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(Heft 2/2021)
HANDWERK.NRW und das Fraunhofer-Institut UMSICHT

Wissenschaft und Handwerk: Synergien durch Kooperation

Um wissenschaftliche Ergebnisse und Methoden besser für Dienstleistungen und Produkte des Handwerks zu nutzen, haben Handwerk.NRW und das Fraunhofer UMSICHT im vergangenen Jahr ein „Memorandum of Understanding“ unterzeichnet. Zusätzlicher Bestandteil der Kooperation ist die gemeinsame Entwicklung von Angeboten zur Aus-, Fort- und Weiterbildung im Handwerk.

„Täglich verbraucht unsere Gesellschaft Massen an Rohstoffen und Energie“, schreibt das Fraunhofer-Institut für Umwelt-, Sicherheits- und Energietechnik UMSICHT in Oberhausen, und fragt zugleich: „Können wir dabei Klima und Umwelt schützen, Ressourcen schonen und gleichzeitig Prozesse oder Produkte verbessern? Und: Was kostet das und unter welchen Voraussetzungen setzen Unternehmen Prozesse um, die Industriegesellschaften nachhaltig machen?“

Fragen, die verdeutlichen, wie nah die Fraunhofer-Gesellschaft an der mittelständischen Wirtschaft ist. Mit ihrer Fokussierung auf zukunftsrelevante Schlüsseltechnologien sowie auf die Verwertung der Ergebnisse in Wirtschaft und Industrie spielt die weltweit führende Organisation für anwendungsorientierte Forschung eine zentrale Rolle im Innovationsprozess.

Optimale Voraussetzungen also für eine Kooperation mit Handwerk.NRW, der ebenfalls mittelstandsorientierten Interessenvertretung des Handwerks in Nord­rhein-Westfalen, die rund 190.000 mittelständische Handwerksunternehmen repräsentiert. Mit einem „Memorandum of Understanding“ haben beide Institutionen ihre bislang eher punktuelle Zusammenarbeit nun systematisiert.

Angestrebt sind mit der Kooperation bedarfsorientierte gemeinsame Forschungsprojekte auf nationaler und internationaler Ebene. Konkret geht es um die Entwicklung von Technologien und Methoden für mehr Energieeffizienz, den Klimaschutz, den Umwelt- und Arbeitsschutz sowie die Materialentwicklung und -prüfung. Darüber hinaus steht die Entwicklung neuer Bildungskonzepte auf dem Programm. Im Rahmen von Workshops, Veranstaltungen zur Aus-, Fort- oder Weiterbildung sowie Beratungen soll Expertenwissen transferiert werden, um so bereits eingesetzte Technologien nachhaltig weiterzuentwickeln.

Bei der Unterzeichnung des Memorandums waren sich die Spitzen beider Organisationen einig. Prof. Eckhard Weidner, Institutsleiter von Fraunhofer UMSICHT, bezeichnete die Kooperation als „ideal, um Synergien zwischen beiden Einrichtungen herzustellen. Das Forschungsinstitut will innovative und nachhaltige Technologien entwickeln, und zwar passgenau für komplexe Fragestellungen der Anwender, sodass beide Partner einen wertvollen Beitrag zu einer ressourcenschonenden Gesellschaft und Wirtschaft leisten.“ Und Andreas Ehlert, Präsident von Handwerk.NRW, zeigte sich überzeugt, „dass durch die intensivierte Zusammenarbeit mit der Wissenschaft das Handwerk seine innovativen Kompetenzen ausbauen und stärker noch als bisher in den Dienst des Klimaschutzes stellen kann. Die einzelnen Unternehmen wiederum profitieren von einer daraus resultierenden Optimierung ihrer betrieblichen Prozesse.“

EU-Vorschriften als Innovationstreiber im Handwerk
 

Wie sehr Kooperationen und deren Genese immer auch an Personen gebunden sind, illustriert eindrucksvoll das Geschehen im Vorfeld des „Memorandums of Understanding“. Maßgeblich gestaltet haben den Prozess Gabriele Poth aufseiten des Handwerks und Erich Jelen als Vertreter der Wissenschaft.

Gabriele Poth ist Leiterin des Zentrums für Umwelt, Energie und Klima bei der Handwerkskammer Düsseldorf mit Sitz im Handwerkszentrum Ruhr in Oberhausen mit einem umfassenden Serviceangebot zu allen Fragen von Umwelt, Klimaschutz, Energie und ökologischem Bauen. Als Geschäftsstelle der Handwerksoffensive Energieeffizienz NRW hatte das Zentrum wesentlich mitgewirkt, als Nordrhein-Westfalen vor Jahren das erste deutsche Klimaschutzgesetz mit gesetzlichen Klimaschutzzielen verabschiedet hat.

