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(Heft 1/2021)
Zusammen im Quartier – Kinder stärken – Zukunft sichern

Nordrhein-Westfalen: Armutsbekämpfung mit strategischer Sozialplanung

„Zusammen im Quartier – Kinder stärken – Zukunft sichern“. So lautet der Titel eines Programms, mit dem das Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales des Landes Nordrhein-Westfalen seit 2018 in zwei Förderphasen mit jeweils rund 120 Projekten jährlich acht Millionen Euro zur Bekämpfung von Kinder- und Jugendarmut in besonders benachteiligten Quartieren vor Ort und darüber hinaus für Projekte zur integrierten, strategischen Sozialplanung in den Kommunen zur Verfügung stellt. Eine Zwischenbilanz zeigt: Das Programm wird von den Zielgruppen sehr gut angenommen. Gleichzeitig bleibt die Thematik weiterhin wichtig.

Benachteiligte Sozialräume – die Ausgangslage


Das Programm „Zusammen im Quartier“ (ZiQ) reagiert auf die Tatsache, dass es in Nordrhein-Westfalen neben vielen wohlhabenden auch Stadtteile gibt, in denen sich Armut konzentriert, in denen die äußeren Lebensumstände und Lebensverhältnisse von benachteiligenden Rahmenbedingungen, zum Beispiel einer unzureichenden Infrastruktur und prekären Wohnverhältnissen geprägt werden. Hier leben vielfach Menschen, für die SGB II-Leistungen zur Bestreitung des Lebensunterhalts der Regelfall sind und die in ihrer Nachbarschaft wenig positive Impulse bekommen. Vielen von ihnen ist die Teilnahme an einem sozialen Leben kaum oder gar nicht möglich. Vor allem Kinder und Jugendliche leiden stark unter dieser Form von Ausgrenzung, die in den meisten Fällen auch das spätere Leben prägt.
So lebten in Nordrhein-Westfalen im Jahr 2019 rund 553.000 von insgesamt drei Millionen Personen im Alter von unter 18 Jahren in Bedarfsgemeinschaften mit Bezug von Mindestsicherungsleistungen. Die Armutsrisikoquote von Minderjährigen lag in dem Jahr bei 23,1 Prozent.

Das Armutsrisiko hängt vor allem mit dem Bildungs- und Qualifikationsniveau, dem Erwerbsstatus, dem Migrationsstatus der Eltern und dem Familienstand zusammen. Nur eine Zahl zur Illustration: Während 2019 Kinder aus Paarfamilien zu rund 19,2 Prozent von relativer Einkommensarmut betroffen waren, betrug der entsprechende Anteil der Kinder von Alleinerziehenden 43,5 Prozent.

Hinzu kommt: Kinder aus einkommensarmen Haushalten besuchen seltener das Gymnasium und öfter die Hauptschule als Kinder aus Haushalten mit höherem Einkommen. Zudem leiden sie häufiger als andere Kinder unter körperlichen und psychischen gesundheitlichen Beeinträchtigungen.

Insgesamt haben sich bundesweit und auch in Nordrhein-Westfalen Armut und soziale Ausgrenzung verfestigt, die so­ziale Spaltung hat zugenommen. Das zeigt sich ganz konkret auf der kommunalen Ebene in den benachteiligten Quartieren bei den besonders von Armut und Ausgrenzung betroffenen Menschen.

Zusammenarbeit im Quartier: Zukunftsperspektiven optimieren
 

Mit dem Programm ZiQ will die Landesregierung von Nordrhein-Westfalen die Lebenssituation von Menschen in besonders benachteiligten Quartieren verbessern und die Entwicklungsmöglichkeiten vor allem von Kindern und Jugendlichen fördern. Ziel ist, den Menschen mithilfe von Projekten Zukunftsperspektiven zu geben, die Entwicklungs- und Teilhabemöglichkeiten von Kindern und Jugendlichen zu erhöhen und gemeinsam gegen soziale Ausgrenzung und Armutsfolgen vorzugehen.

