Sie sind hier: Startseite Heftarchiv 2021 Basisarbeit „Basisarbeitende sind keine Hedonisten“
(Heft 3/2021)
Interview mit Dr. Thomas Wind, IfZ

„Basisarbeitende sind keine Hedonisten“

Ein Gespräch mit Dr. Thomas Wind. Der Geschäftsführer des Instituts für Zielgruppenkommunikation (IfZ) hat in zwei qualitativen Sondierungsstudien im Auftrag des BMAS die Erfahrungen der Gruppe der Basisarbeiterinnen und -arbeiter im Arbeits- und Alltagsleben, ihre Haltungen und Wertorientierungen erforscht.

G.I.B.: Herr Dr. Wind, Sie haben jüngst die Ergebnisse von zwei qualitativen Studien vorgelegt, die sich mit der Lebens- und Arbeitswelt von Basisarbeitenden befassen. Wie haben die Beforschten auf den relativ neuen Begriff „Basisarbeit“ reagiert?

Dr. Thomas Wind: In der ersten, ein Jahr vor Corona durchgeführten Studie haben wir noch den Begriff Einfacharbeit benutzt. In den Interviews und Gruppendiskussionen mit Basisarbeiterinnen und -arbeitern wurde aber deutlich, dass sie die Bezeichnung als abwertend erleben.

In der zweiten Studie haben wir dann den Begriff Basisarbeit eingeführt. Dabei zeigte sich, dass die Basisarbeiterinnen und -arbeiter die Bezeichnung relativ schnell in ihren Sprachgebrauch übernommen haben, ein Zeichen für eine gewisse Akzeptanz. Basisarbeit scheint positiver als Einfacharbeit konnotiert zu sein und passt besser zum Selbstverständnis der Basisarbeiterinnen und -arbeiter. Denn die meis­ten gehen davon aus, dass sie mit ihren Tätigkeiten das notwendige und nützliche Fundament eines Unternehmens oder einer Organisation bilden. Oder, wie es ein Teilnehmer auf den Punkt brachte: Ohne Basis gibt es keine Spitze.

G.I.B.: Nach welchen Kriterien haben Sie die Teilnehmerinnen und Teilnehmer für Ihre Studie ausgewählt?

Dr. Thomas Wind: Wir haben Beschäftigte fast aller Branchen ausgesucht, in denen Tätigkeiten anfallen, für deren Ausübung kein Berufsabschluss und keine höhere Qualifikation erforderlich sind. Das sind die Bereiche Gastronomie, Einzelhandel, Reinigung, Logistik, Kranken- und Altenpflege sowie Security. Zwar gibt es in diesen Branchen auch Fachkräfte mit einer entsprechenden Ausbildung, wir haben uns jedoch auf die sogenannten Helfer-Tätigkeiten konzentriert.
Außerdem haben wir überlegt, welche weiteren Kriterien mit Blick auf unsere Fragestellungen noch eine Rolle spielen könnten. Das sind vor allem Alter, Geschlecht, Region und Branche. Auf dieser Grundlage haben wir eine einfache Matrix gebildet und Suchprofile erstellt, anhand derer wir dann unsere Gesprächspartnerinnen und -partner ausgewählt haben.

G.I.B.: Welche Erkenntnisse haben Ihnen die Einzelgespräche und Gruppendiskussionen geliefert?

Dr. Thomas Wind: Überrascht waren wir zunächst von der Vielfalt der Lebensverläufe. Es gibt zum Beispiel nicht wenige, die keinen Schulabschluss haben, es gibt aber auch Menschen mit abgebrochenem Studium. Relativ viele haben eine abgeschlossene Berufsausbildung, arbeiten aber aus den verschiedensten Gründen nicht im erlernten Beruf.

Für Frauen ist typisch, dass sie, wenn Kinder kommen, oft mehrere Jahre pausieren, nach der Familienphase aber nicht mehr den Einstieg in den erlernten Beruf schaffen und deshalb in Basisarbeit landen.

Während für Jüngere ohne Abschluss Basisarbeit die Möglichkeit bietet, überhaupt erst mal in den Arbeitsmarkt einzusteigen und eine bestimmte Branche kennenzulernen, gibt es relativ viele Ältere, die sich am Ende ihres Berufslebens mit Basisarbeit in die Rente „hinüberretten“.

Darüber hinaus gibt es auch viele Menschen, die aus ganz privaten Gründen, etwa nach belastenden Scheidungen und daraus resultierenden beruflichen Verwerfungen, zur Basisarbeit gekommen sind. Die ganze Vielfalt der Lebensverläufe kann Ursache für eine Tätigkeit im Sektor Basisarbeit sein.

