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(Heft 2/2021)
Ein Gespräch mit Stefan Kulozik, Leiter der Abteilung Arbeit und Qualifizierung des MAGS, über den Stellenwert von Kooperationen in der Landesarbeitspolitik.

Kooperation in der nordrhein-westfälischen Arbeitspolitik: Die Menschen und Ziele müssen im Zentrum stehen

G.I.B.: Ganz allgemein: Herr Kulozik, wann kommen Akteure der Arbeitspolitik Ihrer Einschätzung nach zu dem Schluss, dass für ihre Vorhaben „Kooperation“ relevant, nützlich oder notwendig sein könnte?

Stefan Kulozik: Zur Grundaufgabe unseres Ministeriums gehört es, nicht die eigene Sichtweise in den Vordergrund zu stellen, sondern die Bedarfe der Menschen, für die wir etwas erreichen wollen. Unsere Aufmerksamkeit gilt ihren Sorgen. Angesichts der Corona-Pandemie ist es unsere Aufgabe, die Ängste der Menschen vor dem Verlust ihrer Lebensgrundlage abzumildern. Sei es der Beschäftigte, der um seinen Arbeitsplatz bangt, der Soloselbstständige, der keine Einkünfte mehr bekommt, oder der Jugendliche, der nicht weiß, wie es nach dem Schulabschluss weitergehen soll. Leider gibt es oft nicht die eine Institution mit der einen Lösung für komplexe Probleme. Das kann dann nur von mehreren gemeinsam gelöst werden. An dieser Stelle handeln wir, indem wir alle Akteure zusammenbringen, die einen Beitrag leisten können. Dann entsteht eine Kooperation, eine Bündelung von Anstrengungen, die schnelles und effizientes Reagieren möglich macht. Wichtig sind dabei Transparenz sowie der Wille und vielleicht sogar Begeisterung, eine Verabredung zu treffen und danach zu handeln.

G.I.B.: Wäre es nicht einfacher, dafür ein Gesetz zu erlassen?

Stefan Kulozik: Selbstverständlich gibt es Bereiche, wo ein Erlass genügt. Wenn sich etwas schnell und unkompliziert regeln lässt, tun wir das. Gar nicht so selten erfordern Lebenswirklichkeiten aber einen umfassenderen Lösungsansatz, wozu es Kooperationspartner braucht.

G.I.B.: Welche Herausforderungen müssen die beteilig­ten Institutionen bzw. die verantwortlichen Akteure meistern, damit sie überhaupt kooperieren können?

Stefan Kulozik: Manchmal muss man ringen, um eine Lösung zu finden. Eine gute Kooperation hält Spannungen und gegensätzliche Interessen aus und führt dennoch zu Ergebnissen. Vor allem bewährt sie sich in schwierigen Situationen. Kooperation ist keine Folklore. Die Menschen auf der Straße müssen spüren, dass es eine Kooperation gab, aus der gemeinsame Maßnahmen umgesetzt wurden, um ihnen zu helfen.

Ich bin immer für den Perspektivwechsel. Nicht unser Blick entscheidet, sondern der der Menschen auf uns. Damit löst sich die Frage des eigenen Interesses auf. Welche Sorge hat der Mensch, der seine Arbeit verliert? Das ist die Perspektive, aus der wir nach Lösungen suchen müssen. Die größte Gefahr bei Kooperationen ist, dass die Frage der „Macht“ über den Fokus auf die Sache gestellt wird. Wenn es mehr darum geht, wer der mächtigste Partner in der Kooperation ist, statt um die Sorgen der Menschen, verliert jede Kooperation ihre Wirkung.

G.I.B.: Wie muss Kooperation gesteuert werden und bedarf es hierzu bestimmter Regelungen? Und wer sollte das Steuer übernehmen?

Stefan Kulozik: Eine Kooperation führt in der Regel zu einer Vereinbarung. Das ist wichtig. Es spielt keine so große Rolle, wer die Kooperation wie steuert. Das Einhalten der Vereinbarung ist das Entscheidende. Eine Kooperation ist ja auch kein starres Konstrukt. Sie lebt und entwickelt sich ständig weiter.

G.I.B.: Was bedeutet das für die kommunale oder regionale Umsetzungsebene, auf die in NRW so umfangreich gesetzt wird?

Stefan Kulozik: Eigentlich ist es unerheblich, um welche Ebene der Koordinierung es geht. Was zählt ist, dass man sich für ein gemeinsames Ziel bekennt. Dazu muss jeder seinen Beitrag leisten und sich dann auch an die Vereinbarung halten. Es bedarf einer gelebten Verantwortung für das Thema, für die Bedürfnisse des Menschen.

G.I.B.: Im Zusammenhang mit guter Kooperation wird häufig von Augenhöhe gesprochen, auf der sich die Beteiligten begegnen müssen. Stimmen Sie dem zu?