Das Programm fördert Projekte in den Schwerpunkten: „Aktive Nachbarschaft – Bezugspersonen im Quartier“ (Baustein 1) und „Gesundes Aufwachsen“ (Baustein 2) sowie „Daten zu Taten im Sozialraum“ (Baustein 3), womit keine Angebote, sondern die Implementation einer Sozialplanungsstelle innerhalb der Kommune gefördert wird. Die Förderung von Baustein 3 endete zunächst zum 31.12.2020.

Im Baustein 1 geht es darum, „Quartierskümmerer“ zu implementieren, die als zentrale Ansprechpersonen im Quartier sowohl für Akteure vor Ort als auch für die Zielgruppen gelten. Sie verschaffen sich einen Überblick über bereits bestehende Angebote und vernetzen sich mit den lokalen und kommunalen Institutionen. Darüber hinaus besteht ihre Aufgabe darin, Kinder und Jugendliche sowie ihre Familien im Quartier, die bislang bei Beteiligungs- und Aktivierungsprozessen nicht erreicht werden konnten, im Rahmen aufsuchender Arbeit anzusprechen und gemeinsame Aktionen mit ihnen zu planen und umzusetzen. Dabei kommen bewährte und nachhaltig wirkende Konzepte der Begleitung wie Mentoring, Coaching oder der Lotsenansatz zum Einsatz. Ziel ist, die Mitwirkungsmöglichkeiten zu verbessern, Teilhabechancen zu realisieren sowie Hilfen an Schnittstellen in der Biografie wie etwa beim Übergang zwischen einzelnen Bildungsabschnitten, aber auch Hilfe zur Selbsthilfe zu vermitteln. Zudem gilt es, die Entwicklung von Verantwortung für das eigene Quartier langfristig zu stärken.

Im Baustein 2 steht das gesunde Aufwachsen von Kindern und Jugendlichen im Mittelpunkt. Ziel ist die Förderung und Stärkung von Kompetenzen und die Beteiligung armutsbetroffener und sozial benachteiligter Gruppen sowie die Verankerung gesundheitsfördernder Strukturen und die Schaffung eines anregenden und gesundheitsfördernden Umfelds. Hier bietet der in der Gesundheitsförderung wie in der Armutsprävention praktizierte Setting-Ansatz eine Chance zur positiven Einflussnahme auf individuelle Lebensweisen vor allem mit Blick auf das Gesundheitsverhalten, gleichzeitig aber auch zur Veränderung von Lebens- und Umweltbedingungen, also der Gesundheitsverhältnisse.
Im Baustein 3 unterstützte das Land Aktivitäten zur Einrichtung und Erprobung einer kommunalen Sozialplanung, um die aktuelle Situation von Kindern, Jugendlichen und Familien in der Kommune kleinräumig – das heißt auf Ebene der einzelnen Stadtteile oder Quartiere – abzubilden und Auswirkungen der Kinder- und Familienarmut planerisch und in Abstimmung mit den Akteuren vor Ort zu begegnen. Dabei können nicht nur Analysen erfolgen, sondern auch Beteiligungsverfahren und Veranstaltungen, bei denen Kinder, Jugendliche und Familien im Mittelpunkt stehen.

Klar ist: Um der fortschreitenden Segregation in Nordrhein-Westfalen entgegenzuwirken, bedarf es differenzierter Maßnahmen, die fachübergreifend gedacht und durchgeführt werden, die also im Kontext einer strategischen und integrierten Sozialplanung in der Kommune mit starkem Bezug zum Quartier und damit zum unmittelbaren Lebensumfeld der Betroffenen.

In der Praxis impliziert der integrierte Ansatz eine fachübergreifende Zusammenarbeit der verantwortlichen Akteure, die ihre Alleinstellungsmerkmale kooperativ einbringen und sich in „das große Ganze“ einbringen müssen. Denn aufgrund der häufig komplexen Herausforderungen reicht es nicht aus, wenn die einzelnen fachlich zuständigen Stellen ihre jeweiligen Angebote vorhalten, vielmehr sind ein fachbereichs­übergreifender Blick und eine gemeinsame Herangehensweise erforderlich. Dazu ist die Entwicklung und Nutzung sachbezogener Netzwerke erforderlich und ein kritischer Blick auf bestehende Maßnahmen und deren mögliche Schwellen. Sind die Angebote von den Betroffenen fußläufig erreichbar? Begegnen wir den Menschen mit einer offenen, wertschätzenden Haltung? Haben wir alle im Blick?

