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(Heft 1/2021)
Interview mit Sophie Keindorf, Sozialwissenschaftlerin und Projektleitung bei der k.o.s GmbH1, Berlin, und Anna Hutnik, Projektkoordinatorin für das Projekt „Erweiterte Lernwelten – Digitale Bildung in NRW“ beim Landesverband der Volkshochschulen von NRW

Digitalisierung in der Weiterbildung: „Teil des Lernens, der nicht mehr wegzudenken ist“

G.I.B.: Die digitale Transformation ist ein komplexes Thema, das mitnichten nur die technische Ausstattung von Bildungseinrichtungen umfasst. Sie, Frau Keindorf, unterscheiden in diesem Zusammenhang „Digitalisierung“ und „Digitalität“. Wie definieren Sie die Begriffe?

sk_klein2_bunt.jpgSophie Keindorf: Der Begriff „Digitalisierung“ wird zurzeit inflationär benutzt, es gibt aber keine allgemeingültige Definition dafür. Aus der Praxis unserer Beobachtung heraus, würde ich sagen, dass „Digitalisierung“ überwiegend technisch geprägt ist: das Kaufen von technischen Geräten, technische Neuerungen und Innovationen. Wenn wir von diesem technischen Entwicklungsprozess auf eine Organisation schauen, hat es sich in der Praxis etabliert, von „digitaler Transformation“ zu reden. Der Begriff der „Digitalität“ stammt von Felix Stalder. Er hat 2006 das Buch „Kultur der Digitalität“ geschrieben. Er stellt dar, dass es um einen sehr viel komplexeren Wandel geht, als nur um technische Veränderungsprozesse. Die Veränderung betrifft Gesellschaft, Arbeit, Leben und auch unsere politische und wirtschaftliche Wirklichkeit. Er spricht von einer kulturellen Neuordnung, die unser aller Denk- und Handlungsmus­ter verändert. Der Begriff der Digitalität fasst die zwei Welten, die analoge und die digitale Welt, die oft getrennt gedacht werden, zusammen und hebt die künstliche Trennung auf.

G.I.B.: Welche Herausforderungen ergeben sich daraus für die Weiterbildungseinrichtungen? Dass das Bewusstsein für den notwendigen Veränderungsprozess zum Beispiel bei den Volkshochschulen schon vor Corona vorhanden war, erkennt man ja daran, dass das Strategieentwicklungsprojekt, das Sie, Frau Keindorf, mit den Berliner Volkshochschulen durchgeführt haben, schon 2018 gestartet ist. Das Projekt „digiTOP“, das Sie, Frau Hutnik, betreut haben, startete 2019.

Sophie Keindorf: Das Bewusstsein, dass Digitalisierung irgendwie alles beeinflusst, war vor Corona schon da. Ich glaube Corona war aber ein Booster. Die Herausforderungen, die sich aus Digitalisierungsanforderungen ergeben, sind jetzt sehr viel bewusster und deutlicher geworden. Das sieht man im Bildungsbereich, aber auch in allen anderen Bereichen, zum Beispiel in der Wirtschaft. Im Vergleich zur Industrie – Stichwort Industrie 4.0 – hat die Erwachsenenbildung aber ziemlich lange gebraucht zu verstehen, dass Digitalisierung einen grundlegenden Wandel bedeutet. Die Formen des Lernens, der Lernort, die Haltung zum Lernen ändern sich. Die Bildungshoheit liegt nicht mehr nur bei Institutionen. Jeder kann heute Wissen teilen, aufbereiten. Es gibt große Konkurrenten wie Google/YouTube, die frei zugänglich Lerninhalte ins Netz stellen. Die Fragen, die sich Weiterbildungseinrichtungen stellen müssen, sind: Was ist unser Selbstverständnis? Wie verstehen wir Lernen? Wie verstehen wir Lehre?