Stefan Kulozik: Ich kann mit dem Begriff Augenhöhe in diesem Kontext nicht viel anfangen. Die Wahrheit ist doch: Bei der Begegnung auf erzwungener Augenhöhe macht sich entweder der eine kleiner oder der andere wird hochgehoben und dadurch vielleicht überfordert. Fairness im Umgang miteinander ist entscheidend. Meiner Ansicht nach ist es daher viel wichtiger, fair miteinander umzugehen. Und hierzu gehört gegenseitiges Vertrauen, ohne eine „Hidden Agenda“ zu verfolgen. Das schließt im Übrigen nicht aus, dass es Konflikte gibt. Im Gegenteil: In einer vertrauensvollen Atmosphäre ist es viel leichter, Konflikte auszutragen und zu lösen.

G.I.B.: Wie kann man sich in der Arbeitspolitik gewiss sein, dass durch Kooperation tatsächlich Vorteile entstanden sind? Wie lässt sich Kooperation bilanzieren bzw. ihr Beitrag messen?

Stefan Kulozik: Im Idealfall legt man in der Kooperation fest, was man wie erreichen möchte. Nur so lassen sich Erfolge nachweisen und man kann sie entsprechend würdigen. Denn erst durch Wirkung und Erfolge legitimiert sich eine Kooperation. Nicht durch eingehaltene Termine und die Freude darüber, dass man sich mal nett unterhalten hat. Nur so spüren auch die Menschen, die nicht mit am Tisch saßen, dass es eine Abstimmung gab, die ihnen geholfen hat. Transparenz in Bezug auf die Kosten, Wirkung und Nutzen gehören natürlich zu jeder Kooperation dazu.

G.I.B.: Haben Sie es schon einmal erlebt, dass eine Kooperation scheiterte?

Stefan Kulozik: Nein, das habe ich so noch nicht erlebt. Gleichwohl gibt es Kooperationen, in denen viel miteinander gerungen wird, um zu einem Ergebnis zu kommen. Das kann zum Beispiel bei den Interessen der Sozialpartner der Fall sein. In Nordrhein-Westfalen haben wir mit den Gewerkschaften auf der einen und den Arbeitgebern auf der anderen Seite starke Sozialpartner, worüber wir dankbar sind. Gerade in ihrem Zusammenspiel auch mit der sogenannten öffentlichen Hand erweisen sich Kooperationen als Gewinn. Denn so erreicht man Ziele, ohne dass die beteiligten Akteure auseinander driften und die Kräfte werden gebündelt und verstärkt. Das betrifft Fragestellungen in allen Bereichen, wo es in Nordrhein-Westfalen zur Tradition gehört, dass die Sozialpartner mit am Tisch sitzen. Wie können wir Arbeitslose unterstützen? Wie sorgen wir dafür, dass junge Menschen unmittelbar nach ihrem Schulabschluss einen Ausbildungsplatz bekommen? Wie können wir geflüchteten Menschen einen Weg in den Arbeitsmarkt ebnen? Für diese Fragen sind die Sozialpartner in Nordrhein-Westfalen ganz wichtig. Mit ihnen ringen wir, um gemeinsam verbindliche Vereinbarungen zu treffen. So etwas kann Zeit kosten. Manchmal denke ich schon, das müsste jetzt ein bisschen schneller gehen. Denn Schnelligkeit ist ebenfalls ein Qualitätsmerkmal einer guten Kooperation.

Ein anderes Beispiel ist die sozial-ökologische Marktwirtschaft. Wir sind der Überzeugung: Klimaschutz und Industriearbeitsplätze schließen sich nicht aus. Beides muss zusammengeführt werden. Nordrhein-Westfalen ist ein Industriestandort. Wir brauchen die Arbeitsplätze in der Industrie für die Menschen. Gleichzeitig müssen wir es schaffen, klimaneutraler zu arbeiten, um Nord­rhein-Westfalen zukunftsfähig zu gestalten.

G.I.B.: Versuchen Sie, die Öffentlichkeit an Kooperationen teilhaben zu lassen?

Stefan Kulozik: Selbstverständlich. Kooperation darf nicht im Hinterzimmer stattfinden. Idealerweise werden die Betroffenen selbst mit eingebunden. Das ist eine wichtige Vorgehensweise, um auch gar nicht erst den Vorwurf einer „Mauschelei“ aufkommen zu lassen.

G.I.B.: Wie könnte die Zukunft der nordrhein-westfälischen Arbeitspolitik aussehen? Wird kooperatives Vorgehen zum Normalfall?

Stefan Kulozik: So lange es Arbeitsmarktpolitik gibt, wird es auch entsprechende Kooperationen geben. Ein Blick in die Historie zeigt, dass Kooperationen seit jeher ein charakterisierendes Merkmal für die Arbeitsmarktpolitik sind. Kooperationen müssen wirken, sich weiterentwickeln und in Krisenzeiten bestehen bleiben. Und wir sehen gerade, dass genau das in Nordrhein-Westfalen funktioniert.

Das Interview führten

Josef Muth
Tel.: 02041 767156
j.muth@gib.nrw.de

Ulrich Schipp
Tel.: 02041 767258
u.schipp@gib.nrw.de

Kontakt

Stefan Kulozik, Leiter Abteilung Arbeit und Qualifizierung
Ministerium für Arbeit, Gesundheit und
Soziales des Landes NRW
Fürstenwall 25
40219 Düsseldorf

 

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