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(Heft 2/2021)
Auftaktveranstaltung zur neuen Förderphase „Zusammen im Quartier“ (ZiQ)

Armutsketten durchbrechen

Im Rahmen seiner fachlichen Begleitung des Förderprogramms „Zusammen im Quartier“ hatte das Team „Armutsbekämpfung und Sozialplanung“ der Gesellschaft für innovative Beschäftigungsförderung (G.I.B.) im März mit der Umsetzung beauftragte Projektverantwortliche zu einer ersten Auftaktveranstaltung eingeladen. Sie fand, pandemiebedingt, als Videokonferenz statt. Rund 120 Personen nahmen daran teil, darunter auch Vertreterinnen und Vertreter des MAGS NRW.

Hätte es bislang an einer überzeugenden Begründung für Sinn und Zweck des vor drei Jahren gestarteten Landesprogramms „Zusammen im Quartier – Kinder stärken – Zukunft sichern“ (ZiQ) gemangelt, so wäre sie jetzt vom „Sozialbericht 2020“ der Landesregierung geliefert worden – zusammengefasst in einem einzigen Satz: „22,6 Prozent aller Kinder und Jugendlichen in Nordrhein-Westfalen wachsen mit einem Armutsrisiko auf“, also jede vierte bis fünfte Person dieser Altersgruppe. Faktisch heißt das: Ein Programm wie ZiQ, das Kinder und Jugendliche stärken soll, ist unverzichtbar. Konsequent also die Entscheidung der Landesregierung, das Programm fortzusetzen.

Jetzt bot die ZiQ-Auftaktveranstaltung zum neuen Projektaufruf, durchgeführt als Videokonferenz mit weit mehr als hundert Beteiligten, Rückblick und Ausblick zugleich. Gabriele Schmidt, Leiterin des Referats „Grundsatzfragen Soziales, Sozialplanung und -berichterstattung, Armutsbekämpfung“ im MAGS, stellte zunächst klar, dass „eine vorausschauende Sozial- und Arbeitsmarktpolitik eine umfassende Datenbasis erfordert.“

Eine solche differenzierte Darstellung der sozialen Lage der Bevölkerung in Nord­rhein-Westfalen erfolgt über einen in jeder Legislaturperiode neu erstellten Sozialbericht sowie über jährliche Berichte mit aktualisierten Zahlen inklusive Analysen zu Spezialthemen wie zum Beispiel „Alleinerziehende“, „Kinder und Jugendliche“ oder „Verfügbarkeit von Einkommen und Vermögen“.

Gleich anschließend referierte und kommentierte die Referatsleiterin Zahlen aus dem aktuellen Sozialbericht mit seinem Schwerpunktthema „Wohnen“, „einem wichtigen sozialen Thema“, so Gabriele Schmidt, „weil immer mehr Menschen Probleme haben, ihre Miete und Stromkosten bezahlen zu können.“

In eigenen Kapiteln kommen Kommunen zu Wort, in diesem Fall Köln, Dortmund, Dinslaken und Viersen, sowie die Freie Wohlfahrtspflege. Sie alle illustrieren, „welche individuellen Schicksale hinter den abstrakten Zahlen stehen.“ Weil die Auswirkungen der Corona-Pandemie auf die soziale Lage nur rudimentär in den Bericht einfließen konnten, erstellt das MAGS Ende des Jahres genau dazu eine ergänzende Kurzanalyse.

Aufschlussreiche Daten
 

2018, ist im Sozialbericht zu lesen, lebten in Nordrhein-Westfalen rund drei Millionen Menschen unter 18 Jahren. Deren Armutsrisikoquote liegt – bei einem Anstieg von 0,7 Prozentpunkten gegenüber 2014 – mit 22,6 Prozent deutlich über jener der Gesamtbevölkerung mit 16,6 Prozent. Besonders hoch ist das Armutsrisiko bei Kindern gering qualifizierter Eltern sowie jenen, die bei einem alleinerziehenden Elternteil, in einer kinderreichen Familie oder in einer Familie mit Migrationshintergrund aufwachsen. Oft sind diese Merkmale miteinander verknüpft, wodurch sich das Armutsrisiko weiter erhöht.

