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(Heft 2/2021)
Bald 25 Jahre Ausbildungskonsens NRW

Vorlage für erfolgreiche Kooperationen

Kooperation ist ein Mittel, gemeinsam Ziele zu verfolgen, die allein nicht zu erreichen wären. Der Ausbildungskonsens NRW ist dafür ein herausragendes Beispiel – seit bald 25 Jahren. Er bringt verschiedenste Interessen und Positionen an den Verhandlungstisch. Mit dem Willen zum gemeinschaftlichen Arbeiten werden Unterschiede nicht nivelliert, aber Wege für gemeinsame Lösungen eröffnet. Im Ausbildungskonsens NRW ringen Ministerien, Kammern, Arbeitsagentur, Kommunen und Kreise, Arbeitnehmer- und Arbeitgebervertretungen um die besten Wege, jungen Menschen den Übergang von Schule in Beruf oder Studium zu erleichtern und Unternehmen bei der Suche nach Fachkräften zu unterstützen. Bei den Beschlüssen gilt das Prinzip der Einstimmigkeit. Dieses Prinzip hat sich als tragfähig erwiesen und den Ausbildungskonsens NRW bundesweit zur Blaupause für konsensuale Entscheidungsstrukturen gemacht.

Warum es von Vorteil ist, Kooperation über inhaltliche und politische Unterschiede zu stellen, darüber sprach das G.I.B.INFO mit Mitgliedern des Ausbildungskonsenses NRW: Barbara Molitor, Gruppenleiterin „Berufliche Bildung, Fachkräftesicherung, Digitalisierung der Arbeitswelt“ im Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales (MAGS) des Landes Nordrhein-Westfalen, Dr. Jens Stuhldreier, Referatsleiter Berufliche Orientierung, Übergang Schule – Beruf im MAGS, Stefan Pfeifer, Referatsleiter Berufliche Ausbildung im MAGS, Norbert Wichmann, Abteilungsleiter Berufliche Bildung beim Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) Bezirk NRW, und Andreas Oehme, Geschäftsführer des Westdeutschen Handwerkskammertags. Die Bildungsexperten Norbert Wichmann und Andreas Oehme gehören dem Ausbildungskonsens NRW seit dessen Gründung im September 1996 an.

G.I.B.: Das Jahr 1996 markiert eine Zeitenwende in der nordrhein-westfälischen Ausbildungspolitik. Was hat dazu geführt, dass die verschiedenen Akteure seither im Ausbildungskonsens NRW kooperieren?

Jens-Stuhldreier.jpgDr. Jens Stuhldreier: Mitte der 1990er Jahre war die Jugendarbeitslosigkeit das drängende Problem. In der Rückschau war das Ziel, allen Ausbildungswilligen einen Ausbildungsplatz anbieten zu können, nur im Konsens und nicht zentralistisch über eine Umlagefinanzierung zu erreichen. Die politische Seite hat damals gut daran getan, auf ein Gesetz zu verzichten, das von Betrieben eine Ausbildungsabgabe verlangt hätte. Eine Lösung für diesen Konflikt auf anderen Wegen zu suchen – das war die Triebfeder.

Foto-Norbert-Wichmann_c_Thomas_Range.jpgNorbert Wichmann: Innerhalb des DGB war der Weg an den gemeinsamen Tisch nicht unumstritten. Eine gesetzliche Umlage wäre nach unserer Auffassung die richtige Antwort auf die Misere am Ausbildungsmarkt gewesen. Trotz unterschiedlicher Positionen zwischen den beteiligten Partnern auf Landesebene gab es aber eine breite Mehrheit innerhalb der Gewerkschaften dafür, sich an möglichen Aktivitäten zu beteiligen. Und das, ohne sicher sein zu können, ob unsere Ziele damit realisiert werden könnten. Das neue Bündnis hat die Qualität der Auseinandersetzung zum Positiven verändert. Nun tauschten sich die Seiten nicht länger nur über Pressemitteilungen aus, sondern redeten mit- statt übereinander. Der gemeinsame Kampf um Kompromisse und Lösungen wurde zum tragenden Element, das sich bewährt hat.