Fachliche Begleitung durch die G.I.B.
 

Fachliche Unterstützung finden die Projektträger des ZiQ-Programms beim Team „Armutsbekämpfung und Sozialplanung“ der Gesellschaft für innovative Beschäftigungsförderung (G.I.B.), das seit Januar 2019 Kommunen kostenlos zur strategischen Sozialplanung berät und Träger bei der Umsetzung von Quartiersprojekten begleitet.

Zum Portfolio des Teams zählen der Informations- und Beratungsservice für geförderte Projektvorhaben, die Durchführung überregionaler Fachveranstaltungen zum Erfahrungstransfer und die Beratung zur Verknüpfung von Sozialplanung und Projektvorhaben.

Eine Besonderheit im Angebot des Teams „Armutsbekämpfung und Sozialplanung“ sind die mit dem Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales des Landes Nord­rhein-Westfalen gemeinsam durchgeführten regionalen „ZiQ-Zirkeltreffen“. Sie dienen dem Wissens- und Informationstransfer und sind zugleich ein professionelles Forum für den Erfahrungsaustausch unter den Projektverantwortlichen.

Die Aufbereitung guter Praxis-Projekte und der Wissenstransfer über Veröffentlichungen und Darstellung im Internet sowie die Dokumentation und Berichterstattung zu den Ergebnissen ausgewählter Projekte in Zusammenarbeit mit den Projektträgern ergänzen das umfassende Unterstützungsangebot.

Die Praxis der Projekte: Vielfalt und Qualität
 

Eine Zwischenbilanz zeigt: Das Programm „Zusammen im Quartier“ zeichnet sich durch eine große Vielfalt aus, und die einzelnen Projekte werden sehr gut von den Zielgruppen angenommen.
Schon rein quantitativ war der Programmaufruf ein großer Erfolg. Ergebnis: In der ersten Förderphase konnten landesweit 120 Projekte gefördert werden. Mit dem quantitativen korrespondiert der qualitative Erfolg. Die inhaltliche und methodische Vielfalt der Projekte spiegelt die unterschiedlichen Ausgangs- und Rahmenbedingungen in den verschiedenen Quartieren der Kommunen wider, – ein Hinweis darauf, dass die Projekte konkret auf die Bedarfe vor Ort zugeschnitten sind und die Interessen der hier lebenden Menschen in den Blick nehmen.

Hier zur Illustration nur eine kleine Auswahl an kurz skizzierten Projekten: So gibt es Projekte, die mit der Förderung „spielerischer Bewegung“ im Kita-Alltag ausgewählter Quartiere motorische Defizite durch Freude an Bewegung beseitigen, durchgeführt in enger Kooperation mit Sportverein, Jugend- und Gesundheitsamt. In einem weiteren Projekt geht es darum, in Zusammenarbeit mit dem Mütterzentrum der Kommune bewährte Angebote für Schwangere und junge Eltern in andere Quartiere der Stadt zu übertragen, wo sie dringend nötig sind. Dann gibt es noch Projekte, die im Kontext von Jugendhilfe und sozialer Integration sozialraumorientierte Mentoring- und Coaching­angebote für Kinder und Jugendliche in den Blick nehmen und dabei aufsuchende und stationäre Angebote im Quartier kombinieren. Letztes Beispiel: ein Projekt zur Entwicklung von Resilienz. Hier erhalten Alleinerziehende eine Eins-zu-eins-Begleitung, um berufliche und private Perspektiven zu entwickeln und umzusetzen. Zudem können Teilnehmerinnen sich zu Quartiers-Lotsinnen weiterbilden lassen, um als „Quartierskümmerer“ Menschen in ihrem Umfeld Hilfestellung beim Auffinden von Angeboten geben zu können.

