Sie sind hier: Startseite Heftarchiv 2021 Digitale Transformation: Herausforderungen für die Beratungs- und Weiterbildungsbranche Qualifizierung ist Fortschritt – neun Lehrgänge für den Kunststoff-Standort Nummer eins
(Heft 1/2021)
Kurzfristig verfügbar und kostengünstig: Kunststoff-Industrie profitiert von Fachkräfteprojekt, das mit Kooperationspartnern neuartige Fortbildungen mit Qualitätssiegel hervorbringt

Qualifizierung ist Fortschritt – neun Lehrgänge für den Kunststoff-Standort Nummer eins

Neun auf einen Streich: Mit finanzieller Unterstützung der Landesregierung Nordrhein-Westfalen und des Europäischen Sozialfonds entwickelt das Kunststoff-Institut Lüdenscheid eine Reihe von außergewöhnlichen Aus- und Weiterbildungsangeboten. Dabei entstehen auch eine EU-Gewährleis­tungsmarke und die Zusammenarbeit mit dem Kölner Zentrum für organische Elektronik. Die Branche will damit flexibel und schnell auf die Entwicklungen und den Fachkräftemangel reagieren.

Es würde vieles vereinfachen, wenn 3D-Drucker fehlende Fachkräfte aus einem Guss herstellen könnten. Ein solcher Wunderwerkstoff ist bislang allerdings bloß Gegenstand von Science-Fiction-Geschichten. Greifbarer sind Lösungen, die das Lüdenscheider Kunststoff-Institut für die mittelständische Wirtschaft NRW GmbH (KIMW) zur Linderung des Fachkräftemangels in der Kunststofftechnik entwickelt. Im angeschlossenen Bildungszentrum bietet das privatwirtschaftliche Dienstleistungsunternehmen Aus- und Weiterbildungen an, mit denen Arbeitskräfte auch binnen kürzerer Zeit zusätzliche Qualifikationen erlangen und so Schritt mit den Entwicklungen in der Branche halten können. Auch die Lehrgänge selbst unterliegen dabei einem gewissen Modernisierungsdruck. Um den Unternehmen gleich eine ganze Reihe maßgeschneiderter Fort- und Ausbildungsmodule bieten zu können, bewarb das KIMW sich erfolgreich um eine Projektförderung beim Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales (MAGS) des Landes Nord­rhein-Westfalen.

In 1.061 nordrhein-westfälischen Unternehmen der verschiedenen Kunststoffindus­trie-Zweige, die von der Primärkunststoffherstellung bis zum Maschinenproduzenten reichen, waren 2019 insgesamt rund 144.000 Menschen beschäftigt. Damit befand sich mehr als jeder dritte Arbeitsplatz der Branche – die laut Statistik des Gesamtverbands Kunststoffverarbeitende Industrie e. V. (GKV) bundesweit 336.000 Menschen eine Beschäftigung bietet – im bevölkerungsreichsten Bundesland. Die hiesigen Unternehmen erwirtschafteten laut kunststoffland NRW, Netzwerk und Plattform der Kunststoffindustrie in Nord­rhein-Westfalen, mit 33,9 Milliarden Euro mehr als 50 Prozent des gesamtdeutschen Umsatzes von 65,1 Milliarden Euro. Etwas mehr als die Hälfte ihres Umsatzes erzielten die Firmen aus Nordrhein-Westfalen dabei im Ausland. Diese Zahlen machten Nord­rhein-Westfalen zum „Kunststoffstandort Nr. 1 in Europa“, wie der Branchendienst Wirtschaft Regional (WIR) feststellt.

Institut bietet Unternehmen „eine breite Palette“ an Weiterbildungen
 

Die Schlagkraft der „Nummer 1“ ist allerdings keine Selbstverständlichkeit. Sie steht und fällt mit der Menge an Personal und dessen Qualifikation. Der Fachkräftemangel sei bereits über viele Jahre ein „drückendes Problem“, sagt Torsten Urban, am Kunststoff-Institut Lüdenscheid für die Aus- und Weiterbildung zuständig. Für das Bildungszentrum ergebe sich daraus die Herausforderung, eng am Bedarf der Industrie Lehrformate besonderen Zuschnitts aufzusetzen. Sie sollen den Fachkräftemangel abmildern, in Ergänzung zu den klassischen Ausbildungsgängen stehen, dazu schnell verfügbar sein und in erschwinglichem Rahmen bleiben. „Die Firmen wollen häufig weder viel Geld noch Zeit für einen jahrelangen Ausbildungslehrgang investieren“, so Torsten Urban. Um diesen Anforderungen gerecht zu werden, entwickelte das Institut die Idee, eine Förderung beim Land zu beantragen, um „mehrere Kurse auf einen Schlag und damit den Unternehmen eine breite Palette an Ausbildungs- und Weiterbildungsmöglichkeiten anbieten zu können“, sagt Torsten Urban.

