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(Heft 2/2021)
Netzwerk Armutsprävention

Strukturveränderungen statt Notlösungen

Im Netzwerk Armutsprävention kommen rund 20 Vertreterinnen und Vertreter von Institutionen, Vereinen, Landesgesellschaften und Trägern sowie Landes- und Kommunalverwaltung aus Nordrhein-Westfalen regelmäßig zusammen. Im Mittelpunkt einer Online-Veranstaltung des Netzwerks am 14. April 2021 standen der „Sozialbericht NRW 2020“ sowie ein Diskussionspapier zu den Auswirkungen der Corona-Pandemie auf Arme und von Armut bedrohte Menschen. Fazit: Im Handlungsfeld Armutsprävention sind strukturelle Veränderungen überfällig. Die Fakten signalisieren Handlungsbedarf: Die soziale Segregation – gemessen an der kleinräumigen Verteilung der SGB II-Bedarfsgemeinschaften – ist gestiegen und in den Großstädten überdurchschnittlich hoch. Gestiegen ist auch die Armutsquote von Kindern und Jugendlichen sowie die jener Personen, deren Einkommen nach Zahlung der Wohnkosten unter dem Hartz-IV-Regelsatz liegt. In Nordrhein-Westfalen gibt es Quartiere mit Kinderarmutsquoten von über 50 Prozent.

Ein überdurchschnittliches Armutsrisiko tragen Kinder und Jugendliche, deren Eltern formal gering qualifiziert oder arbeitslos sind, ein Erwerbseinkommen an beziehungsweise unter der Armutsgrenze haben oder einen Migrationshintergrund haben oder bei einem alleinerziehenden Elternteil aufwachsen.

Aufgezählt ist mit diesen Fakten nur eine kleine Auswahl von Informationen zur sozialen Lage in Nordrhein-Westfalen, die der vom MAGS NRW publizierte „Sozialbericht NRW 2020“ umfassend dokumentiert.

Der Bericht beleuchtet die soziale Lage in NRW und sorgt somit für Transparenz. Er aktualisiert seit Langem Bekanntes und zeigt Entwicklungen auf. Viele davon zum Schlechteren. gleichwohl gibt es auch einige positive Entwicklungen zu vermerken. Die strukturellen Ursachen von Armut, mit der häufig auch gesellschaftliche Schuldzuweisungen an die Betroffenen verbunden sind, sind nicht Gegenstand des Berichts. Und auch wenn es derzeit wünschenswert wäre, kann der Sozialbericht NRW 2020 aufgrund seines Untersuchungszeitraums die besonderen Auswirkungen der Corona-Pandemie auf arme oder von Armut bedrohte Menschen nicht herausarbeiten, und die sind gravierend.

Sicher, die Schließung von Schulen und Kindergärten, von Einzelhandelsgeschäften und Vereinen, der weitgehende Stillstand zivilgesellschaftlichen Lebens trifft alle, aber unterschiedlich hart: Menschen mit wenig Geld härter als Reichere, Menschen in beengten Wohnverhältnissen stärker als jene, die im Grüngürtel einer Stadt in großen Eigenheimen wohnen.

Hilfs- und Unterstützungsangebote für Ärmere in ihrem Stadtteil wie etwa die privat betriebenen Tafeln oder öffentliche Begegnungsstätten, für viele Menschen unverzichtbare Voraussetzung für eine Grundversorgung mit Lebensmitteln wie auch für soziale Teilhabe, waren im Lockdown geschlossen oder nur noch eingeschränkt nutzbar. Psychosoziale Auswirkungen von Armut wie Einsamkeit und Depressionen verschärften sich, weil Beratungsangebote und Begegnungsmöglichkeiten pandemiebedingt brachlagen. Kinder Ärmerer waren ausgeschlossen vom Homeschooling, weil sie weder einen Internetzugang hatten noch digitale Endgeräte besaßen. Erwachsene mit schlecht bezahlter Arbeit, die sich mit Zusatzarbeit knapp oberhalb der Armutsschwelle hatten halten können, stürzten mit deren Wegfall in existenzbedrohende Armut. Ihre soziale Isolation und finanzielle Notsituation vergrößerten sich nicht nur in Ausnahmefällen dramatisch.