PicturePeople_Anna-Hutnik.jpgAnna Hutnik: Der Bundesverband der Volkshochschulen DVV hat die Bedeutung der Digitalisierung schon 2016 erkannt und das Projekt „Erweiterte Lernwelten“ aufgesetzt. Auch beim Landesverband der Volkshochschulen von NRW, der Dachorganisation für alle 131 Volkshochschulen in Nordrhein-Westfalen, hat man sich mit dem Thema beschäftigt. Bevor unser Projekt „Erweiterte Lernwelten – Digitale Bildung in NRW“ entstanden ist, gab es bereits die sogenannten DigiCircles. Es waren Verbünde aus mehreren Volkshochschulen aus einer Region, die zusammen an bestimmten Projekten aus dem Bereich der Digitalisierung gearbeitet haben. Diese können als unsere Digitalisierungspioniere bezeichnet werden. Sie haben die Basis für unsere Arbeit im Rahmen des Projekts „Erweiterte Lernwelten“ vorbereitet sowie für das Pilotprojekt „digiTOP – digitale Transformation von Organisationen in der Praxis“, das im September 2020 gestartet ist.

G.I.B.: Was ist im Rahmen dieses Projekts geschehen?

Anna Hutnik: „digiTOP“ war ein Pilotprojekt, für das wir 15 Volkshochschulen aus Nordrhein-Westfalen ausgewählt haben. Die haben wir mit der Hilfe einer Organisationsberaterin 15 Wochen lang intensiv dabei unterstützt, eine digitale Transformation in ihren Einrichtungen zu starten. In wöchentlichen, vierstündigen Workshops haben wir versucht, Schritt für Schritt alle Ebenen der Arbeit in einer vhs abzudecken und die Fragen und Herausforderungen, die die Digitalisierung mit sich bringt, anzugehen. Natürlich ist es nicht möglich, eine komplette Digitalstrategie in 15 Wochen zu entwickeln und umzusetzen, zumal das ein fortwährender Prozess sein muss. Aber wichtig war uns, dass die beteiligten Volkshochschulen den ersten Einstieg machen und in den „Tun-Modus“ kommen. Die Projekte, die sich die 15 Volkshochschulen für die Projektlaufzeit ausgesucht haben, waren überschaubar, sodass man nach den 15 Wochen auch ein Ergebnis sehen konnte.

„digiTOP“ lief zwar nur bis Dezember letzten Jahres, aber daraus ist ein Netzwerk entstanden, das sich regelmäßig trifft und austauscht. Dieses soll als Motivation dienen, um weitere Schritte der Digitalstrategie selbstständig umzusetzen, und auch ein Raum für gegenseitige Beratung sein. Außerdem ist nach dem Modell von digiTOP ein weiteres Projekt ge­plant, erneut für 15 Volkshochschulen.

Das ist immer noch nur ein kleiner Teil der 131 Volkshochschulen in Nordrhein-Westfalen, aber einige Elemente aus den Workshops, etwa Gastvorträge von externen Expertinnen und Experten, zum Beispiel zu den Themen Datenschutz, Open Educational Resources, digital orientierte Öffentlichkeitsarbeit oder technische Ausstattung, waren für alle Volkshochschulen freigeschaltet. Außerdem wird noch eine Dokumentation des Projekts veröffentlicht, sodass ein Transfer an die anderen Volkshochschulen sichergestellt ist.

G.I.B.: Welche Aspekte stehen für Bildungseinrichtungen im Rahmen der digitalen Transformation im Vordergrund?

Anna Hutnik: Wenn wir über Weiterbildungseinrichtungen sprechen, sprechen wir natürlich in erster Linie über digitalgestütztes Lehren und Lernen. Allerdings muss man sagen, dass Digitalisierung nur auf einer Ebene einfach nicht funktionieren kann. Man kann zum Beispiel nicht von digitalgestützten Bildungsangeboten sprechen, ohne dass man sich mit den Kompetenzen der Mitarbeitenden beschäftigt oder sich mit der technischen Ausstattung und Infrastruktur auseinandersetzt.

