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(Heft 3/2021)
Mit gebündelten Maßnahmen jungen Menschen eine Berufsausbildung ermöglichen

Die Initiative Bildungsketten

Noch immer beenden Schülerinnen und Schüler die Schule vorzeitig – ohne Abschluss. Laut Bildungsbericht des Bundes aus dem Jahr 2020 stieg die Zahl der Jugendlichen ohne Abschluss von 5,7 Prozent im Jahr 2013 auf 6,8 Prozent 2019. Die Lebensperspektiven junger Menschen verschlechtern sich dadurch erheblich. Die Gefahr arbeitslos zu werden oder nur eine Anstellung im Niedriglohnsektor zu finden, erhöht sich ohne Schulabschluss überdurchschnittlich. Für Unternehmen, denen so wertvolle Fachkräfte entgehen, ist dies ebenfalls ein großer Verlust. Im Jahr 2010 nahm sich daher das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) dieser Problematik an und rief die Initiative „Abschluss und Anschluss – Bildungsketten bis zum Ausbildungsabschluss“ ins Leben. Von Beginn an waren die Bundesagentur für Arbeit (BA) und alle Länder als Kooperationspartner dabei. 2014 kam das Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) hinzu. Gemeinsam unterstützen sie junge Menschen bei der Beruflichen Orientierung und am Übergang in eine Berufsausbildung oder ein Studium sowie in der Ausbildung.

Entstanden ist die Idee für die Initiative Bildungsketten nach dem Dresdner Bildungsgipfel 2008. Eine der zentralen Fragen des Gipfels war: „Wie kann man die Zahl der Schulabgängerinnen und Schulabgänger ohne Abschluss reduzieren“, erinnert sich Carsten Schülke, Leiter der Servicestelle Bildungsketten im Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB). Zwar gab es schon damals entsprechende Maßnahmen im Bereich Übergang und Berufliche Orientierung, allerdings waren die bestehenden Förderprogramme und Instrumente noch nicht ausreichend systematisch aufeinander abgestimmt. Also ergriff der Bund im wahrsten Sinne des Wortes die Initiative. „Wir wollten mit der Initiative Bildungsketten zuallererst die verantwortlichen Akteurinnen und Akteure der Länder an einen Tisch bringen, um einen Dialog zu ermöglichen“, beschreibt Carsten Schülke den Ausgangspunkt. Denn obwohl das Problem abgebrochener Schullaufbahnen und Berufsausbildungen alle Länder unter Druck setzte, behandelte das Thema bis dahin jedes Land für sich. Mit dem Effekt, dass sich Förderansätze überlagerten. Kommunen hatten ihre eigenen Konzeptionen, und zum Teil sogar auch Unternehmen. „So gab es zwar ein großes Portfolio an Maßnahmen, jedoch ohne kohärentes System“, so Carsten Schülke.

An genau dieser Stelle setzt die Initiative Bildungsketten an: Ihr Ziel ist es, bundesweit einheitliche Förderinstrumente mit den Aktivitäten und Projekten der Länder am Übergang Schule – Beruf zu verzahnen. Der Leiter des Referats für Innovationen in der beruflichen Bildung im BMBF, Dr. Ingo Böhringer, präzisiert: „Die Initiative Bildungsketten will alle Jugendlichen darin unterstützen, dass ihnen ein zügiger und reibungsloser Übergang von der Schule in Ausbildung und Beruf gelingt. Berufliche Orientierung, erfolgreiches Matching zwischen Ausbildungsbetrieb und künftigen Auszubildenden und eine auch unter Pandemiebedingungen gelingende Ausbildung sind wichtige Stationen auf diesem Weg. Um das zu erreichen, bilden Bund und Länder in jedem Land eine Bildungskette.“ Diese entsteht durch die Verknüpfung der einzelnen Maßnahmen und trägt die Schülerinnen und Schüler so von Glied zu Glied erfolgreich in eine Berufsausbildung: „Ein Meilenstein föderaler Zusammenarbeit zwischen Bund, Ländern und Bundesagentur für Arbeit, den es in dieser Form zuvor noch nicht gegeben hat“, findet Carsten Schülke.

Eine Plattform für Wissenstransfer
 

„Entscheidend für den Erfolg der Initiative Bildungsketten ist die Formulierung gemeinsamer berufsbildungspolitischer Ziele der beteiligten Partner im Bund und in den Ländern. Auf dieser Basis können wir durch Verschränkung der Instrumente und Maßnahmen von Bund und Ländern sowie die Erprobung neuer Wege und Modelle den Übergang von der Schule in Ausbildung und Beruf gut gestalten“, sagt Dr. Ingo Böhringer. Daher rief das BMBF auch gleich zu Beginn der Initiative die Bund-Länder-BA-Begleitgruppe ins Leben. In regelmäßigen Sitzungen stimmen darin die Vertreterinnen und Vertreter des BMBF und des BMAS, der 16 Kultusministerien der Länder, der Wirtschaftsministerkonferenz, der Arbeitsministerkonferenz sowie der Bundesagentur für Arbeit die Maßnahmen und Förderinstrumente des Bundes und der Länder aufeinander ab.