Eine entscheidende Rolle spielt die Erwerbsbeteiligung. Ist der alleinerziehende Elternteil nicht erwerbstätig, liegt die Risikoquote bei 63,5 Prozent. Sind beide Elternteile erwerbslos steigt sie sogar auf 73,7 Prozent. Zum Vergleich: Leben Kinder in einer Familie, in der beide Elternteile auf Vollzeitniveau arbeiten, sinkt das Armutsrisiko auf fünf Prozent. Eklatant ist also die Relevanz des Themas Arbeitsmarkt im Kontext der Armutsbekämpfung.

Ähnlich differenziert wie bei der Armutsquote ist die Lage hinsichtlich der Mindestsicherungsquote, also mit Blick auf den Leistungsbezug nach Hartz IV, SGB II, SGB XII oder dem Asylbewerberleis­tungsgesetz. Das betraf Ende 2018 rund 570.000 Minderjährige in Nordrhein-Westfalen, von denen 90 Prozent in SGB II-Bedarfsgemeinschaften lebten. So wie bei der Armutsrisikoquote liegt auch bei der Mindestsicherungsquote der Anteil bei den unter 18-Jährigen mit 19 Prozent deutlich höher als in der Gesamtbevölkerung mit 11,3 Prozent.

Doch Durchschnittszahlen für das Land sagen wenig aus über die Lage in einzelnen Regionen und Durchschnittszahlen für Städte wenig über die Lage in einzelnen Quartieren, in denen sich Armut konzentriert.

Aussagekräftiger ist die Verteilung von Armut in den Regionen und Stadtquartieren. So sind im Ruhrgebiet exakt 40,5 Prozent, also etwa zwei Fünftel aller Minderjährigen von Mindestsicherungsleistungen abhängig und beispielsweise im Kreis Borken gerade mal 8,5 Prozent. Starke Differenzierungen gibt es aber auch in den einzelnen Regionen. So ist das Armutsrisiko nördlich des sogenannten Ruhrgebietsäquators (der A 40) deutlich höher als südlich davon.

„Wir haben deshalb schon lange Kinder und Jugendliche und deren Familien, die von Armut betroffen sind, in den Mittelpunkt unserer Förderpolitik gestellt“, resümierte Gabriele Schmidt. „Wir wollen junge Menschen möglichst schon im frühen Alter fördern, um Armutsketten zu durchbrechen. Dabei konzentrieren wir uns auf die benachteiligten Quartiere, in denen sie leben, und dabei gilt der Grundsatz ,Ungleiches ungleich behandeln‘. Konkret heißt das: Quartiere mit besonderen Problemen erhalten besondere Unterstützung. Deshalb will auch das Schulministerium schon bald mithilfe eines ,Schulsozialindex‘ genau aufzeigen, welche Schulen in welchen Quartieren welche Unterstützung brauchen, damit wir die begrenzten Fördermittel konzentriert einsetzen können.“

Handlungsansätze in Nordrhein-Westfalen
 

Gleich im Anschluss an den Lagebricht kam Gabriele Schmidt auf die Handlungsansätze zur Armutsbekämpfung in Nord­rhein-Westfalen zu sprechen, also auf die mittel- bis langfristig angelegten strukturellen Maßnahmen in den einzelnen Kommunen und Kreisen.

Am Anfang steht dabei die Datenerfassung und -analyse vor Ort: „Wo genau leben die von Armut betroffenen Menschen? Warum ist ein Quartier überhaupt ein benachteiligtes und an welchen Indikatoren macht sich das fest?“ Noch längst nicht in allen Kommunen und Kreisen liegt differenziertes Datenmaterial dazu vor. Das hatte schon vor Jahren eine durchgeführte und jüngst von der G.I.B. wiederholte Befragung ergeben.