Ich sehe Digitalisierung als eine Chance für die Weiterbildungseinrichtungen und die Weiterbildung generell. Es geht darum, dass sich die Einrichtungen in zukunftsgerechte Institutionen entwickeln können. Sie haben durch die Digitalisierung neue Kommunikationswege gewonnen, neue Arten der Kundenansprache kennengelernt und können ihren Kunden viele neue spannende Angebote machen. Sie können, – was vor allem bei Volkshochschulen sehr wichtig ist, weil sie einen öffentlichen Bildungsauftrag haben –, durch die Digitalisierung jedem einzelnen Bürger, jeder einzelnen Bürgerin das passende Angebot machen, das ihren Interessen entspricht. Und selbstverständlich bedeutet Digitalisierung auch eine erhöhte Möglichkeit der Teilhabe. Das heißt, Volkshochschulen können ihren Kundinnen und Kunden die Möglichkeit anbieten, an bestimmten Aktivitäten teilzunehmen, die für sie sonst unzugänglich wären.

Sophie Keindorf: Die Weiterbildungslandschaft in Deutschland ist sehr heterogen. Aus unserem Praxisalltag, der nur einen Ausschnitt aus dieser Landschaft abbildet, und aus den Beratungsanfragen an k.o.s können wir erkennen, dass das Thema Digitalisierung häufig in etwa so behandelt wurde wie das Thema Qualitätsmanagement. Es gibt eine diffuse Anforderung und Vorstellung dazu, man will bei dem Thema nicht komplett abgehängt sein, aber so richtig erschließt sich vielen nicht, warum man in dem Feld etwas tun sollte. Oft wird dann als allererstes Technik angeschafft. Aber selbst, wenn das Personal die Geräte richtig bedienen kann, sind die didaktischen Konzepte oft nicht auf die digitalen Medien ausgerichtet. Einrichtungen, die diese Erfahrung vor der Corona-Pandemie gemacht haben, hatten den Vorteil, dass sie während der Pandemie einen Schritt weitergehen konnten. Sie haben erkannt, dass sie das Thema etwas komplexer angehen und es strategischer in die Organisation bringen müssen. Aktuell steigt erfreulicherweise die Aufmerksamkeit in Bildungseinrichtungen das Thema Digitalität umfassender anzupacken.

G.I.B.: Welche Aspekte sind bei der Organisationsentwicklung besonders wichtig?

Sophie Keindorf: Wenn ich als Organisation weiter handlungsfähig sein und am Markt bestehen möchte, funktioniert das nur, wenn ich mir bewusst bin, dass ich mich in einer Wechselbeziehung mit der Umwelt bewege. Auf Bildungsorganisationen bezogen bedeutet das: Wenn sich Kundenwünsche und -bedarfe ändern, muss ich das für meine Organisation überprüfen, am besten systematisch.

Unser Verständnis von einer Organisation ist, dass sie aus einer Strategie, einer Struktur und kulturellen Aspekten besteht. Der Kulturaspekt ist bei der Organisationsentwicklung der zentrale. Es geht um Fragen wie: Wie kommunizieren wir? Wie gehen wir mit Konflikten um? Was haben wir für ein Verständnis von unserem Lehrauftrag? Welche Rolle haben die Lehrenden? Es geht um verschiedene Aspekte der Arbeits-, Lern-, Führungskultur, ein offenes Klima, transparentes Arbeiten. Wenn ich die Beschäftigten in Veränderungsprozessen mitnehme, dann steigt die Akzeptanz, dann steigt die Motivation, dann kann ich als Unternehmen innovationsfähig sein und zügig auf Veränderungen reagieren. Unsere Empfehlung ist daher: Wir müssen uns zunächst bewusst werden, dass Kulturaspekte einen Einfluss haben auf alles Handeln und Tun und perspektivisch auch auf den Erfolg, den wir haben wollen.

Die große Veränderung dabei ist, dass ich heute nicht mehr einmal alles durchdeklinieren kann und das dann für die nächsten 20 Jahre Bestand hat. Sondern ich muss ein passendes Modell entwickeln, das es mir ermöglicht, immer wieder flexibel auf Veränderungen einzugehen. Ein ständig lernendes System sozusagen.