Foto-Andreas-Oehme.jpgAndreas Oehme: Wegen der damals großen Nähe von SPD-geführter Landesregierung und Gewerkschaften war das Verhindern der Umlage nicht unbedingt zu erwarten. Es war ein politischer Schachzug der Landesregierung, die alten Konfliktlinien aufzubrechen. Nord­rhein-Westfalen hat mit dem Ausbildungskonsens das Vorbild für andere Bundesländer und den Bund gegeben, die solche breiten Bündnisse nicht kannten.

B_Molitor.jpgBarbara Molitor: Dem Ausbildungskonsens NRW kam zugute, dass die Landesregierung und die weiteren Akteure des Ausbildungsmarktes bereits Erfahrungen mit kooperativem und beteiligungsorientiertem Handeln im Rahmen der regionalisierten Struktur- und Arbeitspolitik gemacht hatten. Mit der stark sozialpartnerschaftlich ausgerichteten Strategie unter Einbeziehung der Kommunen war eine Grundlage geschaffen, ohne die es für den Ausbildungskonsens schwieriger geworden wäre.

Foto-Stefan-Pfeifer.jpgStefan Pfeifer: Der Ausbildungskonsens NRW ist besser zu verstehen, wenn man auch auf die duale Ausbildung als Gemeinschaftswerk schaut. Darin haben wir Ausbildungsordnungen, die ein Regelwerk für Berufe und ihre Ausbildung sind. Dieses Regelwerk entwickeln Ministerien, Fachverbände, Arbeitgeber, Gewerkschaften und das Bundesinstitut für Berufliche Bildung (BIBB). Für die fachpraktische Ausbildung sind die Betriebe verantwortlich. Am Lernort Berufsschule erfolgt die theoretische Ausbildung, wobei das Schulministerium für die Lehrenden, Städte und Kommunen für die Gebäude Verantwortung tragen. Das Prüfungswesen organisieren die Kammern, während in den Prüfungsausschüssen Arbeitgeber, Arbeitnehmer und Lehrkräfte vertreten sind. Die Arbeitsagentur schließlich ist Vermittlerin zwischen Ausbildungsinteressierten und Ausbildungsbetrieben. Das ist ein Gesamtkunstwerk, das nur als Kooperation verantwortungsbewusster Partner funktionieren kann. Diese gemeinsame Verantwortung hat in den Ausbildungskonsens Eingang gefunden.

G.I.B.: Wodurch zeichnet der Ausbildungskonsens NRW sich aus und wie lässt sich ein solch wichtiges Gremium steuern?

Stefan Pfeifer: Das wichtigste Steuerungselement sind die Beschlüsse des Spitzengesprächs. Zu diesem kommen die Ministerinnen und Minister des Arbeits-, des Schul- und des Wirtschaftsressorts, die Spitzen der verschiedenen Kammern, Verbände und Sozialpartner sowie der Kommunen und der Bundesagentur für Arbeit zweimal im Jahr zusammen. Die dort gefassten Beschlüsse erfolgen immer einvernehmlich. Das Konsens­prinzip verlangt von allen Beteiligten schon im Vorfeld ein Höchstmaß an konzeptioneller Arbeit und Kompromissfähigkeit. Die Vorbereitung und Verantwortung für die Umsetzung der Beschlüsse fallen in den Aufgabenbereich des Arbeitskreises. Dafür treffen die fachlich Verantwortlichen und die Fachabteilungsleitungen sich häufiger, fast monatlich.

Barbara Molitor: Der Arbeitskreis wird von einem gemeinsamen Grundverständnis getragen: Alle wollen den Übergang von der Schule in den Beruf sowie das Matching von Auszubildenden und Betrieben erfolgreich gestalten. Dazu hat sich nach 25 Jahren eine gewisse Arbeitspraxis mit Verfahrens- und Abstimmungsregeln etabliert, die uns gemeinsam Dinge bewegen lässt. Damit das Spitzengespräch zu guten Beschlüssen kommt, ist auf der vorgelagerten Arbeitskreisebene eine intensive Auseinandersetzung mit Problemstellungen und Entwicklungen erforderlich. Wir gestalten den Arbeitsmarkt nicht durch das Schreiben abstrakter Papiere, sondern indem wir gemeinsam Vorschläge für konkretes Handeln erarbeiten. Dabei versuchen wir immer, das Wissen und die Erfahrungen der vielen Handelnden vor Ort einzubeziehen, die nah am Geschehen sind und Ideen entwickelt haben.

