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(Heft 2/2021)
Deutsches Institut für Interdisziplinäre Sozialpolitikforschung (DIFIS)

Neubemessung von Exzellenz

Ein starker Sozialstaat ist angewiesen auf ein Umfeld engagierter Wissenschaft, das weitsichtig und mit analytischer Tiefe Veränderungen erkennt und deren Auswirkungen unabhängig beschreibt. Mit dieser Begründung fördert das Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) seit Mai 2021 das Deutsche Institut für Interdisziplinäre Sozialpolitikforschung (DIFIS).

„Jede Entscheidung verengt den Raum der Denkmöglichkeiten. In der Politik muss man aber ständig entscheiden“, sagte kürzlich der ehemalige bayerische Kultusminister Hans Maier in einem Interview mit der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“. Benannt hat er damit ein Dilemma, das unterstreicht, wie gut Politik daran tut, jederzeit, vor wie nach Entscheidungen, offen zu sein für Denk­impulse von außen und dabei die Kapazitäten der Wissenschaft zu nutzen. Hubertus Heil jedenfalls, Bundesminister für Arbeit und Soziales, artikulierte anlässlich der Eröffnung des Deutschen Ins­tituts für Interdisziplinäre Sozialpolitikforschung (DIFIS) am 8. Juni 2021 die „Sehnsucht der Politik nach fundierten wissenschaftlichen Erkenntnissen, um gute politische Entscheidungen treffen zu können.“

Das gilt auch für die Sozialpolitik, zumal das Sozialbudget Jahr für Jahr wächst und mittlerweile mehr als eine Billion Euro umfasst. Das sind rund dreißig Prozent des Bruttosozialprodukts. Doch Politik im Sozialstaat bemisst sich nach den Worten von Hubertus Heil „nicht allein an der Höhe der Ausgaben, sondern auch an der Qualität des damit finanzierten sozialstaatlichen Handelns.“ Um sie zu gewährleisten und Lösungen zu entwickeln für die großen Zukunftsaufgaben – der Minister ortete sie in den Bereichen Digitalisierung, Dekarbonisierung, Demografie, Diversität und Demokratie –, sei eine starke und unabhängige Sozialpolitikforschung unentbehrlich.

Genau deshalb fördert sein Ministerium das Deutsche Institut für Interdisziplinäre Sozialpolitikforschung (DIFIS) für zunächst fünf Jahre mit rund acht Millionen Euro. Aufgebaut wird DIFIS vom Institut Arbeit und Qualifikation (IAQ) der Universität Duisburg-Essen (UDE) gemeinsam mit dem SOCIUM Forschungszentrum Ungleichheit und Sozialpolitik der Universität Bremen. Gegenwärtig arbeiten im DIFIS an beiden Standorten rund zehn Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Ein Personalbestand, der in den kommenden Jahren sukzessive auf knapp die doppelte Zahl erweitert werden soll.

Zu den Kernaufgaben des Instituts zählen die inhaltliche Vernetzung und Koordinierung des bereits bestehenden Fördernetzwerks Interdisziplinäre Sozialpolitikforschung (FIS). Darüber hinaus soll es den Transfer von Wissen innerhalb der Wissenschaft, aber auch zwischen Wissenschaft und Praxis fördern sowie mittelfristig zu klassischen wie auch zu Zukunftsthemen der Sozialpolitik forschen, und zwar in einer Kombination aus Grundlagen- und angewandter Forschung.

Welche Themenfelder dabei relevant sein könnten, erläuterte bei der Eröffnungsveranstaltung Prof. Dr. Ute Klammer, geschäftsführende Direktorin des IAQ und Leiterin des DIFIS: Erstens: Sozialstaat als kritische Infrastruktur und nachhaltige Sozialpolitik. Zweitens: Herausforderungen der modernen Arbeitswelt für die Gestaltung sozialer Sicherung. Drittens: Transnationale soziale Sicherung in der Migrationsgesellschaft. Viertens: Lebenslaufgestaltung zwischen Gender-, Familien-, Bildungs- und Arbeitsmarktpolitik. Fünftens: Organisation und Implementation von Sozialpolitik. Sechstens: Gesellschaftliche Konflikte und Sozialpolitik.

Geschärft und gegebenenfalls auch verändert werden können die aufgeführten Themen schon bald im Dialog mit interessierten Expertinnen und Experten aus Wissenschaft und Praxis. Angesprochen ist damit zugleich ein zentrales Element der DIFIS-Arbeit: die Interdisziplinarität. Denn das Institut soll nach Angaben von Ute Klammer ein Ort der Kommunikation, des Austauschs zwischen den Fach-Disziplinen sowie des Dialogs mit Politik und Gesellschaft, zugleich aber auch eine Lokalität für Schwarmintelligenz sein.

Organisiert ist das Ganze, so die Wissenschaftlerin, mit rund 25 wissenschaftlichen Gründungsmitgliedern, Praxispartnern und einer Vielzahl weiterer, wechselnder Akteure mit unterschiedlichem Grad an Engagement in variierenden Formaten. Angestrebt ist zudem, das DIFIS auch international zu vernetzen, denn nach Einschätzung von Prof. Dr. Frank Nullmeier, dem stellvertretenden Leiter des DIFIS, „ist die ,Versozialstaatlichung‘ ein internationales Phänomen, auch im globalen Süden. Ausgenommen die Länder, in denen die Staatlichkeit selbst nicht funktioniert.“ Noch aber mangele es an einer die nationalen Grenzen überschreitenden transnationalen Sozialpolitik, „ein Defizit an globaler Koordination, dessen negative Folgen uns die Pandemie deutlich vor Augen geführt hat.“

Auch wenn sich Hubertus Heil vom neuen Institut wissenschaftliche Erkenntnisse wünscht, „die in der Politik als Aha-Erlebnisse wahrgenommen werden“ – „Ressortforschung“, stellte Ute Klammer in Übereinstimmung mit dem Minis­ter unverzüglich klar, „betreibt das DIFIS nicht“.

Einklang bestand zudem hinsichtlich der Frage, ob die Exzellenz von Forschung und Transdisziplinarität in Widerspruch zueinander stehen: „Im Gegenteil“, entgegneten Klammer und Nullmeier: „Exzellenz lässt sich nur erzielen über interdisziplinäre Zusammenarbeit.“ Interdisziplinarität sei beim DIFIS geradezu der Gradmesser für Exzellenz: „Genau das ist unser Mehrwert.“

Kontakt

Prof. Dr. Ute Klammer
Geschäftsführende Direktorin
Institut Arbeit und Qualifikation (IAQ)
Universität Duisburg-Essen
Tel.: 0203 3791827
ute.klammer@uni-due.de

Autor

Paul Pantel
Tel.: 02324 239466
paul.pantel@vodafonemail.de
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