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(Heft 3/2021)
Dialogreihe des BMAS

Aufwertung von „Basisarbeit“

Mehr als ein Fünftel aller Beschäftigten übt Tätigkeiten aus, für die formal keine berufliche Qualifikation in Form einer Ausbildung erforderlich ist. Dennoch sind die von ihnen verrichteten Arbeiten, wie die Pandemie gezeigt hat, in keiner Branche verzichtbar, und die Gesellschaft ist auf sie angewiesen. Deshalb hat das Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) zusammen mit der Initiative Neue Qualität der Arbeit (INQA) und weiteren Beteilig­ten aus Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft eine Dialogreihe unter dem Titel „Basisarbeit – Mittendrin und außen vor“ durchgeführt. Ziel ist, die Arbeitssituation von den dort Beschäftigten deutlich zu verbessern.

Richtig spürbar wird der wahre Wert einer Arbeit oft erst dann, wenn sie niemand macht. Erst in dem Moment werden ihre Relevanz und Unverzichtbarkeit für das eigene Alltagsleben, den Erfolg eines Unternehmens oder das Funktionieren einer Gesellschaft bewusst. Das gilt für viele wenig beachtete, weil als selbstverständlich betrachtete Arbeiten wie etwa die von Paketzustellern, Verkäuferinnen oder Hilfskräften in der Pflege. Sie eint, dass die Qualifikationsanforderungen dieser Tätigkeiten als gering erachtet werden, für deren Ausübung vermeintlich ein Training on the Job genügt.

In der Forschung hat sich deshalb für sie das Wort von der Einfacharbeit etabliert. Doch dieser Begriff führt dann in die Irre, wenn er vorschnell die Assoziation „leicht“ erzeugt: einfach gleich leicht. Davon aber kann keine Rede sein, worauf auch die Forschungsgruppe „Einfacharbeit“ an der TU Dortmund hinweist. Im Gegenteil: Paketzusteller zum Beispiel, die angesichts explodierender Online-Bestellungen unter großem Zeitdruck die oft schwere Ware unzählige Treppenstufen zum Kunden hinaufschleppen müssen oder die Arbeit überstrapazierter Verkäuferinnen und Verkäufer im Lebensmitteleinzelhandel, die sich in der Pandemie nicht wie viele andere ins sichere Homeoffice zurückziehen konnten oder der Job von Beschäftigten in industriellen Produktionsbetrieben, die etwa in Gießereien dauerhaft kaum vorstellbarer Hitze und Lärm ausgesetzt sind.

Vor diesem Hintergrund hat das Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) für die genannten Tätigkeitsfelder einen neuen Begriff kreiert: „Basisarbeit“. Er ist inhaltlich weitgehend identisch mit Einfacharbeit, hat große Überschneidungen mit atypischer oder prekärer Beschäftigung, bringt jedoch – und das ist der entscheidende Punkt – die gesellschaftliche Bedeutung der darunter gefassten Tätigkeiten sowie eine höhere Wertschätzung für sie zum Ausdruck. Genau darum ging es bei der vom BMAS zusammen mit der Initiative Neue Qualität der Arbeit (INQA) und weiteren Partnern aus Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft durchgeführten mehrteiligen Dialogreihe mit dem Titel „Basisarbeit – Mittendrin und außen vor“ und ihrem weiteren Ziel, die Arbeitssituation von Basisarbeitenden zu verbessern.

Soziale und ökonomische Dimension
 

Auf rund ein Fünftel aller Beschäftigten schätzt BMAS-Staatssekretär Björn Böhning das Segment der Basisarbeitenden: „Alles andere als eine Marginalie am Arbeitsmarkt.“ Zugleich verweist er auf einige essenzielle Entscheidungen der Bundesregierung, die auch Basisarbeitenden zugutekämen, darunter vor allem die Einführung eines gesetzlichen Mindestlohns oder, ganz konkret, die Anhebung des Pflegemindestlohns für die Altenpflege, des Weiteren die Grundrente, das Paketbotenschutzgesetz, das Arbeitsschutzkontrollgesetz mit dem Verbot von Werkverträgen und Leiharbeit in der Fleischindustrie, aber auch das Arbeit-von-morgen-Gesetz, das die beruflichen Aufstiegschancen verbessern soll. „Eine Reform des Befristungsrechts“, räumt er ein, „steht noch auf der Tagesordnung“.

