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(Heft 3/2021)
Künstliche Intelligenz bändigt digitale Technologien

Arbeiten im „Flow“

Ein Interview mit Prof. Dr. Alexander Mädche vom Karlsruher Institut für Technologie (KIT), Institut für Wirtschaftsinformatik und Marketing (IISM)

Künstliche Intelligenz (KI) birgt Chancen und Risiken für den Arbeitsplatz der Zukunft, sie bewegt sich im Spannungsfeld von Automatisierung und autonomem Arbeiten. Das vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales geförderte Projekt „Kompetenzen entwickeln und richtig nutzen“ (KERN) will Menschen mithilfe von KI dabei unterstützen, fokussiert zu sein, damit die Arbeit wie im Fluss („Flow“) von der Hand geht. Ziel sogenannter KI-basierter Kompetenzassistenzsysteme ist es, Beschäftigte zu befähigen, Entwicklungspotenziale selbst zu erkennen und zu heben. Der Leiter des KERN-Projekts, Dr. Alexander Mädche, ist Professor für Wirtschaftsinformatik und führt das Institut für Wirtschaftsinformatik und Marketing (IISM) des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT).

G.I.B.: Was war die Ursprungsidee hinter KERN, Herr Professor Mädche?

Mädche_Auswahl.jpgAlexander Mädche: Unser generelles Interesse gilt der Gestaltung interaktiver und intelligenter Systeme, insbesondere für die Arbeitsplätze der Zukunft. Technologie betrachten wir aus der Perspektive, wie sie Beschäftigte zu besseren Arbeitsabläufen befähigen und zugleich deren persönliche Entwicklung fördern kann. Es geht nicht allein um größere Effizienz, sondern auch darum, wie wir das Wohlbefinden der Menschen am Arbeitsplatz steigern können. Dafür müssen wir zunächst besser verstehen, was während der Arbeit mit dem Menschen geschieht. Künstliche Intelligenz benötigen wir in diesem Prozess, um die am Arbeitsplatz erfassten Daten möglichst intelligent zu interpretieren, um dann im täglichen Tun kontinuierlich Kompetenzaufbau zu betreiben. Mit diesem Wissen lässt der Arbeitsplatz sich individuell gestalten und auf den Menschen adaptieren.

G.I.B.: KI weckt im beruflichen Kontext auch Ängste, zum Beispiel vor dem Verlust des Arbeitsplatzes. Zu Recht?

Alexander Mädche: Aufgaben durch KI zu automatisieren steht im Projekt KERN nicht im Fokus. Es will Technologien in den Arbeitsalltag so einbetten, dass Mitarbeitende erkennen, wann sie gut arbeiten, wann sie überfordert sind und was sie daraus praktisch ableiten können. Die erfassten Daten bleiben beim Mitarbeitenden, Vorgesetzte können sie ohne Einwilligung nicht einsehen. Überwachung muss also niemand befürchten. Bei unserem Projekt geht es letztlich um ein Werkzeug zur Reflexion des Arbeitens. Es ist vergleichbar mit einer App beim Joggen, die ich zum Selftracking nutze. Sie kann ich einsetzen, um mich einzuschätzen und zu verbessern.

G.I.B.: Warum ist der Aspekt des „Flow“ im Zusammenhang bedeutend?

Alexander Mädche: Der Begriff ist in der Psychologie hinreichend erforscht. Für uns beschreibt er den Zustand eines Menschen, der in voller Konzentration in einer Tätigkeit aufgeht und dabei die Zeit vergisst. Das lässt sich durch Befragungen ermitteln oder alternativ mit KI-basierten Messinstrumenten, die Bio­signale analysieren und somit den Arbeitsfluss nicht unterbrechen.

G.I.B.: Was wäre ein Anwendungsbeispiel aus dem Projekt?

Alexander Mädche: Aus den verschiedenen Kompetenzbereichen haben wir uns unter anderen auf die personale Kompetenz fokussiert. Im Feldversuch mit 30 Freiwilligen eines Online-Recruiting-Unternehmens erschien uns interessant, wie die Menschen ihren Arbeitsplatz organisieren und wie sie speziell mit digitalen Kommunikationsmitteln interagieren. Ein Szenario bei KERN setzte an groß angelegten Studien der EU an, nach denen digital einlaufende E-Mails oder Nachrichten aus Messenger-Diensten, also Notifikationen, unseren Arbeitsrhythmus unterbrechen. Denn sämtliche Notifikationen buhlen um Aufmerksamkeit. Wenn wir uns dem nicht entziehen können, töten sie unsere Produktivität und können uns sogar krank machen. Wir können intelligente Systeme so eingreifen lassen, dass sie darauf reagieren, in welchem Zustand der Mensch sich gerade befindet. Es ist damit möglich, Notifikationen für einen Zeitraum automatisch zu blockieren. Dadurch setzen wir intelligente Systeme ein, um digitale Technologie zu bändigen.