Vor allem ländlich gelegene Kreise und kreisangehörige Kommunen verfügen eher selten über differenzierte Datensätze. Doch diese sind unverzichtbare Grundlage für eine gut begründete und integrierte Sozialplanung, bei der unterschiedliche Verwaltungseinheiten – vom Sozialamt über die Jugendhilfeplanung bis hin zum Gesundheitsamt – kontinuierlich interagieren. So lassen sich im Rahmen der ZiQ-Projektförderung „experimentelle Maßnahmen ergreifen, die gezielt, kurzfristig und unmittelbar greifen sollen. Zudem sollen sie für alle zugänglich, niedrigschwellig, aufsuchend sein und sie sollen vor Ort, in den besonders benachteiligten Stadtteilen und Quartieren, Kindern und Jugendlichen aus einkommensarmen Familien zugutekommen.“

Einbezogen in die Maßnahmen sind etwa im Rahmen von Sozialraumkonferenzen immer die Kommunen, Träger der freien Wohlfahrtspflege und sonstige Akteure in den Quartieren, darunter zum Beispiel Sporttrainer, Religionsgemeinschaften, Geschäftsleute, Erzieherinnen oder Sozialarbeiter, „denn sie verfügen über genaue Kenntnisse örtlicher Gegebenheiten, wissen besser als wir, wie man unsere Zielgruppen ansprechen muss und welche konkreten Angebote sie brauchen, denn solche komplexen Aufgaben kann niemand allein bewältigen.“

Fachliche Unterstützung für Kommunen und Kreise
 

Fachliche Unterstützung in Form einer kostenfreien Beratung finden Kommunen und Kreise beim Team „Armutsbekämpfung und Sozialplanung“ der Gesellschaft für innovative Beschäftigungsförderung (G.I.B.). Wie die Rollenverteilung, also das Zusammenspiel von MAGS und G.I.B.-Team im Kontext des ZiQ-Programms aussieht, erläuterte bei der Videokonferenz Wolfgang Kopal vom MAGS.

Demnach liegen die Umsetzung politischer und fachlich-inhaltlicher Zielsetzungen, der Einsatz von Landes- und ESF-Fördermitteln sowie die fachliche und organisatorische Programmplanung in der alleinigen Verantwortung des Ministeriums.

Auch die inhaltliche Bewertung eingehender Projektanträge erfolgt im MAGS, unterstützt vom achtköpfigen, aus ESF- und Landesmitteln finanzierten Team der G.I.B., das Kommunen in NRW bei der Implementation einer integrierten, strategischen Sozialplanung beratend unterstützt. Darüber hinaus begleiten die Team-Mitglieder Lisa Bartling und Lars Czommer die Umsetzung des ZiQ-Programms. Ganz bewusst habe sich das Ministerium „nicht für irgendeinen Dienstleister vom Markt, sondern für eine Landeseinrichtung entschieden, weil das dort tätige Team über langjährige Erfahrungen und die Kompetenz in diesem Handlungsfeld verfügt und der Datenschutz jederzeit gewährleistet ist“.

Das Team „Armutsbekämpfung und Sozialplanung“, führte Wolfgang Kopal weiter aus, übernimmt die fachliche Beratung des MAGS bei der Programmplanung, die Begleitung bei der Programmumsetzung, die fachliche Beratung insbesondere von Kommunen bei der Einrichtung und Umsetzung der Sozialplanung sowie die Vernetzung unterschiedlicher Akteure. Des Weiteren organisiert und moderiert das ZiQ-Team der G.I.B. Fachveranstaltungen wie etwa die regelmäßigen „ZiQ-Zirkeltreffen“. Ziel der regionalen Treffen ist es, Informationen zum Stand der regionalen Projekt-Umsetzung zu erhalten, in den gemeinsamen Austausch zu kommen und über Angebote der G.I.B. und des MAGS zu informieren. Das erste „ZiQ-Zirkeltreffen“ dieses Jahres findet im Juni 2021 als Online-Veranstaltung statt. Zudem ergänzen Fachpublikationen, die zusätzlich dem Informations- und Wissenstransfer dienen, das Dienstleistungsspektrum des Teams.

