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(Heft 3/2021)
Digitale Begleitveranstaltungen zum Thema Arbeitgeber

Die Landesinitiative „Durchstarten in Ausbildung und Arbeit“

Anfang Juni 2021 hat die G.I.B. im Kontext der Landesinitiative „Durchstarten in Ausbildung und Arbeit“ (kurz: „Durchstarten“) zwei digitale Begleitveranstaltungen durchgeführt, in deren Fokus die Zielgruppe „Arbeitgeber“ standen. Neben Vorträgen zu speziellen Aspekten von „Durchstarten“ waren von der G.I.B. moderierte Tischgespräche ein wesentlicher Bestandteil dieser Veranstaltungen. Dabei kamen sowohl Unternehmen selbst zu Wort als auch wichtige Kooperationspartner. Beispielhaft werfen wir einen Blick auf das Tischgespräch vom 1. Juni 2021 mit der Oberhausener Akteursgemeinschaft.

Daniel Hausmann, Geschäftsführer der Firma Tackenberg Bautenschutz, einem Meisterbetrieb des Maler- und Lackierer-Handwerks mit rund 15 Mitarbeitenden und Auszubildenden, nannte zwei wesentliche Beweggründe für sein Engagement in der Initiative. Zum einen sei es ihm ein persönliches Anliegen, Geflüchteten einen guten Start in das Berufsleben zu ermöglichen, zum anderen nannte er den akuten Fachkräftemangel in der Branche: „Wir finden auf dem Arbeitsmarkt einfach keine guten Mitarbeiter oder Mitarbeiterinnen.“

Die größte Herausforderung bei der Beschäftigung von Geflüchteten stelle die Sprache dar, sowohl in der (Berufs-)Schule als auch bei der Arbeit. „Dazu kommt kulturell bedingt, dass es den Geflüchteten oft schwerfällt nachzufragen, wenn sie etwas nicht verstanden haben.“ Im Betrieb sei es dagegen eher der manchmal recht harsche Umgangston, der mitunter bedrohlich oder auch diskriminierend wirken könne. „Die daraus resultierenden Missverständnisse zu klären, ist sehr wichtig, aber auch sehr anspruchsvoll und zeitintensiv“, so Daniel Hausmann.

Eine weitere Herausforderung seien nach Erfahrung von Daniel Hausmann die privaten Probleme der Beschäftigten mit Fluchthintergrund. „Als Arbeitgeber ist man häufig der erste Ansprechpartner, hat jedoch nicht die Zeit, sich darum so intensiv zu kümmern, wie es aus betrieblicher Sicht nötig wäre.“ Deshalb ist Daniel Hausmann über die Unterstützung durch die Landesinitiative froh. Zum Beispiel erhielten die Teilnehmenden, die noch in Flüchtlingsunterkünften leben, Hilfe bei der Suche nach einer eigenen Wohnung.

Wichtige Unterstützung leistet das Zentrum für Ausbildung und berufliche Qualifizierung Oberhausen e. V. (ZAQ), das Elemente der Landesinitiative umsetzt. Projektleiter Andreas Bruns schilderte, dass im Juni 2021 zehn Teilnehmende im Rahmen des Förderbausteins 2 (Berufsbegleitende Qualifizierung und/oder Sprachförderung) durch das ZAQ begleitet wurden. Die Palette der entsprechenden Angebote ist breit: Sprachförderung, Weiterbildung, Unterstützung bei formalen Angelegenheiten wie zur Beschäftigung oder zum Aufenthaltsstatus. Während der Pandemie muss die Akteursgemeinschaft dabei besonders flexibel und kreativ sein: Das ZAQ nutzt sowohl die Fachwerkstätten als auch Räumlichkeiten, die auch in den Nachmittags- und Abendstunden sowie an Samstagen für Selbstlernphasen genutzt werden können. „Besonders hilfreich für die Teilnehmenden ist dabei, dass die Räume mit Computern mit Internetzugang ausgestattet sind, die manchen Beschäftigten ansonsten nicht zugänglich wären“, berichtete Andreas Bruns.

