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(Heft 2/2021)
Ein Erfolgsprojekt aus Bocholt

Kompetenzzentrum zur Fachkräftesicherung

Im Industriepark Bocholt schlug man im März 2018 mit der Gründung des Forums für Gesundheits- und Beschäftigungsförderung „IpaBoH“ einen neuen und innovativen Weg ein, um kleine und mittlere Unternehmen dabei zu unterstützen, die Beschäftigungsfähigkeit ihrer Mitarbeitenden nachhaltig zu erhöhen und somit gleichzeitig die eigene Wettbewerbsfähigkeit für die Zukunft zu sichern.

Was bei großen Konzernen mittlerweile schon fast zum Standard gehört, ist bei den meisten kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) noch nicht allzu weit verbreitet – feste betriebliche Strukturen für faire und gesundheitserhaltende Arbeitsbedingungen der Beschäftigten. Aber nicht aus Unwillen. „Es fehlen ihnen schlicht die notwendigen Ressourcen, um diese Bedarfe adäquat bedienen zu können“, weiß die Projektleiterin des IpaBoH, Sigrid ter Beek. Denn in der Regel seien Personaler von KMU so stark in das Tagesgeschäft eingebunden, dass sie diese Themen ohne externe Unterstützung nicht vorantreiben könnten. „Genau diese Hilfe möchten wir KMU als zentrale Anlaufstelle anbieten und ihnen in Kooperation mit unseren Partnern ein breites Beratungsangebot zur Verfügung stellen, mit dem sie schnell und unkompliziert faire und gesunde Arbeitsbedingungen für ihre Beschäftigten schaffen können“, fasst Sigrid ter Beek den Ansatz von IpaBoH zusammen.

Ideale Voraussetzungen im Industriepark Bocholt
 

Angesichts der strukturellen Bedingungen des Industrieparks Bocholt hätte kein passenderer Ansatz als der vom IpaBoH gefunden werden können. Mit einer Fläche von 300 Hektar ist der Park das größte zusammenhängende Industrie- und Gewerbegebiet in Nordrhein-Westfalen. 300 Betriebe beschäftigen dort insgesamt 7.200 Beschäftigte. Vom fünfköpfigen Handwerksbetrieb über Start-ups, Architektenbüros und Backwarenhersteller bis hin zur Chemiefirma mit 150 Mitarbeitenden – sie alle stehen vor der gleichen Herausforderung – dem Fachkräftemangel.

Ein Thema, das auch die Regionalagentur Münsterland seit Langem beschäftigt. Als Schnittstelle zwischen Land und Region wirkt sie bei der Umsetzung von Förderprogrammen des Ministeriums für Arbeit, Gesundheit und Soziales des Landes Nord­rhein-Westfalen mit und entwickelt darüber hinaus geeignete Projektideen zur Unterstützung von Unternehmen und Beschäftigten mit den Projektträgern bis zur Antragsreife. Früh erkannte die Regionalagentur daher das Potenzial hinterm Ipa­BoH. „Die Idee in einem Gewerbegebiet ein Beratungszentrum zu gründen, das verschiedenste Angebote von unterschiedlichen Akteuren bündelt, um aus nächster Nähe den KMU in den für sie relevanten Fragestellungen Unterstützung anzubieten, hat uns und auch das Landesarbeitsministerium von Anfang an überzeugt“, sagt die Leiterin der Regionalagentur Münsterland, Julia Roesler. Für die Umsetzung vom IpaBoH war dies ein entscheidender Faktor. Denn bevor ein solches Projekt an den Start gehen kann, braucht es neben der Beteiligung der Unternehmen vor Ort vor allem die Zustimmung aller relevanten Akteure aus der gesamten Region, um eine Förderung vom Land zu erhalten. „Solche Projekte sollen den lokalen Akteuren helfen und darüber hinaus einen Mehrwert für die ganze Region darstellen. Durch die Übertragbarkeit kann letztendlich auch das Land davon profitieren“, erklärt Julia Roesler. Deshalb holte die Regionalagentur Münsterland für die Gestaltung vom IpaBoH unter anderem die Agentur für Arbeit, die Wirtschaftsförderung der Stadt Bocholt und das bgm Forum als Kooperationspartner mit ins Boot. Ein Novum bei der Entstehung vom IpaBoH war zudem, dass sich Betriebe und Beschäftigte mit eigenen Anregungen in die Entwicklung des Projektes einbringen konnten – in Form einer anonymisierten Befragung im Vorfeld. Diese lieferte ein klares Bild über die Bedürfnisse der Beteiligten und schuf gleichzeitig von der ersten Stunde an eine breite Akzeptanz unter den Betrieben im Industriepark Bocholt.

