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(Heft 2/2021)
Das Netzwerk im Ausbildungskonsens Hellweg-Sauerland setzt im virtuellen Raum Impulse für die Berufsorientierung und die Ausbildungsplatzsuche

Der digitale Weg zur Ausbildung

Der regionale Ausbildungskonsens Hellweg-Sauerland reagiert auf die Folgen der Pandemie und kombiniert zwei Beratungsangebote für die zukünftigen Auszubildenden. Die „Woche der Ausbildung“ und „Karriere-hier live“ bieten erstmals im virtuellen Raum gemeinsam Formate wie Podcasts, Videos, Elterncafé und Gesprächsrunden von Auszubildenden mit Schülerinnen und Schülern.

Wenn der Vater mit dem Sohne ... gemeinsam launig in ein Mikrofon spricht, handelt es sich nicht zwangsläufig um ein Karaoke-Spiel im Familienkreis. Es kann auch zum Ziel haben, anderen jungen Leuten Lust auf den Beginn einer Ausbildung zu machen. So plaudern der Auszubildende Niklas und sein Vater Mario offen und authentisch über die Prozesse in der Familie, bis beim Nachwuchs die ersten beruflichen Pläne reiften und die Wahl schließlich auf den Ausbildungsberuf des Industriekaufmanns fiel. Das moderierte Gespräch ist von der Kampagne „Karriere-hier“ des regionalen Ausbildungskonsenses Hellweg-Sauerland als Podcast aufgezeichnet und online gestellt worden und seither all jenen dauerhaft von Nutzen, die eine Inspiration für die künftige Ausbildung suchen.

Podcasts in der Beruflichen Orientierung sind ein neues Element in den Angeboten des regionalen Ausbildungskonsenses Hellweg-Sauerland. Sie erlebten ihre Feuertaufe in der „Woche der Ausbildung“, die von der Agentur für Arbeit bundesweit und jährlich veranstaltet wird. Die Neuerung, Fachleute aus verschiedenen Berufen, Auszubildende, Schülerinnen und Schüler sowie Eltern ins Gespräch zu bringen und die Mitschnitte im Internet verfügbar zu machen, ist eine konzertierte Reaktion auf verschiedene, durch die Corona-Pandemie ausgelöste Entwicklungen. Denn vor gut einem Jahr fiel zum Beispiel die üblicherweise auf Präsenzveranstaltungen setzende „Woche der Ausbildung“ den kurzfristig verhängten Kontaktbeschränkungen zum Opfer. Darauf – wie auch auf selten bis gar nicht stattfindende Praktika und Ausbildungsmessen – galt es für 2021 und die für Mitte März terminierte Aktionswoche Antworten zu finden.

„Für gewöhnlich gibt die Zentrale in Nürnberg Themenschwerpunkte für die ,Woche der Ausbildung’ vor“, sagt Andreas Canisius von der Agentur für Arbeit Meschede-Soest, „in diesem Jahr sollten wir viele Angebote gemeinsam mit unseren Netzwerkpartnern realisieren – und dabei die digitalen Möglichkeiten ausschöpfen.“ Und so verabredeten die Mitglieder des regionalen Ausbildungskonsenses Hellweg-Sauerland neue Formate und neue Formen der Zusammenarbeit. Denn die „Woche der Ausbildung“ und die Kampagne „Karriere-hier“ sind in der Region zwar zwei unterschiedliche Maßnahmen zu unterschiedlichen Zeitpunkten, aber auch zwei Seiten einer Medaille – die eine dient der konkreten Ausbildungsplatzvermittlung und die andere der vorgelagerten Berufsorientierung. Der Wille zur Kooperation führte zu einem abgestimmten Angebot in der „Woche der Ausbildung“ unter dem Titel „Chancen 2021“. Wie Andreas Canisius sehen die anderen Beteiligten des Ausbildungskonsenses es auch im Nachhinein als sinnvoll an, die Veranstaltungen im vergangenen März zusammengefasst und die Kräfte gebündelt zu haben. „Dadurch ergänzten sich die eher langfristig angelegte Berufsorientierung und die Notwendigkeit, zur Besetzung freier Stellen kurzfristig Kontakte zwischen Jugendlichen und Betrieben herzustellen“, sagt Sebastian Rocholl, Ausbildungsberater bei der IHK Arnsberg, Hellweg-Sauerland, und Koordinator des Netzwerks „Karriere-hier“.

