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(Heft 3/2021)
Arbeitsminister Karl-Josef Laumann informiert sich in den Kreisen Recklinghausen und Paderborn über die Umsetzung

Die Landesinitiative „Durchstarten in Ausbildung und Arbeit“

Im Frühjahr 2020 startete in Nordrhein-Westfalen die Landesinitiative „Durchstarten in Ausbildung und Arbeit“, die das Ziel verfolgt, Geflüchteten mit einer Duldung oder Aufenthaltsgestattung den Weg in den Arbeitsmarkt zu öffnen. Ein schwieriger Zeitpunkt, fiel der Start doch mit dem Ausbruch der Corona-Pandemie zusammen. Die Akteure in den Kommunen haben aber innovative Ideen und Wege zur Umsetzung entwickelt und können nach etwas mehr als einem Jahr bereits gute Erfolge vorweisen. Landesarbeitsminister Karl-Josef Laumann hat im Juli 2021 zwei Unternehmen besucht, die Geflüchtete ausbilden, und sich vor Ort über den lokalen Umsetzungsstand der Landesinitiative informiert.

Die ODAS GmbH in Dorsten, ein Unternehmen, das im Bereich Dünger/
Energie/Logistik agiert, bildet mit Begleitung durch die Landesinitiative seit einem knappen Jahr Tamas Khan Shahid aus Afghanistan zum Berufskraftfahrer aus – ein Beruf, in dem derzeit ein starker Fachkräfteengpass zu verzeichnen ist. Bei seinem Besuch am 8. Juli 2021 erfuhr Minister Laumann aus erster Hand, dass der 2016 als 20-Jähriger allein nach Deutschland geflüchtete junge Mann neben Deutschkursen bereits seinen Realschulabschluss und den Pkw-Führerschein begonnen hatte, als er nach einer Probearbeit bei ODAS in die Ausbildung einsteigen konnte. Auch über die Schwierigkeiten, die sich für ihn durch den coronabedingten Distanzunterricht der Berufsschule ergaben – „Ich konnte keinen fragen“ – berichtete der junge Mann. Mittlerweile hat der im Rahmen der Landesinitiative beim Sozialträger RE/init e. V. tätige Jobcoach Gerd Felbrach Tamas Khan Shahid aber nicht nur bei der Regelung seiner Finanzen unterstützt – er bekommt eine Ausbildungsbeihilfe –, er hat auch einen Zuschuss für die digitale Ausstattung sowie zusätzlichen Nachhilfeunterricht vermittelt. Der Jobcoach erlebt die Geflüchteten als hochmotiviert. So haben zum Beispiel alle vom RE/init e. V. betreuten Auszubildenden zum Chemikanten jüngst ihre Gesellenprüfung mit den Noten 1 bis 2 bestanden und sind anschließend ohne Ausnahme von dem ausbildenden Unternehmen übernommen worden. Das zeigt eindrucksvoll, dass das Ziel der Landes­initiative, jungen Geflüchteten Wege aufzuzeigen, ihren Lebensunterhalt selbstständig zu sichern und gleichzeitig zur Deckung des Fachkräftebedarfs der Unternehmen beizutragen, kein Wunschdenken ist.

„Die jungen Menschen, die aus anderen Ländern zu uns gekommen sind, brauchen eine Perspektive. Wir haben junge Menschen, die etwas lernen wollen, und wir haben Betriebe, die Hilfe brauchen können. Wenn ‚Durchstarten‘ in einen Beruf mündet, sprechen wir über eine klassische Win-win-Situation“, so Minister Laumann. Besonders vor dem Hintergrund des zunehmenden Fachkräftemangels habe die Gewinnung von Fachkräften auf neuen Wegen höchste Priorität. „Die Ausbildung von Geflüchteten ist zumindest ein kleiner Schlüssel dazu. Denn es gibt den großen Schlüssel oder Baustein nicht, nur viele kleine Bausteine. Ich bin froh, heute einen dieser kleinen Bausteine kennenlernen zu können.“

Allerdings erfuhr Minister Laumann auch, dass sich viele Geflüchtete im theoretischen Teil der Gesellenprüfung schwertun, weil sie noch Probleme mit der Schriftsprache haben und dadurch mehr Zeit zum Verstehen der Prüfungsaufgaben brauchen. Er versprach dieses bereits bekannte Phänomen mit den Partnern des Landes im Ausbildungskonsens zu besprechen.

