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(Heft 2/2021)
Kooperationsbörse der Südwestfälischen Industrie- und Handelskammer (SIHK) zu Hagen bringt Firmen zusammen, die Aufträge gemeinsam besser und schneller erledigen können

Unternehmen zu einer Beziehung auf Zeit verhelfen

Kooperation statt Konkurrenz: Unternehmen können durch temporäre Zusammenarbeit mit anderen Betrieben Auftragsspitzen leichter bewältigen oder bei freien Kapazitäten Beschäftigte und Maschinenpark besser auslasten. Die Südwestfälische Industrie- und Handelskammer (SIHK) zu Hagen hilft mit ihrer Kooperationsbörse bei der Partnersuche.

Wenn Unternehmen sich einen Partner wählen, muss das nicht zwangsläufig auf eine Fusion hinauslaufen. Beim Suchen und Finden kann auch eine Verbindung auf Zeit im Vordergrund stehen, wie im Falle einer Kunststoffspritzerei, die jüngst in der Kooperationsbörse der Südwestfälischen Industrie- und Handelskammer (SIHK) zu Hagen eine Annonce aufgegeben hat. Der Teilehersteller für die Automobilbranche möchte mit einem passenden Betrieb zusammenarbeiten, um die Spritzgussfertigung auszubauen.

Kontaktanzeigen wie diese sammelt und veröffentlicht die SIHK seit mittlerweile zwei Jahrzehnten, anfangs auf die Schultern mehrerer Kammern verteilt, inzwischen in Eigenregie. „Uns geht es darum, kleinen und mittleren Unternehmen die Chance zu geben, sich zu vernetzen“, sagt Bettina Michutta, Projektverantwortliche für die Börse bei der SIHK. Bei der zwischenmenschlichen Partnersuche lautet eine klassische Formulierung „Spätere Heirat nicht ausgeschlossen“ – die Kooperationsbörse kann solche Entwicklungen in der Wirtschaft durchaus anregen, die grundsätzliche Stoßrichtung zielt aber auf eine vorgelagerte Ebene. „Oft begegnen uns Unternehmen aus dem produzierenden Gewerbe“, sagt Bettina Michutta, „die im Moment Freiräume haben und ihre Produktionskapazitäten über einen bestimmten Zeitraum für eine Kooperation anbieten.“ Dann könnte sich eine temporäre Zusammenarbeit ergeben, weil die Unternehmen sich ergänzen und Aufträge gemeinsam und womöglich auch schneller erfüllen können.

In dem Teil Südwestfalens, wo die in Hagen ansässige SIHK Interessenvertretung für mehr als 45.000 Unternehmen aus Industrie, Handel, Verkehr, Banken, Versicherungen und Dienstleistungen ist, mögen viele Kooperationswege bereits breit ausgetreten sein. Alteingesessene Firmen, die sich auch in kleineren Kommunen finden, kennen ihre Kooperations- und Ansprechpartner. Doch nach der Idee der Kooperationsbörse ragen die Möglichkeiten der Vernetzung über bekanntes Terrain hinaus, binden Hochschulen und Forschungseinrichtungen ein – und öffnen den Wirtschaftsraum, immerhin die drittstärkste Industrieregion Deutschlands, auch für auswärtige Anfragen. Die Kooperationsbörse könne hier ein wirksames Medium sein, sagt Dr. Fabian Schleithoff, Fachbereichsleiter Wirtschaftsförderung bei der SIHK: „Insbesondere kleine und mittelständische Unternehmen stoßen häufig bei größeren Projekten an die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit. Kooperationen mit externen Partnern bieten hier große Chancen.“

SIHK zu Hagen tritt als zurückhaltende Vermittlerin auf
 

So kann es im stark vertretenen Bereich der Metallverarbeitung auch vorkommen, dass Aufträge sich zeitweise stauen und eine Firma mit eigenen Mitteln die Produktion nicht zeitnah sicherstellen kann. „Dann kann unsere Börse nützlich sein, einen anderen Betrieb in den Auftrag einzubinden“, sagt Bettina Michutta, die im Fachbereich Wirtschaftsförderung arbeitet und auch über ihre Beratung zum Förderinstrument Potentialberatung des Landes Nordrhein-Westfalen Einblick in viele Firmen bekommt. Wenn zwei Unternehmen eine Kooperation anstreben, erstreckt sich die Zusammenarbeit nicht selten auf weitere Firmen, weil zum Beispiel ein beteilig­ter Lieferant Material außer Plan an zwei Fertigungsstätten liefern muss. Gängige Praxis ist dies etwa in der Oberflächenbearbeitung, in der eine Reihe von südwestfälischen Unternehmen tätig ist und Armaturen aus Rohmetall fertigt, etwa für Badezimmer und Sanitärbereiche.

