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(Heft 1/2021)
„Balu und Du“ in Gelsenkirchen

Mentoring-Programm fördert Entwicklungsmöglichkeiten von Grundschulkindern

Pauken, pauken, pauken … ist nicht automatisch der Königsweg für eine erfolgreiche Schullaufbahn. Soziale Einflussfaktoren rücken immer stärker in den Blick, wenn es um Bildungsgerechtigkeit und bessere Startbedingungen für jene jungen Menschen geht, die aus bildungsfernen Zusammenhängen stammen oder aus anderen Gründen Lernschwierigkeiten haben. Der Verein „Balu und Du“ richtet den Fokus auf den Primarbereich und stellt bundesweit Grundschulkindern in einem Mentoring-Programm junge Erwachsene an die Seite. In Gelsenkirchen unterstützt die Stadtverwaltung über die Koordinierungsstelle Kommunale Prävention (KoPrä), die Regionale Schulberatungsstelle und den Sozialdienst Schule des Referats Kinder, Jugend und Familien die Arbeit des Vereins an den Grundschulen.

Wenn gleichzeitig 90 große Bärinnen und Bären durch Gelsenkirchen streifen, ist in der Stadt keinesfalls Gefahr im Verzug. Im Gegenteil: Je mehr von ihnen unterwegs sind, desto besser ist dies für den sozialen Zusammenhalt. Die „Tiere“ sind Mentorinnen und Mentoren, die ein Jahr lang für je ein Grundschulkind als Patin oder Pate fungieren. Ihr Name ist einem freundlichen Charakter des Dschungelbuchs entlehnt. So wie Balu, der Bär, sich um Mogli, das im Dschungel aufwachsende Menschenkind, kümmert, funktioniert auch die inzwischen bundesweite Initiative „Balu und Du“. Groß verbringt Zeit mit Klein, beide profitieren von dem Miteinander. Für die 17 bis 30 Jahre alten Mentorinnen und Mentoren ist es in reduziertem Umfang eine Art freiwilliges soziales Jahr. Für die Kinder in der Grundschule gibt es außerhalb ihrer gewohnten Strukturen einen Menschen, der nur für sie da ist. Der Aktionsrahmen ist dabei klar eingegrenzt. Erwünscht ist ein Treffen pro Woche. Ausdrücklich soll die Schule dabei nur eine untergeordnete Rolle spielen, das Lernen erfolgt informell.

Die Anfänge von „Balu und Du“ reichen bis ins Jahr 2001 zurück, als die Initiative zunächst auf Projektbasis in Osnabrück entstand. Vier Jahre später wurde daraus ein Verein, der heute seine Geschäftsstelle in Köln unterhält. Mit der Zeit interessierten sich immer mehr Grundschulen für das Mentoringprojekt. Inzwischen bilanziert der Verein mehr als 13.000 Teams aus Balus und Moglis, die über Netzwerke an 120 Standorten in ganz Deutschland zusammengefunden haben. Sieben dieser Standorte befinden sich in Gelsenkirchen, wo die Stadtverwaltung das auf Ehrenamt basierende Projekt seit 2018 gezielt unterstützt. „Balu und Du“ ist ferner in der Projekt-Datenbank zur Prävention, Gesundheitsförderung und Gesundheitsversorgung des Landeszentrums Gesundheit in Nordrhein-Westfalen gelistet. Die Stadt Gelsenkirchen sieht es als „sinnvolle Ergänzung der Präventionskette“ an, wie Marita Meissner, Leiterin der Stabsstelle zur Koordinierung der Kommunalen Prävention (KoPrä), erklärt. Die Kommune hat diese Präventionskette 2005 unter dem Leitmotiv „Jedem Kind seine Chance!“ gebildet, um Kinder in ihren Entwicklungsmöglichkeiten zu fördern und dabei auch deren Erziehungsberechtigte und Familien zu unterstützen.

„Balu und Du“ in Nordrhein-Westfalen an 52 Standorten aktiv
 

Der Initiative „Balu und Du“ über das bestehende Netzwerk organisatorische und beratende Hilfe zu vermitteln, steht für die Gelsenkirchener KoPrä im Vordergrund. Sie nutzt ihre Verbindungen im Netzwerk, um weitere Einrichtungen für eine Unterstützung zu gewinnen: etwa die Ehrenamtsagentur, die Schulberatungsstelle oder den Sozialdienst Schule. In diesem Zusammenhang sind auch Menschen und Organisationen von Bedeutung, die mit Spenden helfen oder deren Kooperation sich darin zeigt, Ausflüge der Balus und Moglis zu ermöglichen. Die KoPrä beantworte laut Marita Meissner zudem allgemeine Fragen zum Programm und sei auf Wunsch bei der Suche nach Partnerschulen oder Sponsorinnen und Sponsoren behilflich. Zudem macht die KoPrä auf dem Wege der Öffentlichkeitsarbeit die Aktion breiter bekannt.