Projekt wird von der Zielgruppe sehr gut angenommen
 

Insgesamt über 150 Geflüchtete profitierten im Kreis Recklinghausen bereits von der Landesinitiative. Rund 20 Teilnehmende wurden bislang ausbildungsbegleitend betreut, wobei die Ausbildungsberufe vor allem im handwerklichen und dienstleis­tungsbezogenen Bereich angesiedelt waren. Auch Berufe, in denen ein besonders hoher Fachkräftebedarf besteht, waren darunter (z. B. Bäcker/-in, Berufskraftfahrer/-in, Pflegefachkraft). Im Rahmen des Förderbausteins 1 (Coaching) werden weitere Teilnehmende auf Ausbildung und Beruf vorbereitet. Außerdem sind bisher in den Schul-, ausbildungs- und berufsvorbereitenden Kursen, die im Rahmen des Förderbausteins 4 der Landesinitiative im Kreis Recklinghausen eingerichtet wurden, über 100 Teilnehmerinnen und Teilnehmer gefördert worden. Diese Informationen konnte Minister Laumann im Anschluss an den Betriebsbesuch bei einer Gesprächsrunde mit Landrat Bodo Klimpel, Arbeitgebern, Coachs und weiteren Akteuren der Durchstarten-Initiative beim Sozialträger RE/init e. V. mitnehmen, der für die Umsetzung der Landesinitiative im Kreis Recklinghausen verantwortlich zeichnet.

Der 1997 gegründete Träger RE/init e. V. engagiert sich seit über zehn Jahren in der Flüchtlingshilfe und hat in dieser Zeit ein hohes Maß an Expertise und ein breites Netzwerk in der Region aufgebaut. Besonders eine ganzheitliche Förderung entsprechend den persönlichen Potenzialen und individuellen Bedarfen der Menschen mit dem Ziel einer guten Integration in die Gesellschaft liege RE/init e. V. am Herzen, so Geschäftsführer Gerd Specht.

Beim Ministerbesuch kamen auch die besonderen Herausforderungen zur Sprache, die sich bei der Umsetzung der Landes­initiative durch die Corona-Pandemie ergeben haben. RE/init ist ihnen mit einer umfassenden Digitalisierung begegnet. Das Projekt sei trotz der Widrigkeiten von Anfang an sehr gut von der Zielgruppe angenommen worden und die Teilnehmenden seien froh und dankbar, endlich aktiv gefördert zu werden.

Einen weiteren Auszubildenden, auf den das zutrifft, lernte Minister Laumann bei seinem Termin in Recklinghausen kennen: Muslikhiddin Zoirov aus Tad­schikistan macht beim Dorstener Unternehmen Parkett- und Fußbodentechnik Schwering eine Ausbildung zum Parkettleger. Inhaber Ludwig Schwering war ebenfalls vor Ort und schilderte die positiven Eindrücke, die sein Lehrling mit Fluchthintergrund auf ihn macht und hob die Bedeutung hervor, die die Unterstützungsleistungen, die über die Landesinitiative finanziert werden, bei der Ausbildung spielen. Minister Laumann würdigte die Arbeit von RE/init e. V., des Kommunalen Integrationszentrums und auch der Unternehmen, die Geflüchteten eine Chance geben, denn eines sei klar, „je später die Chance auf den 1. Arbeitsmarkt kommt, desto schwerer wird es für die Menschen.“

Persönlicher Entwicklungsplan mit dem Ziel einer dualen Ausbildung
 

Eine solche Chance erhält auch der aus dem Libanon geflüchtete Walid Ali bei der RTB GmbH für innovative Verkehrstechnik in Bad Lippspringe im Kreis Paderborn. Dieses Unternehmen besuchte Minister Laumann am 29. Juli 2021, um sich auch dort über den Umsetzungsstand von „Durchstarten in Ausbildung und Arbeit“ zu informieren. Der 28-Jährige, der 2015 nach Deutschland kam, hat am 1. August 2021 eine Ausbildung zum Fachinformatiker begonnen. Sein Bachelor in Business Management, den er im Libanon erworben hatte, half ihm aufgrund seiner fehlenden Berufserfahrung in Deutschland beruflich nicht weiter. 2020 erhielt er dann im Rahmen der Landesinitiative Hilfe bei seiner beruflichen Entwicklung. IN VIA Paderborn e. V., einer der Träger, die die Förderbausteine der Landesinitiative umsetzen, erstellte gemeinsam mit Walid Ali einen persönlichen Entwicklungsplan. Das Ziel: die duale Ausbildung zum Fachinformatiker. Wie Minister Laumann bei einem Betriebsrundgang mit Geschäftsführer Rudolf Broer erfuhr, engagiert sich das Unternehmen nicht nur für Geflüchtete, sondern auch für Menschen mit Behinderung. Seit rund 17 Jahren kooperiert RTB mit dem Integrationsbetrieb INTEG, seit 2008 arbeiten Mitarbeitende der INTEG in den Produktionsräumlichkeiten von RTB.

