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(Heft 2/2021)
Mit einer App will das Technikzentrum Minden-Lübbecke die Fähigkeiten junger Menschen ganzheitlich erfassen und neue Impulse für die Berufsorientierung geben

Kompetenzen auf einer „digitalen Talentkarte“ speichern

Jugendliche haben vielfältige Interessen und Fähigkeiten. Viele davon können Aufschluss darüber geben, für welche Berufe die jungen Menschen sich besonders eignen. Um die Kompetenzen von Schülerinnen und Schülern zu bestimmen und zu sammeln, hat das Technikzentrum Minden-Lübbecke eine „digitale Talentkarte“ entwickelt. Das App-basierte System bietet dabei einen ganzheitlichen Ansatz und erlaubt im Prozess der Berufsorientierung einen kontinuierlichen und schnellen Blick auf die individuellen Fähigkeiten. Auch für ältere Zielgruppen kann das Instrument von Nutzen sein.

Alina hält eine Säge und ein Stück Holz in den Händen. Wie der Rest ihrer 7. Klasse darf sie während eines spielerischen Trainings zur Berufsvorbereitung daraus einen Holzwürfel formen. Das Interesse der Dreizehnjährigen ist entflammt, sie probiert sich an den Materialien aus. Der Test bereitet ihr Freude, sie beweist Talent und mit etwas Kombinationsgeist und handwerklichem Geschick entsteht das gewünschte Objekt. Zur Belohnung gibt es nicht allein den Holzwürfel, sondern auch einen kleinen Nachweis, der die gerade gelungene Übung dokumentiert. Der könnte ihr einmal nützlich sein, vielleicht im Fachunterricht, womöglich in einem Lebenslauf oder falls sie in einem Bewerbungsgespräch darüber Auskunft geben soll, worin sie sich neben ihrer schulischen Laufbahn noch freiwillig erprobt hat. Für solche Nachweise erschafft das Technikzentrum Minden-Lübbecke e. V. gerade eine „digitale Talentkarte“. Sie soll Schülerinnen und Schüler in die Lage versetzen, ihre Kenntnisse und Kompetenzen möglichst einfach und dauerhaft festzuhalten. Das App-basierte Erfassungssystem ist bereits entwickelt und in der Erprobung.

Ressel-Portrait-4.jpgDie Idee einer „digitalen Talentkarte“ kommt nicht von ungefähr, das Engagement des Technikzentrums im Bereich der Beruflichen Orientierung von Jugendlichen erstreckt sich über bald drei Jahrzehnte und das ganze Bundesgebiet. Seitdem 60 Frauen den gemeinnützigen Verein 1994 in der Gemeinde Hille gründeten, haben über eine Million junge Menschen in inzwischen zwölf Bundesländern an den Übungen und Aufgaben des Technikzentrums teilgenommen. Schulen, Unternehmen, Verbände, Innungen, Industrie, Handel und Handwerk setzen auf die praxisorientierten Angebote des Technikzentrums, das neben der Berufsorientierung von Schülerinnen und Schülern auch Erwachsene qualifiziert oder dabei hilft, Arbeitsplätze für Menschen mit Behinderungen zu schaffen. Die Kompetenzen erfasste das Technikzentrum dabei bis zuletzt schriftlich, also analog. Karin Ressel, von Beginn an Geschäftsführerin des Technikzentrums, drückte bei der Entwicklung der „digitalen Talentkarte“ nach Einsetzen der Corona-Pandemie 2020 aufs Tempo. „Die digitale Talentkarte hilft uns, die Beobachtungen von Schülerinnen und Schülern und damit ihre Kompetenzen zu systematisieren. Das ist besonders wichtig vor dem Hintergrund, dass die externen Fachleute im Falle von Kontaktbeschränkungen nicht mehr bei den Trainings dabei sein können und die Lehrkräfte somit auf sich allein gestellt sind“, so Karin Ressel.