Der hinter „Balu und Du“ stehende Verein ist für solche Kooperation sehr dankbar. „Es hilft immer, wenn über das Programm geredet wird“, sagt Lisa Gregor, im Verein für den Programmausbau in Nordrhein-Westfalen zuständig. Bis die Corona-Pandemie zu vielen Einschränkungen im öffentlichen Leben führte, hatten in Nordrhein-Westfalen bereits 31 Kommunen sich an insgesamt 41 Standorten die Idee zu eigen gemacht, die Zahl ist inzwischen auf 52 angewachsen. „Balu und Du“ lasse sich in seiner Arbeit von der Erkenntnis leiten, so Lisa Gregor, „dass wir in Deutschland noch lange keine Bildungsgerechtigkeit haben. Es gibt noch immer einen starken Zusammenhang zwischen dem Schulabschluss der Eltern und dem, was das zugehörige Kind später beruflich erreichen wird.“ Das große Ziel sei es, dem etwas entgegenzusetzen. Die Schritte dorthin mögen auf den ersten Blick klein erscheinen. Denn bei den wöchentlichen Treffen geht es zunächst darum, „einem Kind Aufmerksamkeit zu schenken und gemeinsam eine gute Zeit zu haben“, sagt Lisa Gregor. Die Palette der gemeinsamen Aktivitäten ist dabei breit gefächert und folgt keinen bestimmten Vorgaben – außer der, möglichst oft etwas Neues auszuprobieren. Kekse backen, basteln oder ins Kino oder in die Stadtbibliothek gehen ist ebenso willkommen wie das Sammeln neuer Alltagserfahrungen: Grundschulkinder lernten zum Beispiel, zum ersten Mal eine Busfahrkarte zu kaufen oder das für die Aktivitäten zur Verfügung stehende Taschengeld einzusetzen. Auslagen werden aus Spenden bestritten, sodass den Balus und Moglis als Richtschnur etwa zehn Euro pro Monat für die gemeinsamen Unternehmungen zur Verfügung stehen.

Grundschule kann für Kinder „gelingende Übergänge gestalten“
 

Die Handelnden sehen in der temporären Partnerschaft von Kleinen und Großen mehr als nur einen netten Zeitvertreib. „Balu und Du“ orientiert sich in seinem Tun an der wissenschaftlichen Erkenntnis, dass Kinder, die stabile Beziehungen zu Erwachsenen erlebt haben, sich im späteren Erwachsenenalter positiver entwickeln und ausgeglichener sind. Der Verein lässt das durch eine Studie untersuchen. Die von der Deutschen Post Stiftung getragene Behavior and Inequality Research Institute GmbH (briq) in Bonn lädt regelmäßig ehemalige Mentees (Moglis) ein, um die Wirkungen des Programms zu evaluieren. Dabei zeige sich, so Lisa Gregor, dass diese Kinder „ein verbessertes prosoziales Verhalten haben, erhöhte Chancen besitzen, aufs Gymnasium zu kommen, und sogar noch Jahre nach dem Programm von einer erhöhten Lebenszufriedenheit profitieren.“ Auch während des laufenden Programms stellten Eltern und Lehrkräfte positive Entwicklungen fest. „Die Kinder werden fröhlicher, selbstbewusster und trauen sich, sich in der Schule mehr am Unterricht zu beteiligen“, sagt Lisa Gregor. Dem stimmt Rüdiger Schrade-Tönnißen unumwunden zu. Der Schulleiter der Gelsenkirchener Gemeinschaftsgrundschule Im Brömm erkennt, dass die teilnehmenden Kinder über das „Balu und Du“-Jahr hinweg „deutlich selbstständiger werden“. Seine Schule nimmt seit 2016 am Programm teil. Bei den meisten Kindern der vierten Klassen habe er zudem eine „deutlich optimistischere und selbstbewusstere Haltung im Blick auf den Start in der weiterführenden Schule“ wahrgenommen. Dies äußere sich bei den Kindern auch darin, deutlich weniger „Angst vor den Gro­ßen“ zu haben. „Damit trägt dieses Projekt sehr qualitätsvoll dazu bei, eines unserer wichtigsten Ziele als Familienzentrum in der Grundschule zu erfüllen: gelingende Übergänge zu gestalten“, sagt der Schulleiter. Er höre häufig Berichte von Moglis, die glücklich seien, „den Balu ganz für sich allein zu haben“, also nicht mit Geschwis­tern oder Freunden teilen zu müssen, oder dass der Kontakt nach dem verabredeten Jahr oft noch weiter gepflegt werde. All dies gibt Anlass zur Hoffnung, dass die positiven Erfahrungen im Programm die Grundschulkinder im späteren Leben auch vor Kriminalität, Suchtproblemen und psychischen Störungen schützen können. Im besten Fall, so die Koordinierungsstelle Kommunale Prävention, profitierten die Moglis vom „vorbildlichen Verhalten der Balus, denn sie lernen positive Verhaltensweisen wie Toleranz und Res­pekt kennen und setzen sich mit den gesellschaftlichen Normen und Werten auseinander.“

