI ragt bis in sensible gesellschaftliche Bereiche hinein
 

Schließlich ist das von Künstlicher Intelligenz gesteuerte Backen von Brot oder Kuchen ein vergleichsweiser konfliktarmer Anwendungsbereich. Bilderkennung ragt aber längst in sensible gesellschaftliche Bereiche hinein. Noch gut in Erinnerung sind die Diskussionen um selbstfahrende Autos und die Frage, welches Lenkmanöver der Bordcomputer in einer Gefahrensituation einleitet, wenn eine Kollision entweder mit einem jungen oder einem alten Menschen unausweichlich erscheint. Personen zu identifizieren in Kombination mit KI-basierter Intentionserkennung rückt es darüber hinaus in den Bereich des Möglichen, bei vermeintlich auffälligem Verhalten von Menschen in der Öffentlichkeit Maßnahmen zur Gefahrenabwehr per Alarm auszulösen. Vor dem Hintergrund dieser tiefgreifenden Eingriffsmöglichkeiten sei ein wichtiger Teil seiner Arbeit, sagt Christian Temath, in Gesprächen und Veranstaltungen mit Verbänden, Multiplikatoren und Unternehmen „die Angst vor der Technologie zu nehmen und die Chancen in den Mittelpunkt zu rücken“.

Um Firmen das Potenzial und die Chancen von KI aufzuzeigen, versuche KI.NRW, so Temath, die möglichen Anwendungsfälle so konkret wie möglich zu fassen. Für die Kontaktaufnahme können Unternehmen verschiedene Wege wählen, per E-Mail oder über die angebotenen Sprechstunden, um den eigenen Statusquo für den erfolgreichen Einsatz von KI-Technologien zu prüfen. Darauf aufbauend können die KI-Managerinnen und -Manager der Kompetenzplattform gezielte Handlungsempfehlungen aussprechen. „Ohne einen gewissen Grad der Digitalisierung wird es schwer, KI im Betrieb zu implementieren“, sagt der Geschäftsführer. Um digitale Prozesse anzustoßen, steht kleinen und mittleren Unternehmen zum Beispiel die Potentialberatung zur Verfügung, ein Förderinstrument des Landes Nord­rhein-Westfalen, das das Geschäftsmodell einem Zukunftscheck unterzieht und Handlungsfelder identifiziert. „Wir setzen darauf auf“, sagt Christian Temath.

Der Schlüssel beim Einsatz Künstlicher Intelligenz sind Daten. Maschinen oder digitale Prozesse benötigen eine Fülle von Informationen, um in komplexen, festgelegten Arbeitsabläufen zu funktionieren. Dabei drängen sich Fragen des Datenschutzes auf; Christian Temath nennt einige davon: „Was passiert mit personenbezogenen Daten und wer nutzt diese Informationen?“ Nachvollziehbarkeit sei von grundlegender Bedeutung. Im Betrieb müsse Klarheit darüber hergestellt werden, warum die KI eine bestimmte Entscheidung trifft. Akzeptanz für KI-Anwendungen herzustellen, sei daher ohne die frühzeitige Beteiligung der Mitarbeitenden kaum herzustellen. Dieser Annäherungsprozess beginnt für Christian Temath an dem Punkt, transparent die „richtigen“ Anwendungsfälle für KI im Betrieb zu identifizieren. Der innerbetriebliche Beratungsprozess unter Einbeziehung des Betriebsrates könne dann dazu führen, dass die Arbeit anders strukturiert werde. Denn wenn einfache Tätigkeiten im Unterschied zu anspruchsvolleren weniger würden, steige womöglich die Konzentrationsleistung und Beanspruchung der Beschäftigten.

Krankenhäuser auf dem Weg zu „Smart Hospitals“
 

Je eher Mitarbeitende beteiligt würden, desto leichter ließen sich auch Befürchtungen über die Sicherheit ihrer Arbeitsplätze nehmen. Ganz ohne Auswirkungen auf die Jobstruktur werde auch KI nicht bleiben. „Einfache, repetitive Arbeiten sind durch KI schon heute gut zu leis­ten“, sagt Christian Temath. Zur besseren Unterscheidung von Digitalisierung und KI nennt er das Beispiel automatisierter Dokumenten-Managementsysteme mit intelligenter Texterkennung und Dokumentenlenkung. Digitalisierung wäre in diesem Fall das einfache Umstellen von Briefpost auf E-Mail inklusive digitalisierter Formulare. KI dagegen ist in der Lage, anhand von Schlüsselbegriffen in Dateien – wie „Rechnungsnummer“ – ganze Abrechnungsvorgänge zu erkennen, einzuleiten und abzuwickeln. „Wenn in digitalisierten Prozessen assis­tierende Systeme eine menschliche Entscheidung übernehmen, sprechen wir von KI“, so Christian Temath. Das eröffne den Beschäftigten auf der anderen Seite mehr Freiraum für höherwertige Tätigkeiten, die sie besser und intensiver ausführen könnten. „Nordrhein-Westfalen kennt als ehemalige Montanregion den Strukturwandel“, so Temath, „und auch bei KI sehe ich ein großes Potenzial.“ KI werde sich nicht ungünstig auf die Vielfalt von Dienstleistungen und Produkten auswirken: „Sie kann sogar zunehmen.“