Die SIHK tritt in der Kooperationsbörse als dezente Vermittlerin auf. Für die Annoncen, die kurz und prägnant formuliert sein sollten, stellt die Kammer ihre Website und das monatlich erscheinende, hauseigene Printmagazin „Südwestfälische Wirtschaft“ zur Verfügung. Wer eine Kooperation anbietet oder in der Börse selbst sucht, tritt bei Interesse miteinander in Kontakt – über Chiffre-Anzeigen, für die die SIHK als Drehscheibe fungiert. Ob die Kooperation erfolgreich ist, erfährt die Kammer nicht zwangsläufig, manchmal zufällig, mitunter gewollt durch eine direkte Rückmeldung der über die Börse zusammengekommenen Betriebe. So wenig die SIHK sich ins Kennenlernen der möglichen Partner einmischt, so genau schaut die Kammer beim Inhalt der Anzeigentexte hin. „Unsere Kooperationsbörse soll kein Stellenmarkt sein“, sagt Bettina Michutta. Dafür gibt es andere Instrumente und Vermittlungswege, die etwa die Agentur für Arbeit anbietet.

Jede angehende Kooperation von Unternehmen, die noch keine gemeinsamen Erfahrungen gesammelt haben, ist immer auch eine Rechnung mit Unbekannten. Um aufeinander zuzugehen, ist ein gewisser Vertrauensvorschuss zwischen den möglichen Partnern nötig. Bettina Michutta glaubt nicht, dass die über die Börse in Kontakt tretenden Betriebe dabei eine größere Zurückhaltung an den Tag legten. „Chancen und Risiken werden natürlich in solchen Prozessen abgewogen“, sagt die Wirtschaftsförderin, „aber eine größere Vorsicht, sensible Daten preiszugeben, sehe ich eher in anderen Bereichen wie der Unternehmensnachfolge.“ Betriebe, die wirtschaftlich für eine Zeit kooperieren wollen, nehmen sich ihrer Ansicht nach weniger als Konkurrenten wahr, sondern erkennen oft eher die Vorteile. Vielleicht auch, weil sie in anderen Verbünden zum Beispiel die Vorzüge günstiger Lieferkonditionen kennengelernt haben.

Gerade in der Corona-Pandemie kann Zusammenarbeit helfen
 

Kooperation kann als willkommene Möglichkeit betrachtet werden, aber auch aus der Not geboren sein. In der Folge der Corona-Pandemie hat es unter den Gewerbetreibenden, für die die SIHK zuständig ist, Gewinner und Verlierer gegeben. Während für die Industrieunternehmen die Geschäfte wegen guter Exportaussichten wieder besser laufen, zeigen die Segmente Handel und Dienstleistung sich uneinheitlich. Im aktuellen Geschäftsklimaindex kommt die SIHK zu dem Schluss, dass der Großhandel häufig gut durch die Pandemie komme, während der Einzelhandel schwer zu kämpfen habe. Die Konjunkturumfrage, an der 455 Unternehmen zwischen Ende März und Mitte April teilgenommen haben, zeigt auch im Dienstleistungssektor unterschiedliche Entwicklungen. IT-Fachfirmen haben demnach gut zu tun, personenbezogene Dienstleister stehen vor Problemen. „Die Pandemie erfordert Reaktionen von Unternehmen, die sich anders aufstellen müssen, weil sie weniger Aufträge haben“, sagt Bettina Michutta. Kooperationen könnten da Auswege aufzeigen. Die Verantwortliche für die Kooperationsbörse sieht Möglichkeiten auch für Bereiche, die auf den ersten Blick wenig miteinander zu tun haben. Sie führt Wäschereien als Beispiel an, die sich aufgrund ausbleibender Lieferungen aus dem Hotel- und Gaststättengewerbe neu orientieren müssten. „Über die Kooperationsbörse könnte sich eine Zusammenarbeit mit Handwerksbetrieben anbahnen, die für die Arbeitskleidung ihrer Beschäftigten eine Reinigungsfirma suchen“, sagt Bettina Michutta. „Man kann Wege beschleunigen, wenn man anders sucht.“

Auch für die Kooperationsbörse selbst ist Zusammenarbeit von grundsätzlichem Interesse. Als überregionales Gemeinschaftsprojekt war die Vermittlungsplattform vor etwa 20 Jahren an den Start gegangen, nach dem Austritt anderer Industrie- und Handelskammern setzte die SIHK das Angebot in ihrem Bereich fort. Bettina Michutta sieht für die Börse durch digitale Medien und eine mögliche breitere Netzwerkarbeit gute Entwicklungschancen, um für kleine und mittlere Unternehmen weitere Wege für neue Kooperationen zu öffnen.

Ansprechperson in der G.I.B.

Ulrich Schipp
Tel.: 02041 767258
u.schipp@gib.nrw.de

Kontakt

Südwestfälische Industrie- und Handelskammer zu Hagen (SIHK)
Fachabteilung Wirtschaftsförderung
Bettina Michutta, Projektverantwortliche Kooperationsbörse
Bahnhofstraße 18
58095 Hagen
Tel.: 02331 390284
michutta@hagen.ihk.de
www.sihk.de/kooperation

Autor

Volker Stephan
Tel.: 0173 3679157
post@volkerstephan.net
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