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(Heft 1/2021)
Zwei Ministerien der Landesregierung in Nordrhein-Westfalen steuern bundesweites Pilotprojekt, das den Berufswahlpass vom Ringbuchordner zum digitalen Werkzeug macht

Brückenbau ins Digitale: „berufswahlapp“ modernisiert die Berufliche Orientierung von jungen Menschen

Seit fast 20 Jahren dokumentieren Schülerinnen und Schüler ihre Erfahrungen in der Beruflichen Orientierung in einem analogen Ordner. 2022 wird ein digitales Werkzeug zur Verfügung stehen, von dem die Beteiligten sich große Impulse im Prozess der Beruflichen Orientierung bis zum Übergang in Ausbildung oder Studium versprechen. Die Entwicklung des Berufswahlpasses zur berufswahlapp begleiten und testen acht Bundesländer, die Führung des Projektkonsortiums liegt in den Händen der Landesregierung Nord­rhein-Westfalens.

Brücken zu bauen ist ein komplexer Prozess, der die Expertise vieler Beteiligter erfordert. In einem nicht minder anspruchsvollen Vorhaben entwickelt ein Projektkonsortium mit der berufswahlapp ein wichtiges Instrument zur Stärkung und Unterstützung der Beruflichen Orientierung, das ab 2022 zur Verfügung stehen wird. Beinahe zwei Jahrzehnte lang war der sogenannte Berufswahlpass (BWP) als analoger Ordner ein zentrales Hilfsmittel für Schülerinnen und Schüler ab dem 7. oder 8. Jahrgang, um ihren Weg in Ausbildung, Studium und Beruf vorzubereiten. Darin sammeln und bewerten sie ihre individuellen Erfahrungen aus Potenzialanalyse, Berufsfelderkundungen und betrieblichen Praktika. Seit Oktober 2018 bauen acht Bundesländer, die Bundesagentur für Arbeit, das Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) und die Bundesarbeitsgemeinschaft Berufswahlpass unter Federführung des Landes Nord­rhein-Westfalen dem Ordner mit einem neuen Portfolio-Konzept eine Brücke in die digitale Welt.
 


Anja-Karliczek_BMBF-aktuell.jpgSehen und dokumentieren, was man gemacht hat. Herausfinden, wohin die Reise gehen könnte. Nicht nur für einen selbst, auch für andere – das alles macht der Berufswahlpass 4.0 möglich. Mit neuen Funktionen und einer jugendgerechten Gestaltung begleitet er junge Menschen digital auf ihrem Weg ins Arbeits- und Berufsleben. Er ist ein wichtiges Hilfsmittel für Jugendliche bei ihrer Berufswahl.

Wir haben den Berufswahlpass 4.0 digital entwickelt: Jugendliche können jetzt jederzeit auf ihren Berufswahlpass zugreifen – über den Internetbrowser oder über eine App – und damit individuell Informationen über sich, ihre Vorstellungen von ihrem zukünftigen Berufsweg und Praktika eintragen.

Der Berufswahlpass 4.0 wird von Bund und Ländern gemeinsam entwickelt. Er ist Teil der Initiative Bildungsketten, die den Übergang von der Schule in das Berufsleben erleichtern soll. Sie unterstützt junge Menschen insbesondere in den Übergangsphasen zwischen Schule und Ausbildung oder Studium. Damit jede und jeder ihre und seine Talente entfalten und erfolgreich in den Beruf starten kann.

Anja Karliczek
Mitglied des Deutschen Bundestages
Bundesministerin für Bildung und Forschung