KoKos reagieren auf Wunsch der StuBOs nach Podcasts mit der „Orientier-bar“
 

Auch die Kommunalen Koordinierungsstellen (KoKo), die im Rahmen der Landesinitiative „Kein Abschluss ohne Anschluss. Übergang Schule – Beruf in NRW“ (KAoA) stark vernetzend arbeiten, sahen Handlungsbedarf. Denn die 2017 in Arnsberg gestartete und 2019 erstmals auf den gesamten Bereich Hellweg-Sauerland ausgeweitete Veranstaltungsreihe „Karriere-hier live“ konnte 2020 wegen der Pandemie ebenfalls nicht stattfinden. Der Zusatz „live“ bedeutet in normalen Jahren, dass Schülerinnen und Schüler regionale Betriebe besuchen dürfen und vor Ort einen mehrstündigen Einblick in Ausbildungsberufe bekommen können. Gespräche und kleine praktische Übungen gehören dabei zum Programm. „Wir als KoKo standen vor der Aufgabe, unter Corona-Bedingungen nach Alternativen für die Berufsorientierung zu suchen und sie nicht an den Bedarfen der Schulen vorbei zu entwickeln“, sagt Andrea Bergmann von der KoKo im Kreis Soest. Ihre Kollegin aus dem Hochsauerlandkreis, Ulla Schneider, betont, dass digitale Formate dabei kein Selbstzweck waren. „Um sinnvolle Angebote zu machen, haben wir die StuBOs an den Schulen zuvor um ihre Einschätzung und Wünsche gebeten.“ StuBOs sind jene Lehrkräfte an den Schulen, die als Koordinatorinnen und Koordinatoren für Berufs- und Studienorientierung fungieren und im ständigen Gespräch mit den KoKos stehen. Im Februar 2021 entschieden die Handelnden im regionalen Ausbildungskonsens dann, verschiedene Elemente von „Karriere-hier live“ für den Dialog und Austausch in digitalen Varianten an die „Woche der Ausbildung“ anzudocken.

Aus der gemeinsamen Überlegung mit den StuBOs, anstelle von gedruckten Broschüren auf digitale Informationsformate zu setzen, entstanden so zum Beispiel die Podcasts unter dem Markennamen „Orientier-bar“. In bislang fünf aufgezeichneten Folgen präsentieren Ausbildende und Auszubildende zum einen den Beruf des Produktionstechnologen. In einer anderen Aufnahme wird der „Spurwechsel“ thematisiert: Zwei ehemalige Studierende beschreiben im Gespräch anschaulich, warum sie nach einigen Hochschulsemestern die Reißleine zogen und in einer Ausbildung ihre Bestimmung fanden. Die eingangs beschriebene Folge mit Vater und Sohn, die über Aufs und Abs bis zum ers­ten Ausbildungsvertrag sprechen, bringt eine weitere Podcast-Zielgruppe ins Spiel. „Für uns war es wichtig, auch die Eltern mit den Podcasts anzusprechen“, sagt Andrea Bergmann. „Sie können ihre Kinder dadurch zusätzlich motivieren, selbst in die informativen Gespräche reinzuhören.“ Eltern kommt naturgemäß eine wichtige Rolle beim Übergang ihrer Kinder von der Schule in den Beruf zu, sei es durch die nötige Ansprache oder ihre eigene Erfahrung aus der Berufswelt. „Die Vorteile von Podcasts sind in diesem Zusammenhang vielfältig“, sagt Sebastian Rocholl, „sie sind ständig abrufbar, wirken natürlich und können eine hohe Bindung bei den Zuhörenden erreichen.“ Die inzwischen mehr als 300 Zugriffe auf die Pod­cast-Folgen sprechen aus Sicht der Beteiligten dafür, dass der erhoffte leichte Zugang zu den Inhalten erreicht wurde.