Minister Laumann zollte dem Engagement für die Menschen mit Behinderung und Menschen mit Fluchthintergrund Respekt. Denn die Integration von Geflüchteten sei zwar spannend, bringe aber auch viel Ungewohntes für einen Betrieb. Besonders für die Ethik, die besonders in inhabergeführten Familienunternehmen in Form der gegenseitigen Achtung zu beobachten sei, sei er dankbar. Die guten Deutschkenntnisse der Geflüchteten empfand Minister Laumann als beeindruckend. Schon, dass sie allein und ohne Sprachkenntnisse das Wagnis eingegangen seien, nach Deutschland zu flüchten, zeuge von einem starken Charakter. „Die Geflüchteten dürfen auf sich stolz sein“, sagte der Minister. Jetzt gelte es, sie in die Arbeitswelt zu integrieren, am besten über eine Ausbildung. Nicht nur, damit sie in Deutschland bleiben können, sondern auch, weil eine abgeschlossene Ausbildung der beste Schutz vor Arbeitslosigkeit sei. „Integration bedeutet für mich letztendlich immer auch Integration in Arbeit, denn sie ist ein wesentlicher Schlüssel zur gesellschaftlichen Teilhabe“, so Minister Laumann. „Ich bin überzeugt, dass die jungen Geflüchteten, die ich kennenlernen durfte, in unserer Gesellschaft ihren Weg gehen werden.“

Starkes Engagement der umsetzenden Träger
 

Im Rahmen des anschließenden Austauschs unter Beisein von Landrat Christoph Rüther, dem Bundestagsabgeordneten Dr. Carsten Linnemann, dem Landtagsabgeordneten Bernhard Hoppe-Biermeyer, Bad Lippspringes Bürgermeister Ulrich Lange sowie zahlreichen in die Landesinitiative involvierten Akteuren verdeutlichte Eva Kalamenovich vom Kommunalen Integrationszentrum im Bildungs- und Integrationszentrum den Umsetzungsstand der Landesinitiative im Kreis Paderborn: Insgesamt werden derzeit 116 Personen durch die Landesinitiative unterstützt. Fünf der sechs zur Verfügung stehenden Förderbausteine werden umgesetzt.1 Nur für den Baustein „Nachträglicher Erwerb des Hauptschulabschlusses“ besteht derzeit kein Bedarf. Zwei Coachs und vier Teilhabemanagerinnen sind in dem Projekt tätig. Der besondere Dank von Eva Kalamenovich galt ihnen und den umsetzenden Trägern IN VIA Paderborn, AWO Paderborn, FAW Paderborn und SBH West. Denn die Arbeit sei immer Einzelfallarbeit, bei der viel Flexibilität und Kreativität notwendig seien, um letztendlich für jeden Einzelnen das Beste zu erreichen.

„Es ist schön zu sehen, dass wir mit Hilfe der Landesinitiative Menschen, die mit der Flüchtlingsbewegung zu uns gekommen und in der Regel jung sind, bei der Ausbildung begleiten und unterstützen können“, sagte Minister Laumann in der abschließenden Gesprächsrunde. „Es geht darum, einen Beruf zu lernen, mit dem man, egal, wo man später lebt, den Lebensunterhalt bestreiten kann.“ In ganz Nordrhein-Westfalen seien jetzt rund 5.000 Menschen aus der Zielgruppe der Geflüchteten mit Duldung oder Aufenthaltsgestattung in dem Programm. Das habe man trotz Corona geschafft. „Für dieses Engagement ein Dankeschön an die umsetzenden Träger, die anderen Beteiligten und ganz besonders an die Ausbildungsbetriebe.“


1 Zu den Förderbausteinen siehe auch den Grundlagen-Artikel (Seite 16 ff.) in dieser Ausgabe des G.I.B.-Infos.

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Autor

Frank Stefan Krupop
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