In einem Satz: Die Pandemie wirkte wie ein Brennglas auf die Lage armer und von Armut bedrohter Menschen. Sie war Lupe und Brandbeschleuniger zugleich. Genau deshalb hat das Netzwerk Armutsprävention schon im vergangenen Jahr bei seinen Workshops das Thema eingehend erörtert und die Ergebnisse der Gespräche in einem „Diskussionspapier“ zusammengefasst. Beim aktuellen Netzwerktreffen im April fand der Diskurs seine Fortsetzung in Form einer Zusammenschau von Sozialbericht und Diskussionspapier, um so gemeinsame Perspektiven hinsichtlich der Herausforderungen von Armutsbekämpfung in NRW zu gewinnen.

Armutsbekämpfung muss mehr sein als ein Behelf
 

Im Mittelpunkt stand die Frage, wie Politik und relevante Akteure im Handlungsfeld Armutsprävention praxis- und lösungsorientiert auf die im Sozialbericht dokumentierten Missstände in NRW und die Folgen der Corona-Pandemie reagieren können. Thematisiert war damit weniger die unverzichtbare Armutsfolgenbekämpfung als vielmehr die genauso dringliche Armutsprävention, die neue, innovative Strategien und operative Maßnahmen erfordert. Die aktuell sichtbar gewordenen diversen Notlagen verlangen mehr denn je den Übertrag von den empirischen Erkenntnissen zu konkreten Maßnahmen zur Verbesserung der benachteiligenden Lebenslagen.

Grundsätzlich, so der Tenor des Gesprächs, gehen viele in Nordrhein-Westfalen dazu praktizierten Handlungsansätze in die richtige Richtung. Sie sind so ausgerichtet, Armutsketten zu durchbrechen, indem sie arme und von Armut bedrohte Menschen unterstützen und fördern. Die Maßnahmen sollen kurzfristig und unmittelbar greifen, für alle zugänglich, niedrigschwellig und aufsuchend sein. Platziert sind sie direkt vor Ort in benachteiligten Stadtteilen und Quartieren, in denen viele Kinder und Jugendliche aus einkommensarmen Familien leben. Einbezogen in die Maßnahmen des Landes sind Kommunen, Träger der freien Wohlfahrtspflege und weitere relevante Akteure in den Quartieren. Aus gutem Grund: Sie kennen die örtlichen Verhältnisse und Gegebenheiten am besten und können am ehesten Kontakt herstellen zu den Zielgruppen, um die es bei der Armutsprävention beziehungsweise Armutsfolgenlinderung geht.

Anerkennung finden auch die mittel- bis langfristig angelegten strukturellen Maßnahmen, die vor Ort etabliert und dauerhaft eingerichtet werden: die Förderung der Sozialberichterstattung und der inte­grierten Sozialplanung in Kreisen, Städten und Gemeinden unter Einbindung der Träger der freien Wohlfahrtspflege sowie der Akteure in den Quartieren. Als hilfreich bewertet werden auch die kostenfreie Beratung durch das Team „Armutsbekämpfung und Sozialplanung“ der G.I.B. sowie das mittlerweile entstandene Netzwerk aus Sozialplanerinnen und Sozialplanern.

Ausnahmslos gute Ansätze, aber offensichtlich nicht ausreichend, wie der Sozialbericht und das Diskussionspapier zur Corona-Pandemie zeigen. Die gegenwärtigen Aktivitäten in den Bereichen Armutsfolgenbekämpfung und Armutsprävention sind, war beim Netzwerktreffen zu hören, wie ein „Kampf gegen Windmühlenflügel“.

Zwar leisten die allermeisten der in diesen Handlungsfeldern tätigen Projekte wertvolle Arbeit mit nachweislich positiver Wirkung. Aber Projekte allein, auch wenn sie sich mit unterschiedlichen Schwerpunkten perpetuieren, korrespondieren nicht adäquat mit der Dimension von Armut, wie sie der Sozialbericht dokumentiert und die Folgen der Pandemie unterstreichen. Oft sind sie eine Notlösung, ein Behelf, um die drängendsten Probleme zu bewältigen. An den strukturellen Bedingungen und Ursachen von Armut ändert sich durch diese Projekte wenig.