Alle Projekte sind adäquat zum Programmdesign im unmittelbaren Lebens­umfeld der Quartiersbewohner verortet und in den Fachbereichen der Kommunen verankert, docken an bestehende Netzwerke an und ergänzen vorhandene Angebote, sodass ein wirkungsvolles Ganzes entsteht.

Bei allen Projekten zeigt sich: Ohne Vernetzung funktioniert es nicht. Persönlicher Austausch und gute Beziehungen sind unverzichtbar, um auch die eigene Arbeit reflektieren zu können. Abhängig sind die Kooperationsformen und -partner indes vom Entwicklungsstand der strategischen Sozialplanung in den einzelnen Kommunen sowie von den bestehenden Strukturen und der Existenz integrierter Konzepte im Handlungsfeld „Armutsbekämpfung“. Dort, wo bereits regelmäßig tagende Gremien wie Stadtteilkonferenzen oder Sozialraum-Arbeitsgemeinschaften vorhanden sind, galt und gilt es, beim „Community-Organizing“ das eigene Projekt an die bestehenden Einrichtungen anzudocken.

Dabei ist zu verdeutlichen, dass ZiQ-Projekte keine Konkurrenz zu den Angeboten anderer Träger darstellen, dass es also nicht um den Aufbau von Parallelstrukturen existierender Angebote geht, sondern um deren Ergänzung in Form zusätzlicher und gemeinsam abgestimmter Angebote, die in der Lage sind, etwaige Angebotslücken zu schließen.

Kreativ und flexibel zeigen sich die Projektverantwortlichen bei ihren Strategien, Erstkontakte zu den oft nur schwer erreichbaren Zielgruppen herzustellen. Orte der ersten Begegnung sind genauso vielfältig wie die Ansprache selbst: In Abhängigkeit von der konkreten Zielgruppe sind das zum Beispiel Schulen, Berufskollegs, Bürger- und Familienzentren, Einrichtungen von Kirchengemeinden, Jugendberufswerkstätten, Kulturbahnhöfe oder Gemeinschaftsunterkünfte für geflüchtete Menschen, aber auch – unter Berücksichtigung der Datenschutzgrundverordnung – die Räumlichkeiten des U25-Teams in einem Jobcenter.

Manche Projektverantwortliche stellen ihr Projekt in Elternsprechstunden an Grundschulen oder bei sozialräumlich organisierten Hilfeangeboten wie etwa der „Tafel“ vor, andere gehen auf Spielplätze, um Kontakt zu Müttern und Vätern herzustellen, suchen Hinterhöfe in benachteiligten Quartieren auf oder gehen direkt auf die Straße, dorthin, wo viele Jugendliche ihre Freizeit verbringen. Wichtig ist, überall im Sozialraum präsent zu sein. Dabei können Peers in den Communitys der Jugendlichen als Multiplikatoren fungieren. Klar ist zudem: Handelt es sich um Jugendliche, muss die Sprache jugend­adäquat sein.

So wie die Ansprache benachteiligter Zielgruppen unmittelbar im Quartier erfolgt, so müssen auch die neuen Angebote für sie in ihrem direkten Lebensumfeld verortet sein, da auch deren Mobilität erfahrungsgemäß eingeschränkt ist. Nicht nur hinsichtlich ihrer Erreichbarkeit, sondern auch inhaltlich müssen die Angebote niederschwellig sein und sich so von meist „mittelstandsorientierten“ (Hilfe-)Angeboten unterscheiden.

Erfahrene Projektverantwortliche warnen vor überzogenen Erwartungen bei der Aktivierung eher passiv eingestellter Menschen. Sie raten zur Nachsicht, wenn etwa Jugendliche Angebote nur sporadisch statt regelmäßig nutzen: Hauptsache, der Kontakt bricht nicht völlig ab.

Besondere Herausforderungen in Zeiten der Pandemie
 

Eine zusätzliche Herausforderung für die Projektverantwortlichen ist die Corona-Pandemie, denn: Von Armut und sozialer Isolation bedrohte Familien mit jungen Kindern sowie Jugendliche sind von den Kontaktbeschränkungen besonders betroffen. Das unterstreichen die Ergebnisse einer Befragung, die das Team „Armutsbekämpfung und Sozialplanung“ während des ersten Lockdowns durchgeführt hat.

