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(Heft 1/2021)
Ein Gespräch mit Wolfgang Kopal, Referat Grundsatzfragen Soziales, Sozialplanung und -berichterstattung, Armutsbekämpfung im Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales des Landes Nord­rhein-Westfalen

Praktische Umsetzung am Beispiel des Programms „Zusammen im Quartier – Kinder stärken – Zukunft sichern“ (ZiQ)

G.I.B.: Herr Kopal, in der neuen „ZiQ“-Förderphase werden 120 Projekte gefördert, darunter rund 80 Projekte, die bereits in der vorherigen Phase gefördert worden sind. Das spricht für Kontinuität in der Förderung …

Kopal.jpgWolfgang Kopal: … und genau die ist gewollt, denn das Programm wie auch die in den Projekten entwickelten Maßnahmen sind mittel- und langfristig angelegt. Zielgruppe sind Kinder, Jugendliche und ihre Familien in benachteiligten Quartieren, die oft nur noch schwer zu erreichen sind. Ein Zusammenwirken mit ihnen setzt Vertrauen voraus, das jedoch nur langsam aufgebaut werden kann. Das schaffen selbst Projektträger, die schon lange im Quartier aktiv sind und dort einen guten Namen haben, nur über einen längeren Zeitraum.

Wenn dann endlich Vertrauen entstanden ist und die Akteure gemeinsam mit den Menschen vor Ort etwas Neues entwickelt haben, darf das Projekt nicht schon wieder beendet sein. Denn wenn bis zum nächsten Projekt eine längere Pause entsteht, fühlen sich die Menschen allein gelassen und das verstärkt bei ihnen das Gefühl, ausgegrenzt zu werden. Wir aber wollen Nachhaltigkeit und Verstetigung und beides schaffen wir nur über eine längere Förderdauer.

Aber wir müssen realistisch bleiben. Wir können mit unserem Programm nicht die finanziellen Nöte lindern, wir können auch keine Arbeitsplätze schaffen, sichern oder Arbeitslosigkeit verhindern. Aber wir können für bessere Rahmenbedingungen sorgen, wir können informieren, unterstützen, begleiten, stärken. Wir konzentrieren uns dabei auf den Personenkreis, dem es in Quartieren mit sozialen Missständen wirtschaftlich schlecht geht, um diesen Menschen soziale Teilhabe zu gewährleisten und ihre Lebensbedingungen zu verbessern.

So können wir zum Beispiel Kinder und Jugendliche dabei unterstützen, trotz ungünstiger Rahmenbedingungen, einen Schulabschluss zu erwerben und so mittelfristig der Armut zu entkommen. Menschen, die mit Armutsfolgen zu kämpfen haben, gibt es in Nord­rhein-Westfalen übrigens nicht nur im Ruhrgebiet, sondern auch in Köln und seinem Umland, im Kreis Siegen-Wittgenstein, in der Städteregion Aachen, aber auch in wirtschaftlich prosperierenden Regionen wie dem Münsterland. Entsprechend sind unsere Projekte über ganz Nordrhein-Westfalen verteilt.

G.I.B.: Wenn wir einen Blick auf das bisher Erreichte werfen: Wie sieht die Zwischenbilanz aus?

Wolfgang Kopal: Rückmeldungen der Träger und Einblicke, die wir uns teils gemeinsam mit dem Team der G.I.B. bei Ortsbesuchen verschafft haben, zeigen, dass das Programm von den Projektträgern ausgesprochen positiv aufgenommen worden ist. 70 bis 80 Prozent der Projektträger sind nicht Kommunen, sondern Vereine und Träger der freien Wohlfahrtspflege, die die Menschen vor Ort und ihre Probleme oft sehr gut kennen und auch in der Lage sind, passende niedrigschwellige Angebote zu entwickeln.