Mit der Initiative Bildungsketten steht bundesweit Unterstützung für Jugendliche auf dem Weg in den Beruf zur Verfügung. Hierzu zählen Potenzialanalyse, Berufliche Orientierung, Berufseinstiegsbegleitung, ehrenamtliches Coaching (VerA), Maßnahmen im Übergangsbereich und in der Ausbildung sowie Portfolioinstrumente (z. B. der Berufswahlpass). Eingebettet sind die Maßnahmen in die jeweiligen Landeskonzepte zur Beruflichen Orientierung. Allen jungen Menschen soll eine bessere Unterstützung für einen möglichst direkten Übergang in eine Ausbildung oder in ein (duales) Studium mit anschließendem Berufseinstieg eröffnet werden. Durch die Bereitstellung einer engmaschigen, entlang der individuellen Bedarfe orientierten Begleitung wird ein Netz gespannt, das insbesondere benachteiligte junge Menschen auffängt.

Im Rahmen der Bund-Länder-BA-Begleitgruppe kann jedes Land eigene Förderprogramme oder Anregungen einbringen. „Es ermöglicht den Ländern den Blick über den Tellerrand. Daraus können wertvolle Synergieeffekte entstehen. Und genau die wollen wir erzeugen“, sagt der Koordinator für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der Initiative Bildungsketten im BIBB, Michael Schulte. So entsteht eine Plattform für die Akteurinnen und Akteure der jeweiligen Länder, die ihnen zeigt, welche Maßnahme wo gut funktioniert.

Viele Erfolgsprojekte dank Blick über den Tellerrand
 

Es mangelt nicht an guten Förderinstrumenten, die aus diesem Wissensaustausch der Länder hervorgegangen sind. Ein Beispiel ist die Potenzialanalyse. Aus dieser entstand nach den Migrationsbewegungen 2015 wiederum die Weiterentwicklung „2P Plus“ als Antwort der Länder auf die Herausforderung, die Kompetenzen zahlreicher junger Geflüchteter zu identifizieren.

Ein weiteres exemplarisches Instrument ist der „Projektworkshop“ in Nordrhein-Westfalen, der dem sogenannten „Praxislernen“ aus Brandenburg entstammt. Den Gedanken, Schülerinnen und Schülern in Betrieben zu veranschaulichen, wie theoretisches Wissen seine praktische Anwendung findet, entwickelte man zu einer betrieblichen Begleitung unter einem bestimmten Gesichtspunkt, etwa Führungskompetenz, weiter. Über die Bildungskettenvereinbarung mit NRW wird der Projektworkshop nun für die Sekundarstufe II an Gymnasien gefördert.

Auch die „berufswahlapp“ ist eine vielversprechende Weiterentwicklung eines bereits bestehenden Instruments, nämlich des prominenten und bis heute noch analogen Berufswahlpasses. Die App soll junge Menschen nun digital in allen Phasen ihres Berufsorientierungsweges begleiten. Derzeit wird die App erprobt und soll zukünftig allen Bundesländern bereitgestellt werden.

Diese Beispiele zeigen vor allem eines: „Das Rad muss nicht immer neu erfunden werden. Die Bildungsketten bieten einen Raum für Transparenz und Wissenstransfer. So können Dinge, die gut funktionieren, übernommen oder weiterentwickelt werden. Ohne die Initiative Bildungsketten wären diese neuen Instrumente nicht entstanden“, sagt Michael Schulte.

Mithilfe der regionalen Koordinierung länderspezifische Förderinstrumente entwickeln
 

Damit geeignete Instrumente auch an der passenden Stelle zum Einsatz kommen, ist eine enge Kooperation mit den regionalen Koordinierungsstellen unverzichtbar. „Die Akteurinnen und Akteure in den Regionen wissen am besten, was die Schülerinnen und Schüler vor Ort am dringendsten brauchen“, bekräftigt Michael Schulte. Die Einbindung der regionalen Koordinierungsstellen sei deshalb von Anfang an ein tragendes Element für die Initiative gewesen. Schließlich bringe jedes Land seine ganz eigenen Voraussetzungen mit. „Die Berufliche Orientierung von oben zu steuern“, fügt Carsten Schülke an, „wäre in einem Bundesland mit einer heterogenen Wirtschaftsstruktur wie NRW nicht machbar und sinnvoll.“ Zumal NRW mit seinem landesweiten Übergangssystem Schule – Beruf „Kein Abschluss ohne Anschluss“ (KAoA) bestens aufgestellt sei und dieses mithilfe der Kommunalen Koordinierung erfolgreich in den Regionen umsetze. So strebe man zwar einen gewissen Grad standardisierter Strukturen an, jedoch immer unter der Berücksichtigung regionaler Gegebenheiten.