Genau diese strukturellen Veränderungen aber, wie sie in nordrhein-westfälischen Handlungsansätzen durchaus angelegt sind, wären zielführend. Ein Baustein hierzu ist etwa das aktuelle Programm „Zusammen im Quartier“. Die besondere Qualität des Programms: Hier wurden Stellen für Sozialplanerinnen und Sozialplaner finanziert. Das eröffnet den meist finanzschwachen Kommunen die Option zu testen, ob sich die spätere Entfristung ihrer Arbeitsverhältnisse und damit ihre dauerhafte sozialplanerische Arbeit im Handlungsfeld Armutsprävention lohnt. Offensichtlich ist das der Fall, wie viele Entfristungen der anfangs geförderten Beschäftigungsverhältnisse in gleich mehreren Kommunen beweisen. Ähnlich positive Erfahrungen mit einer Stellenfinanzierung hat übrigens das Landeszentrum Gesundheit Nordrhein-Westfalen im Handlungsfeld „Prävention und Gesundheitsförderung“ gemacht.

Organisatorischer Paradigmenwechsel
 

Der Sozialbericht wie auch die Erfahrungen in der Corona-Pandemie zeigen: Das Thema Armut ist hoch komplex und betrifft die gesamte Gesellschaft. Auch wenn die ökonomische Existenzsicherung und Grundversorgung in diesem Zusammenhang mit an vorderster Stelle steht, geht es doch nicht nur um Arbeitslosigkeit oder niedrige Einkommen, sondern um die gesamte Lebenslage von Menschen und das schließt Gesundheit, Wohnen, Anerkennung und Beteiligung genauso wie Bildung ein. Und letztlich stellt Armut in einer Gesellschaft immer auch die Frage nach Gerechtigkeit und somit nach der Legitimation der gesellschaftlichen Verhältnisse, die Ungleichheit und Armut hervorbringen bzw. zulassen.

Es ist also Zeit für eine kritische Bestandsaufnahme bestehender und wachsender Benachteiligungen und für kreatives, entschlossenes Agieren gegen Armut, für eine gerechtere Gesellschaft. In diesem Sinne legen die Mitglieder des Netzwerks Armutsprävention – im Folgenden eher summarisch aufgeführt – konkrete Impulse ohne Anspruch auf Vollständigkeit und ohne Priorisierung vor:

Die Umkehr von „Abwärtsspiralen“ in benachteiligten Quartieren sowie die Bekämpfung von lokalen Armutslagen muss als selbstverständliche Daueraufgabe angenommen und umgesetzt werden. Unternehmen, Arbeitgeber und Arbeitgeberinnen sind in die Entwicklung von Lösungsansätzen einzubeziehen.

Auf Gesetzesebene wären Rechtsansprüche auf soziale Sicherungsleistungen auszuweiten, das Recht auf Teilhabe im SGB I zu konkretisieren und die Nachhaltigkeitsprüfung von Gesetzesvorhaben nach §§ 2, 38 Abs. 4 GGO NRW hinsichtlich sozialer Ungleichheit zu erweitern.

Zentraler Begriff im Kontext der Verbesserungsvorschläge aber ist das „integrierte Herangehen“ bei der Armutsprävention. Das gilt für die verschiedenen Sozialgesetzbücher genauso wie für Förderprogramme. Nur so lassen sich Armutslagen in ihrer Gesamtheit erkennen, passende Lösungen finden und strategische Konzepte entwickeln.