Als besonders erfreulich und sinnvoll heben sie hervor, dass wir uns bei der Programmgestaltung ganz bewusst auf relativ wenige Vorgaben hinsichtlich der Maßnahmen und Vorgehensweisen beschränkt haben. Um sicherzustellen, dass ein ganz niedrigschwelliges Beratungsangebot entsteht, haben wir Leitlinien vorgegeben, ohne aus dem Elfenbeinturm heraus ins konkrete Detail zu gehen und ohne einheitliche Regeln für das gesamte Land vorzugeben. So sind für die Träger, die die konkreten Bedarfe und Bedürfnisse vor Ort am besten kennen, Spiel- oder Freiräume entstanden, die sie nutzen konnten, um ganz kreativ passgenaue Projekte für die spezifischen Bedarfe im Quartier zu entwickeln. So haben sich Maßnahmen entwickelt, die wir uns im Vorfeld vielleicht so gar nicht hätten vorstellen können. Das werden wir in der neuen Förderphase auf jeden Fall beibehalten.

G.I.B.: Ein Beispiel für kreative Maßnahmen?

Wolfgang Kopal: Ein Projektträger aus Bonn hat Schülerinnen und Schüler von Grund- und weiterführenden Schulen in stark benachteiligten Quartieren mit Lehramtsstudierenden zusammengebracht, die jetzt vor Ort kostenlos Hausaufgabenbetreuung und Nachhilfe anbieten. Das Besondere daran: Dem Projektträger ist eine Vereinbarung mit der örtlichen Universität, an der die Lehramtskandidaten studieren, gelungen, wonach die ehrenamtliche Tätigkeit als Studienleistung anerkannt wird und Studierende so Praxisscheine erwerben können. Alle, insbesondere die drei beteiligten Schulen, waren voll des Lobes über die Erfolge. Für alle, also für die Kinder und Jugendlichen, die Lehramtsstudierenden und die Träger, eine Win-win-win-Situation.

G.I.B.: Sie sagten, zumindest Teile der Zielgruppe seien nur schwer erreichbar. Wie kann dann deren Partizipation gelingen, die ja ein wichtiger Bestandteil des Förderprogramms ist?

Wolfgang Kopal: Ja, Beteiligung ist eine unverzichtbare Voraussetzung für das Gelingen. Auch hier ein Beispiel, diesmal aus einem Quartier, bestehend aus drei Hochhäusern, die ringsum von stark befahrenen Autostraßen, einer Bahnstrecke und einem Gewerbegelände mit karger Grünfläche städtebaulich vom Rest der Stadt faktisch abgeschnitten sind, beziehungsweise sich zumindest massiven optischen Barrieren ausgesetzt sehen. Deswegen und aufgrund zunehmender Verwahrlosung zogen immer mehr Menschen, sofern sie es sich leisten konnten, weg.

Einem Sozialarbeiter ist es im Rahmen eines Projekts nach langer Vorarbeit gelungen, einzelne Bewohnerinnen und Bewohner zum persönlichen Engagement zu bewegen. So hat sich unter anderem ein Bewohner mit Migrationshintergrund in einen vor Ort eingerichteten Familientreff eingebracht, der sich mit drei, vier Tischen und Sitzgelegenheiten draußen zu einem sozialen Treffpunkt für alle entwickelt hat. Kombiniert mit ein paar weiteren Maßnahmen haben sich das Flair des Quartiers und das unmittelbare Wohnumfeld so positiv verändert, dass manche der Weggezogenen wieder zurückkehren wollen. Ohne direkte Beteiligung der Menschen vor Ort wäre das nicht gelungen, und das Beispiel zeigt auch: Wo nichts ist, bewirkt wenig manchmal viel.

G.I.B.: Welche Rolle spielt zukünftig die strategische Sozialplanung in den Kommunen?

Wolfgang Kopal: Eine unverändert große Rolle. Mit dem Team „Armutsbekämpfung und Sozialplanung“ bei der G.I.B. fördern und beraten wir ja unabhängig von dem Förderprogramm Kommunen, die eine für Armutsprävention so wichtige Sozialplanung auf- oder ausbauen wollen, weiterhin kostenfrei.

