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(Heft 2/2021)
Ein Praxisbeispiel aus Gelsenkirchen

Kurzarbeitergeld als entscheidendes Instrument zur Arbeitsplatzsicherung in der Phase der Corona-Pandemie

Über ein Jahr hält nunmehr die Corona-Pandemie Wirtschaft und Gesellschaft in Atem. Schon heute steht fest: Die Folgen treffen deutlich mehr Branchen und sie treffen sie härter als in der letzten globalen Krise – der Finanzkrise von 2008/2009. Doch was sich schon damals als probates Mittel erwiesen hat, um betroffene Betriebe und Beschäftigte vor Insolvenzen und Kündigungen zu bewahren, hilft auch in der aktuellen Situation – das Kurzarbeitergeld. Durch die Nutzung von Kurzarbeit hält sich bislang die Zahl der Entlassungen in Grenzen. Damit sich Betriebe in der andauernden Covid-19-Pandemie weiterhin auf stabile Rahmenbedingungen verlassen können, verlängerte die Bundesregierung die Sonderregelungen beim Kurzarbeitergeld bis Ende 2021. Wie stark Betriebe und Arbeitnehmende vom Kurzarbeitergeld profitieren, zeigt das Beispiel der Kälte- und Klimaanlagen GmbH Rasch aus Gelsenkirchen.

Kurzarbeit ist ein arbeitsmarktpolitisches Instrument zur Unterstützung von Unternehmen und Betrieben in Krisensituationen. Steht ein Unternehmen aus wirtschaftlichen Gründen kurzfristig vor einem erheblichen Arbeitsausfall, kann es Kurzarbeit beantragen, um Insolvenz oder Kündigungen zu vermeiden. In der Praxis bedeutet das: Alle Beschäftigten oder nur ein Teil eines Betriebs arbeiten weniger Stunden, als sie normalerweise leisten müssten. Dafür erhalten sie entsprechend weniger Lohn. Um diesen Verlust zum Teil zu kompensieren, erhalten die Betroffenen Kurzarbeitergeld. Hiervon gibt es drei Formen, die Arbeitgeber bei der Bundesagentur für Arbeit beantragen können:

  • Saison-Kurzarbeitergeld,
  • Transfer-Kurzarbeitergeld sowie
  • konjunkturelles Kurzarbeitergeld (umgangssprachliche Bezeichnung).


Letzteres steht Betrieben bei vorübergehend schlechter Wirtschaftslage zu, weshalb es die aktuell meistbeachtete Variante ist. Eine Voraussetzung dafür ist, dass durch den erheblichen Arbeitsausfall in einem Betrieb mindestens zehn Prozent der Beschäftigten einen Arbeitsentgelt­ausfall von mehr als 10 Prozent haben. Zudem muss mindestens eine Beschäftigte oder ein Beschäftigter sozialversicherungspflichtig angestellt sein. Allerdings dürfen Arbeitgeber Kurzarbeit nicht einseitig anordnen. Sie muss in Tarifverträgen, Betriebsvereinbarungen oder Einzelverträgen festgelegt sein und ist nach § 87 Abs. 1 Nr. 3 BetrVG an die Mitbestimmung durch den Betriebsrat gebunden. Grundsätzlich kann das Kurzarbeitergeld bis zu zwölf Monate gezahlt werden, unter bestimmten Voraussetzungen sogar bis zu 24 Monate. Es beträgt 60 Prozent des Nettolohns, bei Beschäftigten mit Kindern 67 Prozent. Unter gewissen Bedingungen erhöht sich das Kurzarbeitergeld stufenweise auf bis zu 80 Prozent, bzw. 87 Prozent bei Beschäftigen mit einem Kind, ab dem siebten Bezugsmonat.

So wurde Kurzarbeitergeld 2020 in NRW genutzt
 

Gerade in der Frühphase der Corona-Pandemie haben Unternehmen verstärkt das konjunkturelle Kurzarbeitergeld beansprucht. Der April markierte nach den Daten der Bundesagentur für Arbeit (BA) mit 1,2 Millionen Beschäftigten in Kurzarbeit den Höchstwert für Nord­rhein-Westfalen im Jahr 2020. Demnach befanden sich 17,2 Prozent aller sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in Kurzarbeit. Als im Mai der Corona-Lockdown gelockert wurde, nahm die Kurzarbeit zunächst ab. Mit Verschärfung des Infektionsgeschehens im November und daraus resultierenden erneuten Schließungen stieg auch wieder die Zahl der Personen in Kurzarbeit an.