Welche existenzielle Bedeutung die Kooperation mit der Wissenschaft für das Handwerk hat, unterstreicht Gabriele Poth mit Hinweis auf strenge und verbindliche Vorgaben, wie sie sich aus „REACH“, der Europäischen Chemikalienverordnung, oder dem „Green Deal“ der Europäischen Union ergeben, einem Aktionsplan zur Förderung einer effizienteren Ressourcennutzung, einer sauberen und kreislauforientierten Wirtschaft, zur Wiederherstellung der Biodiversität und zur Bekämpfung der Umweltverschmutzung.

„Was passiert“, fragt Gabriele Poth eindringlich, „wenn die EU die Kreditvergabe durch Banken an Handwerksbetriebe mit dem Nachweis von Nachhaltigkeit der mit dem Kredit finanzierten Projekte verknüpft? Wenn wir nicht rechtzeitig handeln, könnten viele Betriebe gefährdet sein, weil ihnen das Wissen fehlt, um EU-konform handeln zu können. Dazu brauchen die Betriebe zuvor Forschung. Insofern ist unsere Kooperation mit Fraunhofer Gold wert.“ Jetzt, kommentierte die Presse das Memorandum inhaltlich nicht ganz korrekt, aber mit wahrem Kern, habe das Handwerk endlich eine eigene Forschungsabteilung.

Kooperation mit der gesamten Wertschöpfungskette
 

Aufseiten der Wissenschaft ist Erich Jelen das Pendant zu Gabriele Poth vom Handwerk. Er arbeitet bei Fraunhofer UMSICHT in der Abteilung „zirkuläre und biobasierte Kunststoffe“. Vor seinem Studium hatte der Diplom-Ingenieur eine duale Ausbildung als Möbeltischler absolviert. Das kommt ihm in der Kooperation mit dem Handwerk heute zugute: „Ich kann Sachverhalte aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten und deshalb oft als Vermittler fungieren.“

Er kennt das enorme Marktpotenzial der 190.000 nordrhein-westfälischen Handwerksbetriebe – wichtig für ein Institut, das keine Grundlagenforschung betreibt, sondern Wert auf Praxisnähe, auf Verwertbarkeit der Forschung legt, und das bedeutet: Forschung nicht nur für, sondern auch mit dem Handwerk oder, wie Erich Jelen es formuliert: „Wir sind direkt mitten in den Betrieben! Alle unsere Projekte haben immer ein konkretes Ergebnis: entweder neues Material, ein neues Gerät, ein neues Verfahren oder eine neue Dienstleistung. Dabei muss jedes einzelne Produkt so gestaltet sein, dass es im Markt ankommt, denn für alles, was wir machen, brauchen wir immer einen Endanwender.“

Gleichermaßen forschungs- wie marktrelevante Fragen gibt es genug. Konkret etwa zu Fragen der Kreislaufwirtschaft, zur Energieeffizienz, zum Einsatz biobasierter Kunststoffe, zur energetischen Sanierung, zur Materialentwicklung oder zu Baustoffen wie Mineralfasern, Asbest, Stäuben und Dämmmaterialien im Kontext von Umwelt- und Arbeitsschutz. Optimale Lösungen lassen sich hier nur über Kooperationen finden, die durch eine besondere Qualität ausgezeichnet sind: „Insbesondere bei größeren Projekten“, so Erich Jelen, „achten wir immer darauf, dass die komplette Wertschöpfungskette von der Entwicklung bis zum Endanwender vertreten ist.“

Neue Bildungskonzepte
 

Neben den bedarfsorientierten gemeinsamen Forschungsprojekten auf nationaler und internationaler Ebene umfasst die Kooperation auch die Themenfelder Beratung, Innovationsmanagement und Projektförderung sowie die gemeinsame Entwicklung neuer Bildungskonzepte.

Angefangen im Ausbildungsbereich. Hier, sagt Gabriele Poth, wollen wir in unseren handwerkseigenen Einrichtungen Bildung auf das Zukunftsthema Nachhaltigkeit ausrichten: „Bis das in die offizielle Ausbildungsordnung oder modifizierte Berufsbilder einfließt, vergehen oft Jahre. Unsere Bildungszentren nehmen das frühzeitiger auf, weil unsere Fachverbände über Sensoren für zukünftige Entwicklungen verfügen und über die Zusammenarbeit mit Hochschulen neueste Entwicklungen in ihre Lehrinhalte etwa auch bei der integrierten überbetrieblichen Unterweisung von Auszubildenden im Handwerk integrieren können, noch bevor eine Ausbildungsverordnung das Ganze regelt.“

Um digitale Techniken wie Virtual- und Augmented Reality, bei der Auszubildende zum Beispiel im Sanitärbereich über Datenbrillen im 3D-Raum die Waschbeckenmontage üben, stärker noch als bisher in die Ausbildung einzufügen, sind in einzelnen Modellkommunen gemeinsam mit den Kreishandwerkerschaften Lernpartnerschaften geplant. „Auch hier“, sagt Gabriele Poth, „wird es zwar kein eigenständiges Unterrichtsfach ,Nachhaltigkeit‘ geben, aber das Thema wird Teil der Ausbildung etwa im Baubereich sein.“