Angesprochen ist damit das weite Feld angestrebter Verbesserungen der Arbeitssituation von Basisarbeitenden, wobei es nicht nur um sozialpolitische Fragen geht, sondern auch um ökonomische Herausforderungen wie den Fachkräftemangel vor allem im Bereich sozialer Dienstleistungen. Zu diskutieren sei hier nicht nur über „High Potentials und New Work-Themen“, sondern auch über die vielen Basisarbeitenden, die in diesem Sektor tätig sind. Dabei soll der Fokus – ganz im Sinne der Initiative „Neue Qualität der Arbeit“ – auf betrieblichen und unternehmenskulturellen Veränderungsprozessen liegen.

Besondere Bedeutung misst der Staatssekretär der Qualifizierung von Basisarbeitenden bei. Viele von ihnen besäßen Know-how und verfügten über Fähigkeiten und Fertigkeiten, allerdings ohne spezifisch zertifiziert zu sein: „Also brauchen wir ein Re-start-Programm für Menschen, die 45 Jahre und älter sind und sich für andere Arbeitsbereiche qualifizieren wollen“, lautete sein Credo, wobei er gleichzeitig für die Anerkennung von Teilqualifikationen wirbt.

Degradierungsangst und Kämpfergeist
 

Doch nicht nur über Basisarbeitende sollte während der Dialogreihe gesprochen werden, stellte der Staatssekretär klar, sondern auch mit ihnen. Einige von ihnen kamen selbst zu Wort, schilderten in eindringlichen Porträts Szenen aus ihrem Arbeitsalltag als Basisarbeitende, darunter eine Rezeptionistin, die nach einer Reihe von Hilfsjobs heute am Empfang einer Hochschule arbeitet oder eine 67 Jahre alte Pflegehelferin, die mit einem Stundenlohn von zehn Euro in einem Seniorenzentrum aushilft, um ihre Rente aufzubessern.

Weitere Basisarbeitende kamen anschließend indirekt zu Wort. Ihre Erfahrungen, Lebensumstände, Einstellungen und Bewertungen von Basisarbeit sowie ihre „kollektive Selbstwahrnehmung“ hatte Dr. Thomas Wind, Gründer und Geschäftsführer des Instituts für Zielgruppenkommunikation (IfZ), in zwei qualitativen Studien über extensive Einzel- und Gruppengespräche erforscht. Auffällig ist hier die große Heterogenität der Gruppe von Basisarbeitenden hinsichtlich ihrer Berufsbiografien, Arbeits- und Lebenssituationen: „Doch die meisten bewegen sich im Niedriglohnsektor. Nicht wenige müssen sogar aufstocken.“

Je nach konkretem Arbeitsbereich, ergab die Untersuchung, klagen viele Basisarbeitende über den „mangelnden Respekt und rüden Ton vieler Kundinnen und Kunden“ sowie betriebsintern über die geringe Wertschätzung seitens ihrer Kolleginnen und Kollegen wie auch ihrer Vorgesetzten.

Die zentralen Befunde seiner Studie fasst der Wissenschaftler in drei Punkten zusammen. Erstens: Trotz der enormen Vielfalt an den von starkem Auf und Ab, Brüchen, Neuanfängen und Neuorientierungen geprägten Berufsbiografien, sei insbesondere bei den Älteren unter ihnen eine „Mentalität des Durchbeißens, Kampfgeist und Resilienz in hohem Maß“ zu konstatieren. Basisarbeit dient den Befragten als „soziales Fangnetz“, die Auffassung, „auf keinen Fall arbeitslos werden“, bestimmt ihr Selbstbild: „Arbeit hat einen hohen Stellenwert im Leben dieser Gruppe.“

Zweitens: In Gesellschaft und Medien, aber auch in Wissenschaft und Politik wird oft abwertend über Basisarbeitende gesprochen. Hier kursieren Vokabeln wie Modernisierungsverlierer, Prekäre, Bildungsferne, Abgehängte, kleine Leute, neue Unterschicht – nach Ansicht von Dr. Wind „eine despektierliche Ausgrenzungsrhetorik, die auch analytisch nicht haltbar ist“, denn seine Studie liefert Hinweise, dass Basisarbeitende weder bildungsfern noch unqualifiziert sind: „Nicht wenige von ihnen haben eine abgeschlossene Berufsausbildung oder ein abgebrochenes Studium hinter sich.“ Wo sie sich am wenigsten wahrgenommen und respektiert fühlen, ist die Politik: „Es gibt ja keine Arbeiter in den Parlamenten, sagen viele Basisarbeitende und folglich sieht man sich da auch nicht vertreten.“