Anna Hutnik: Was die Organisationsentwicklung in den Volkshochschulen in Nordrhein-Westfalen angeht, kann man feststellen, dass sich aktuell viele in diesem Prozess befinden und sehr motiviert sind, sich weiterzuentwickeln. Aber ebenso wie die gesamte Weiterbildungslandschaft sind auch die 131 Volkshochschulen im Land sehr unterschiedlich aufgestellt. Das geht von sehr kleinen Einrichtungen bis zu riesigen Institutionen, sie haben teilweise unterschiedliche Rechtsformen, sind mal mehr und mal weniger mit der Kommune verbunden. Dadurch haben sie unterschiedliche Voraussetzungen, Herausforderungen, aber auch Stärken. Es kann also nicht das eine Musterrezept geben, wie man eine Digitalstrategie umsetzt. Jede vhs muss für sich entscheiden, was sie erreichen möchte und auf welchem Weg dies am besten möglich ist. Was aber für alle gilt: Man muss sich die komplette Einrichtung von jeder Seite anschauen und dann definieren, an welchen Stellen Veränderungen in Angriff zu nehmen sind.

G.I.B.: Wie sieht das Modell aus, mit dem Sie, Frau Keindorf, mit Organisationen arbeiten und welche Erfahrungen machen Sie bei der Begleitung von Bildungsinstitutionen in der Praxis?

Sophie Keindorf: Weil die k.o.s dem Qualitätsmanagement stark verbunden ist, geht unser Vorgehen von der Idee aus, dass viele Bildungseinrichtungen zertifiziert sind, also per se mit Qualitätsmanagementprozessen vertraut sein sollten. Wenn ein Veränderungsprozess angestrebt wird (hier die digitale Transformation), macht es Sinn, das in die bestehenden Strukturen und Prozesse des Qualitätsmanagements einzubinden und da auch abzubilden. Denn dann kann ich den Veränderungsprozess – das ist ein Grundprinzip des Qualitätsmanagements – immer wieder überprüfen und verbessern. Eine Organisation muss also nicht alles neu erfinden.

Wir haben sieben Handlungsfelder und dazugehörige Bereiche definiert, von denen wir glauben, dass sie Teil einer digitalen Strategie sein sollten: Strategie, Kultur, Führung, interne Prozesse, Infrastruktur, wie arbeiten und lernen wir im Unternehmen zusammen? Wie gestalten wir unsere Lern- und Bildungsangebote? Es ist zu klären: Wo stehen wir? Wo will ich hin? Wie wollen wir agieren? Dann suche ich mir Punkte, an denen ich ansetze. Eine Priorisierung ist dabei wichtig, damit man sich nicht verliert. Diese Priorisierung muss jede Organisation selbst vornehmen. Sie muss entscheiden, wo sie den größten Handlungsbedarf sieht. Wir raten: Legt verantwortliche Teams fest, probiert eine Idee als Pilotprojekt aus, und wenn es funktioniert, rollt es aus. Das ist ein systemischer Beratungsansatz, bei dem alle Beschäftigtengruppen mit einbezogen werden.

Leider wird der Organisationsentwicklung nicht selten ein geringerer Wert beigemessen als dem Tagesgeschäft und man will diesen Prozess mit möglichst geringem Zeitaufwand realisieren. Man sollte sich aber schon einen Zeitraum von einem halben Jahr geben, um wirkliche Veränderungen zu initiieren, umzusetzen und zu evaluieren. Wir sehen aber, dass Weiterbildungseinrichtungen zunehmend bereit sind, diese Zeitressourcen bereitzustellen.

Es geht bei unserem Ansatz ja auch gar nicht darum, dass jetzt alles digital sein muss. Es geht eher darum, zu sagen: Das ist ein Teil des Lernens, der nicht mehr wegzudenken ist.

G.I.B.: Die Volkshochschule hatte bisher das Selbstverständnis, sozialer Treffpunkt zu sein. Dazu gehört im bisherigen Verständnis das persönliche Treffen. Ist durch die Corona-Pandemie in diesem Aspekt etwas in Bewegung gekommen?

Sophie Keindorf: Die Frage des Selbstverständnisses wurde in den Volkshochschulen auch schon vor Corona diskutiert. Die VHS hat ja als Institution einen gesellschaftlichen Auftrag und sie muss ihre Rolle neu finden. Es gab also die Diskussion: Ist ein sozialer Treffpunkt immer analog? Muss man nicht auch im digitalen Raum aktiv sein, um Bildung und Teilhabe für alle Gesellschaftsschichten gleichermaßen zu ermöglichen? Um diesem Anspruch gerecht zu werden, sind nicht nur andere Lernformate wichtig, sondern auch andere Formen der Kooperation und andere Lernorte, zum Beispiel sogenannte „dritte Orte“ – im Fall der Volkshochschulen etwa Bibliotheken, mit denen kooperiert wird.