Weiterhin hat sich gezeigt, dass die körperlichen und die psychischen Belastungen je nach der konkreten Tätigkeit sehr unterschiedlich sein können, je nachdem, ob man als Fließbandarbeiterin in der Produktion, als Paketbote oder in der Pflege arbeitet.

Legt man die Einzelbefunde nebeneinander, so sieht man, dass sie mehr als nur anekdotische Evidenz haben. Allerdings müssen unsere qualitativen Ergebnisse noch einer quantitativen Überprüfung unterzogen werden durch eine Repräsentativbefragung von Basisarbeiterinnen und Basisarbeitern, um feststellen zu können, wie sich die Strukturen und Verteilungen in der Grundgesamtheit gestalten.

G.I.B.: Ist es angesichts der von Ihnen geschilderten Heterogenität überhaupt sinnvoll, Basisarbeiterinnen und -arbeiter zu einem einheitlichen Forschungsgegenstand zusammenzufassen?

Dr. Thomas Wind: Es sind zunächst ganz unterschiedliche Einzelfälle, aber bei näherer Betrachtung zeigen sich doch viele Ähnlichkeiten oder Gemeinsamkeiten. Ob ein Familienvater als Security-Mann, als Produktionshelfer oder in der Krankenpflege arbeitet – sie alle müssen eine Familie ernähren und haben ein starkes Interesse an einem sicheren Arbeitsplatz und einer auskömmlichen Bezahlung.

Im Grunde haben die meisten von ihnen ganz schlichte Anforderungen. Das sind, wenn man so will, arbeitspolitische Basics, nämlich besagte Arbeitsplatzsicherheit und ein den Lebensunterhalt sichernder Lohn. Viele von ihnen haben uns geschildert, dass sie mit ihrem Einkommen streng haushalten müssen und sich Anschaffungen oder einen Urlaub vom Mund absparen müssen – und alle haben Angst vor Arbeitsplatzverlust.

Auch auf der Werte- und Einstellungsebene gibt es viele Gemeinsamkeiten. Dazu zählt, dass sie, die so oft als „abgehängt“ oder als „Prekariat“ beschrieben werden, sich selbst gar nicht so definieren, sondern als zumindest der unteren Mittelschicht zugehörig. Auch gesellschaftlich und kulturell ausgeschlossen fühlen sie sich nicht und wenn, dann nur aufgrund fehlender finanzieller Mittel.
Was die Gruppe weiterhin verbindet ist ein gewisser Kämpfergeist, die Bereitschaft, nach Rückschlägen immer wieder aufzustehen und weiterzumachen. Postmoderne Werte wie Selbstverwirklichung oder Work-Life-Balance sind ihnen eher fremd. Im Vordergrund stehen Werte wie Pflichterfüllung und Verlässlichkeit, im Berufsleben wie im Privaten. Basisarbeiterinnen und -arbeiter sind keine Hedonisten, sondern Menschen, die jeden Tag ihrer Arbeit und ihren Alltagsverpflichtungen nachgehen.

Obwohl es diese kollektive Identität gibt, agieren sie hauptsächlich als Individuen, als Einzelkämpfer. Ihr gewerkschaftlicher Organisationsgrad ist sehr gering, sie konzentrieren sich auf ihr eigenes Leben. Die Erwartungen an Staat und Politik sind stark reduziert. Man fühlt sich weder gehört noch repräsentiert. Als Beleg dafür wird oft angeführt, dass in den Parlamenten keine Arbeiterinnen und Arbeiter sitzen. Sie sagen: Wir sind politisch nicht vertreten und wir haben keine Lobby.

G.I.B.: In der Dialogreihe schildern Basisarbeiterinnen und -arbeiter oft, dass sie nicht die nötige Wertschätzung erfahren. Wie erleben sie mangelnde Wertschätzung in ihrem Arbeitsalltag konkret?

Dr. Thomas Wind: Wertschätzung hat verschiedene Dimensionen. Da ist zum einen der materielle, finanzielle Aspekt. Die meisten fühlen sich notorisch unterbezahlt und objektiv betrachtet sind sie es auch. Ein höherer Mindestlohn wäre sicher angemessen.

Ein anderer Aspekt betrifft die gesellschaftliche Anerkennung, die Anerkennung im Betrieb und auch die Anerkennung seitens der Kunden. Paketlieferanten fühlen sich oft schlecht behandelt. Parken sie in der zweiten Reihe, werden sie von anderen Autofahrern angepöbelt und Kunden verlangen in harschem Ton, dass fünfzehn Kilogramm Hundefutter in den fünften Stock bis vor die Wohnungstür geliefert werden. Andererseits berichten vor allem Pflegekräfte, dass sie von alten oder kranken Menschen oft hohe Anerkennung erfahren.