Den Kontakt zwischen den Teilnehmenden der Initiative und den Arbeitgebern stellt auch der gemeinsame Arbeitgeber-Service der Agentur für Arbeit und des Jobcenters Oberhausen her. „Obwohl die Gestatteten und Geduldeten nicht zu unserer primären Zielgruppe zählen, konnten hier bei der Vermittlung bereits viele Erfolge erzielt werden“, berichtete René Derksen, Teamleitung Arbeitgeber-Service.1 Hilfreich hierfür sei der Austausch mit den Ausländerbehörden und der Zentralstelle Fachkräfteeinwanderung Nordrhein-Westfalen in Bonn. Dadurch könnten Lösungen für die Zielgruppe gefunden werden, die aufgrund der gesetzlichen Regelungen zum Beispiel nicht vom Eingliederungszuschuss profitieren würden.

Die Ansprache von Betrieben geschieht darüber hinaus auch über die Coachs oder über das Teilhabemanagement. Für die Akquisition von Teilnehmenden haben sich Berufsschulen bzw. -Kollegs als wichtige Partner herausgestellt.

Grundsätzlich sollten Unternehmen aufgeschlossen gegenüber der Zielgruppe sein, legte Matthias Ketzler vom Kommunalen Integrationszentrum (KI)der Stadt Oberhausen allen Beteiligten nahe und plädierte leidenschaftlich dafür, die Gruppe der Geduldeten und Gestatteten zu beschäftigen. Dies zahle sich aus, da man mit diesem Personenkreis „eigentlich immer freundliche und sehr motivierte und loyale Mitarbeitende bekommt.“

Der Prozess
 

Ist der Kontakt zwischen Unternehmen und Beschäftigten hergestellt, führt das ZAQ ein Erstgespräch mit den Geflüchteten durch, im Idealfall gemeinsam mit dem Arbeitgeber. Dabei werden zunächst die Förderbedarfe besprochen. Die konkreten Unterstützungsleistungen übernehmen dann Lehrkräfte und Praktiker in den Räumlichkeiten des ZAQ. Zur Förderung der digitalen Kompetenz werden beispielsweise Office-Schulungen angeboten, diverse Werkstätten können zur Schulung der Fachpraxis genutzt werden. Auf private Probleme der Teilnehmenden gehen sozialpädagogische Fachkräfte ein.

Andreas Bruns unterstrich dies mit einem anschaulichen Beispiel: Ein Auszubildender in der Fleischverarbeitung war bereits zweimal durch seine Abschlussprüfung gefallen und erlebte sich als gescheitert. Durch die intensive Unterstützung des Trägers konnte er aber davon überzeugt werden, den dritten Versuch wahrzunehmen, den er dann letztendlich auch bestand. Neben einer solchen intensiven Unterstützung benannte Andreas Bruns den regelmäßigen Austausch mit Berufsschulen und Betrieben als maßgeblichen Erfolgsfaktor bei der Begleitung der Teilnehmenden.

Aber es ist sicher nicht alles einfach, waren sich die Vertreter der Akteursgemeinschaft Oberhausen beim Tischgespräch einig. So stellte die Corona-Pandemie das ZAQ vor allem in der ersten Pandemie-Phase vor große Herausforderungen. Die Wissensvermittlung konnte aber über die Einrichtung einer digitalen Lernplattform sichergestellt werden. Darüber hinaus wurden den Teilnehmenden Unterrichtsmaterialien zugeschickt und der Kontakt zu ihnen über Telefonate aufrechterhalten.

Bedauerlich sei, dass „Durchstarten“ nach Erfahrung von Daniel Hausmann bei vielen Unternehmen immer noch nicht bekannt sei. Arbeitgeber müssten besser über die bestehenden Angebote informiert werden (Informationen und Materialien für Arbeitgeber siehe im Extrakasten). Hierzu empfahl er, die Innungen mit ins Boot zu holen und die Kommunikation mit den Betrieben über persönliche Kontakte und Vor-Ort-Termine herzustellen.

René Derksen rief dazu auf, dass die Akteure der Landesinitiative und Arbeitgeber-Services der Agenturen für Arbeit und der Jobcenter unbedingt miteinander ins Gespräch kommen sollten. Für die Zielgruppe könnten dann sehr häufig individuelle Lösungen gefunden werden. Geduldete, die bei der Agentur für Arbeit oder dem Jobcenter gemeldet seien, hätten sogar die Möglichkeit, einen Bildungsgutschein zu erhalten, um sich weiter zu qualifizieren.