Im Rahmen des „Bildungsfundamente für die Kunststofftechnik“ (BfK) genannten Förderprojekts entwickelte das Kunststoff-Institut Lüdenscheid Inhalte und Curricula von sechs Kursen für Fachkräfte und von drei weiteren für Auszubildende. Alle Kurse haben eine Dauer von mindestens drei bis längstens sechs Monaten. Die Bandbreite der Kurse vermittelt zugleich einen Eindruck über die vielfältigen Anwendungsbereiche von Kunststoffen. Mit den sechs neuen Bildungsgängen lassen sich Zusatzqualifikationen als Verfahrensmanager für 3D-Druck, als Fachkraft für industriellen Digitaldruck, als Produktentwickler 4.0, als Verfahrensmanager Roboter- und Automatisierungstechnik, als Werkstoffprüfexperte und als Fachkraft für Werkzeugkonstruktion erwerben. Der Bildungsscheck NRW kann Teilnehmende und Betriebe mit weniger als 250 Beschäftigten dabei finanziell unterstützen. Für Auszubildende legte das KIMW zudem ein Austauschprogramm (Bootcamp), eine Teilqualifikation (Ausbildungssharing) und Werksunterricht auf.

Produkte 4.0: Enge Kooperation von Wissenschaft und Industrie
 

Die Außenwirkung einiger Lehrangebote hat die Beteiligten positiv überrascht. Weit über den üblichen Rahmen hinaus weckten die Ideen Interesse bei Kooperationspartnern, die über die Republik verteilt sind und bis in den Bereich von Wissenschaft und Forschung ragen. So eröffneten sich durch die Zusammenarbeit mit dem Zentrum für organische Elektronik der Universität Köln interessante Perspektiven für die Produktentwicklung 4.0, zum Beispiel zur Müdigkeitserkennung bei Autofahrenden. Um die Gefahren durch einschlafende Menschen am Steuer zu minimieren, benötigt es intelligente Überwachungssysteme. Wenn die Pupillen schmaler werden, könnten Elemente im Wageninneren blitzschnell mit dem Hochfahren der Innenbeleuchtung oder der Belüftung reagieren. „Der Produktentwickler fragt aber verständlicherweise“, sagt Torsten Urban, „womit er die Müdigkeit bei den Menschen erkennen könne.“ Die Antwort darauf können Forscher der Uni Köln geben: Sie arbeiten an Systemen, die Pupillen messen. „Diese Informationen kann ich in Produkte verwandeln“, sagt Torsten Urban. Im Lehrgang „Produktentwickler 4.0“ besteht dadurch die Chance, in Kombination mit wissenschaftlicher Expertise eine ganze Reihe von smarten Kunststoffprodukten zu entwickeln. Ein weiteres Beispiel sind sensible Textilien, die auf Körperreaktionen intelligent reagieren. Zur Wärmeregulierung ist eine aktiv reagierende Sensorik vorstellbar, die Membranen in der Kleidung physikalisch oder elektronisch öffnet und schließt. Die dafür notwendige Energie erzeugt die Textilie eigenständig.

Damit bewegt das Projekt sich an der Schnittstelle, an der Menschen wissenschaftliche Erkenntnisse in Produkte übersetzen. „Wir gehen mit dem ,Produktentwickler 4.0‘ aber noch einen Schritt weiter“, sagt Torsten Urban, „wir steigern damit die Kompetenzen angehender Konstrukteure und Produktdesigner in den Industriefirmen, über Netzwerke und intelligente Fragestellungen gezielt Erkenntnisse aus der Wissenschaft anzuzapfen.“ Für Volker Steinecke von der Regional­agentur Märkische Region ist diese Form der Kooperation ein starkes Signal dafür, dass sehr unterschiedliche Akteure Nutzen aus den vom Land NRW und aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds geförderten Fachkräfteprojekten ziehen können. Die 16 Regionalagenturen dienen als Servicestellen in den jeweiligen Arbeitsmarktregionen des Landes Nordrhein-Westfalen und unterstützen zum Beispiel bei Projektentwicklungen. Sie sind mit ihrem Beratungs-Know-how und ihrer regionalen Vernetzung wichtige Partner, um landesweit gezielt und wirksam über die Instrumente zu informieren und zu beraten, die Beschäftigung und Fachkräfte sichern sollen. „An den Lehrangeboten ist sehr gut zu sehen, dass die Tragweite eines Projekts größer werden kann als ursprünglich gedacht“, so Volker Steinecke.