Notwendig ist dazu auf allen Ebenen der Aufbau interner fachlich-inhaltlich ausgerichteter interdisziplinärer Arbeitszusammenschlüsse und eine koordinierte und fachbereichsübergreifende Planung, die im Rahmen von integrierten Handlungskonzepten – immer unter Beteiligung der Betroffenen – umgesetzt werden kann. So kann die Kommune Förderstrukturen zur Armutsprävention gemeinsam mit beteilig­ten Akteurinnen und Akteuren aus benachteiligten Stadtteilen oder Sozialräumen erarbeiten. Im Vorfeld bieten sich Schulungen und Sensibilisierung zu Armutsursachen und Armutsfolgen für Politik, Verwaltung und Fachkräfte an.

Auf der oft von Gerangel um Zuständigkeiten geprägten kommunalen Ebene ist ein organisatorischer Paradigmenwechsel nötig: Weg von der starren Linienorganisation, hin zu einer matrixförmigen Zusammenarbeit und damit hin zu mehr Agilität, wie sie für moderne Managementmethoden in der Wirtschaft typisch sind. Das bedeutet: flexibel, proaktiv, antizipativ und initiativ agieren, um notwendige Veränderungen in die Wege zu leiten.

Einher geht das mit Schnittstellenoptimierungen – Stichwort: „Hilfen aus einer Hand“ – im Sinne einer rechtskreis­übergreifenden Zusammenarbeit, also ein gemeinsames Wirken in Netzwerken als bessere Alternative zur Versäulung einzelner Dezernate.

Der Ausbau des Angebots von Einrichtungen in den Quartieren, darunter Familienzentren, Familienbüros und Jugendzentren, ist ebenso erforderlich wie eine Konzeptentwicklung zur Erreichung schlecht erreichbarer Zielgruppen, der Einsatz von mehr „Streetworkern“, Quartiersarbeiterinnen und Quartiersarbeitern, die Entwicklung von Patenmodellen und die Gewinnung von Ehrenamtlerinnen und Ehrenamtlern aus den Milieus der Zielgruppen, was zu einem Zuwachs an Vertrauen gegenüber Ämtern führen kann.

Weitere sinnvolle Maßnahmen sind: lokale Selbsthilfestrukturen dauerhaft fördern und professionell unterstützen, non-formale Lernräume in benachteiligten Quartieren einrichten, Förderlotsinnen und Förderlotsen auf den jeweilig relevanten Ebenen installieren, aufsuchende soziale Arbeit ausbauen, niederschwellige Ansprache- und Aktivierungsangebote entwickeln. Dabei könnten digitale Angebote unter Berücksichtigung des Gebots der Niederschwelligkeit, etwa durch den Gebrauch leichter Sprache, mithilfe von Apps zur Versendung von Unterlagen, einfacher und schneller telefonischer Erreichbarkeit ausgebaut werden.

Da von Armut betroffene Menschen häufig auch gesundheitlich benachteiligt sind, empfiehlt sich eine soziallagenbezogene Gesundheitsförderung. Entsprechende Handlungsempfehlungen haben bei der Netzwerktagung Gaby Schütte und Lana Carollo vom Landeszentrum Gesundheit Nordrhein-Westfalen (LZG NRW) in ihrem Vortrag über die Landesinitiative „Seelische Gesundheit“ präsentiert.

Die Tagung des Netzwerks war nur der erste Schritt. Jetzt geht es um eine vertiefte Zusammenarbeit bei der Entwicklung und Umsetzung von konkreten Maßnahmen zur Armutsbekämpfung und Armutsprävention. Auch wenn nicht immer alle Mitglieder dieselben Standpunkte im Handlungsfeld Armutsprävention vertreten oder nicht mit gleicher Gewichtung – hinsichtlich der Relevanz von Armutsprävention besteht Einigkeit, gilt „e pluribus unum“ auch hier.

Das Diskussionspapier des Netzwerkes Armutsprävention in NRW „Brennglas Corona“ ist hier zum Downloaden unter dem Stichwort „Diskussionspapier“ zu finden: https://www.gib.nrw.de/service

Ansprechpersonen in der G.I.B.

Susanne Marx
Tel.: 02041 767201
s.marx@gib.nrw.de

Dr. Frank Nitzsche
Tel.: 02041 767157
f.nitzsche@gib.nrw.de

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Autor

Paul Pantel
Tel.: 02324 239466
paul.pantel@vodafonemail.de
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