Dr. Jens Stuhldreier: Neben dem Arbeitskreis agiert parallel das 2011 geschaffene Steuerungsgremium der Landesinitiative „Kein Abschluss ohne Anschluss“, KAoA, für den Übergang von Schule in Studium oder Beruf. Dieses gegenüber dem Arbeitskreis gleichrangige Gremium zu schaffen, war seinerzeit ein Wunsch der Wirtschaft. Die Landesinitiative hatte zunächst in Modellregionen begonnen und wurde dann auf 53 Gebietskörperschaften ausgedehnt. Die Arbeit und Entwicklung hier kam auf vielen Ebenen einem Systemwechsel gleich, den umfassend zu begleiten nicht in die Sitzungen des Arbeitskreises Ausbildungskonsens gepasst hätte. Zur Querinformation ist die Unterrichtung des Arbeitskreises über die Beschlüsse des KAoA-Steuerungsgremiums aber immer gewährleistet. Der Ansatz von KAoA hat die Themen des Ausbildungskonsenses in den 2010er Jahren stark beherrscht. Der Ausbildungskonsens wiederum hat stark zum Erfolg des abgestimmten, flächendeckenden KAoA-Systems beigetragen.

G.I.B.: Wie misst der Ausbildungskonsens NRW den Erfolg seiner Aktivitäten?

Barbara Molitor: Für mich ist der Erfolg des Ausbildungskonsenses auch daran abzulesen, dass er in der Lage ist, auf die Anforderungen auf dem Ausbildungsmarkt schnell zu reagieren, Handlungsbedarfe zu identifizieren und Impulse für die Weiterentwicklung zu geben. Die Zahlen auf dem Ausbildungsmarkt sind durch viele unterschiedliche Entwicklungen und Ursachen geprägt, sodass sie eine Orientierung geben, aber auch mit Sorgfalt und Vorsicht zu interpretieren sind.

Andreas Oehme: Entscheidendes Erfolgskriterium ist, ob wir für das jeweils spezielle Problem ein großes Lösungsinteresse haben, dabei Verständnis für die Positionen der anderen entwickeln und aus dieser Haltung heraus den Interessenausgleich suchen und eine Lösung finden. Die Zahlen des Ausbildungsmarktes, Daten der Bundesagentur für Arbeit zu gemeldeten Stellen und lehrstellensuchenden Jugendlichen sowie die bei Kammern eingetragenen Ausbildungsverhältnisse sind natürlich immer ein wichtiger Indikator zur Analyse des Ausbildungsmarkts. Sie wurden in der Zeit vor dem Ausbildungskonsens häufig dafür genutzt, um der Gegenseite ihre vermeintlich verfehlten Ansätze vorzuwerfen. Dies haben wir zum Glück überwunden.

Stefan Pfeifer: Es fällt tatsächlich schwer zu beurteilen, ob es ein Erfolg ist, wenn die Anzahl der neu abgeschlossenen Ausbildungsverhältnisse im Jahr 2019 mit 118.560 um 1.194 höher lag als 1997. Maßgeblich ist doch, ob wir in Nordrhein-Westfalen den Übergang von der Schule in den Beruf und die berufliche Ausbildung entlang der jeweiligen Herausforderungen weiter entwickeln. Unter diesem Aspekt ist es ein großer Erfolg, KAoA als landesweites System verankert zu haben. Ein schlüssiges Konzept zur beruflicher Orientierung ab Klasse 8 flächendeckend bis hinunter in jede Schule etabliert zu haben, das hat seinerzeit kein anderes Bundesland geschafft. Inzwischen sind auch die vielfältigen Herausforderungen der Sicherung des Fachkräftebedarfes und die nachhaltige Integration junger Menschen in den Ausbildungs- und Arbeitsmarkt zentrale Themen des Ausbildungskonsenses.