3D-Druck-Kurs setzt europäischen Standard
 

Das gilt im Besonderen für den entwickelten Kurs „Verfahrensmanager für 3D-Druck“. Allein der Ansatz für diese Qualifizierungsmaßnahme war ambitioniert. Soll sie doch Konstrukteure in die Lage versetzen, mit einem 3D-Drucker Produkte in Serie herzustellen, die Industriestandards, also höchsten Ansprüchen genügen. „In der Luftfahrtindustrie zum Beispiel wollen Flugzeugbauer sicher sein, dass auch das 150. Teil aus dem 3D-Drucker dieselbe Qualität besitzt wie das erste“, sagt Torsten Urban. Um dies zu garantieren, galt es, Fachkräften Qualitätssicherungssysteme für die Anlagenüberwachung an die Hand zu geben. Dafür nahm das Kunststoff-Institut Lüdenscheid Kontakt mit dem Branchenverband 3D-Druck e. V. in Berlin auf. Die Kooperationspartner erkannten, dass es für Lehrgänge dieser Art bis dato keine Norm gab. „Also haben wir gemeinsam entschieden, diese Norm selbst zu entwickeln“, sagt Torsten Urban. In dem erstellten Qualifizierungshandbuch für Verfahrensmanager im 3D-Druck ist nun zum Beispiel erfasst, wie viele Stunden der entsprechende Lehrgang umfasst, wie viele Anlagen zur Verfügung stehen müssen, wie Teilnehmende auszuwählen und Prüfungen zu gestalten sind und über welche Qualifikationen externe Referenten verfügen müssen. Wer diesen Lehrgang erfolgreich durchläuft, ist damit als Fachkraft theoretisch für Firmen in ganz Europa interessant. Dafür sorgt die EU-Gewährleistungsmarke, die dem gemeinsamen Lehr- und Seminarkonzept von Kunststoff-Institut Lüdenscheid und Verband 3D-Druck zuerkannt wurde. „Das ist vergleichbar mit geschützten Markenzeichen oder registrierten Warenzeichen“, erklärt Torsten Urban, „und bedeutet, dass unsere Qualifikation europäischer Standard geworden ist und in der EU anerkannt wird.“ Das entsprechende Zertifikatssiegel vergibt offiziell der Verband 3D-Druck e. V.; das Kunststoff-Institut darf es drei Jahre lang ohne Lizenzgebühren nutzen und bei den entsprechenden Qualifizierungsmaßnahmen einsetzen. „Wir wollten nicht selbst mit Lizenzen handeln, sondern verdienen unser Geld über die Teilnehmenden in unseren Kursen“, erklärt Torsten Urban diese Herangehensweise. „Unser Interesse bestand darin, die Qualität des Lehrgangs als Norm zertifizieren zu lassen und sie weit über Deutschland hinauszutragen. Denn die Partner in Europa beobachten ganz genau, wie sich unser Ausbildungssystem weiterentwickelt.“ So existiert mit dem „Verfahrensmanager für 3D-Druck“ nun eine offene Norm, nach der alle Weiterbildungsträger der Branche Lehrgänge EU-weit anbieten können.

„Azubi-Bootcamp“ und Matching
 

Auch für einen der drei Auszubildenden-Kurse setzt das Kunststoff-Institut auf Kooperation. Mit dem Verband Deutscher Werkzeug- und Formenbauer entwickelten die Sauerländer ein „Azubi-Austauschprogramm“, das später den klingenderen Namen „Azubi-Bootcamp“ erhielt. Dabei handelt es sich um ein Schnupperangebot für Schülerinnen und Schüler der Jahrgangsstufen acht bis zehn, die in den Ferien für zwei Wochen die Kunststoffverarbeitung „richtig kennenlernen sollen. Wir zeigen ihnen aber nicht nur die technische Ausrüstung und die Abläufe, sondern vermitteln ihnen auch einen Eindruck vom realen Arbeitsalltag, indem sie den Umgang und die Kommunikation mit Beschäftigten und Vorgesetzten kennenlernen“, sagt Torsten Urban. Handfeste Ergebnisse sind für die jungen Menschen inklusive: Sie führen ein Berichtsheft über Theoriestunde und Praxiseinheiten, legen einen Abschlusstest ab und erhalten abschließend ein Zeugnis mit Schulnoten für die Bereiche Motivation, Auffassungsgabe, Interesse und Engagement. Das ist weit mehr als eine Erinnerungsstütze für die Jugendlichen, ob die Kunststoff-Industrie ihren Neigungen und Talenten entspricht. In den Schnupperprozess sind auch die Arbeitgeber der Zukunft eingebunden. Das Kunststoff-Institut bietet Firmen an, Bootcamp-Stellen als Paten zu finanzieren. Als Gegenleistung erhalten die Sponsoren zum Beispiel eine Exklusiv-Information, sobald eine oder einer der geeigneten Getesteten später tatsächlich einmal einen Ausbildungsplatz in der Branche anstrebt. „Es liegt also ein weitgehend anonymisierter Matchingprozess dahinter“, sagt Torsten Urban.