60 Prozent der Betriebe, die das Kurzarbeitergeld im April 2020 nutzten, sind Kleinstbetriebe mit fünf oder weniger Mitarbeitenden gemäß der BA-Statistik. Unternehmen mit 200 und mehr Angestellten machen gerade einmal ein Prozent aus. Weitere 11 Prozent davon sind Betriebe mit zehn bis 19 Mitarbeitenden. Einer dieser Betriebe ist die Kälte- und Klimaanlagen GmbH Rasch. Weitere monatlich aktualisierte Zahlen zur Kurzarbeit in NRW und Deutschland insgesamt liefert die interaktive Datenplattform der G.I.B. (https://gib-service.de/kug/).

Corona-Pandemie sorgte für Déjà-vu-Erlebnis bei der Rasch GmbH
 

Von der Beratung und Planung über die Umsetzung und Instandhaltung bis hin zur Instandsetzung versorgt die 1984 gegründete Firma Rasch NRW-weit Kunden in der Lebensmittelindustrie und im Einzelhandel, aber auch Kliniken sowie Privathäuser mit einem umfassenden Service rund um das Thema Klima- und Kältetechnik. Der wesentliche Teil der Arbeit findet direkt beim Kunden vor Ort statt. Deshalb traf die Pandemie und der damit einhergehende erste Lockdown im März vergangenen Jahres den Betrieb mit voller Wucht. „Auf einmal wurde alles dicht gemacht“, erinnert sich der Geschäftsführer der Rasch GmbH, Thomas Wandelt. „Selbst Krankenhäuser haben außer Patienten niemanden mehr reingelassen. Für uns war das fatal, da Kliniken unser Kernklientel darstellen.“

Von heute auf morgen stand die Firma vor einem enormen Auftragseinbruch. Eine Erfahrung, die sie schon einmal schmerzlich erfahren musste. Vor fünf Jahren verlor der Betrieb seinen damaligen Hauptkunden. Auch damals riss der Verlust ein riesiges Loch in das Auftragsbuch. Dem Betrieb blieb daraufhin nichts anderes übrig, als einen Teil der Belegschaft zu entlassen. Kein Wunder, dass die Lahmlegung des öffentlichen Lebens im Zuge der Pandemie-Maßnahmen für große Verunsicherung bei dem Kältetechnik-Betrieb sorgte. Dieses Mal jedoch sollte niemand im Unternehmen seine Arbeit verlieren. Dies war von Anfang an ein festes Ziel der Rasch GmbH.

Unterstützung vom Staat unkompliziert und schnell
 

Dass das Kurzarbeitergeld auch für die Firma Rasch eine Option sein könnte, um in der Pandemie Personal zu halten, hatte Thomas Wandelt zunächst nicht vor Augen. „Ich hatte mich zuvor mit dem Thema Kurzarbeit noch nicht beschäftigt, weil es für uns im Handwerk keine Berührungspunkte damit gab. Ich dachte, es sei der Industrie vorbehalten.“ Von einem befreundeten Unternehmer, der bereits Erfahrung mit Kurzarbeit gesammelt hatte, wurde er jedoch auf diese Möglichkeit aufmerksam gemacht. Zwar war man bei der Rasch GmbH anfangs noch darum bemüht gewesen, den Betrieb mit den wenigen verbliebenen Aufträgen und Wartungsarbeiten aufrechtzuerhalten. Es zeichnete sich allerdings schnell ab, dass die Mitarbeitenden mit dieser Lösung längerfristig nicht ausgelastet sein würden. Also entschloss sich Thomas Wandelt nach interner Beratung für eine Beantragung des Kurzarbeitergeldes.

Und das gestaltete sich einfacher und schneller, als er erwartet hatte. Auch dank externer Hilfe. „Wir haben uns für die Anzeige eines Arbeitsausfalls und die Antragsstellung auf Kurzarbeit an unseren Steuerberater gewendet, der uns dann genau aufgelistet hat, welche relevanten Informationen und Dokumente er von uns benötigt. Wir waren heilfroh, den bürokratischen Aufwand dafür nicht auch noch bewältigen zu müssen. So konnten wir uns darauf konzentrieren, den Betrieb am Laufen zu halten.“ Nachdem das Sekretariat der Rasch GmbH alle notwendigen betrieblichen Auskünfte für den Steuerberater zusammengestellt hatte, wurde erstmalig ein Antrag und die Abrechnungsliste am 30. April bei der Bundesagentur für Arbeit eingereicht. Schon am 15. Mai wurde der Antrag bewilligt. So war es möglich, zunächst mit sechs Monaten Kurzarbeitergeld für die gesamte Belegschaft zu planen. Zeitgleich ging die erste Auszahlung auf das Betriebskonto ein. Von den 18 Beschäftigten befanden sich im April und Mai 13 in Kurzarbeit.