Das Ergebnis des Projekts „Berufswahlpass 4.0“ soll zu Beginn des Jahres 2022 als „berufswahlapp“ an den Start gehen. Sie ist dann über den Browser aufzurufen und läuft als Progressive Web App sowohl auf stationären Endgeräten als auch auf dem Smartphone. „Mit der ,berufswahlapp‘ reichern wir die Vorzüge des klassischen Portfolios zusätzlich mit den Potenzialen digitaler Medien an“, sagt Dr. Jens Stuhldreier. Er leitet das Referat „Berufliche Orientierung, Übergang Schule – Beruf“ im Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales (MAGS) in Nordrhein-Westfalen, das gemeinsam mit dem Ressort für Schule und Bildung (MSB) die Federführung im Projektkonsortium innehat. Trotz des in Deutschland föderal organisierten Bildungswesens besitzt der Berufswahlpass eine Tradition als übergreifendes Anliegen, ist Standard in 14 Bundesländern, die als Bundesarbeitsgemeinschaft Berufswahlpass den Berufswahlpass herausgeben und das Projekt berufswahlapp angeschoben haben. Die besondere Bedeutung des Projekts „berufswahlapp“ zeigt sich nicht zuletzt in der Finanzierung aus Mitteln des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF).

Ausgangspunkte für die berufswahlapp sind der Berufswahlpass, der in die Hauptbereiche „Angebote zur Berufsorientierung“, „Mein Weg zur Berufswahl“, „Dokumentation“ und „Hilfen zur Lebensplanung“ untergliedert ist, und die zuletzt 2020 vom Land Nord­rhein-Westfalen überarbeitete, hybride Variante BWP 3.0 für die Sekundarstufe I. Beide Ringordner liegen zwar inzwischen auch in nicht-physischer Form als barrierefreies PDF-Dokument vor. Ein digitales, interaktives Werkzeug werde der Pass aber erst durch die Verwandlung zur „berufswahlapp“, betont Dr. Alfred Lumpe. Als Weiterentwicklung des BWP 3.0 begleitet die „berufswahlapp“ die Jugendlichen zudem nicht mehr nur bis zum Ende der Sekundarstufe I oder II, sondern teilweise über den Schulabschluss hinaus. „Wir hoffen, dass die hybride Form ansprechender und motivierender auf die Jugendlichen wirkt“, sagt Anja Esser, Referatsleiterin „Berufliche Orientierung, Übergang Schule – Beruf“ im Ministerium für Schule und Bildung in Nordrhein-Westfalen. Ihr Ministerium begleite den Prozess intensiv und mit der nötigen Expertise vieler Mitarbeitenden, die häufig abgeordnete Lehrkräfte sind und „die Abläufe in den Schulen und ihre Bedarfe gut kennen.“ Entsprechend hat das Schulministerium für Lehrkräfte eine Arbeitsgruppe zur schulfachlichen Begleitung der App-Entwicklung initiiert.

Mit Digitalisierung den „Übergang in den Beruf besser organisieren“
 

In diesem März blicken die Beteiligten mit Spannung auf die Auswertung der ersten Testphase, zwei weitere werden bis Jahresende folgen. Die Erwartungen sind hoch, soll die App auf Tablets, Computern und auch Smartphones doch viel mehr als lediglich ein Speicherort für eingescannte Arbeitsblätter oder Dokumente sein. „Nach dem modernen Verständnis von Bildungsprozessen“, sagt Dr. Alfred Lumpe, „tragen Lernende eine hohe individuelle Verantwortung dafür, was und wie sie lernen und welche Konsequenzen sie aus dem Gelernten ziehen. Durch intelligent umgesetzte Digitalisierung können Jugendliche sich und auch ihren Übergang in den Beruf besser organisieren.“ Als Vorsitzender der Bundesarbeitsgemeinschaft Berufswahlpass übersieht er dessen Geschichte seit der Entstehung. Über die Jahre hat die Berufliche Orientierung Eingang in die Curricula der Schulen gefunden, auch wenn sie nicht im Rang eines Unterrichtsfaches wie beispielsweise Mathematik ist. Sie bedeutet für die Schulen eine wichtige und fächerübergreifende Querschnittsaufgabe. Dabei darf jede Fortentwicklung des Berufswahlpasses – unter Begleitung der Bundesarbeitsgemeinschaft und des BIBB – auch als Ausdruck weiterer Professionalisierung der schulischen Berufsorientierung verstanden werden.
 


karl-josef_laumann.jpgDas Nutzungsverhalten Jugendlicher hat sich durch neue Möglichkeiten und Chancen digitaler Medien verändert. Vor diesem Hintergrund wird der Berufswahlpass, als wichtiges Instrument für Jugendliche in der Beruflichen Orientierung, neu konzipiert und digitalisiert.