G.I.B.: Woran erkennt KI unseren jeweiligen Zustand?

Alexander Mädche: In KERN verfolgen wir zwei Möglichkeiten der Analyse. Eine wertet unser konkretes Verhalten aus, also welche Daten wir während der Arbeit produzieren. Arbeite ich beispielsweise im Support eines IT-Dienstleisters, wird irgendwann registriert, dass ich einen Bogen um ein spezielles Thema mache und mich etwa bei einer speziellen Software nicht gut auskenne. Die KI kann sich einschalten und etwa ein Mentoring vorschlagen, also jemanden zu kontaktieren, der sich auf diesem Gebiet auskennt. Durch diesen Prozess ließe sich neues Wissen aufbauen, Kompetenz erweitern. Die andere Möglichkeit ist, Biosignale zu verarbeiten. Dabei ist es alles andere als trivial, Flow-Zustände vorherzusagen. Das Herz hat sich als guter Indikator erwiesen, und die Herzraten-Variabilität lässt sich sehr gut mit Brustgurten messen.

G.I.B.: Was waren Ihre Erkenntnisse aus dem Versuch?

Alexander Mädche: Bei den 30 Teilnehmenden haben wir mit Brustgurten über drei Wochen Biosignaldaten in Echtzeit während der Arbeitszeit erhoben, im Büro wie im Homeoffice. Unser System hat die Daten automatisch analysiert und in Zeitfenstern von fünf Minuten entschieden, ob Notifikationen aktiv bleiben oder deaktiviert werden. Für letzteren Fall wurde in der virtuellen Arbeitsumgebung, der Kollaborationsplattform „Slack“, ein für alle sichtbares „Bitte nicht stören“-Schild neben den jeweiligen Mitarbeitenden eingeblendet. Die Autonomie blieb aber auch hier beim Teilnehmenden. Er konnte die vom System unterdrück­ten Notifikationen übersteuern und damit signalisieren, durchaus „gestört“ werden zu wollen. Wer sich nach dem Test begeistert äußerte, hob vor allem darauf ab, dass die KI dabei geholfen habe, sich selbst zu reflektieren. Durch den Nutzen, im Flow nicht gestört zu werden, haben die Teilnehmenden personale Kompetenz aufgebaut und den Umgang mit Notifikationen eigenständig geregelt. Auf der technischen Seite hat das System gut erkannt, wenn jemand fokussiert arbeitete.

G.I.B.: Welche anderen Kompetenzen haben Sie untersucht?

Alexander Mädche: Wir haben Chatbots, also eine Art elektronischen Coach, für den Bereich der fachlichen und Methodenkompetenz entwickelt. Ziel war es, auf ein bestimmtes Kompetenzprofil mit zielgerichteten, individualisierten Maßnahmen zu reagieren. Ein Chatbot kann wie eine gute Führungskraft erfragen, wo Beschäftigte Schwächen sehen. Das System macht dann konkrete Vorschläge für eine dazu passende Weiterbildung. Wenn Mitarbeitende ihre Stärken angeben, kann daraus ein Mentoring-Programm entstehen, das betriebsinternen Wissenstransfer ermöglicht. Die Intervention in unserem System kann sowohl digital als auch nicht digital erfolgen. Nicht digital würde bedeuten, den Kontakt zu einem Ansprechpartner herzustellen, an den ich eine Frage richten kann. Der digitale Weg würde zu einem buchbaren Online-Kurs, einem Podcast zum Thema oder zu einem speziellen Medium führen. Oder, wie bei den Notifikationen beschrieben, die KI adaptiert die Arbeitsumgebung entsprechend und fährt Störfaktoren herunter.

G.I.B.: Auf welche Bereitschaft, sich zum Überprüfen persönlicher Fähigkeiten auf KI einzulassen, sind Sie bei den Teilnehmenden gestoßen?

Alexander Mädche: An unserem Versuch haben weitgehend jüngere Frauen und Männer teilgenommen, die aufgrund ihrer digitalen Arbeitsumgebung so gut wie keine Berührungsängste hatten. Wenn wir in etablierte mittelständische Betriebe gehen würden, die vielleicht noch am Anfang digitaler Entwicklungen stehen, ist die Ausgangslage vermutlich etwas anders. Dann muss zunächst über eine Situationsanalyse das Bewusstsein dafür entstehen, dass jede und jeder Einzelne seine Kompetenzen selbstständig erweitern kann. Dafür ist noch nicht einmal ein Termin mit meiner Personalabteilung nötig. Die Bundesagentur für Arbeit zum Beispiel bietet auf ihrer Website ein niedrigschwelliges Assessment an, mit dem jede und jeder leicht prüfen kann, wo das Entwicklungspotenzial liegt.