Aktive und transparente Krisenkommunikation
 

Auch wenn die Kurzarbeit-Regelung in den Arbeitsverträgen aller Beschäftigten bereits fixiert war, schienen viele nicht zu wissen, was Kurzarbeitergeld in letzter Konsequenz bedeutet. Entsprechend groß war ihre Verunsicherung, als sie von dem Entschluss für die Beantragung erfuhren. Dass sich in so einer Situation eine transparente und ehrliche Kommunikation auszahlt, auch das belegt das Beispiel der Rasch GmbH. Serviceleiter Eric Bahn, zuständig für die Einteilung der Teams, war von Anfang an in die Pläne des Betriebs eingeweiht. Gemeinsam mit ihm rief Thomas Wandelt zuallererst ein Meeting der gesamten Belegschaft ein, um sie über die kommenden Schritte aufzuklären, noch bevor der offizielle Antrag gestellt wurde. „Wir wollten damit vermeiden, dass sie möglicherweise über Ecken davon erfahren, ohne die genauen Hintergründe zu kennen. Trotzdem konnte man ihnen die Angst ansehen, weil niemand unter den Mitarbeitenden damit gerechnet hatte, dass es so weit kommen würde. Wir haben dann in aller Ruhe erklärt, dass der Schritt notwendig ist, damit niemand seine Arbeit verliert“, sagt Eric Bahn. Daraufhin sei die Akzeptanz der Belegschaft auf Anhieb da gewesen. In anschließenden Einzelgesprächen rechneten Thomas Wandelt und Eric Bahn den Beschäftigten genau vor, mit welchen finanziellen Einbußen sie rechnen müssten.

Doch so weit musste es gar nicht erst kommen. Denn die Geschäftsführung nutzte die Phase der Kurzarbeit als Gelegenheit, den Beschäftigten Wertschätzung entgegenzubringen. „Wir haben in den letzten Jahren gut gewirtschaftet. Daran hat unsere Belegschaft maßgeblichen Anteil. Deshalb hatten wir uns schon früh dazu entschlossen, das Kurzarbeitergeld auf 100 Prozent aufzustocken – als Zeichen der Wertschätzung und Dankbarkeit für jeden einzelnen unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter“, so Thomas Wandelt. Diese Entscheidung fiel eine gute Woche nach dem Entschluss für das Kurzarbeitergeld. Während des gesamten Zeitraums der Kurzarbeit erhielten so alle Beschäftigten ihr übliches Gehalt. Da sich aber schon ab Mitte Mai die Auftragslage wieder erholte, verzichtete der Betrieb auf die Hilfe für weitere Monate. Denn so sehr das Instrument hilft, grenzt es die Betriebe gleichzeitig in ihrem Handlungsspielraum stark ein.

Anspruchsvolle Personalplanung im Rahmen von Kurzarbeitergeld
 

Anders als bei Behörden oder Großunternehmen, wo Arbeitsprozesse und Arbeitszeiten einer festen Struktur unterliegen, ist der Arbeitsalltag in einem Handwerksbetrieb immer von einer gewissen Unwägbarkeit geprägt. Gibt es beim Kunden eine Störung an einer Anlage oder sie fällt gar aus, muss der Betrieb spontan darauf reagieren können. Auch außerhalb der regulären Geschäftszeiten gibt es bei der Firma Rasch einen 24-Stunden-Störungsdienst – schließlich zeichnet das einen guten Service aus. Bei Einsatz von konjunkturellem Kurzarbeitergelt müssen aber bis vor dem 20. eines Monats die Personalplanungen an den Steuerberater übermittelt werden. Genau darin liegt eine Herausforderung. „Wir müssen durch die Kurzarbeit unsere Arbeitsstunden exakt im Voraus kalkulieren, da wir ein bestimmtes Maß nicht überschreiten dürfen. Überstunden sind dabei nicht zulässig. Gleichzeitig müssen wir Verträge mit unseren Kunden einhalten. Störungsdienste sind darin eines unserer wesentlichen Leistungsangebote. Dafür gibt es aber keine festen Zeiten. Ich kann nicht in die Glaskugel schauen und wissen, wann beim Kunden etwas ausfällt“, merkt Thomas Wandelt an. Zwar könne man Nachberechnungen an die Steuerberaterin bzw. den Steuerberater senden, falls eine Mitarbeiterin bzw. ein Mitarbeiter z. B. krank geworden ist, allerdings bedeute die vorzeitige Planung der an die Kurzarbeit angepassten Einsatzpläne einen Mehraufwand für das Unternehmen. Daher habe man sich schnell dafür entschieden, kein weiteres Kurzarbeitergeld zu beanspruchen, als sich abzeichnete, dass sich die Auftragslage wieder verbessert.