Darauf hat sich die Bundesarbeitsgemeinschaft Berufswahlpass zusammen mit dem Bund, acht Bundesländern und der Agentur für Arbeit verständigt und ein Projektkonsortium zur Entwicklung gegründet. Die Nutzung des Berufswahlpasses 4.0 soll als App und elektronisches Portfolio ab 2022 allen Bundesländern ermöglicht werden. Die Federführung für die Entwicklung liegt beim Land Nordrhein-Westfalen.

Der neue Ansatz sieht vor, den Berufswahlpass als ein Lernkonzept umzusetzen, mit dem die schulische und außerschulische Kompetenzentwicklung digital begleitet wird. Ziel ist, das ursprüngliche Portfolio weiterzuentwickeln und auf einer internetbasierten, auf mobilen wie stationären Endgeräten nutzbaren Lernumgebung abzubilden.

Damit junge Menschen ihre Potenziale entfalten können und einen guten Start ins Berufsleben haben, werden sie durch den Berufswahlpass 4.0, insbesondere in den Übergangsphasen zwischen Schule und Ausbildung oder Studium unterstützt.

Karl-Josef Laumann
Minister für Arbeit, Gesundheit und Soziales
des Landes Nordrhein-Westfalen



Aus Sicht des beauftragten Wissenschafts­teams solle die App den aktuellen Forschungsstand abbilden, wie digitale Medien das Lehren und Lernen im Prozess der Beruflichen Orientierung fördern können. „In der ,berufswahlapp‘ fließt jetzt zusammen, was technisch möglich und didaktisch sinnvoll ist“, sagt Dr. Christian Staden von der Universität Bremen. Er gehört zum Beratungsteam unter der Leitung von Prof. Dr. Tim Brüggemann von der Fachhochschule des Mittelstands (FHM) Bielefeld, das mit der wissenschaftlichen Begleitung und mediendidaktischen Konzeption beauftragt ist. Sie kooperieren mit Manuel Epker vom Institut für Bildungskooperation in Münster. Gemeinsam bearbeiten sie zwei der fünf vergebenen Teilaufträge; die anderen sind IT-Umsetzung, Design und Erprobung. Dr. Christian Staden will bei der Konzeption der App keine der beiden Hauptzielgruppen aus den Augen verlieren. Einerseits benötigten Schülerinnen und Schüler ein Dokumentations- und Reflexionsmedium, Lehrkräfte müssten andererseits das Instrument gut in den Unterricht zur Beruflichen Orientierung implementieren können.

Mobilität als Pluspunkt: Portfolio ist stets zur Hand
 

Der Unterricht steht dieser Tage unter dem Einfluss der Corona-Pandemie. Entsprechend fänden auch Berufliche Orientierung und Portfolio-Arbeit immer weniger vor Ort statt, gibt Matthias Köhler zu bedenken. Der pädagogische Mitarbeiter im Referat von Anja Esser im MSB sieht die App daher neben dem gedruckten BWP als ein weiteres Puzzlestück, Begleitung und Beratung der Jugendlichen auch online und auf Distanz möglich zu machen. Ein Vorteil liege in der Mobilität. „Schülerinnen und Schüler haben ihr Portfolio in der App leicht zur Hand, sei es bei Beratungsgesprächen, im Berufskolleg, im Austausch mit der Agentur für Arbeit oder bei einem Wechsel der Schulform.“ Der Ordner dagegen könne im ungünstigen Fall eingeschlossen in einem Schrank in der Schule stehen oder in einem Kinderzimmerregal ins zweite Glied rücken.