Fachkräfte diagnostizieren demnach eine Zunahme familiärer Krisen und Konfliktsituationen. Dazu gehörten häusliche Gewalt, depressive Verstimmungen und in Einzelfällen ein Anstieg des Drogenkonsums. Sie befürchten eine rückläufige Entwicklung der Kinder in Sprache und Sozialverhalten aufgrund der fehlenden Förderung durch Kita und zusätzlicher Angebote sowie soziale und emotionale Verwahrlosung. Besonders betroffen scheinen Alleinerziehende, Familien mit psychisch erkrankten Elternteilen sowie Familien zu sein, die sich in einer Trennungsphase befinden. Viele Jugendliche haben Sorge, keinen Ausbildungsplatz zu finden; gleichzeitig sinkt die Motivation zum Lernen und Bewerben. Das Homeschooling stellt viele Familien vor technische und inhaltliche Herausforderungen, die sie alleine nicht bewältigen können. Die bereits bestehende eklatante Bildungsbenachteiligung könnte sich so verschärfen. Finanzielle und materielle Nöte nehmen vor allem bei Eltern zu, die in Niedriglohnsektoren tätig sind und fürchten, dass das Kurzarbeitergeld nicht ausreicht, um die Familie zu versorgen.

Die Resultate der Befragung zeigen aber vor allem auch, dass es den Projekten des Förderprogramms gelungen ist, schnell, flexibel und kreativ auf die erschwerten Bedingungen zu reagieren und den Kontakt zur Zielgruppe über Telefon, E-Mail, Videokonferenzen oder Chatoptionen in sozialen Medien aufrechtzuhalten. Zudem wurden für unterschiedliche Beratungs- und Schulungsangebote virtuelle Sprechstunden oder Webinare angeboten. Selbst neue Kontakte ließen sich durch aufsuchende Arbeit im Quartier, natürlich unter Wahrung der Abstandsregeln, knüpfen.

Doch ein Teil der Zielgruppenangehörigen ist über digitale Medien nicht zu erreichen, da insbesondere von Armut betroffene Familien oft nicht über die notwendige digitale Ausstattung verfügen. Darüber hinaus stehen nicht selten fehlende Sprachkenntnisse einem digitalen Austausch im Wege. Deshalb nutzen die Projektverantwortlichen ergänzende Ins­trumente wie etwa Aushänge in Schaufenstern, Infos in der lokalen Presse, Flyer mit Notfall-Handynummer oder Briefkas­ten-Wurfsendungen – immer in Kooperation mit Multiplikatorinnen und Multiplikatoren vor Ort.Da ein Großteil der im Quartier lebenden Kinder und Jugendlichen mit ihren Familien auf engstem Raum wohnen, sind die Projekte dazu übergegangen, daraus resultierenden Problemen mit Online-Angeboten zu begegnen, etwa im Bereich Spielen, aber auch über digitale Lernportale mit Sprach- und Schreibübungen oder Kreativwettbewerben in den Bereichen Malen, Schreiben, Fotografieren.

Zudem ist es den Akteuren in der Pandemie gelungen, die trägerinterne wie auch die externe Kommunikation zur Kommunalverwaltung und anderen Netzwerkpartnern über digitale Wege aufrechtzuerhalten. Aufgrund der positiven Erfahrungen überlegen viele Träger – unabhängig von der Pandemie – digitale Tools wie Videokonferenzen in den regulären Projektalltag zu integrieren.

Hohe Relevanz einer strategischen Sozialplanung: Kommunalverwaltung und freie Träger in Kooperation
 

Unbestritten ist die zunehmende Relevanz einer strategischen Sozialplanung im Kontext der Armutsbekämpfung.