Programm hält Einzug in Projektkurse der Sekundar-stufe II
 

Doch nicht nur die Grundschulkinder (Moglis) profitieren von dem auf Zeit gebildeten Gespann. Auch die Mentorinnen und Mentoren (Balus) ziehen speziellen Nutzen daraus. Zu der „beeindruckenden Entwicklung der Jugendlichen“, so Lisa Gregor, zählt besonders die wachsende Fähigkeit, sich und ihr Handeln zu reflektieren. Dies meldeten Lehrkräfte vermehrt zurück. Nicht zuletzt könne das Mitwirken an „Balu und Du“ auch einen Einfluss auf die Berufs­orientierung haben. Wer zu einem Beruf in der Sozialen Arbeit tendiere oder Lehramt studieren möchte, erfahre durch die Teilnahme am Programm oft eine wertvolle Entscheidungshilfe. Nicht zuletzt kann soziales Engagement als Schlüsselqualifikation auch bei späteren Bewerbungsverfahren zum entscheidenden Faktor werden, wenn es auf dem Zeugnis oder mit Bescheinigungen dokumentiert ist. „Balu und Du“ lässt sich in der Sekundarstufe II in Nordrhein-Westfalen sogar als obligatorischer Projektkurs einrichten. Das Curriculum sieht Projektkurse als Möglichkeit für Schülerinnen und Schüler an, sich verstärkt in selbstständigem, kooperativem, projektorientiertem Arbeiten zu üben und dabei soziale Kompetenzen weiterzuentwickeln. „Für Schulen ist das attraktiv, weil die Jugendlichen dort ein tolles Praxiselement gewinnen“, sagt Lisa Gregor. An der Gesamtschule Buer-Mitte ist Lehrerin Jasmin Thom Koordinatorin eines solchen Projektkurses „Balu und Du“. Sie erlebt ihre teilnehmenden Schülerinnen und Schüler durch die Arbeit mit den Moglis „in Stress- und Konfliktsituationen wesentlich gelassener und umsichtiger.“ Innerhalb eines Jahres sammelten die Balus und Moglis nicht nur neue Erfahrungen. Sie entwickelten zudem ihre Einstellungen, Kompetenzen sowie die Fähigkeiten und Möglichkeiten zu handeln vielfältig weiter. „Das ist überwältigend zu sehen“, sagt Jasmin Thom.

Während die sogenannten Mogli-Standorte immer Grundschulen sind, weil gemäß Konzept den jüngsten Schulkindern eine soziale Bezugsperson zur Seite gestellt werden soll, können die Balu-Standorte Schulen mit Sekundarstufe II (also Gymnasien, Gesamtschulen und Berufskollegs) sein, müssen es aber nicht unbedingt. Teil des Programms können alle Einrichtungen werden, in denen Jugendliche beziehungsweise junge Menschen zusammenkommen. Die Liste reicht von Hochschulen über Ausbildungsbetriebe und Wohlfahrtsverbände bis hin zu Jugendzentren. Bei Wohlfahrtsverbänden beispielsweise können junge Berufstätige im Ehrenamt für „Balu und Du“ tätig werden, bei der Zusammenarbeit mit Hochschulen, sagt Lisa Gregor, „können Studierende Creditpoints für ihr Engagement sammeln.“

Wie in den anderen Kommunen, die sich dem Programm „Balu und Du“ angeschlossen haben, hat das Herunterfahren des öffentlichen Lebens auch in Gelsenkirchen geringere direkte Kontakte von Balus und Moglis zur Folge. Die Stadt hatte ursprünglich das Ziel, so Marita Meissner, ab 2020 jährlich 100 neue Teams aus Schulkindern und jungen Erwachsenen zu erreichen. „Das wird sich durch die Corona-Pandemie nun leider verzögern“, sagt die Leiterin der Kommunalen Prävention. Aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Sechs weitere Schulen mit Sekundarstufe II hatten bereits Interesse bekundet, sich an „Balu und Du“ zu beteiligen und einen entsprechenden Projektkurs einzurichten. Und Lisa Gregor vom Trägerverein weiß auch von kreativen Ideen zu berichten, wie Balus und Moglis trotz Abstandsgebot miteinander in Kontakt treten konnten. Liebevoll gepackte Päckchen, über Balkone geworfene Bündel mit Spielideen, rund ums Haus vorbereitete Schnitzeljagden – „es war sehr berührend zu sehen, wie stark der Zusammenhalt zwischen den Balus und den Kindern ist. Unsere Balus haben tolle Arbeit geleistet“, sagt Lisa Gregor.

Ansprechpartnerin in der G.I.B.

Denise Anton
Tel.: 02041 767262
d.anton@gib.nrw.de

Kontakte

Stadt Gelsenkirchen
Koordinierungsstelle Kommunale
Prävention
Marita Meissner, Leitung
Ebertstraße 11
45875 Gelsenkirchen
Tel.: 0209 1698562
marita.meissner@gelsenkirchen.de

Balu und Du e. V.
Programmausbau NRW
Lisa Gregor
Georgstraße 7
50676 Köln
Tel.: 0221 2010326
lisa.gregor@balu-und-du.de
www.balu-und-du.de

Autor

Volker Stephan
Tel.: 0173 3679157
post@volker-stephan.net
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