Dabei gerät der analoge Ordner schuldlos in temporäre Vergessenheit. Gemäß Konzept steckt er voller wegweisender Informationen, von Beginn an. Auf die Ergebnisse der Potenzialanalyse in Klasse 8 etwa sollen Kinder gemeinsam mit ihren Eltern in der App viel leichter schauen können. Die Erkenntnisse geben nicht nur wertvolle Hinweise darauf, ob die Talente und Interessen der jungen Menschen eher Richtung Büro oder Werkbank tendieren. Nach Dr. Alfred Lumpe sei es für den Lebensweg der Schülerinnen und Schüler auch enorm wichtig, „die Selbstwahrnehmung zu schärfen: Was kann ich, wer bin ich, wie organisiere ich mich, wie lerne ich und wie sehe ich mich?“ Die „berufswahlapp“ will mit bestimmten Features helfen. So ist es aus Sicht von Dr. Christian Staden denkbar, zusätzlich zur Selbsteinschätzung der Jugendlichen auch ihnen nahestehende Menschen aus Familie oder Freundeskreis einzubeziehen. In einer Art Übereinstimmungsspiel entstehe so eine Schnittmenge zugeschriebener Eigenschaften, die ein „mehrstimmiges, aber stimmiges Bild“ über die jungen Menschen zeichnet. Wer den Einladungslink zu dieser Selbst- und Fremdeinschätzung erhält, bestimmen dabei die Jugendlichen.

Höhere Attraktivität durch gut dosierte Gamification
 

Spielelemente – Fachbegriff Gamification – einzuführen, bietet sich in einer App für eine junge Zielgruppe förmlich an. „Spannend“ findet Daniel Fiebig, Lehrer der an der Erprobung beteiligten Wilhelm-Bracke-Gesamtschule Braunschweig und Teil der Inhalt-AG im Projektkonsortium, diesen Ansatz. „Er kann für viele der Öffner sein, sich eher mit der App als mit dem Ordner zu befassen.“ Fortschrittsbalken etwa dienen dazu, die Jugendlichen zum vollständigen Beenden einer Aktion oder Aufgabe zu bewegen. An diesem Punkt zeigt sich aber auch, wie wichtig die Erprobungsphasen innerhalb des Projekts sind. So hat Daniel Fiebig im App-Test mit seinen Schülerinnen und Schülern herausgefunden, dass gewisse Funktionen auch unerwünschtes Abschweifen auslösen können. So belohnt die App das Bearbeiten von Aufgaben mit Punkten, etwa bei Fragen zu speziellen Charakteristika von Berufen. Wer dabei findig ist, kann viele Aufgaben mit wenig Inhalt erledigen und dadurch eine Menge Punkte erzielen. „Daraufhin haben wir zurückgemeldet, für das Punkte­sammeln eine Obergrenze einzuführen, denn es darf kein Selbstzweck sein“, sagt Daniel Fiebig. „Die Jugendlichen sollen darüber vielmehr ein Berufsfeld finden und einen Beruf aussuchen, der zu ihnen passt und der sie anspricht.“
 


Portrait-Ministerin-Fahnen.jpgDer Übergang von der Schule in die Arbeitswelt ist der zentrale Schritt hin zu einer erfolgreichen beruflichen Laufbahn.

Daher freue ich mich, dass die „berufswahlapp“ bald in Nordrhein-Westfalen und auch bundesweit zur Verfügung steht und unsere Schülerinnen und Schüler in dieser wichtigen Phase unterstützt.

Mit der App werden die Vorteile der Digitalisierung für die Berufliche Orientierung optimal
genutzt. Im Mittelpunkt steht dabei die Leitidee des selbst organisierten Lernens.

Mithilfe der Portfolio-Arbeit lässt sich bereits in der Schule der Übergang in die Arbeitswelt individuell planen, begleiten und reflektieren. So wird die Berufliche Orientierung als Entwicklungsaufgabe, und zwar als lebensbegleitende Entwicklungsaufgabe verstanden. Mit entsprechenden Begleitmaterialien und einem umfassenden Onboarding für alle Nutzergruppen wollen wir die Arbeit unserer engagierten Lehrkräfte im digitalen Lehren und Lernen zusätzlich unterstützen.

Die „berufswahlapp“ knüpft an die Lebenswelt der Jugendlichen an.
Ich bin sicher, dass sie unseren Berufswahlpass noch attraktiver macht, und hoffe, dass viele Schülerinnen und Schüler hiervon profitieren.