Seinen Optimismus bezieht der Geschäftsführer aus der Vergangenheit. Arbeitsprofile und -bilder hätten sich „jedes Jahrzehnt“ verändert und an die technischen Entwicklungen angepasst. Dass der Mensch mit diesen Schritt halten könne, sei – damals wie heute – die Aufgabe einer besseren Ausbildung und Qualifizierung. Nicht umsonst gehört zur Selbstbeschreibung der Plattform, das Bundesland zur „Leitregion für berufliche Qualifizierung in KI aufzubauen“. Die Zukunft der Arbeitswelt besteht für Christian Temath aus einem erheblich größeren Datenaustausch, der einerseits große Auswirkungen auf Arbeitsabläufe haben werde und andererseits die Arbeitsqualität verbessere. „Es werden sich eher Rollenprofile in Einzelschritten ändern, als dass komplette Berufe wegfallen“, sagt er. Um mit großen Datenmengen in Bürojobs, Industrie oder im Handwerk umgehen zu können, sei es wichtig, dass Schülerinnen und Schüler bereits im Unterricht darauf vorbereitet werden. „Der Mensch“, davon ist Chris­tian Temath überzeugt, „wird in der digitalisierten Berufswelt wichtig bleiben. Er bleibt ein komplettes Wesen, das nicht nur für die Arbeit, sondern in der Gesellschaft existiert.“

Entscheidend für den Erfolg von KI-Anwendungen in Betrieben sei neben Weiterbildung letztlich das Interesse an neuen Technologien und die Offenheit der Beschäftigten, sich in neue Themen einzuarbeiten. Das sei an vielen Stellen in der Berufswelt heute schon gegeben. Chris­tian Temath verweist dafür auf Schreiner, die Zuschnitte längst mit modernen CNC-Sägen erledigten. An der Seite intelligenter Maschinen sei der Mensch seltener als Programmierer, sondern als Anwender gefragt, für die Kontrolle von Vorgängen, die Wartung und Einsatzplanung. Auch Ärztinnen und Ärzte erwarten Hilfe und Entlastung durch KI, zum Beispiel bei der Analyse der teils sehr umfangreichen Laborberichte. „Dort kann KI die Aufmerksamkeit auf die relevanten Werte lenken, und die Behandelnden gewinnen somit wertvolle Hinweise und Zeit für Diagnose und Therapie“, sagt Christian Temath. Zu diesem Thema erprobt eins der „Flagship“-Projekte der Kompetenzplattform am Universitätsklinikum Essen die Weiterentwicklung von Krankenhäusern zu „Smart Hospitals“, mit KI-Anwendungen zur Effizienzsteigerung, Diagnostikunterstützung und Entlastung des Personals.

Christian Temath richtet einen grundsätzlichen Rat an Unternehmen: „Ob KI etwas für den eigenen Betrieb sein kann, sollten die Eigentümer und Beschäftigten in Ruhe gemeinsam überlegen. Von der Brechstange halte ich nichts.“ Es gebe schlicht kein Patentrezept für die Einführung von KI, aber umgekehrt ausreichend Beratungsangebote und beteiligungsorientierte Förderprogramme. Um das Eingangsbild noch einmal zu bemühen: Bei der Einführung von KI kann es von Vorteil sein, mit gesunder menschlicher Intelligenz zunächst kleine Brötchen zu backen und sich die Möglichkeiten der Technologie stufenweise zu eröffnen.

Ansprechperson in der G.I.B.

Andreas Bendig
Tel.: 02041 767206
a.bendig@gib.nrw.de

Kontakt

Kompetenzplattform Künstliche
Intelligenz Nordrhein-Westfalen (KI.NRW)
Dr. Christian Temath, Geschäftsführer
c/o Fraunhofer-Institut für Intelligente Analyse-
und Informationssysteme IAIS
Schloss Birlinghoven
53757 Sankt Augustin
christian.temath@iais.fraunhofer.de

Autor

Volker Stephan
Tel.: 0173 3679157
post@volker-stephan.net
Artikelaktionen