Wie sinnvoll das ist, lässt sich beispielsweise daran erkennen, dass rund 40 Prozent der CO2-Emissionen auf den Gebäudebereich zurückzuführen sind. Dabei gibt es nach Ansicht von Gabriele Poth spannende Entwicklungen wie das erste Cradle-to-Cradle-Wohngebäude Deutschlands in der Hamburger HafenCity. „Bei Cradle to Cradle“, erläutert sie, „handelt es sich um ein nachhaltiges, kreislauffähiges Verfahren, bei dem nur gesunde und wiederverwendbare Baumaterialien zum Einsatz kommen. Mindes­tens die Hälfte des Gebäudes soll aus kreislauffähigen Materialien bestehen. Zudem werden alle anderen Bauprodukte auf ihre Nachhaltigkeit und ihre Wirkung auf Gesundheit und Umwelt geprüft und optimiert. Darüber hinaus sind am und auf dem Gebäude so viele Grünflächen vorgesehen, wie durch die Immobilie bebaut werden. Das alles garantiert saubere Luft und verwandelt das Gebäude in eine grüne Oase.“

Was aber kann Fraunhofer UMSICHT zur Entwicklung neuer Bildungskonzepte beitragen? Erich Jelen, der selbst über ein Ausbilder-Zertifikat verfügt, verweist auf die Kompetenz seines Hauses in diesem Handlungsfeld, das zusammen mit der FernUniversität in Hagen den Studiengang „Umweltwissenschaften – infernum“ entwickelt hat und über eine eigene Weiterbildungs-Academy verfügt.

Momentan finden Gespräche über Weiterbildungsangebote im Rahmen der Kooperation mit der Handwerksakademie in Düsseldorf im Bereich der Meisterschulen statt. Geplant sind zudem Workshops zum Thema „Internet der Dinge“ (IoT), einem Sammelbegriff für Technologien einer globalen Infrastruktur der Informationsgesellschaften, die es ermöglicht, physische und virtuelle Objekte miteinander zu vernetzen und sie durch Informations- und Kommunikationstechniken zusammenarbeiten zu lassen.

So steht im Workshop „IoT-Meister(n) 2021“ die Sensortechnologie des Internets der Dinge für Handwerksunternehmen im Fokus. Erich Jelen: „Dazu gehören Sensoren zur Datenerfassung, Übertragung per Funk und die Verwendung der Daten. Ein Beispiel: Mittels Sensoren könnte ein Dachdecker einen Sturmschaden erkennen, ohne vor Ort sein zu müssen. So lassen sich insgesamt neue Aufträge generieren und Einsätze gezielter planen.“ Den Auftakt dazu bildete ein Online-Hackathon zum Mitmachen rund um das Thema Internet der Dinge, bei dem Experten im Bereich Digitalisierung und Programmierung des Fraunhofer UMSICHT das Know-how vermittelten. „Geplant ist ein Wissens­transfer in beide Richtungen“, so Erich Jelen, „ein echtes Business to Business“.

Flexible Kooperation
 

Das Memorandum of Understanding, akzentuieren Gabriele Poth und Erich Jelen, beinhaltet nicht nur die Bereitschaft, sondern eine Verpflichtung zur Zusammenarbeit, die aber Freiräume lässt. „Wir arbeiten auf Zuruf zusammen, sobald einer der beiden Partner eine Frage oder eine Idee hat, bei der wir zusammenarbeiten können, dann finden wir schnell eine gemeinsame Lösung.“ Dass es zwar Gesprächsrunden, aber kein fest installiertes Gremium dafür gibt, der Institutionalisierungsgrad eher gering und immer am Projekt orientiert ist, bedeutet nach ihrer Ansicht produktive Flexibilität. Auf die Frage, ob es mitunter Probleme gibt, die aus unterschiedlichen Sichtweisen und Sprachen von Handwerk und Wissenschaft resultieren, entgegnen beide nur: „Die Frage hören wir oft, aber immer nur von Außenstehenden.“

Ansprechperson in der G.I.B.

Ulrich Schipp
Tel.: 02041 767258
u.schipp@gib.nrw.de

Kontakte

Erich Jelen
Fraunhofer-Institut für Umwelt-, Sicherheits-
und Energietechnik UMSICHT
Zirkuläre und Biobasierte Kunststoffe
46047 Oberhausen
Tel.: 0208 85981277
erich.jelen@umsicht.fraunhofer.de
www.umsicht.fraunhofer.de

Gabriele Poth, Abteilungsleiterin
Handwerkskammer Düsseldorf
46049 Oberhausen
Tel.: 0208 8205550
gabriele.poth@hwk-duesseldorf.de

Autor

Paul Pantel
Tel.: 02324 239466
paul.pantel@vodafonemail.de
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