Yvonne Gebauer
Ministerin für Schule und Bildung
des Landes Nordrhein-Westfalen



Derartige Rückmeldungen der Schulen gehen an die vom Land Nordrhein-Westfalen getragene Gesellschaft für innovative Beschäftigungsförderung (G.I.B.), der die operative Projektleitung und -umsetzung unter der Leitung von Friedel Damberg obliegt. Zur Durchführung der Erprobungen wurde das Berliner Forschungs- und Beratungsunternehmen Interval beauftragt. „Wir setzen die Befragungen für die begleitende Evaluation um“, sagt Interval-Bereichsleiter Dr. Jörn Sommer. Die Evaluation ziele besonders darauf ab herauszufinden, welche Funktionen in der „berufswahlapp“ bereits zielführend angelegt seien und wo Bedarf einer Nachsteuerung bestehe. „Unsere wichtige Botschaft ist, dass die bisher entwickelte Version auf Akzeptanz in den Schulen trifft“, sagt Dr. Jörn Sommer. Zu etwa 80 Prozent hätten die Testklassen eine positive Bestätigung übermittelt, aktuell gehe es also um „Optimierungen im Detail“. Das sei umso bemerkenswerter, da es sich um einen ersten Eindruck von einer unfertigen Testvariante handele – nämlich dem Minimum Viable Product (MVP), dem minimal funktionsfähigen Produkt. Wenn im März die letzten Rückmeldungen aus den Bundesländern zu dieser Basisversion einlaufen, befindet die „berufswahlapp“ sich bereits auf einer neuen Entwicklungsstufe und damit auf dem Weg in die zweite Erprobung.

So viele Wünsche von Lehrkräften und Jugendlichen wie möglich realisieren
 

Eine solche Nachsteuerung ist zum Beispiel das Design des Reflexionsraums in der App. Er ist gedacht für die Auseinandersetzung der Jugendlichen mit ihren Erfahrungen im Prozess der Berufsorientierung, zum Beispiel mit dem abgeleis­teten Praktikum. „Digitalisierung des Berufswahlpasses heißt nun nicht, in einer Datei einfach einen Bericht darüber zu schreiben, wie die Arbeitsumgebung ausgesehen hat“, so Dr. Jörn Sommer. Die App bietet in einer Weiterentwicklung stattdessen aktivierende Auswahlmöglichkeiten an. In Storys können die Schülerinnen und Schüler entscheiden, ob sie den Praktikumsplatz mit Fotos, einem Video oder Text beschreiben möchten. Für den Austausch über konkrete Themen hat die G.I.B. allein in der ersten Erprobungsphase sieben Videokonferenzen mit den beteiligten Schulen und Dienstleistungsunternehmen veranstaltet. „Ein großer Wunsch der Lehrkräfte war es beispielsweise, eine digitale Pinnwand in der App zu verwirklichen, an die Schülerinnen und Schüler erledigte Aufgaben anheften können“, sagt Uta Fiedler, bei der G.I.B. an der Schnittstelle von Entwicklung und Erprobung tätig. Beim Thema Pinnwand kommt der wichtige Aspekt des Datenschutzes zum Tragen. Denn als individuelles Werkzeug bleiben die Inhalte der App grundsätzlich vor dem Zugriff von außen verschont. Es sei denn, die Jugendlichen erlauben aktiv bestimmten Beteiligten wie Lehrkräften oder der Berufsberatung der Arbeitsagentur bei Bedarf die Einsichtnahme. Dies ist von elementarer Bedeutung für die Akzeptanz der App. „Verschiedene Schulen haben betont, dass die Lehrkräfte ihren Schülerinnen und Schülern nicht helfen könnten, wenn sie von den bearbeiteten Materialien nichts zu Gesicht bekommen“, sagt Uta Fiedler. Mit der Pinnwand sei es nun gelungen, Lernfortschritte oder Verständnisprobleme im Berufsorientierungsprozess für die Lehrkräfte sichtbar zu machen. Uta Fiedler: „Wir versuchen zu realisieren, was die Lehrkräfte an Wünschen an uns herantragen.“