Drittens: Ableiten lässt sich aus der Studie „eine gewisse Fragilität ihres Selbstbildes“. Einerseits sehen sich viele Basisarbeitende selbstbewusst als „unverzichtbares Rädchen im Getriebe“, gleichzeitig wird das Selbstwertgefühl konterkariert durch das Gefühl austauschbar, ersetzbar zu sein, „weil die Tätigkeit von jedem ohne spezielle Qualifikation ausgeführt werden kann.“ Mit dem Bewusstsein der Arbeitsplatzunsicherheit einher geht „eine permanente Degradierungs­angst, aber flankiert mit Kämpfergeist.“ Vor allem die Jüngeren unter ihnen sind immer auf der Suche nach neuen beruflichen Möglichkeiten: „Hier mangelt es noch an staatlichen, auf die Zielgruppe zugeschnittenen Beratungs- und Förder­angeboten“, so das Resümeé. 

„Toxischer Cocktail“
 

Basisarbeit ist essenziell für unsere Gesellschaft, Basisarbeitende sind keine Beschäftigte zweiter Klasse, so der Tenor der Dialogreihe. Umso wichtiger ist, ihnen faire und vor allem arbeitsrechtskonforme Arbeitsbedingungen zu garantieren. Das betrifft vor allem den Arbeits- und Gesundheitsschutz. Gesetze und Regelungen dazu gibt es viele, doch Basisarbeitende sind dabei vernachlässigt worden, stellt Dr. Beate Beermann, Vizepräsidentin der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA), fest: „Es gibt in vielen Bereichen Gesundheitsförderprogramme, doch speziell für Basisarbeitende gibt es sie nicht.“

Klare Worte findet die Gesundheitsexpertin auch für ein anderes Manko: „Wir haben ein strukturelles Problem in der Umsetzung des Arbeitsschutzgesetzes. Nur rund fünfzig Prozent aller Betriebe machen eine Gefährdungsbeurteilung. Dabei ist sie ein gutes Instrument, um Gefährdungen und Belastungen im Betrieb zu ermitteln, Arbeitsschutzmaßnahmen festzulegen und auf ihre Wirksamkeit zu prüfen. Doch die oft stark beanspruchenden Tätigkeiten von Basisarbeitenden bleiben dabei meist außen vor.“ Führungskräfte müssen lernen, so Dr. Beate Beermann, „den Nutzen eines präventiven, auch Basisarbeitende einbeziehenden Arbeits- und Gesundheitsschutzes für den Betrieb zu erkennen.“

Sie, wie auch für Dr. Christian Felten von der Bundesarbeitsgemeinschaft für Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit (Basi) Sicherheit und Gesundheit, stellten unmissverständlich klar: „Die Grundsätze der Prävention gelten für alle!“ Deshalb fordert Christian Felten, „im Rahmen der gemeinsamen Deutschen Arbeitsschutzstrategie die besonderen Bedingungen der Basisarbeitenden stärker zu berücksichtigen.“ Dabei gelte es, die Expertise der betrieblichen Akteure, die Fachkräfte für Arbeitssicherheit und die Betriebsärzte einzubeziehen und die gesetzlich vorgeschriebenen Unterweisungen etwa bei Neueinstellungen auch durchzusetzen.

Wie wichtig das ist, verdeutlicht Dr. Kai Sailer, Präsident des Landesinstituts für Arbeitsgestaltung (LiA). Die hohe physische und psychische Beanspruchung vieler Basisarbeitenden, erst recht in Kombination mit geringer Entlohnung, oft monotonen, repetitiven Tätigkeiten und erhöhter Unfallgefahr, bezeichnet er als „in der Summe toxischen Cocktail, auf den Präventionsträger und Arbeitsschutzakteure reagieren müssen, indem sie im Sinne eines proaktiven Risikomanagements Arbeitsschutz und Präventionspolitik miteinander vernetzen.“

Ein besonderes Problem sieht er darin, dass ein Teil der großen Gruppe von Menschen mit Migrationshintergrund unter den Basisarbeitenden untragbare Verhältnisse akzeptieren, weil sie in ihren Herkunftsländern an schlimmere Verhältnisse gewöhnt seien und zudem weder ihre Rechte kennen noch von der Existenz von Betriebsärzten wissen. Gegenüber Arbeitgebern, „bei denen schlechte Arbeit Teil des Geschäftsmodells ist“, seien sie meist hilflos, nicht zuletzt, weil ihr gewerkschaftlicher Organisationsgrad gering ist und von einer Einbindung in betriebliche Interessenvertretungen kaum die Rede sein kann: „Sie haben einfach keine Lobby.“ Hoffnungsvoll stimmt ihn das neue Arbeitsschutzkontrollgesetz mit seinen Bestimmungen, die sich nach seiner Überzeugung nachhaltig auf die Überwachungs- und Beratungstätigkeiten der Aufsichtsbehörden und Unfallversicherungsträger auswirken werden.

