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(Heft 3/2021)
Interview mit Dr. Corinna Brauner, LIA.nrw

Heute Routine – morgen ersetzt?

Interview mit Dr. Corinna Brauner, Landesinstitut für Arbeitsgestaltung des Landes Nordrhein-Westfalen (LIA.nrw) zu repräsentativen Ergebnissen der Beschäftigtenbefragung NRW

G.I.B.: Frau Dr. Brauner, in Ihrer Sonderauswertung der Beschäftigtenbefragung NRW bildet sich deutlich heraus, dass Menschen, die häufig Routinearbeiten ausführen müssen, eher gering qualifiziert sind. Da auch für Basisarbeit eine berufliche Qualifikation nicht Voraussetzung ist, könnte der Schluss gezogen werden, Routinearbeiten sind mit der Basisarbeit gleichzusetzen. Wie genau grenzen sich Ihrer Ansicht nach Basisarbeit und Routinetätigkeiten voneinander ab?

Dr. Corinna Brauner: Wir definieren Basisarbeit dahingehend, dass für diese Arbeit keine formale Qualifikation, wie etwa eine abgeschlossene Berufsausbildung, notwendig ist und dass diese Arbeiten mit einer kurzen Anlernphase ausführbar sind. Bei der Gruppe der Basisarbeitenden finden sich aber auch häufig Personen, die durchaus einen Berufsabschluss haben, aber aus verschiedensten Gründen nicht mehr in diesem Beruf tätig sind. Als Beispiel, ein Friseur, der eine Allergie entwickelt hat, oder jemand, der nicht länger in Schicht arbeiten möchte, oder jemand, der sich eine berufliche Veränderung gewünscht hat und etwas anderes ausprobieren wollte. Basisarbeit wird also nicht nur von Geringqualifizierten ausgeführt.

Aber Routinetätigkeiten kommen natürlich auch in anderen Arbeitsbereichen vor, sie sind bei nahezu jeder Berufs- oder Beschäftigtengruppe vorzufinden. Die Routinen beziehen sich auf die tatsächlich ausgeführten Tätigkeiten, nicht auf ganze Berufe. Gleichwohl gibt es zwischen Basisarbeit und Routinearbeiten schon große Schnittmengen. Zum Beispiel werden in der Reinigungs- und Recyclingbranche besonders viele Routinetätigkeiten ausgeführt, ein Bereich, bei dem auch Basisarbeit stark präsent ist. Wir haben erst kürzlich unsere ganz neue Befragung durchgeführt, und bei den ersten Auswertungen ist schon zu erkennen, dass Routinetätigkeiten bei Basisarbeitenden deutlich häufiger sind als in anderen Bereichen.

G.I.B.: Was zeichnet also die Personengruppe, die häufig Routinearbeiten zu erledigen hat, aus?

Dr. Corinna Brauner: Wir haben in unserer Befragung festgestellt, dass es sich tendenziell um jüngere Menschen handelt, durchschnittlich etwa fünf Jahre jünger als andere Beschäftigte, und sehr häufig tatsächlich auch um Geringqualifizierte sowie um Menschen mit Einwanderungsgeschichte. Dabei sieht man auch wieder die Schnittmenge zur Basisarbeit, da diese auch häufig eine „Ankommensarbeit“ ist.

G.I.B.: In der Sonderauswertung Ihrer Befragung ist zu lesen, dass Beschäftigte, die stets Routinetätigkeiten erledigen, nicht nur jünger sind, sondern durchschnittlich drei Jahre kürzer ihre Haupttätigkeit ausführen als Beschäftigte, bei denen diese Tätigkeiten manchmal/selten oder nie anfallen. Wie ist das Ihrer Meinung nach zu deuten?

Dr. Corinna Brauner: Eine mögliche Erklärung ist, dass einige Beschäftigte zum Berufseinstieg oder in Vorbereitung einer weiteren Qualifizierung Routinearbeiten ausüben, zum Beispiel, wenn begleitend zum Studium noch gejobbt wird oder der Einstieg in das Berufsleben nach dem Schulabschluss mit einfachen Tätigkeiten beginnt, um dann später, je nachdem, auch komplexere Aufgaben zu übernehmen. Beschäftigte mit häufigen Routinetätigkeiten sind aber auch häufiger befristet angestellt.

G.I.B.: Sind der Zugang zu Weiterbildungen und Qualifizierungen Ihrer Meinung nach der Schlüssel für eine humanere Bewältigung des technologischen Wandels?

Dr. Corinna Brauner: An vielen Stellen werden sich sicherlich anspruchsvollere Arbeiten entwickeln, da brauchen wir auf jeden Fall entsprechende Qualifizierungen. Lebenslanges Lernen sollte selbstverständlich sein. Es ist natürlich auch so, dass Menschen, die heute überwiegend Routinearbeiten ausführen, nicht schon morgen hochqualifizierte Spezialistentätigkeiten übernehmen können. Da brauchen wir einen inkrementellen Aufbau von Kompetenzen. Das ist wichtig, um auch etwaigen Fachkräfteengpässen entgegenzuwirken. Außerdem sollten Lernchancen für alle Beschäftigtengruppen gleichermaßen zugänglich sein.

G.I.B.: Vor dem Hintergrund der pandemischen Situation, die seit gut eineinhalb Jahren herrscht: Wenn Sie sich vorstellen, Sie hätten die Befragung jetzt durchgeführt, welche Ergebnisse wären zu erwarten?

Dr. Corinna Brauner: Tatsächlich sind wir gerade bei der Sichtung der aktuellen Befragung. Die Pandemie hat ja regelrechte Digitalisierungsschübe ausgelöst. Nicht nur die Auslagerung der Arbeitsorte durch das Homeoffice, sondern auch viele Arbeitsprozesse wurden digitalisiert. Andererseits wurden aufgrund von betrieblichen Unsicherheiten auch technologische Investitionen auf Eis gelegt. Leider gab es in dieser Zeit nicht für jeden die Möglichkeit, sich weiterzubilden. In meinen Augen ist es ein großes Problem, dass einige Beschäftigtengruppen in dieser Zeit abgehängt wurden. Denn nicht alle Beschäftigten verfügen über die notwendigen technischen Möglichkeiten oder IT-Kompetenzen, um an virtuellen Fort- und Weiterbildungen teilzunehmen. Auch mit Blick auf Arbeits- und Gesundheitsschutz werden wir als LIA.nrw diese Entwicklungen und Auswirkungen auf die Arbeitswelt weiter verfolgen. So kann die Unterstützung bei schweren körperlichen Tätigkeiten durch Roboter, Exoskelette oder Maschinen auch zum langfristigen Erhalt der Gesundheit und Arbeitsfähigkeit beitragen, beispielsweise bei Beschäftigten, die durch das Heben und Tragen von Lasten stark beansprucht sind. Die individualisierte Unterstützung durch moderne Technologien kann auch einigen Beschäftigtengruppen gerade erst die Teilhabe am Arbeitsleben ermöglichen. Wichtig ist, bei diesen Transformationsprozessen den Menschen in den Mittelpunkt zu stellen und die Arbeit auch zukünftig menschengerecht zu gestalten.

Das Interview führte

Marion Slota
Tel.: 0157 77035666
info@marion-slota.de

Kontakt

Landesinstitut für Arbeitsgestaltung
des Landes Nordrhein-Westfalen
Dr. Corinna Brauner
Tel.: 0211 31011237
Corinna.Brauner@lia.nrw.de
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