IpaBoH als Drehscheibe: Bedarfe erkennen, passgenaue Angebote vermitteln
 

Mit den drei Trägern, der Entwicklungs- und Betriebsgesellschaft der Stadt Bocholt mbH (EWIBO), dem BGM-Forum+ und der Wirtschaftsförderung Bocholt vereint das IpaBoH eine geballte Kompetenz in den Bereichen berufliche Weiterbildung und Orientierung, Betriebsmedizin und Gesundheitsförderung sowie der klassischen Beratungsleistung für Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber sowie Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer unter einem Dach. In der Praxis funktioniert das so: Ein Betrieb wendet sich mit einem konkreten Anliegen an das IpaBoH, das dann über die entsprechenden Kooperationspartner ein geeignetes Angebot bereitstellt. Die Anfragen sind ganz unterschiedlich: „Ob ein Zaunhersteller seinen Monteuren präventive Maßnahmen gegen Rückenbeschwerden anbieten möchte oder ein Personaler für die Mutter eines Angestellten einen zügigen MRT-Termin benötigt – wir wollen helfen, wann und wo immer der Schuh drückt“, sagt Sigrid ter Beek. Denn auch persönliche Probleme können sich negativ auf die Arbeitsqualität eines Beschäftigten auswirken. Über die PSA GmbH bietet das Kompetenzzentrum Unternehmen im Rahmen der Gefährdungsbeurteilung psychischer Belas­tung an, Personalverantwortlichen im Betrieb Wege aufzuzeigen, wie sie ihre Mitarbeitenden entlasten und unterstützen können. Gerät ein Beschäftigter beispielsweise in finanzielle Not, vermittelt das IpaBoH eine Schuldnerberatung. „Oft erhalten wir durch solche Anfragen erst einen Einblick in die Betriebe, erkennen tiefergehenden Beratungsbedarf und können dann zum Beispiel eine Beratung für betriebliche Sozialarbeit vermitteln“, so Sigrid ter Beek. Häufig kommen auch bereits bestehende Förderangebote infrage.

Möchte ein Unternehmen etwa in der Corona-Pandemie seine Beschäftigten im Umgang mit Tools der digitalen Zusammenarbeit wie „WEBEX“ oder „Teams“ schulen, können sie über EWIBO einen Bildungsscheck oder eine Beratung zur beruflichen Entwicklung (BBE) beantragen. Mit der Potentialberatung NRW unterstützt die Landesregierung wiederum Unternehmen, damit sie und ihre Beschäftigten den Wandel besser bewältigen können. Denn die hohe Veränderungsdynamik verlangt von Betrieben und ihren Beschäftigten ein hohes Maß an Flexibilität und Entwicklungsbereitschaft. Auch hier kann das IpaBoH unterstützen. Sigrid ter Beek: „Immer, wenn bei der Implementierung eines Angebots Förderfähigkeit besteht, greifen wir auf bewährte Förderprogramme zurück.“

Auszeichnung für gute Arbeit
 

Wie wertvoll die Beratung des IpaBoH ist, belegt die Auszeichnung der Initiative „#einfach machen“. Die Regionalagentur Münsterland, die Wirtschaftsförderungsgesellschaft für den Kreis Borken (WFG), die Wirtschaftsförderung Coesfeld (wfc) sowie die Agentur für Arbeit Coesfeld ehren in diesem Rahmen regelmäßig besonders gute Personalarbeit von Unternehmen auch in Krisenzeiten. Auch um anderen Betrieben Impulse für die Entwicklung eigener Konzepte zu geben. Für die Einführung der betrieblichen Sozialarbeit zur Unterstützung der Beschäftigten in der Corona-Pandemie wurden das IpaBoH als beratende Instanz und die Stadtwerke Bocholt GmbH als anbietendes Unternehmen von der Initiative ausgezeichnet.

Am 31. Mai 2020 lief das Projekt IpaBoH offiziell aus. Da die Nachfrage aber nach wie vor groß ist, bleibt das Beratungsangebot bestehen. Und sobald öffentliche Veranstaltungen wieder möglich sind, möchte die Regionalagentur Münsterland gemeinsam mit den Wirtschaftsförderern diese besondere Form der Beratung auch in anderen Gewerbegebieten im Münsterland darüber informieren. Für zufriedene, leistungsfähige Beschäftigte und wettbewerbsstarke Unternehmen in der Region – und Nordrhein-Westfalen.

Ansprechperson in der G.I.B.

Andreas Bendig
Tel.: 02041 767206
a.bendig@gib.nrw.de

Kontakte

IpaBoH Forum für Beratung und
Beschäftigungsförderung
Sigrid ter Beek
Tel.: 02871 21765272
sterbeek@ipaboh.de

Regionalagentur Münsterland
Julia Roesler
Tel.: 02571 949309
roesler@muensterland.com

Autor

Nils Strodtkötter
nils.strodtkoetter@web.de
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