Norbert Wichmann: Einerseits an den Zahlen, aber eben nicht nur. Es gibt auch eine inhaltliche Dimension. Ein Beispiel: Wir waren uneins, ob es einen Bedarf für einen neuen Beruf des Kfz-Servicemechanikers mit nur zweijähriger Ausbildung gibt. Daraufhin haben wir uns auf einen Modellversuch verständigt und gemeinsam einen Testlauf mit den Arbeitgebern vereinbart. Es ging darum, herauszufinden, ob sich über diesen Beruf neue Ausbildungspotenziale erschließen lassen. Der Kompromiss bestand darin, den Auszubildenden eine vom Land garantierte Durchstiegsoption anzubieten, die es ihnen ermöglichte, die Ausbildung zum Kfz-Mechatroniker abschließen zu können. Am Ende waren wir uns einig, dass der Beruf letztlich nicht benötigt wurde. Deshalb ist die Erprobungsverordnung ausgelaufen und der Beruf wurde nicht ins Regelsystem überführt. Wichtig war, dass wir uns im Ausbildungskonsens NRW zusammengerauft, Experimente gewagt und Erfahrungen gesammelt haben. Zur gleichen Zeit wurde auf Bundesebene das Konsensprinzip ausgehebelt und gegen den Willen der Gewerkschaften einseitig die Einführung von Berufen mit zweijähriger Ausbildung verordnet.

G.I.B.: Demokratie lebt vom Wechsel, den Landtagswahlen in unterschiedlicher Regelmäßigkeit auslösen. Neue Regierungen wollen neue Akzente setzen. Wie wirkt sich dies auf die Kooperation in den Gremien des Ausbildungskonsenses aus?

Stefan Pfeifer: Mit neuen demokratischen Mehrheiten ändern sich oft auch Schwerpunkte der Ausbildungspolitik. Nehmen wir die Regierungswechsel 2010 und 2017 als Beispiele. In deren Zuge sind 2011 KAoA und 2018 das Ausbildungsprogramm NRW gekommen. Politische Entscheidungen und neue Ideen können aber nur unter Beteiligung der verantwortlichen Akteure in der Breite wirksam umgesetzt werden. Eine Aufgabe für jede gewählte Landesregierung sehe ich darin, im Ausbildungskonsens NRW für ihre Position zu werben und die Beteiligten dafür zu gewinnen. Konsens dauert manchmal vielleicht länger, wirkt aber auch nachhaltiger.

Andreas Oehme: Ausbildungskonsens und Einstimmigkeitsprinzip implizieren nicht, dass nur noch einheitliche Positionen existieren. Die Eigenständigkeit der Organisationen bleibt natürlich erhalten. Während wir uns in vielen Punkten verständigen und eine gemeinsame Meinung nach außen vertreten, haben Unterschiede in anderen Fragen Bestand. Wichtig ist aber auch hier die Kultur, gegenläufige Ansichten einander nicht übel zu nehmen. Wir haben gelernt zu signalisieren, wo ein Kompromiss unmöglich ist. Dann versuchen wir, für unsere Haltung auf anderen Wegen Mehrheiten zu organisieren – bis hin zu der Möglichkeit, ein Thema zum Prüfstein im Wahlkampf zu machen.

Norbert Wichmann: Ich finde es bemerkenswert, dass der Ausbildungskonsens mehrere Regierungswechsel hinter sich hat und grundsätzlich nicht infrage gestellt wurde. Offensichtlich ist das Grundkonstrukt tragfähig. Es existiert eine Kultur der Kooperation, die den Konflikt nicht ausspart. Einem gescheiten Kompromiss geht häufig ein intensiver Konflikt voraus. Wir verstehen das Gremium als berufsbildungspolitisches Mitbestimmungsinstrument. Das Konsensprinzip bei den Verabredungen heißt ja auch, dass wir keine Mehrheitsbeschlüsse mit Verlierern schaffen. Natürlich bringen neue Köpfe neue Ideen mit. Für die Gewerkschaftsseite zählt, ob in einem Vorhaben eine echte Chance für Jugendliche auf dem Ausbildungsmarkt besteht.

G.I.B.: Zu den aktuellen Herausforderungen für den Ausbildungsmarkt gehört zweifelsohne die Corona-Pandemie. Wie wirkt sie sich aus und wie reagiert der Ausbildungskonsens NRW?

Stefan Pfeifer: Das berührt noch einmal die Frage, woran Erfolg sich im Ausbildungskonsens NRW bemisst. Wenn in Ausnahmesituationen wie jetzt Praktika und Berufsfelderkundungen aufgrund der Kontaktbeschränkungen nicht wie gewohnt funktionieren, wenn Ausbildungsverhältnisse schwieriger abzuschließen sind, dann wollen wir reaktions- und handlungsfähig sein. Dafür sind viele Partner und Kommunikationsstränge zusammenzubringen. Das ist viel Handwerk. Und die beim MAGS angesiedelte Geschäftsstelle des Ausbildungskonsenses NRW ist auch „Handwerker“ dieser politischen Prozesse.