G.I.B.: Welche sozialen Konfliktlinien sehen Sie, wenn KI bei der Beurteilung von Menschen am Arbeitsplatz mehr und mehr an Bedeutung gewinnt?

Alexander Mädche: Eine globale Aussage zu Wohl und Wehe von KI möchte ich mir nicht anmaßen. Wir verfolgen einen positiven Ansatz, mit Technologie Beschäftigte zu effizienterem Arbeiten zu befähigen und ihre Kompetenzen selbst zu entwickeln. Das bleibt nicht ohne Auswirkungen auf betriebliche Strukturen. Führungskräfte etwa werden bei der Weiterbildung ihrer Mitarbeitenden weniger wichtig. Wer Personalentwicklung bislang vernachlässigt hat, wird unsere Entwicklungen vermutlich als willkommenes Werkzeug begrüßen. Wer Entwicklung und Wohlbefinden der Belegschaft bisher gut im Auge hatte, wird an dieser Stelle eher keinen großen Handlungsdruck verspüren. Große Herausforderungen, die Systeme genau auf Organisationen und Individuen abzustimmen, sehe ich im ethischen Zusammenhang. Die KI muss vertrauenswürdig sein, das verlangt einen klaren Kompass beim Entwickeln und Bereitstellen der Systeme. Das ist eine spannende Diskussion, die auch an der Rolle der realen Führungskräfte nicht Halt macht. Denn wenn wir von KI verlangen, dass sie sich ethisch verhält, muss das mit der Haltung der Führungskräfte im Unternehmen korrespondieren. Sofern eine Leitungsebene aber gar nicht vorbildlich mit den Beschäftigten umgeht und dann für die Ausrichtung der KI verantwortlich ist, schürt das Konflikte. Verantwortungsbewusste Unternehmen klären mit ihren Beschäftigten im Einvernehmen, was ein System erreichen soll. Denn es ist sehr herausfordernd, eine gute Balance zwischen Produktivität und Wohlbefinden der Mitarbeitenden zu finden. In der modernen Wirtschaftsinformatik kümmern wir uns um die sozioökonomischen Aspekte von Technologien und arbeiten die Potenziale und Risiken wissenschaftlich fundiert heraus. Verantwortliche und Beschäftigte in den Unternehmen müssen dann gemeinsam überlegen, wie das System auszugestalten ist.


Potentialberatung NRW

Die beteiligungsorientierte Einführung einer KI – wie im Artikel beschrieben – unterstützt das Land NRW außerhalb geförderter Projekte wie KERN mittels Potentialberatung NRW. Das Förderprogramm ist insbesondere für kleine und mittlere Betriebe interessant,

  • die in einer sich wandelnden Arbeitswelt anhand einer Stärken-Schwächen-Analyse ihre Potenziale erkennen und sich nachhaltig und zukunftsfähig aufstellen wollen, um ihre Wettbewerbsfähigkeit zu sichern und für Fachkräfte attraktiv zu bleiben
  • weil es hilft, Veränderungsprozesse und Entwicklungsschritte im Unternehmen unter intensiver Einbindung der Beschäftigten einzuleiten
  • die in mindestens einem der Themenfelder Arbeitsorganisation, Digitalisierung, Kompetenzentwicklung/Qualifizierungsberatung, demografischer Wandel oder Gesundheit Handlungsbedarf für sich erkennen
  • weil die Landesregierung Nordrhein-Westfalens die Kos­ten mit Mitteln des Europäischen Sozialfonds (ESF) bezuschusst. Die Förderung beträgt aktuell 50 Prozent der Ausgaben für ein frei wählbares Beratungsunternehmen, begrenzt auf 500 Euro für jeden der maximal zehn Beratungstage

Links

  • Informationsseite des Ministeriums für Arbeit, Gesundheit und Soziales NRW (MAGS) zur Potentialberatung NRW
  • Informationsseite der Gesellschaft für innovative Beschäftigungsförderung mbH (G.I.B.) zur Potential­beratung NRW
  • Arbeitshilfe zur Potentialberatung im Themenfeld Digitalisierung/Arbeit 4.0

Das Interview führten

Andreas Bendig
Tel.: 02041 767206
a.bendig@gib.nrw.de

Volker Stephan
Tel.: 0173 3679157
post@volker-stephan.net

Kontakt

Karlsruher Institut für Technologie (KIT)
Institut für Wirtschaftsinformatik und Marketing (IISM)
Prof. Dr. Alexander Mädche, Leitung
Kaiserstraße 89 – 93
76133 Karlsruhe
Tel.: 0721 60841580
alexander.maedche@kit.edu
https://issd.iism.kit.edu/
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