Anna Hutnik: Die digitale Transformation hat einen starken Einfluss auf die Kultur beziehungsweise das Selbstverständnis der Volkshochschulen. Sie waren schon immer Orte der sozialen Begegnung. Es entsteht mit der Digitalisierung oft die Angst, dass dieser soziale Faktor unwichtiger wird. Viele Volkshochschulen in NRW haben – und das ist, wie ich finde, ein sehr wichtiger Schritt – die Digitalisierung im Zuge der Organisationsentwicklung in das eigene Selbstverständnis integriert. Sie haben das Traditionelle mit dem Innovativen verbunden und festgestellt, dass man den sozialen Faktor auch in digitalen Räumen aufrechterhalten kann. Und so sind die Volkshochschulen in der Pandemie digital geöffnet geblieben. Die Zahl der digital gestützten Angebote ist sehr stark gestiegen, in das Frühjahrssemester 2021 sind die Volkshochschulen in NRW gerade mit mehr als 5.000 Online-Kursen gestartet. Bundesweit bieten die Volkshochschulen etwa das Fünffache an Online-Angeboten als noch vor einem Jahr.

G.I.B.: Wenn Menschen digitale Lernangebote nutzen wollen, müssen sie die digitale Kompetenz haben, um sie auch wahrnehmen zu können. Haben sie die Ihrer Erfahrung nach schon oder muss man vielleicht erst einmal da ansetzen?

Anna Hutnik: Da muss man zunächst definieren, wie man den Begriff „digitale Angebote“ versteht. Ich benutze oft den Begriff „digital gestütztes Angebot“, weil es zeigt, dass es unterschiedliche Facetten geben kann. Angebote müssen nicht unbedingt komplett digitalisiert sein. Es kann sich um kleine digitale Elemente handeln, die in Präsenzangebote integriert sind. Dafür können die Volkshochschulen zum Beispiel die vhs-Cloud als eine eigene Lern- und Arbeitsumgebung nutzen. Ein rein digitales Angebot wäre eines, das komplett online durchgeführt wird – was ja jetzt auch sehr oft stattfindet.

Es ist richtig, um solche Angebote wahrnehmen zu können, bedarf es einer starken Medienkompetenz. Aber das Thema kann man sehr gut in einen solchen digital gestützten Kurs integrieren. Man kann ein Angebot zum Beispiel mit einem Technik-Check starten oder einem kurzen Tutorial und im Verlauf der Sitzungen begleitend zur inhaltlichen Arbeit dann in der vhs-Cloud neue digitale Funktionen entdecken. Viele Volkshochschulen bieten auch eine digitale Sprechstunde an, in der man sich persönlich oder per Telefon beraten lassen kann. Diese Art des Supports wird sehr oft wahrgenommen. Volkshochschulen zeichnet außerdem schon immer aus, dass sie Medienkompetenzzentren sind. Sie versuchen also in Kursform, diese notwendigen Kompetenzen auf unterschiedlichen Niveaus zu vermitteln.

G.I.B.: Werden Ihrer Einschätzung nach die digitalen Lernangebote, die in der Weiterbildung im Zuge der Corona-Pandemie entwickelt worden sind, bestehen bleiben oder wird nach der Pandemie ein Großteil wieder auf die Präsenzform umgestellt werden?

Sophie Keindorf: Es wird unterschiedlich sein. Ich glaube nicht, dass wir in das Vor-Corona-Niveau zurückfallen werden, dass es also die Ausnahme sein wird, ein Online-Angebot zu finden. Ich finde es aber menschlich, dass man gerade vielleicht etwas digitalmüde ist. Viele Menschen werden glücklich sein, wenn sie sich wieder richtig treffen können und nicht nur in einer Videokonferenz. Man sollte die Lage also nicht direkt nach Corona bewerten – wann immer das sein wird –, sondern ein halbes Jahr später.