Barbara Molitor: Im Arbeitskreis Ausbildungskonsens NRW haben wir die Pandemie-Auswirkungen sehr schnell aufgegriffen und mögliche Szenarien und Handlungsansätze beraten. Aus diesem Diskussionsprozess ist ein Arbeitspapier mit vielen unterschiedlichen Aktivitäten und Ansätzen hervorgegangen, das die Grundlage für den Beschluss im Spitzengremium gebildet hat, hinter denen alle Beteiligten sich versammeln konnten. Ein Ergebnis ist die Kampagne „Ausbildung jetzt!“ mit einer neuen Website, flankiert mit mehr Mitteln für die Regionalagenturen, um dies öffentlich zu bewerben. Das und weitere Aktivitäten der Partner auf Landes- und auf regionaler Ebene haben uns in die Lage versetzt, auch nach September noch eine gute Anzahl junger Menschen in Ausbildung zu vermitteln, wenn auch nicht alle. Der Ausbildungskonsens NRW hat eine hohe Flexibilität und Kreativität in der Corona-Phase entwickelt. Das beflügelt und trägt auch für die jetzt anstehende Phase.

Dr. Jens Stuhldreier: Die Pandemie ist noch einmal so etwas wie die Feuerprobe für ein Gremium, das seit vielen Jahren existiert. Wir haben bei der Entwicklung der Strategie alles in die Waagschale geworfen, Werbung gemacht, die regionalen Ausbildungskonsense und die Kommunalen Koordinierungsstellen eingebunden. Denn neben der unmittelbaren Wirkung auf den Ausbildungsmarkt verhindern die Begleiterscheinungen der Pandemie ja auch die vorgelagerte Berufliche Orientierung in der üblichen Tiefe und Präsenzform. Hier haben wir in relativ kurzer Zeit viel auf den Weg gebracht: die digitale Potenzialanalyse oder digitale Lehr- und Lernmaterialien wie etwa 360-Grad-Videos. Dazu haben die Referate zweier Ministerien eng kooperiert, über die Regionalagenturen mehr Mittel für die Öffentlichkeitsarbeit bereitgestellt und so die Verantwortungsgemeinschaften vor Ort zusätzlich aktiviert.

Stefan Pfeifer: Dazu haben wir binnen weniger Monate drei Programme im Ausbildungskonsens entwickelt und im MAGS aufgelegt. Einmal das Matching-Programm, das Ausbildungsbetrieben in ausgewählten Regionen zusätzliche Beraterinnen und Berater an die Seite stellt, um offene Ausbildungsplätze zu besetzen. Dann das Coaching- und Vermittlungsprogramm „Kurs auf Ausbildung“ für junge Menschen, die im vergangenen Jahr keinen Ausbildungsplatz bekommen haben. Und schließlich die Unterweisung von Auszubildenden für diejenigen in technischen Berufen, die sonst keine Chance hätten, ihre Prüfungen zu bestehen. Auch hier hilft der Ausbildungskonsens, diese Programme zügig und erfolgreich umzusetzen und in der schwierigen Situation gegenzusteuern.

G.I.B.: Was sehen Sie als Zukunftsaufgaben für den Ausbildungskonsens NRW?

Barbara Molitor: Ich sehe zwei Themen im Fokus. Zunächst die Entwicklung der dualen Ausbildung im Kontext der fortschreitenden Digitalisierung. Das betrifft die Ausgestaltung der Lehre, der Lernorte und Methoden ebenso wie der Berufsfelder selbst. Die zweite Aufgabe ist es, die duale Ausbildung zum Beispiel durch das Verknüpfen mit Studiengängen attraktiv zu halten. Dafür steht stellvertretend die Studienintegrierte Ausbildung, SiA NRW, ein gemeinsames Modellprojekt von Schul- und Arbeitsministerium.