Der im Projekt implementierte agile Kommunikations- und Abstimmungsprozess hilft, Themen von unterschiedlicher Bedeutung schnell anzugehen. Und es gibt viele Themen abzuarbeiten: Barrierearmut, das Verwenden einfacher Sprache, sinnvolle Farbgebung und Kontrastierung oder die Achtsamkeit bei Illustrationen, um stereotype Darstellungen der Geschlechter auszuschließen. Kurz vor Ende der ersten Erprobungsphase hatte Uta Fiedler mit einem Kollegen bei der G.I.B. bereits mehr als 1.700 solcher Anforderungen (auch User-Story genannt) formuliert und in Arbeitsaufträge an IT und Wissenschaft überführt. „Der Vorteil an einem agilen Vorgehen wie unserem ist, dass wir Themen jederzeit verändern, umwerfen oder vorziehen können“, sagt Jasmin Schmid, Projektleiterin beim beauftragten IT-Unternehmen Sunzinet AG mit Hauptsitz in Köln. Sie lobt die Qualität des intensiven Austauschs, der für das Programmieren und Gestalten der App förderlich sei. Grundsätzlich gebe es keine Ruhephasen. „Sobald wir ein Release in die zweimonatige Erprobung herausgegeben haben, entwickeln wir bereits die nächste Version und arbeiten dazu laufend Verbesserungswünsche ein“, sagt Jasmin Schmid. Als äußerst praktikabel habe sich dabei herausgestellt, so Dr. Christian Staden von der Universität Bremen, den Lehrkräften so etwas wie ein Kochrezept für das jeweilige Release an die Hand zu geben. Das Handbuch zur Erprobung erklärt zum einen, „wie wir uns einen idealen Einsatz der App in der Unterrichtssituation vorstellen“, sagt Dr. Christian Staden. Zum anderen gehe es um eine Schritt-für-Schritt-Anleitung, die eine „technisch akzentuierte Rückmeldung erlaubt“. Dies versetzt Lehrkräfte in die Lage, einen umfangreichen Fragebogen im Zuge der Erprobung etwa zur Funktionalität und Nutzerfreundlichkeit lückenlos zu beantworten.

Kooperatives Projekt dieser Größenordnung von herausgehobener Bedeutung
 

Ein online zugängliches Projekt-Wiki steht für Dr. Jens Stuhldreier vom MAGS auch stellvertretend für das Erproben „neuer Informations- und Kommunikationsformate, die dem Anspruch eines agilen Projektmanagements entsprechen sollen.“ Die Beteiligten könnten so den Fortschritt der Arbeiten auf wissenschaftlichem und mediendidaktischem Gebiet in crossmedialer Form nachvollziehen. Eine weitere Schnittstelle ist eine Cloud-Lösung der G.I.B., die den Stand des Projekts und auch des App-Designs laufend aktualisiert. Auch andere Möglichkeiten zum Austausch innerhalb des Projektkonsortiums und zur Koordination der Arbeit sind online eingerichtet beziehungsweise Teil der in regelmäßigen Abständen anberaumten Treffen. Für das MAGS, resümiert Dr. Jens Stuhldreier, habe die „berufswahlapp“ eine „herausgehobene Bedeutung unter den Aktivitäten, die im Zuge der Berufsorientierung gezielt den Erwerb von Berufswahlkompetenz unterstützen sollen“. Den Pilotcharakter der „berufswahlapp“ hebt auch Matthias Köhler vom MSB hervor: „Es gibt nicht viele kooperative Projekte dieser Größenordnung.“ Angesichts des umfassenden Anspruchs der „berufswahlapp“ spricht Prof. Dr. Tim Brüggemann, Leiter der wissenschaftlichen Begleitung, von einem „der anspruchsvollsten Projekte, an denen ich je gearbeitet habe, weil es für etliche Bundesländer mit zahlreichen verschiedenen rechtlichen Grundlagen Anwendung finden soll.“