Anna Hutnik: Was die Corona-Pandemie auf jeden Fall bewirkt hat, ist, dass sehr viel Raum fürs Experimentieren entstanden ist. Man hat sich getraut, Neues auszuprobieren und ist mit dem, was schon vorhanden war, kreativ umgegangen. Es gab auch den Konsens, dass die Sachen, die man ausprobiert, nicht immer zu 100 Prozent perfekt sein müssen und dass wir uns nur verbessern können, wenn wir kleine und große Fehler machen. Das sehe ich als eine sehr positive Entwicklung.

Ich hoffe, dass die Erfahrungen, die wir jetzt über die Pandemie-Zeit mit der digitalen Transformation auf allen Ebenen gemacht haben, als eine gute Grundlage der zukünftigen Arbeit der Volkshochschulen erhalten bleiben wird. Die neuen Ansätze werden auch in Zukunft in den Angeboten sichtbar sein. Das heißt, es wird deutlich weniger reine Präsenzangebote geben und viel mehr Bildungsangebote, in die digitale Elemente integriert sind. Ich denke auch, dass wir jetzt ein besseres Gefühl dafür haben, was besser in Präsenz und was digital möglich ist und was man durch die digitalen Elemente gewinnen kann.

G.I.B.: Welche Tipps haben Sie für Bildungseinrichtungen, die sich digital transformieren wollen? Was müssen sie unbedingt tun, wo sollen sie anfangen?

Sophie Keindorf: Sie sollen anfangen! Das wäre schon mal gut. Wenn man die große Komplexität erkennt, die digitale Transformation bedeutet, schreckt das viele ab. Es geht also darum, die Komplexität zu reduzieren. Man sollte sich intern einen Fahrplan geben, der transparent ist und möglichst frühzeitig alle Mitarbeitenden einbezieht. Jede Organisation muss für sich entscheiden, was sie voraussichtlich am leichtesten und mit Freude umsetzen kann. Denn wichtig ist, dass die ersten Schritte positive Signale senden und damit auch die Bereitschaft aller wächst, mitzumachen. Dafür kann es von Vorteil sein, sich externe Unterstützung ins Haus zu holen. Denn wenn es um Veränderungsprozesse geht, ist es immer gut, den Blick von außen einzubeziehen oder sich mit anderen auszutauschen.

Anna Hutnik: Der wichtigste Tipp von mir ist, keine Angst vor Fehlern zu haben. Also: Experimentieren, ausprobieren und auch darüber reflektieren, um daraus lernen zu können. Die Vernetzung sehe ich ebenfalls als wichtigen Punkt, denn man kann, wenn es um Digitalisierung geht, sehr viel voneinander lernen. Und man kann durch die Digitalisierung gleichzeitig sehr viel besser gemeinsam arbeiten.


1Die Berliner k.o.s GmbH ist ein Forschungs- und Beratungsunternehmen, das bundesweit Organisations- und Personalentwicklung in Unternehmen und in Einrichtungen der beruflichen und betrieblichen Ausbildung, der Erwachsenen- und Weiterbildung sowie der Bildungs- und Weiterbildungsberatung unterstützt und begleitet. Zum Beispiel hat die k.o.s gemeinsam mit den zwölf Berliner Volkshochschulen das Strategiepapier „Erweiterte Lernwelten der Berliner Volkshochschulen“ erarbeitet (2018 – 2020), in dem es um die digitale Transformation der VHS in Berlin ging sowie 2019 die Handreichung „SMARTBOARDS SIND KEINE DIGITALE STRATEGIE“ – Wie Bildungsorganisationen den digitalen Wandel gestalten können.

Ansprechpartnerin in der G.I.B.

Elisabeth Tadzidilinoff
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Sophie Keindorf
Projektmanagement/-leitung bei der k.o.s GmbH
Am Sudhaus 2
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Tel.: 030 288756510
s.keindorf@kos-qualitaet.de

Anna Hutnik
Projektkoordinatorin Erweiterte Lernwelten –
Digitale Bildung in NRW beim Landesverband
der Volkshochschulen von NRW e. V.
Bismarckstraße 98
40210 Düsseldorf
Tel.: 0211 54214135
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Autor

Frank Stefan Krupop
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