Im Rahmen von „ZiQ“ konnten im Förderzeitraum 2018 – 2020 Kommunen zudem bei uns Mittel für Personalstellen bekommen, wenn sie für zwei Jahre eine Sozialplanerin oder einen Sozialplaner einstellen, die oder der – vielleicht beraten durch das G.I.B.-Team – eine Sozialplanung für ihre Stadt aufbauen oder fortführen. In mehreren Kommunen wurden zunächst nur für die Projektphase eingestellte Sozialplanende später von der Stadt in ein festes Arbeitsverhältnis übernommen – ein Erfolg, der genau so mit der Projektförderung intendiert ist: Die Kommune bekommt eine finanzielle Förderung in der Anfangsphase, stellt fest, dass es gut funktioniert und übernimmt im Weiteren die Eigenfinanzierung des Personals. Insbesondere in solchen Fällen hat sich unsere Förderung absolut rentiert. Deswegen soll es genauso fortgesetzt werden, zumal da noch viel Handlungs- und Nachholbedarf insbesondere in kleineren Kommunen besteht.
Aber wir haben noch mehr vor. Bislang ist es so, dass wir, aufgeteilt in verschiedene Förderbausteine, Kommunen beim Aufbau und der Fortentwicklung einer Sozialplanung fördern, also den fachlichen Überbau unterstützen, und anschließend fördern wir in den Stadtteilen konkrete Projekte. Zukünftig möchten wir Kommunen umfassend unterstützen: von der Ermittlung benachteiligter Räume über die Identifizierung von Handlungsbedarfen und die fachübergreifende Zusammenarbeit bis hin zur Umsetzung konkreter Maßnahmen in Kooperation mit Trägern, also eine umfassende und systematische Unterstützung beim Aufbau einer strategischen Sozialplanung, sozusagen von A bis Z, um anschließend das Resultat als Best-practice-Beispiel und Anregung für andere Kommunen zu veröffentlichen. Die Umsetzung dieser idealtypischen Herangehensweise möchten wir möglichst zeitnah realisieren, das hängt aber auch von den Fördermitteln ab, die uns hierfür in den kommenden Jahren zur Verfügung stehen werden.

Andererseits dürfen wir nicht vergessen, dass das oben erwähnte Team „Armutsbekämpfung und Sozialplanung“ in der Vergangenheit bereits zahlreiche Antragsteller beraten und bei der Entwicklung von Projekten unterstützt hat. Das betrifft sowohl Projekte zur Sozialplanung als auch Projekte im Quartier, für die die entsprechenden statistischen Grundlagen vorlagen. Wir würden nur auch gern einmal den Prozess von A bis Z konkret „durchspielen“, mit allen Hindernissen, Fragen und Problemen, um in der Rückschau die Möglichkeiten und Chancen einer integrierten Sozialplanung und der anschließenden Umsetzung in präventive und nachhaltige Quartiers- beziehungsweise Stadtpolitik anschaulich darstellen und belegen zu können.

G.I.B.: Hat die Corona-Pandemie auch im Kontext von „ZiQ“ zu neuen Erkenntnissen geführt?

Wolfgang Kopal: Das kann man so sagen. Während der Pandemie mussten viele Projekte aufgrund der Kontaktbeschränkungen ihre Arbeit partiell oder sogar komplett einstellen. Hinzu kam, dass auch Angebote wie Wohnungsloseneinrichtungen und die von Ehrenamtlichen betriebenen Tafeln geschlossen wurden, sodass Menschen, denen es ohnehin schon mit am schlechtesten ging, von heute auf morgen vor dem Nichts standen. Für uns lag darin die Erkenntnis, dass existenziell wichtige, als gesichert geltende Strukturen ganz schnell wegbrechen können und keine alternative Hilfeleistung mehr besteht. Wir müssen also für zukünftige Pandemien oder auch andere Krisenzeiten gewappnet sein. Bei aller Wertschätzung für ehrenamtliche Tätigkeit, die weiterhin unverzichtbar ist: Aufgabe und Verpflichtung des Sozialstaats ist es, die Ärmsten der Armen in den Mittelpunkt seines Wirkens zu stellen.

Das Interview führte

Paul Pantel
Tel.: 02324 239466
paul.pantel@vodafonemail.de

Kontakt

Ministerium für Arbeit, Gesundheit und
Soziales des Landes Nordrhein-Westfalen
Wolfgang Kopal
Tel.: 0211 8553499
wolfgang.kopal@mags.nrw.de
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