Als Fazit wurde im Oberhausener Tischgespräch festgehalten, dass die Ausbildung und Beschäftigung von Menschen mit Gestattung oder Duldung mithilfe der Landesinitiative „Durchstarten“ sehr gut gelingen kann. Die Initiative biete den Raum, sich endlich der Zielgruppe der Gestatteten und Geduldeten widmen zu können.

Für den Erfolg seien insbesondere die Motivation und der Fleiß der Teilnehmenden, die Qualität der begleitenden Angebote sowie nicht zuletzt auch das Engagement und die Kooperation der beteiligten Akteure ausschlaggebend – und die funktioniert in Oberhausen auch in Zeiten der Pandemie ziemlich gut.


„Informationen für Arbeitgeber“
 

Das NETZWERK Unternehmen integrieren Flüchtlinge ist mit über 2.700 Betrieben deutschlandweit der größte Zusammenschluss von Unternehmen, die sich für die Beschäftigung und Ausbildung von Geflüchteten engagieren. Die Unternehmen erhalten vom NETZWERK kostenlos Informationsmaterialien und Beratung rund ums Thema. Im Rahmen von vielen (digitalen) Veranstaltungen können sie sich mit anderen Betrieben und Experten Erfahrungen und
Praxis-Tipps austauschen. Weitere Informationen: www.nuif.de

Die Anmeldung zum NETZWERK erfolgt schnell und unkompliziert unter folgendem Link: www.nuif.de/mitglied-werden/registrieren/

Die Willkommenslotsen begleiten und betreuen Unternehmen, die Geflüchtete ausbilden und beschäftigen. Dazu gehört auch die Vermittlung von Geflüchteten in Ausbildung und Arbeit. Übersicht der Willkommenslotsen: www.nuif.de/allgemein/sie-wollen-eine-offene-stelle-in-ihrem-betrieb-mit-gefluechteten-besetzen/

Das BQ-Portal bietet eine Plattform mit Informationen zu den Berufsbildungssystemen und Berufsqualifikationen der Flüchtlingsherkunftsländer an, die dabei unterstützt, sich selbst ein besseres Bild von den Fähigkeiten, Fertigkeiten und Kenntnissen der Bewerberinnen und Bewerber um Arbeits- und Ausbildungsplätze zu machen. Weitere Informationen: www.bq-portal.de

Die IQ-Fachstelle Berufsbezogenes Deutsch setzt sich für die Stärkung berufsbezogener sprachlicher und kommunikativer Kompetenzen von Zugewanderten ein und versorgt Interessentinnen und Interessenten mit vielen Informationsmaterialien.
Weitere Informationen: https://www.deutsch-am-arbeitsplatz.de/betriebe.html


1 Die Agenturen für Arbeit und die Jobcenter weisen darauf hin, dass es wichtig ist, dass sich die Personen der Zielgruppe bei der Agentur für Arbeit arbeitslos bzw. arbeitssuchend melden, damit sie die Leistungen nach dem SGB II oder SGB III in Anspruch nehmen können.

Ansprechpersonen in der G.I.B.

Peter Fehse
Tel.: 02041 767209
p.fehse@gib.nrw.de

Eva-Maria Tomczak
Tel.: 02041 767205
e.tomczak@gib.nrw.de

Teilnehmende des Tischgesprächs

Andreas Bruns, Projektleiter
Zentrum für Ausbildung und berufliche
Qualifizierung Oberhausen e. V. (ZAQ)
Tel.: 0208 30268261
abruns@zaq-oberhausen.de

René Derksen, Teamleitung
Arbeitgeber-Service Jobcenter Oberhausen
Tel.: 0208 8506839
Rene.Derksen@jobcenter-ge.de

Daniel Hausmann, Geschäftsführer
Firma Tackenberg Bautenschutz
Tel.: 0208 651225
info@tackenberg-bautenschutz.de

Matthias Ketzler, Sozialarbeiter
Kommunales Integrationszentrum (KI)
Stadt Oberhausen
Tel.: 0208 62921152
matthias.ketzler@oberhausen.de

Autor

Frank Stefan Krupop
Tel.: 02306 741093
frank_krupop@web.de
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