Eltern treffen sich zum Austausch mit Fachleuten im digitalen Café
 

In der „Woche der Ausbildung“ bot das Netzwerk ferner Live-Veranstaltungen zum Zuschauen an, die über Online-Plattformen die Teilnahme und auch das Mitdiskutieren erlaubten. Im ersten „Digitalen Elterncafé“ etwa sprachen Menschen aus der Berufsberatung, Auszubildende und Ausbildende über eine Stunde lang vor und mit Eltern, die vorab Fragen eingereicht hatten oder dies mit der Meeting-Funktion des virtuellen Handhebens während der Veranstaltung tun konnten. Aus der Berufsberatung der Agentur für Arbeit war Karola-Leni Kahle eingebunden. „Von ihr kam die schöne Botschaft“, so Andreas Canisius, „dass niemand Angst haben müsse, sich für einen falschen Beruf zu entscheiden.“ Denn die Tür der Experten, die Rat geben können, sei immer offen. Auf Pandemie-Bedingungen übertragen bedeutet dies, dass die Berufsberatung ihre Unterstützung aktuell vermehrt auch telefonisch oder über digitale Wege anbietet. So ist das aufgezeichnete Elterncafé weiter über die Webadresse www.karriere-hier.de/aktion „geöffnet“ und zählt seit der Erstausstrahlung inzwischen mehr als 600 Gäste. Den Erfolg der digitalen Angebote wollen die Beteiligten allerdings nicht zuvorderst an Klicks oder Einschaltzahlen messen. Für Andreas Canisius war es „erst einmal wichtig, Ausbildungswillige auf dem digitalen Wege überhaupt zu erreichen, um sie jetzt oder im nächsten Jahr für eine duale Ausbildung zu gewinnen.“

Für den direkten Austausch unter (nahezu) Gleichaltrigen übertrug die „Woche der Ausbildung“ das Angebot der Ausbildungsbotschafter ins Digitale. Als Koordinatorin des Projekts Ausbildungsbotschafter bei der Handwerkskammer Südwestfalen organisierte Bianca Wei­ckardt das Programm in der März-Woche. Als Botschafterin und Botschafter ihres Berufs fungieren Auszubildende laut Vereinbarung während der gesam­ten Lehrzeit, 135 sind es aktuell im Kammerbezirk. Bianca Weickardt aktivierte an einem Tag der „Woche der Ausbildung“ insgesamt sechs junge Frauen und Männer, nacheinander über ihre aktuelle Ausbildung und den gewählten Beruf zu berichten. „Das Wichtigste ist, den Schülerinnen und Schülern in der Berufsorientierung ab Klasse 8 die Bandbreite des Handwerks näher zu bringen“, sagt Bianca Weickardt. Zu häufig belegten die jungen Menschen aus Unkenntnis die Berufe mit Adjektiven wie schmutzig oder körperlich anstrengend, unter Handwerk werde häufig in der Regel nur das Mauern und Tischlern verstanden. „Um gegen diese Klischees anzuarbeiten, nutze ich das Ausbildungsbotschafter-Programm dann gerne dafür, den Schülerinnen und Schülern zu zeigen, auf welch technisch hohem Niveau wir uns im Handwerk mittlerweile bewegen“, sagt Bianca Weickardt. „Oder ich präsentiere ihnen eine Orthopädie-Schuhmacherin, die viele nicht zu den Handwerksberufen zählen würden.“ Ähnlich überrascht und interessiert reagiert das junge Publikum regelmäßig auch bei Ausbildungsberufen wie der Mechatronikerin/dem Mechatroniker in der Kältetechnik.

Betriebe werben für Ausbildungsberufe und freie Lehrstellen
 

Von 130 Ausbildungsberufen im Handwerk sind immerhin 80 auch in der Region Hellweg-Sauerland vertreten. Mit den sechs präsentierten Berufen kann der Ausbildungsbotschafter-Tag zwangsläufig nur einen Einblick liefern. Zudem fiel der festgelegte Tag in der „Woche der Ausbildung“ zufällig auf den Tag, an dem die Schulen wieder in den Präsenzunterricht wechselten. Dadurch konnte das Angebot weniger Jugendliche erreichen. Dennoch seien mehr als 160 Teilnehmende an der ersten digitalen Ausgabe ein gutes Ergebnis, so Bianca Weickardt. „Unsere Bedenken, dass der Austausch zwischen den jungen Menschen digital nicht so gut funktionieren könnte, haben sich schnell zerstreut. Dazu hat beigetragen, dass wir die Termine als moderierte Gesprächsrunden und nicht als Vorträge aufgezogen haben“, sagt sie. Für die allgemeinbildenden Schulen im gesamten Hochsauerlandkreis bereitet Bianca Wei­ckardt bereits eine Neuauflage des Ausbildungsbotschafter-Tages vor: Am 25. Juni stellen weitere Auszubildende sich „live“ den Fragen der interessierten Schülerinnen und Schüler. Die Aufgabe der Auszubildenden geht dabei darüber hinaus, einen Einblick in die Berufe zu ermöglichen. Viele Betriebe nehmen am Ausbildungsbotschafter-Programm auch zielgerichtet teil, um konkret auf freie Ausbildungsstellen hinzuweisen. Bei einem Orthopädietechnik-Unternehmen aus Arnsberg etwa ist für das kommende Ausbildungsjahr noch ein Platz unbesetzt – Informationen wie diese lassen sich gut über die „Woche der Ausbildung“ in den relevanten Jahrgängen platzieren. Ergänzend zu den Ausbildungsbotschaftern hatte die Woche auch ein vorproduziertes Frage- und Antwort-Format zu bieten. In kurzen Videos beantworteten 40 Auszubildende im Vorfeld von Schülerinnen und Schülern eingereichte Fragen. Dadurch nutzten noch einmal 24 Betriebe der Region die Gelegenheit, ihre kaufmännischen beziehungsweise technischen und handwerklichen Berufe zu bewerben.