Klar ist aber auch: Kooperation ist kein Selbstläufer. Um institutionalisierte Strukturen zu schaffen, von denen alle regionalen Koordinierungsstellen profitieren können, bedarf es entsprechender Mittel. Ein solches wäre zum Beispiel die genaue Evaluierung aller relevanten Daten zum Bildungsverlauf der Jugendlichen – das Bildungsmonitoring. Dies ist ein entscheidendes Instrument für die Planung passgenauer Angebote. Nur gibt es das noch nicht in allen Bundesländern. Es lohnt sich erneut ein Blick zu den Nachbarn. „Baden-Württemberg macht vor, wie man durch gezieltes Bildungsmonitoring einen Überblick darüber gewinnt, an welcher Stelle Schülerinnen und Schüler auf ihrem Bildungsweg stehen. Weiß man, an welchem Punkt der Übergang von Schule in den Beruf hakt, kann man mit der entsprechenden Maßnahme reagieren, um ihn zu erleichtern“, sagt Michael Schulte. In Baden-Württemberg habe das den Übergang Schule – Beruf verbessert.

„Alle Länder haben den Mehrwert des Kooperationsgedankens hinter der Initiative erkannt“
 

In der ersten Phase der Initiative bis 2020 hatten dreizehn Bundesländer eine Bund-Land-BA-Vereinbarung geschlossen. Für die zweite Runde der Initiative von 2021 bis 2026 zeichnet sich ab, dass es diesmal Vereinbarungen mit allen 16 Bundesländern geben wird. Letztlich entscheidend für den weiteren Erfolg der Initiative ist dabei, dass alle Beteiligten – wie bisher – offen für den Dialog sind. „An der Bund-Länder-BA-Begleitgruppe, die ja die Initiative lenkt und thematisch begleitet, nehmen alle teil. Das bestätigt uns: Alle Beteiligten haben den Mehrwert des Kooperationsgedankens hinter der Initiative erkannt“, sagt Michael Schulte, eine wichtige Voraussetzung, damit in Zukunft noch mehr jungen Menschen mit den Bildungsketten geholfen werden kann. Entsprechende Stellschrauben hat man schon im Blick: So soll Berufliche Orientierung auch in digitaler Form ermöglicht werden, damit sie auch in Zeiten der Corona-Pandemie und darüber hinaus in Anspruch genommen werden kann. Wobei allen klar ist, dass der unmittelbare Kontakt mit Menschen und Material bei der Beruflichen Orientierung sich nur begrenzt digital substituieren lässt. „Werkstatttage leben von der Präsenz. Wir können die Maßnahme also nicht „einfach so“ digital stattfinden lassen“, sagt Carsten Schülke. Daher suche man nach Lösungen, die die notwendige Qualität bewahrt und gleichzeitig die digitalen Möglichkeiten nutzt.

Großer Handlungsbedarf besteht außerdem bei der Einbeziehung der Eltern in die Berufliche Orientierung. Die Forschung belegt, dass das Elternhaus enormen Einfluss auf die Entscheidung Jugendlicher bei der Berufswahl ausübt. Auch hier seien spezifische Lösungen, passend zur Zielgruppe, gefragt. „Es gibt nicht ‚die‘ Eltern. Sie alle bewegen sich in unterschiedlichen sozialen und ökonomischen Kontexten. Dafür müssen wir passgenaue Beratungs­angebote schaffen“, so Carsten Schülke. Insbesondere bei zugewanderten Familien sei zu beobachten, dass sich Jugendliche häufig aus Loyalität gegenüber ihren Eltern für einen Berufsweg entscheiden, der deren Vorstellung, aber nicht der eigenen entspricht. Das hemme jedoch den Bildungsaufstieg. Ein möglicher Ansatz: Mentorinnen und Mentoren, die eine positive Beziehung zu den Eltern aufbauen, um deren Kinder auf ihrem Bildungspfad zu begleiten und ihnen wertvolle Impulse zu geben.

„All das zeigt, wie komplex die Herausforderung der Beruflichen Orientierung ist. Gerade deshalb ist es von entscheidender Bedeutung, dass sich die Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger auf Augenhöhe begegnen, um gemeinsam Lösungswege zu finden“, konstatiert Carsten Schülke.

Ansprechperson in der G.I.B.

Ulrich Schipp
Tel.: 02041 767258
u.schipp@gib.nrw.de

Kontakte

Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB)
Arbeitsbereich 4.5 „Berufsorientierung, Bildungsketten“
Carsten Schülke
Tel.: 0228 1072224
Carsten.Schuelke@bibb.de

Michael Schulte
Tel.: 0228 1072336
michael.schulte@bibb.de

Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF)
Referat 314 – Innovationen in der beruflichen Bildung
Dr. Ingo Böhringer
Tel.: 0228 99572114
ingo.boehringer@bmbf.bund.de

Autor

Nils Strodtkötter
nils.strodtkoetter@web.de
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