Da jedoch eine strategische Sozialplanung keine gesetzlich vorgeschriebene Fachplanung ist, bedarf es zu ihrer Realisierung der Initiative von Einzelpersonen. Egal ob in der Kommune das Sozialdezernat, das Jugendamt, mehrere Ämter gemeinsam oder die Politik die Initiative ergreift: Entscheidend ist, überhaupt einen strategisch ausgerichteten Sozialplanungsprozess in Gang zu setzen. Denn eine strategische, ressort- und institutionen­übergreifend abgestimmte Sozialplanung hat einen großen Vorteil: Auf der Basis einer kleinräumigen Analyse gelingt es, die Lebenslagen der Bürgerinnen und Bürger abzubilden und Gebiete zu identifizieren, in denen die Lebensbedingungen verbessert werden müssen.

Trotzdem ist noch längst nicht in jeder Kommune Nordrhein-Westfalens eine strategische Sozialplanung etabliert. Das gilt vor allem für die Kreise. Grund dafür sind heterogene Datenverfügbarkeiten, unterschiedliche Planungszuständigkeiten, stark divergierende Größenklassen hinsichtlich der Einwohnerzahl sowie unterschiedliche verwaltungsrechtliche und politische Verhältnisse in den kreisangehörigen Kommunen und Gemeinden.

Manche Kommunen sind da schon viel weiter. Hier ist es gelungen, vormals isolierte Fachplanungen zu einer abgestimmten Gesamtstrategie zu verbinden, veröffentlicht in einem Sozialbericht als wesentlichem Bestandteil eines Sozialplanungsprozesses, den die Kommunen unter anderem mit Jobcenter und privaten Trägern gemeinsam gestalten.

Die benachteiligten Quartiere in einer Kommune sind der Kommunalverwaltung meistens „gefühlt“ bekannt. Aber was ist mit den versteckten Problemlagen, die beim Gang durch die Kommune nicht sinnlich wahrnehmbar sind? Sind es wirklich immer die Quartiere, die „gefühlt“ am schlechtesten dastehen? Wissen alle Akteure, an welchen Orten es beispielsweise eine auffallend geringe Wahlbeteiligung oder eine vergleichsweise hohe Zahl an Kindswohlgefährdungen gibt?

Rechtzeitig identifizieren lassen sich solche Problemlagen über ein kleinräumiges Sozialmonitoring. Anschließend sollte sich jedoch ein interdisziplinär besetztes Gremium verschiedener Fachplanungen mit den erhobenen Daten des Sozialmonitorings befassen, denn Daten allein bilden nicht die komplette Wirklichkeit ab. Fachplanerinnen und -planer können mit ihrem Erfahrungswissen das statistische Wissen optimal ergänzen. Eine so aufgebaute Sozialplanung, bei der passgenaue, integrierte Konzepte zur Beseitigung sozialräumlicher Armutsbedingungen auf einer kommunalen Sozialberichterstattung basieren, ist typisch für ZiQ-Projekte.

Viele Erfolge, doch das Thema bleibt – die neue Förderphase
 

Auch in der neuen, 2021 begonnenen Förderphase des Programms „Zusammen im Quartier – Kinder stärken – Zukunft sichern (ZiQ)“ steht die Bekämpfung von Armut und sozialer Ausgrenzung im Zentrum des Geschehens.

Die grundsätzliche Ausrichtung des Förderprogramms bleibt gleich. Weiterhin werden Maßnahmen gefördert, die Mitwirkungsmöglichkeiten verbessern, Teilhabechancen realisieren, Hilfe bei bestimmten Schnittstellen in der Biografie – wie zum Beispiel beim Übergang zwischen einzelnen Bildungsabschnitten – und Hilfe zur Selbsthilfe vermitteln.

Darüber hinaus wird das gesunde Aufwachsen von Kindern und Jugendlichen zur Förderung von Kompetenzen und der Beteiligung armutsbetroffener und sozial benachteiligter Gruppen sowie zur Verankerung von gesundheitsfördernden Strukturen in den Mittelpunkt gestellt.

Kurzum: Gravierende Änderungen gibt es in der neuen Förderphase nicht.