Dies berührt einen wichtigen Punkt im Bereich Hellweg-Sauerland. Die Netzwerkenden werden nicht müde, auf die regionale Besonderheit hinzuweisen, dass das Angebot an Ausbildungsstellen seit einiger Zeit kontinuierlich größer als die Nachfrage ist. Das verschärft in einigen Sparten den Fachkräftemangel zusätzlich. Um Berufe und Betriebe im Gedächtnis zu behalten, sind daher einige der digitalen Informationsangebote von Dauer, die meisten Aufzeichnungen nach wie vor online einsehbar. Hinzu kommt die Möglichkeit, mit Ausbildungsbetrieben auch über Online-Formulare weiter Kontakttermine vereinbaren zu können. Aktuell suchen über 60 Betriebe Interessierte für etwa 100 Ausbildungsplätze. „Es bestehen noch viele Chancen, Ausbildungswillige und Firmen zusammenzubringen, auch kurzfristig“, sagt Sebastian Rocholl. Auch hier weist die digitale „Woche der Ausbildung“ neue Wege. „Wir sehnen uns natürlich nach Normalität und persönlichen Treffen und Gesprächen“, sagt Sebastian Rocholl. „Aber das Gute der digitalen Vernetzung lohnt sich zu übernehmen.“ So sei es nicht immer die beste Idee, für einen Termin „aus dem tiefsten Sauerland nach Meschede aufzubrechen“, so Rocholl. Vielmehr sollten die Beteiligten an telefonischen oder Videoberatungen festhalten und dazu die Informationskanäle mit Videos oder Podcasts unbedingt weiterführen. Diese könnten dazu beitragen, das Angebot der Berufsberatung und -orientierung zu erweitern und dauerhaft besser zu gestalten. Entsprechende Rückmeldungen hat Bianca Weickardt bereits erhalten. „Unser Angebot der ,Woche der Ausbildung’ ist in den Netzwerken anderer Regionen sehr gut angekommen.“ Für die beteiligten Kommunalen Koordinierungsstellen bleibe laut Ulla Schneider nicht nur die Erkenntnis, in kurzer Zeit gemeinsam ein qualitativ hochwertiges Angebot realisiert zu haben: „Unsere Arbeit für die Schülerinnen und Schüler ist auch nachhaltig. Dass wir digitale Formate geschaffen haben, die weiter zur Verfügung stehen, ist insgesamt bereichernd für die Region.“

Kontakte

Kreis Soest
Kommunale Koordinierungsstelle KAoA
Andrea Bergmann, Leitung
Hoher Weg 1 – 3
59494 Soest
Tel.: 02921 302889
Andrea.Bergmann@Kreis-Soest.de

Hochsauerlandkreis
Kommunale Koordinierungsstelle KAoA
Ulla Schneider, Leitung
Eichholzstraße 9
59821 Arnsberg
Tel.: 02931 944126
ursula.schneider@hochsauerlandkreis.de

Handwerkskammer Südwestfalen
Projekt Ausbildungsbotschafter
Bianca Weickardt, Koordinatorin
Brückenplatz 1
59821 Arnsberg
Tel.: 02931 877328
bianca.weickardt@hwk-swf.de

IHK Arnsberg, Hellweg-Sauerland
Sebastian Rocholl, Ausbildungsberater
Königstraße 18 – 20
59821 Arnsberg
Tel.: 02931 878107
rocholl@arnsberg.ihk.de

Agentur für Arbeit Meschede-Soest
Andreas Canisius, Teamleiter Berufsberatung Hochsauerlandkreis
Brückenstraße 10
59872 Meschede
Tel.: 0291 204328
Andreas.Canisius@arbeitsagentur.de

Ansprechperson in der G.I.B.

Anne Sabine Meise
Tel.: 02041 767172
a.meise@gib.nrw.de

Autor

Volker Stephan
Tel.: 0173 3679157
post@volker-stephan.net
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