„Wir würden jederzeit wieder Kurzarbeitergeld nutzen, wenn es die Situation verlangt“
 

Auch wenn die Rasch GmbH bislang verhältnismäßig gut durch die Pandemie gekommen ist und das Kurzarbeitergeld nur für einen überschaubaren Zeitraum beanspruchen musste, möchte Thomas Wandelt das Hilfsinstrument nicht missen. „Wir würden jederzeit wieder Kurzarbeitergeld nutzen, wenn es die Situation verlangt. Es war ja nicht abzusehen, wie lange wir es benötigen würden. Daher gab es uns eine große Sicherheit, weil wir niemanden ins Ungewisse nach Hause schicken mussten.“ Und Kurzarbeit garantiert Planbarkeit: Denn so hätte der Betrieb auch im Falle einer längeren Auftragsflaute sein wertvolles Personal halten können, auf das man schließlich angewiesen ist, um den Betrieb in wirtschaftlich besseren Zeiten wieder auf Kurs zu bringen.

Aufgrund der erneuten pandemiebedingten Schließungen beantragte die Rasch GmbH im Januar dieses Jahres noch einmal Kurzarbeitergeld. Da dem Betrieb schon für den ersten Antrag eine Bewilligung für sechs Monate zugesprochen wurde, er aber nur zwei davon in Anspruch nahm, standen ihm die übrigen vier ohnehin zu. Allerdings wurden inzwischen bestimmte Sonderregelungen aufgehoben: 2020 konnte beispielsweise die Einbringung von Erholungsurlaub aus dem laufenden Urlaubsjahr nicht zur Vermeidung von Kurzarbeit eingefordert werden. Seit dem 1. Januar 2021 gilt wieder die ursprüngliche Regelung: Angestellte müssen nicht verplanten Urlaub vorrangig nutzen, um einen Arbeitsausfall zu vermeiden. Etwas Unbehagen bereitet Geschäftsführer Thomas Wandelt auch eine anstehende Prüfung der Kos­ten- und Erlössituation des Betriebs. Hierzu muss das Unternehmen eine Betriebswirtschaftliche Auswertung (BWA) vorlegen. Die Bundesagentur für Arbeit hat angekündigt, stichprobenartig zu überprüfen, ob mit der Abwicklung der Kurzarbeitergeldanträge seitens der Unternehmen alles korrekt abgelaufen ist. Dabei wird kontrolliert, ob die vorliegenden Abrechnungslisten Arbeitsverträge, Gehaltsabrechnungen und Zeiterfassungen mit den einge­reichten Anträgen und Abrechnungslisten übereinstimmen.

Dennoch blickt man bei der Rasch GmbH optimistisch in die Zukunft. Denn ungeachtet der verheerenden Folgen durch die Corona-Pandemie für Gesellschaft und Wirtschaft können schwierige Situationen auch kreative und positive Neuerungen hervorbringen. So besann man sich bei dem Klima- und Kältetechnikbetrieb gewissermaßen zurück auf alte Tugenden. „Da die Kliniken geschlossen waren, haben wir während des Lockdowns unsere Dienstleistung wieder verstärkt im privaten Sektor angeboten.“ Und so ganz nebenbei einen neuen Kundenstamm hinzugewonnen, freut sich Thomas Wandelt.

Ansprechpersonen in der G.I.B.

Nicole van Lieshaut
Tel.: 02041 767102
n.vanlieshaut@gib.nrw.de

Bei Fragen zur BA-Statistik:
Katharina Czudaj
Tel.: 02041 767119
k.czudaj@gib.nrw.de

Lisa Tabita Rüge
Tel.: 02041 767302
l.ruege@gib.nrw.de

Kontakte

Kälte- und Klimaanlagen Rasch GmbH
Tel.: 0209 21440
Thomas Wandelt, twandelt@rasch-kaelte.de
Eric Bahn, bahn@rasch-kaelte.de

Autor

Nils Strodtkötter
nils.strodtkoetter@web.de
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