Nach der Corona-Bremse über das Internet wieder Fahrt aufnehmen
 

Sehr dynamisch verliefen die Prozesse während der Projektphase der „Bildungsfundamente für die Kunststofftechnik“, was beim Beantragen der Fördermittel nicht gänzlich vorherzusehen war. Daher galt es für das Kunststoff-Institut, nach dem Bewilligungsbescheid durch das Ministerium nachzujustieren. An diesem sensiblen Punkt zeigte sich die Flexibilität des Förderinstruments. „Der Projektrahmen ließ sich ohne negative Auswirkungen für den Budgetrahmen anpassen“, so Volker Steinecke von der Regionalagentur Märkische Region. So durften zwei verschiedene Kurse unter dem Titel „Fachkraft für industriellen Digitaldruck“ zusammengefasst und der Lehrgang „Verfahrensmanager Roboter- und Automatisierungstechnik“ ganz neu ins Projekt eingegliedert werden. Anders als geplant gestaltete das Kunststoff-Institut letztlich auch die Zielgruppenansprache. Für die neun Kurse hatte Torsten Urban mit seiner Mitarbeiterin Steffi Volkenrath zunächst eine Vielzahl an gedrucktem Informationsmaterial vorgesehen. Den Schwenk zu weitaus intensiveren digitalen Marketingmaßnahmen vollzog das Team recht schnell – und bereits vor dem Ausbruch der Corona-Pandemie. „Damit haben wir auf die Erwartungen und das Nutzerverhalten vieler Menschen reagiert“, sagt Steffi Volkenrath. Wesentliche Informationen über das Projekt „Bildungsfundamente für die Kunststofftechnik“ sind über das Internet abrufbar, eine Website ist in Vorbereitung. Diese netzgestützten Angebote können ohne Zeitdruck vollendet werden, weil die Pandemie im Weiterbildungssektor grundsätzlich für eine Entschleunigung gesorgt hat. Was zugleich bedeutet, dass Unternehmen aktuell beim Buchen von Kursen für ihre Beschäftigten und Auszubildenden eher zurückhaltend sind. Die „Bildungsfundamente für die Kunststofftechnik“ befinden sich dadurch, wie viele Angebote anderer Institute, in der Warteschleife. Entsprechend gedrosselt hat das Kunststoff-Institut die Werbekampagne für die neuen Angebote, die Hoffnungen richten sich nun auf das Ausbildungsjahr 2021. „Auch bei den Kursen für Fachkräfte ist es wichtig, dass die Unternehmen ihre Mitarbeitenden für die Praxisteile zu uns schicken“, sagt Torsten Urban. Sein Institut habe zwar einzelne Module digital angeboten, damit seien die Lehrgänge aber nicht vollständig zu absolvieren.

Für die Beteiligten haben die „Bildungsfundamente für die Kunststofftechnik“ aber ohnehin einen bleibenden Wert über die Projektlaufzeit hinaus. „Die Ergebnisse sind langfristig für die Aus- und Weiterbildung verfügbar“, sagt Volker Steinecke von der Regionalagentur Märkische Region. Für das Kunststoff-Institut Lüdenscheid war die Förderung durch die Landesregierung und die EU unverzichtbar. „Kursinhalte und Curricula zu entwickeln, Expertenakquise zu betreiben“, sagt Torsten Urban, „all dies hätten wir allein für neun Lehrgänge nicht schaffen können. Die Projektförderung war ein hervorragendes Vehikel, um unsere technischen Inhalte voranzubringen.“ Durch die wegweisenden Kooperationen mit den externen Partnern erhielten Fachkräfte zudem die Möglichkeit, ihre Kompetenzen zu erweitern und sich neue Freiräume und Perspektiven für die Arbeit zu eröffnen. Alles Aspekte, von denen die Unternehmen der Kunststoff-Industrie nur profitieren könnten.

Ansprechperson in der G.I.B.

Andreas Bendig
Tel.: 02041 767206
a.bendig@gib.nrw.de

Kontakt

Kunststoff-Institut für die mittelständische Wirtschaft NRW GmbH (K.I.M.W.)
Aus- und Weiterbildung
Karolinenstraße 8
58507 Lüdenscheid
Torsten Urban
Tel.: 02351 1064114
urban@kimw.de

Regionalagentur Märkische Region
Handwerkerstraße 11
58135 Hagen
Volker Steinecke
Tel.: 02331 4887829
steinecke@agenturmark.de

Autor

Volker Stephan
Tel.: 0173 3679157
post@volker-stephan.net
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