So sollen im Rahmen des Bausteins „Aktive Nachbarschaft – Bezugspersonen im Quartier“ auch in Zukunft Quartierskümmerer Heranwachsende unterstützen, Widerstandskräfte zu entwickeln und Übergänge positiv zu gestalten. Es geht darum, benachteiligte Familien und ihre Kinder, die bislang bei Beteiligungs- und Aktivierungsprozessen nicht erreicht werden konnten, anzusprechen und für gemeinsame Aktionen im Quartier zu gewinnen. Gefördert werden auch Projekte und Maßnahmen, die zum Beispiel neue Formen der Ansprache und neue Methoden der Partizipation für beteiligungsunerfahrene Personen entwickeln oder verbessern.

Pandemiebedingt wird es dabei auch darum gehen, alternative Kontaktmöglichkeiten anzubieten wie etwa Fenstergespräche oder elektronische Plattformen, um insbesondere in benachteiligten Quartieren dringend benötigte Beratungs-, Informations- und Betreuungsinfrastrukturen sicherzustellen, die während der Corona-Krise teils ersatzlos weggebrochen sind.

Im zweiten Baustein „Gesundes Aufwachsen“ werden wie zuvor Projekte gefördert, die ein gesundes Aufwachsen bei Kindern und Jugendlichen in den Mittelpunkt stellen und dabei auf die Förderung von Kompetenzen und die Beteiligung armutsbetroffener und sozial benachteiligter Gruppen sowie die Verankerung von gesundheitsfördernden Strukturen abzielen.

Gefördert werden insbesondere Maßnahmen und Projekte zur Unterstützung sportlicher Aktivitäten durch Gestaltung der Lebensräume und Umgebungen, zur Vermittlung theoretischer und praktischer Fähigkeiten und Fertigkeiten im Bereich Nahrungsmittel inklusive der Beratung und Information etwa zu Fragestellungen in Bezug auf die Corona-Pandemie wie zum Beispiel Kontaktbeschränkungen, Desinfektion oder Schutzimpfung.

Bei all dem gilt nach wie vor: Wesentliche Grundlage für das Gelingen der Projekte ist die fachübergreifende Zusammenarbeit innerhalb der kommunalen Verwaltung, aber auch mit den Trägern, Akteuren und Betroffenen im Quartier.

Darüber hinaus ist ein zentrales Ergebnis der Förderung der vergangenen Jahre, dass die Angebote vor Ort, die Beratungs- und Unterstützungsstrukturen wie auch die Anlaufstellen zur Begegnung, zur Kontaktaufnahme und zum Austausch, die zum Teil auf jahrelanger Zusammenarbeit und Vertrauensbildung gründen, von den Betroffenen in den Quartieren als fester Bestandteil ihres Lebens- und Wohnumfeldes wahrgenommen werden. Dies gilt umso mehr, wenn es beispielsweise pandemiebedingt, wie während der Corona-Krise im Jahr 2020 zu beobachten, zur ersatzlosen Schließung von Einrichtungen kommt, während gleichzeitig der Alltag durch Kontaktbeschränkungen, Einschränkungen bei der Kinderbetreuung, Homeschooling, Gefährdung des Arbeitsplatzes oder Kurzarbeit an Komplexität zunimmt.

Die neue Förderphase, die auch im Zeichen der Corona-Pandemie und dem Umgang damit steht, soll nicht zuletzt Kontinuität bieten sowie die Möglichkeit, Vorhaben, die 2020 nicht (vollständig) umgesetzt oder abgeschlossen werden konnten, fortzuführen.

Ansprechpersonen in der G.I.B.

Lisa Bartling
Tel.: 02041 767263
l.bartling@gib.nrw.de

Lars Czommer
Tel.: 02041 767254
l.czommer@gib.nrw.de

Ansprechpersonen im MAGS

Ministerium für Arbeit, Gesundheit und
Soziales des Landes Nordrhein-Westfalen
Alexandra Homberger
Wolfgang Kopal
Gabriele Schmidt
zusammen-im-quartier@mags.nrw.de

Autor

Paul Pantel
Tel.: 02324 239466
paul.pantel@vodafonemail.de

 

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