Von der Idee bis zur Konzeption der „digitalen Talentkarte“ war es ein langer Weg. Das Technikzentrum arbeitete sich zunächst durch 61 recherchierte Systeme der Kompetenzfeststellung mit über 700 Begriffen für verschiedene Bereiche wie Methodenkompetenz, persönliche Kompetenz, fachliche oder berufliche Kompetenz und Selbstkompetenz. „Wir wollten nicht das 62. System schaffen, sondern eins, das den Querschnitt der Erfassungssysteme widerspiegelt“, sagt Karin Ressel. Die Herausforderung besteht darin, ein Instrument zu entwickeln, das eine möglichst ideale Schnittmenge von individuellen Fähigkeiten und möglichen Berufen ermittelt. Karin Ressels Team ließ sich dabei von der These leiten: Je spezifischer die „digitale Talentkarte“ die Kompetenzen abbildet, desto zielgerichteter und passgenauer kann ein Abgleich mit den Anforderungen der Berufswelt erfolgen. Vom genauen Blick auf Kompetenzen verspricht das Technikzentrum sich eine Kontinuität, die im Bereich des beruflichen Entwicklungsprozesses eine nachhaltige Rolle einnehmen könne, gerade auch vor dem Hintergrund einer sich ständig wandelnden Arbeitswelt, neuer Herausforderungen, geänderter Rahmenbedingungen und fortwährend neuer Berufsmöglichkeiten.

Die Trainingsangebote des Technikzentrums ergänzen in Nordrhein-Westfalen jene Maßnahmen wie Potentialanalyse, Berufsfelderkundung und Praktikum, die die Initiative „Kein Abschluss ohne Anschluss. Übergang Schule – Beruf in NRW“ (KAoA) der Landesregierung für die Schülerinnen und Schüler ab Klasse 8 standardmäßig vorsieht. Das Technikzentrum setzt an diesen bewährten Elementen der Beruflichen Orientierung an, aber früher ein. Bereits in der Jahrgangsstufe 7 haben Schülerinnen und Schüler die Möglichkeit zu experimentieren, sich praktisch und spielerisch auszuprobieren: bei ersten Trainings und Aufgaben wie Elektrokabel montieren, Metallringe anfertigen, Modellhäuser bauen, Dachpfannen werfen oder – siehe oben – Holzwürfel sägen. Dieses praktische Herantasten an die Berufswelt ermöglicht es den Jugendlichen, ihren Horizont auf dem Weg zu einer fundierten Berufswahlentscheidung zu weiten.

Von Klasse 9 bis Klasse 13 kommen dann die Berufsparcours zum Einsatz. Das Technikzentrum baut dafür in einer Halle Stationen mit Tischen und Stühlen auf, an denen jeweils acht Jugendliche praktische Aufgaben erledigen. „Mit den Berufsparcours schließen wir den in Klasse 7 begonnenen Trainingskreis“, sagt Karin Ressel. Das interessierte Publikum während der Berufsparcours bilden die Unternehmen der jeweiligen Region, meist entsenden sie die Ausbildenden des Betriebs. Sofern diese eine entsprechende Begabung bei den Schülerinnen und Schülern erkennen, sprechen sie zum Beispiel eine Einladung zu einem Praktikum aus.

Mit der „digitalen Talentkarte“ hat das Technikzentrum ein weiteres Element auf den Weg gebracht, um den Berufsorientierungsprozess zu stärken. An diesem ist eine Reihe von Akteuren beteiligt, die die Schülerinnen und Schüler auf ihrem Weg von der Schule in den Beruf begleiten und unterstützen. Durch ein Portfolio-Instrument, wie etwa den Berufswahlpass NRW, verfügen die Jugendlichen bereits heute über die Möglichkeit, ihre Aktivitäten, Lern- und Entwicklungsprozesse festzuhalten. Die so gesammelten Informationen stehen auch für den Austausch mit schulischen und außerschulischen Akteuren zur Verfügung und dienen der individuellen Begleitung und Förderung. Die digitale Talentkarte korrespondiert damit und bietet allen Beteiligten darüber hinaus ein neues Element: die anonyme und datenschutzkonforme Möglichkeit zur Kontaktaufnahme. In diesem Zusammenhang verweist Karin Ressel auf verschiedene Hemmnisse etwa beim gebietsübergreifenden Matching von geeigneten Ausbildungswilligen und suchenden Betrieben, die durch die „digitale Talentkarte“ gemindert werden könnten. So könne es zum Beispiel eine Tischlerei in Dortmund bereits schwer haben, von einem möglichen Kandidaten im benachbarten Bochum zu erfahren. Die „digitale Talentkarte“ eröffnet Jugendlichen die Möglichkeit, ihre Talente anonym in der App sozusagen ins Schaufenster zu stellen, sodass die ins System eingebundenen Unternehmen – auch ortsübergreifend – darauf aufmerksam werden. Die App erlaubt suchenden Firmen nun maximal, dass sie eine Mitteilung über offene Praktikums- oder Ausbildungsplätze im Kreise der infrage kommenden, aber nicht weiter identifizierbaren Talente platzieren. Auch die Agenturen für Arbeit können diverse Angebote – von offenen Stellen bis zu Beratungsangeboten – in der App wie auf einer Pinnwand anheften. Ob die betreffenden Jugendlichen sich auf das eine oder das andere melden, bleibt ihnen überlassen.