Basisarbeit im Kontext des Fachkräftemangels
 

Stellt sich noch die Frage, welche Effekte die Digitalisierung auf das Quantum von Basisarbeitenden haben wird. Prof. Dr. Jutta Rump, Direktorin des Ins­tituts für Beschäftigung und Employability in Ludwigshafen (IBE) und Botschafterin der Initiative „Neue Qualität der Arbeit“, rechnet durchaus mit weiteren „Substitutions- und Simplifizierungseffekten“, glaubt aber dennoch, dass die Zahl der Basisarbeitenden eher steigen wird, denn: „Die Investition in digitale Technologien kostet viel Geld und lohnt sich nur dort, wo sich Kosten einsparen lassen und das ist weniger bei den Basisarbeitenden als vielmehr im mittleren Qualifikationssegment der Fall.“

Tatsächlich  weist eine aktuelle Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB)  zu den „Folgen des technologischen Wandels für den Arbeitsmarkt“ (IAB-Kurzbericht 13/2021) nach, dass der Anteil der Tätigkeiten, die heute schon potenziell von Computern erledigt werden könnten, in Fachkraftberufen mit 4,6 und in Spezialistenberufen mit 4,8 Prozentpunkten zwischen 2016 und 2019 besonders stark angestiegen ist, in den Helferberufen hingegen ist der Anteil mit 0,7 Prozentpunkten am wenigsten stark gestiegen.

Schon vor Jahren hat Dr. Peter Ittermann von der TU Dortmund im Gespräch mit der G.I.B. (siehe G.I.B.-Info 2/2017) darauf hingewiesen, dass ein Szenario, wonach einfache Tätigkeiten in den nächs­ten 20 bis 30 Jahren komplett von der Bildfläche verschwinden werden, nicht plausibel ist: „Stabilisierung und Neuschaffung von Einfacharbeit sind empirisch belegbar. Die Gleichzeitigkeit der verschiedenen Entwicklungen – Wegfall und Neuschaffung – wird uns auch in den nächsten Jahren verfolgen.“

Eine Auffassung, die er mit Marc Bovenschulte von der Leitung des Instituts für Innovation und Technik (iit) teilt. Auch er rechnet damit, dass es einen Großteil der Basisarbeitenden auch in zehn Jahren noch geben wird, denn wenn man den Begriff Basisarbeit ernst nimmt, wird man mit ihrem Verschwinden nicht der Gesellschaft den Boden unter den Füßen wegziehen wollen.

Zwar können, nennt er ein Beispiel, Roboter zukünftig einen Teil der Tätigkeiten einer Reinigungskraft übernehmen, aber es werden neue Basisarbeiten entstehen wie etwa das Einsammeln, Warten und Reparieren von E-Scootern und das Aufladen ihrer Akkus. Zudem werden sich neue Formen der Basisarbeit wie Clickwork entwickeln. Eine seiner Thesen ist, dass die Digitalisierung auch wissensbasierte Formen der Basisarbeit schafft: Im unteren Qualifikationssegment werden Assistenzsys­teme zum Einsatz kommen wie die laserbasierte Werkerführung oder Pick by Light-Systeme bei der Warenkommissionierung und Lagerverwaltung und damit die Ausbildung von Digital Skills. Im Rahmen einer Humanisierung der Arbeitswelt müsse die Devise, das Arbeitssystem als Lernsystem zu begreifen, auch für Basisarbeit gelten, um so Höherqualifizierungen zu ermöglichen. „Basisarbeit ist Teil einer digitalen Wertschöpfung und nicht außen vor“ und deshalb sei erforderlich, für auskömmliche Löhne und vernünftige Arbeitsbedingungen zu sorgen.