Stefan Pfeifer: Zu diesen wichtigen Punkten möchte ich ergänzen, dass das System der beruflichen Ausbildung nicht allein im Wettbewerb mit einem Studium steht. Berufliche Ausbildung ist auch ein Angebot für beruflich gering Qualifizierte, die den Einstieg in ihr Erwerbsleben gar nicht oder nur in unsicheren oder gar prekären Beschäftigungsverhältnissen finden. Zwischen Akademisierung auf der einen Seite und Entkoppelung auf der anderen ist es eine ständige Herausforderung für die duale Ausbildung, ihre Attraktivität zu betonen und zu verbessern. Ich finde, auch in diesen Krisenzeiten und gegenüber Online-Learning lassen sich die Vorteile einer fachpraktischen Berufsausbildung selbstbewusst herausstellen.

Dr. Jens Stuhldreier: Auch die Folgen der Pandemie werden uns weiter beschäftigen. Unsere Anstrengungen müssen den jungen Menschen gelten, die abgekoppelt sind und in schwierigen Verhältnissen leben und nur unzureichend an der Beruflichen Orientierung teilhaben. Neben der Digitalisierung bleibt die Berufliche Orientierung ein Dauerthema für uns.

Andreas Oehme: Der Ausbildungskonsens wird weiter die Fachkräftesicherung auf der Agenda haben. Dazu zählt auch, die Sicherheit von Arbeitsplätzen und das Angebot von Ausbildungsplätzen in den naturgemäß eher kleineren Handwerksbetrieben herauszustellen. Sogar besonders gefragte Tischlerbetriebe oder Augenoptiker haben inzwischen immer größere Probleme, geeignete Auszubildende zu finden. Wer sich als junger Mensch im Handwerk engagiert, hat alle Entwicklungschancen – dafür müssen wir unablässig werben. Gerade das Thema der höheren Berufsbildung müssen wir in den Vordergrund rücken, um für duale Erstausbildung zu begeistern. Denn Erstausbildung ist kein Selbstzweck.

Norbert Wichmann: Nach wie vor ist der Anteil der jungen Menschen viel zu hoch, die dauerhaft ohne jede berufliche Qualifikation verbleiben. 1996 trug der Vereinbarungstext die Überschrift: „Jeder junge Mensch in Nordrhein-Westfalen, der ausgebildet werden will, wird ausgebildet.“ Eine ähnliche Formulierung findet sich in Artikel 6, Absatz 3, der Landesverfassung. Das bleibt das Hauptanliegen. Gleichzeitig haben wir es mit einer rückläufigen Demografie und fehlenden Fachkräften in den Unternehmen zu tun. Jedes realisierte Ausbildungsverhältnis ist ein perfektes Beispiel für eine Win-win-Situation. Auf die großen regionalen Unterschiede müssen wir spezifische Antworten finden. Es gibt in den kommenden Jahren genügend Herausforderungen für die Akteure der beruflichen Bildung. Anders gesagt: Wenn es den Ausbildungskonsens NRW nicht gäbe, müsste man ihn erfinden.

Das Interview führten

Josef Muth
Tel.: 02041 767156
j.muth@gib.nrw.de

Ulrich Schipp
Tel.: 02041 767258
u.schipp@gib.nrw.de

Volker Stephan
Tel.: 0173 3679157
post@volker-stephan.net

Kontakte

Ministerium für Arbeit, Gesundheit und
Soziales des Landes Nordrhein-Westfalen
Fürstenwall 25
40219 Düsseldorf
Gruppe Berufliche Bildung, Fachkräftesicherung,
Digitalisierung der Arbeitswelt
Barbara Molitor, Leitung
Tel.: 0211 8553715
barbara.molitor@mags.nrw.de

Referat Berufliche Orientierung, Übergang Schule – Beruf
Dr. Jens Stuhldreier, Leitung
Tel.: 0211 8553224
jens.stuhldreier@mags.nrw.de

Referat Berufliche Ausbildung
Stefan Pfeifer, Leitung
Tel.: 0211 8553393
stefan.pfeifer@mags.nrw.de

Westdeutscher Handwerkskammertag
Volmerswerther Straße 79
40221 Düsseldorf
Andreas Oehme, Geschäftsführer
Tel.: 0211 3007735
andreas.oehme@whkt.de

DGB Bezirk NRW
Abteilung Bildung/Berufliche Bildung/Handwerk
Friedrich-Ebert-Straße 34 – 38
40210 Düsseldorf
Norbert Wichmann, Leitung
Tel.: 0211 3683142
norbert.wichmann@dgb.de
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