Die „digitale Talentkarte“ ist in der laufenden Pilotphase zunächst für Schülerinnen und Schüler in den bewährten Trainingsangeboten des Technikzentrums gedacht. In der Erprobung kommen bis Ende des Jahres etwa 20.000 Jugendliche mit der App in Kontakt. Von diesen Erfahrungswerten sollen in weiteren Entwicklungsschritten auch Erwachsene im Bereich der Arbeitsförderung profitieren können. Für die endgültige Entscheidung, wie die Kompetenzen in der App am besten zu bündeln und aufzubereiten sind, sucht das Technikzentrum während der Erprobung noch die Unterstützung einer interessierten und fachkundigen Partnerorganisation. Grundsätzlich erlaubt die Flexibilität des Systems Unternehmen oder Bildungsträgern, aus dem Pool der Kompetenzbegriffe die für die jeweilige Übung relevanten selbst festzulegen. „Nach unserer Idee kann jeder Träger, der das digitale System einsetzt, seine eigenen Aspekte ergänzen“, sagt Karin Ressel.

„Warum soll die digitale Talentkarte nicht auch außerberufliche Fähigkeiten beinhalten“, fragt die Geschäftsführerin des Technikzentrums rhetorisch. So könnte die eingangs erwähnte Alina diverse Interessen einpflegen, etwa sportliche oder musische Fähigkeiten. Im Idealfall gibt es künftig immer mehr Einrichtungen auch außerhalb der klassischen Berufsfelderkundung, die App-kompatible Mitmachstationen anbieten und den Teilnehmenden die entsprechenden Fertigkeiten über einen QR-Code bestätigen. So könnten Alinas private Besuche im Technik-Museum Freudenberg, im Dortmunder Fußballmuseum oder im Internationalen Zentrum für Lichtkunst in Unna, bei denen sie Aufgaben verschiedenen Zuschnitts bewältigt, sich mehrfach lohnen. Zum Beispiel dann, wenn ein metallverarbeitendes Unternehmen, das als Sparte auch künstlerische Objekte herstellt, nach einer Auszubildenden mit genau ihren Interessen, Kompetenzen und Leidenschaften sucht. Auch ehrenamtliche Aktivitäten wie bei der Freiwilligen Feuerwehr oder beim Deutschen Roten Kreuz könnten die Organisationen bestätigen und Alina könnte sie als persönliche Eigenschaft eintragen. Damit wäre Karin Ressels Idee vom ganzheitlichen Abbilden der Kompetenzen erfüllt – und die Nutzerinnen und Nutzer der „digitalen Talentkarte“ könnten künftig in ihrer spezifischen Lebenslage sowohl berufliche Talente als auch Soft Skills mithilfe der App für sich sprechen lassen.

Ansprechperson in der G.I.B.

Anne Sabine Meise
Tel.: 02041 767172
a.meise@gib.nrw.de

Kontakt

Technikzentrum Minden-Lübbecke e. V.
Karin Ressel, Geschäftsführerin
Tel.: 05703 520512
ressel@tzml.de

Autor

Volker Stephan
Tel.: 0173 3679157
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