Der Zeitplan ist klar definiert. Testversion zwei soll nach Ostern an die Schulen gehen, das dritte Release folgt im Spätsommer und stellt bereits die finale Version dar. „Bis Ende Dezember ist dann noch Luft nachzujustieren“, so Jasmin Schmid vom zuständigen IT-Unternehmen Sunzinet AG. Die finale Version wollen zunächst die acht im Konsortium vertretenen Bundesländer sukzessive ab 2022 einführen, die restlichen acht Bundesländer haben Interesse bekundet, ihnen nachzufolgen. Anja Esser vom Schulministerium in Nordrhein-Westfalen sagt mit Blick auf die Einführung der „berufswahlapp“: „Wir glauben, dass sehr viele Schulen sehr bald mit dem digitalen Portfolio-Instrument arbeiten werden, auch wenn der Ordner noch eine gewisse Zeit im Einsatz bleiben darf.“ Weiter führt sie aus, dass „die Landesregierung die „berufswahlapp“ in nächster Zeit noch intensiver an die Schulen und Lehrkräfte in Nordrhein-Westfalen herantragen wird.“ Denn auch hier ist ein Brückenbau nötig: Mit flankierenden Onlinetutorials, Videos und Fortbildungen soll den Lehrkräften der Übergang vom Ordner Berufswahlpass zur interaktiven „berufswahlapp“ leicht gemacht werden, damit sie die Berufliche Orientierung und Berufswahlkompetenz ihrer Schülerinnen und Schüler bestmöglich fördern und digital unterstützen können.

Ansprechpersonen in der G.I.B.

Friedel Damberg
Tel.: 02041 767150
f.damberg@gib.nrw.de

Sören Ellerbeck
Tel.: 02041 767171
s.ellerbeck@gib.nrw.de

Uta Fiedler
Tel.: 02041 767168
u.fiedler@gib.nrw.de

Daniel Susewind
Tel.: 02041 767225
d.susewind@gib.nrw.de

Katharina Wagner
Tel.: 02041 767181
k.wagner@gib.nrw.de

Kontakte

Ministerium für Arbeit, Gesundheit und
Soziales des Landes Nordrhein-Westfalen
Referat Berufliche Orientierung,
Übergang Schule – Beruf
Dr. Jens Stuhldreier, Leitung
Fürstenwall 25
40219 Düsseldorf
Tel.: 0211 8553224
jens.stuhldreier@mags.nrw.de

Ministerium für Schule und Bildung
des Landes Nordrhein-Westfalen
Referat Berufliche Orientierung,
Übergang Schule – Beruf
Anja Esser, Leitung
Völklinger Straße 49
40221 Düsseldorf
Tel.: 0211 58673566
anja.esser@msb.nrw.de

Bundesarbeitsgemeinschaft Berufswahlpass
Dr. Alfred Lumpe, Vorsitzender
Altmühlweg 3a
22393 Hamburg
Tel.: 040 6406041
alfredlumpe@aol.com

Fachhochschule des Mittelstands Bielefeld
Prof. Dr. Tim Brüggemann, Prorektor
Ravensberger Straße 10 G
33602 Bielefeld
Tel.: 0521 96655188
brueggemann@fh-mittelstand.de

Universität Bremen
Institut Technik und Bildung
Dr. Christian Staden
Am Fallturm 1
28359 Bremen
Tel.: 0421 21866302
staden@uni-bremen.de

Interval GmbH Forschungsberatung
Dr. Jörn Sommer, Bereichsleiter
Brunnenstraße 181
10119 Berlin
Tel.: 030 39779700
j.sommer@interval-berlin.de

Sunzinet AG Lead Agentur
Jasmin Schmid, Projektmanagerin
Schanzenstraße 23
51063 Köln
Tel.: 0221 355009672
Jasmin.Schmid@sunzinet.com

Wilhelm-Bracke-Gesamtschule
Daniel Fiebig
Rheinring 12
38120 Braunschweig
Tel.: 0531 4704600
daniel.fiebig@bracke-igs.de

Autor

Volker Stephan
Tel.: 0173 3679157
post@volker-stephan.net
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