Unterschiede ergeben sich auch mit Blick auf die Wertschätzung im Betrieb. Großbetriebe sind meist hierarchischer organisiert. Hier ist für Basisarbeiterinnen und -arbeiter viel stärker spürbar, dass sie schon hinsichtlich ihrer Funktion ganz unten angesiedelt sind. Anders in Kleinbetrieben, wo viele eher wie Faktoten ein breiteres Aufgabenspektrum abdecken. Hier fühlen sie sich weit weniger austauschbar als in größeren Unternehmen, erst recht, wenn sie schon längere Zeit im Betrieb sind.

G.I.B.: Was meinen Sie: Sind Basisarbeiterinnen und -arbeiter in besonderem Maße von der Pandemie betroffen?

Dr. Thomas Wind: Mit Sicherheit, allerdings auf ganz unterschiedliche Art und Weise. Beschäftigte in der Gastronomie oder im Einzelhandel wurden zunächst durch Kurzarbeit aufgefangen. Jetzt müssen sie befürchten mittelfristig ihren Arbeitsplatz zu verlieren, weil ihre Betriebe nach den langen Lockdowns möglicherweise gar nicht wieder öffnen. Kassiererinnen im Supermarkt oder Paketboten hingegen und erst recht Pflegekräfte waren mit deutlich erhöhten Arbeitsanforderungen konfrontiert. Grundsätzlich äußern die meisten das Gefühl, dass in der Krise ihre Arbeitsplätze an erster Stelle bedroht sind, weil sie viel schneller ersetzbar sind als Fachkräfte.

G.I.B.: Betrachten die von Ihnen Befragten Basisarbeit eher als Durchgangsstadium in eine andere, bessere berufliche Position oder ist es für sie eine langfristige Option und welche Rolle spielt in diesem Kontext Qualifizierung für sie?

Dr. Thomas Wind: Am ehesten sind es die Jüngeren, die eine berufliche Weiterentwicklung in Betracht ziehen. Die Älteren scheuen sich häufig davor, „noch einmal die Schulbank zu drücken.“ Außerdem wird mit Weiterbildung ein zusätzlicher Aufwand an Zeit, Energie und evtl. Geld verbunden, den man sich nicht leisten kann oder will. Bei manchen zeigt sich darüber hinaus, dass sie mit Weiterentwicklung und „Aufstieg“ die Übernahme von Verantwortung assoziieren. Das möchte man vermeiden: ein Vorteil von Basisarbeit wird gerade darin gesehen, dass man keine oder nur wenig Verantwortung im betrieblichen Ablauf trägt und deshalb relativ unbelastet Arbeits- und Privatleben trennen kann.

Unternehmensinterne Förderungsangebote werden häufig nicht wahrgenommen. Ähnliches gilt für institutionelle Maßnahmen. Den wenigen, die sich weiter qualifizieren wollen, fehlt Orientierung und Hilfestellung. Dadurch können bestehende Motivationen schnell wieder verpuffen.

Durch die wirtschaftlichen Auswirkungen der Corona-Krise können allerdings auch manche Basisarbeiterinnen und Basisarbeiter zu einer beruflichen Neuorientierung gezwungen sein, wenn sie nicht arbeitslos werden wollen – und Arbeitslosigkeit widerspricht zutiefst ihrem Selbstbild. Eventuell entsteht dann eine Situation, die dazu motiviert, sich mit den Möglichkeiten von Weiterbildung und Qualifizierung zu befassen und die Krise tatsächlich als Chance zu nutzen. Das persönliche Engagement muss dazu unbedingt durch Information und Beratung flankiert werden. Und angesichts der finanziellen Situation vieler Basisarbeiterinnen und Basisarbeiter muss die Qualifizierungsphase unbedingt subventioniert werden, sodass der Lebensunterhalt gewährleistet ist.

Ansprechperson in der G.I.B.

Lena Becher
Tel.: 02041 767251
l.becher@gib.nrw.de

Das Interview führte

Paul Pantel
Tel.: 02324 239466
paul.pantel@vodafonemail.de

Kontakt

Institut für Zielgruppenkommunikation (IFZ)
Bergstraße 29
69120 Heidelberg
Dr. Thomas Wind
Tel.: 06221 5998281
ifz@ifz-online.de
Artikelaktionen