Zuversichtlich zeigte Marc Bovenschulte sich, weil „sich durch die Digitalisierung viele Wertschöpfungsprozesse stark flexibilisieren werden. Das heißt, es gibt mehr Interaktion, mehr Projektwirtschaft und Innovationszyklen werden sich deutlich beschleunigen. Damit steigt der Anpassungsbedarf an neue Tätigkeiten und neue Fähigkeiten und damit könnte sich das bestehende Modell der beruflichen Qualifikation, die Aus- und Weiterbildung sich ebenso flexibilisieren, wovon auch die Basisarbeitenden profitieren.“ Er erinnerte etwa an das Programm „MYSKILLS – Berufliche Kompetenzen erkennen“ der Bundesagentur für Arbeit in Kooperation mit dem Forschungsinstitut Betriebliche Bildung
(f-bb) und der Bertelsmann Stiftung und dessen Ziel, die Entwicklung und Qualitätssicherung von Instrumenten zur validen Messung beruflicher Kompetenzen von formal gering qualifizierten Personen, also in der täglichen Tätigkeit erlernte Fähigkeiten zu formalisieren. Ebenfalls positiv bewertet er in diesem Kontext die Förderung regionaler Weiterbildungsverbünde seitens des BMAS.

Erforderlich sei – Stichwort „Work-based-Learning“ – eine formale Anerkennung von Kompetenzen, die bei der Durchführung und Reflexion von Aufgaben in einem beruflichen Umfeld erworben worden sind, nicht zuletzt, um angesichts des Fachkräftemangels die Durchlässigkeit in andere Tätigkeiten zu gewährleisten und so das „Aufstiegsversprechen“ der Gesellschaft zu erfüllen. Für die Qualifizierungen selbst bieten sich nach Ansicht von Professorin Jutta Rump aufgrund der teils negativen Lern­erfahrungen von Basisarbeitenden in der Vergangenheit „Lern-Settings, die Spaß machen“ sowie „Gamification-Lösungen“ in der beruflichen Weiterbildung an.

„Pay them more!“
 

In einer weiteren Veranstaltung der Dialogreihe zum Thema „Soziale Absicherung“ forderte Staatssekretär Björn Böhning eine Strategie für bessere Arbeitsbedingungen, bessere Lohnstrukturen und höhere Mindestlöhne. Als Aufgabe für die Politik in diesem Zusammenhang versprach er, „die Kriterien für die Arbeit der Mindestlohnkommission anzupassen.“ Und von den Tarifpartnern forderte er, „Basisarbeit in den Fokus der Tarifpolitik zu rücken.“

Während sich der Arbeitgeberverband unternehmer.nrw zum Begriff Basisarbeit nach eigenem Bekunden „noch nicht positioniert“ hat, findet er bei Michael Hermund, Abteilungsleiter Arbeitsmarktpolitik beim DGB NRW durchaus Anklang: „Die bisher üblichen Worte von prekärer oder gering qualifizierter Beschäftigung sind negativ konnotiert, mit einem Makel behaftet. Das überträgt sich von der Beschäftigung auf die Beschäftigten. Sie, aber auch die Gewerkschaften hingegen sagen: Menschen in Leiharbeit, Minijobs oder befris­teten Arbeitsverhältnissen wollen und sollen nicht als negativ angesehen werden, sondern die oft erzwungene Situation, in der sie sich befinden. Deshalb ist der Begriff Basisarbeit vielleicht wirklich besser geeignet, Menschen in dieser Lage anzusprechen und sich für sie einzusetzen.“

Ein Grundproblem von Basisarbeit sieht der Gewerkschafter im Outsourcing, also der Auslagerung von bisher in einem Unternehmen selbst erbrachten Leistungen an externe Auftragnehmer oder Dienstleister: „Damit haben Unternehmen fast aller Branchen, nicht nur der Stahl- und Metallindustrie, der Chemie und des Einzelhandels Basisarbeit über Dienstleister billig eingekauft, die unabhängig von Tarifverträgen operieren.“ Auch mit dem neuen Begriff der Basisarbeit ändere sich nichts an den grundsätzlichen Forderungen der Gewerkschaften. Dazu zählen unter anderem die Eindämmung von Leiharbeit und Minijobs, das Ende der sachgrundlosen Befristungen und ein höherer Mindestlohn – viel Übereinstimmung also mit Björn Böhning.

Der Staatssekretär hatte im Verlauf der Dialogreihe Joe Biden zitiert. Angesprochen von Unternehmen auf den Arbeitskräftemangel auch im Bereich der Basisarbeit lautete der Rat des US-Präsidenten an die Arbeitgeber kurz und prägnant: „Pay them more!“ 

Links

Informationen zum Thema Basisarbeit:
https://dialogreihe-basisarbeit.in.howspace.com

Informationen zum Forschungskonzept „Industrieller Einfacharbeit“: www.einfacharbeit.de

Autor

Paul Pantel
Tel.: 02324 239466
paul.pantel@vodafonemail.de
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