Blick in die neue Phase der Programmumsetzung
 

All das, ergänzte der Arbeits- und Sozialexperte, habe sich in der Umsetzungsphase 2018 bis 2020 bewährt, in der jährlich acht Millionen Euro aus Landes- und ESF-Mitteln zur Verfügung standen, um knapp 120 Projekte zu fördern und hier konkret die drei Bausteine „Bezugsperson im Quartier“, „Gesundes Aufwachsen“ und „Sozialplanung“.

Mittlerweile ist der Internetauftritt zum ZiQ-Programm – www.zusammen-im-quartier.nrw.de – in die MAGS-Homepage integriert. Jetzt steht der sukzessive Aufbau einer Datenbank inklusive Projektlandkarte auf Basis der Steckbriefe zu den einzelnen Projekten an. Sie bietet zukünftig einen Überblick, „was es schon gibt an Projekten und Projekt­ideen, von denen sich andere Träger inspirieren lassen können.“ Nähere Informationen sind darüber hinaus auf der G.I.B.-Internetseite zu finden (https://www.gib.nrw.de/themen/armutsbekaempfung-und-sozialplanung-1), darunter zum Beispiel Kurzvideos zu den Themen „Integrierte, strategische Sozialplanung“ oder „Sozialräume: Kleinräumigkeit nutzen und analysieren“.

Anschließend sprach Wolfgang Kopal noch besondere inhaltliche Aspekte der neuen Umsetzungsphase an und nahm dabei Bezug auf die besonderen Erfahrungen während der Corona-Pandemie. Hierzu hatte das G.I.B.-Team im vergangenen Jahr während des ersten Lockdowns einen Kurz-Fragebogen entwickelt, um die konkreten Auswirkungen der Pandemie auf die sozialräumliche Umsetzung der einzelnen Projekte zu erfassen, eine Befragung, die im Frühjahr dieses Jahres wiederholt werden soll, um mehr über die aktuelle Situation vor Ort in diesem Zusammenhang zu erfahren.

Schon die erste Lockdown-Befragung der G.I.B. hatte gezeigt: Viele Maßnahmen konnten von den Trägern nicht oder nicht vollständig umgesetzt werden. Kaum hatten sie angefangen, erste Kontakte zu den Zielgruppen und Vertrauen aufzubauen sowie konkrete Maßnahmen umzusetzen, kamen die Pandemie und der Lockdown dazwischen, musste kreativ umgesteuert werden, fanden Kontakte nur noch digital über WhatsApp, Zoom oder aufsuchend beispielsweise über Fenstergespräche statt: „Deshalb haben wir für die neue Umsetzungsphase den an sich sehr wichtigen Baustein Sozialplanung noch mal herausgenommen, weil wir davon ausgehen, dass in den beiden anderen Bausteinen ,Quartierskümmerer‘ und ,Gesundheitsangebote‘ pandemiebedingt vieles nicht wie ursprünglich geplant umgesetzt bzw. digital neu- oder umgestaltet werden musste. Deshalb und weil wir wissen, dass es sich beim Thema Armutsbekämpfung um einen besonders sensiblen und komplizierten Bereich handelt, wollten wir die Projekte wenigstens noch ein drittes Jahr unterstützen.“

Ansprechpersonen in der G.I.B.

Lisa Bartling
Tel.: 02041 767263
l.bartling@gib.nrw.de

Lars Czommer
Tel.: 02041 767254
l.czommer@gib.nrw.de

Ansprechpersonen im MAGS

Ministerium für Arbeit, Gesundheit und
Soziales des Landes Nordrhein-Westfalen
Alexandra Homberger
Wolfgang Kopal
Gabriele Schmidt
zusammen-im-quartier@mags.nrw.de

Autor

Paul Pantel
Tel.: 02324 239466
paul.pantel@vodafonemail.de
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