(Heft 4/2020)
Erfolgreiche Inklusion ist auch eine Frage der Haltung

Hotel Vivendi

Im Seminar- und Tagungszentrum des Softwareherstellers Connext in Paderborn arbeiten 30 Mitarbeitende in Küche, Service, Housekeeping und Haustechnik. Das Besondere: die Hälfte hat ein Handicap.

Ein Softwareunternehmen eröffnet ein integratives Hotel
 

Die Connext Communication GmbH ist ein IT-Unternehmen mit 270 Mitarbeitenden, das Einrichtungen und Träger der Sozial- und Gesundheitswirtschaft mit der Software Vivendi unterstützt. Sie kommt in 12.000 sozialen Einrichtungen zum Einsatz. Anwender in Kitas, Pflegeheimen, Beratungsstellen sowie Wohngruppen planen täglich Maßnahmen, dokumentieren Pflegeleistungen und werten Unternehmenskennzahlen damit aus. Mit rund 300.000 Anwendern ist das Unternehmen Marktführer für sozialwirtschaftliche Software. Um den Umgang mit ihr kennenzulernen, werden die Anwender regelmäßig geschult. Und da die Nachfrage nach klassischen Seminaren in Präsenzform weiterhin sehr hoch ist und digitale Formate den persönlichen Kontakt nicht gänzlich ersetzen können, errichtete das Unternehmen am Firmensitz in Paderborn ein eigenes Seminar- und Tagungszentrum – das Hotel Vivendi.

Angebote für Menschen mit Behinderung schaffen
 

Schon vor der Grundsteinlegung stand für Connext-Geschäftsführer Jörg Kesselmeier eines fest: „Wir wollten in unserem Hotel Menschen eine Chance geben, die es auf dem ersten Arbeitsmarkt schwer haben.“ Darüber hinaus wurde beim Bau des Hotels viel Wert auf die Barrierefreiheit gelegt. Jeder soll die Möglichkeit haben, alle Bereiche im Hotel bequem zu erreichen. Ein Mitarbeitender, selbst Rollifahrer, prüfte die Zugänglichkeit auf Herz und Nieren. Auch habe man vor der Eröffnung des Hotels im Mai 2019 bewusst darauf verzichtet, die Reinigung und das Catering an Fremdfirmen zu vergeben. Alle Arbeiten rund um das Haus übernehmen eigene Mitarbeitende. „Als mittelständisches Unternehmen möchten wir gesellschaftliche Verantwortung übernehmen, indem wir individuelle Talente fördern und Teilhabe ermöglichen“, erklärt Kesselmeier die Haltung von Connext. Und so arbeiten im Team mittlerweile 15 Menschen mit Behinderung, die im Housekeeping, Service, in der Küche und Haustechnik eingesetzt sind. Das bringt auch neue Herausforderungen mit sich, mit denen das Team umgehen lernen muss.

Gut, dass bei der Auswahl des Hotelmanagers genau hingeschaut wurde. Denn Thomas Ihde, Hotelbetriebswirt und Manager im Hotel Vivendi, war bereits in anderen integrativen Häusern tätig und konnte dort viele Erfahrungen in der Zusammenarbeit mit Menschen mit Handicap sammeln. Als stellvertretender Hotelleiter des Integrationshotels Kochsberg führte der 33-Jährige sogar ein Team von zwanzig Mitarbeitenden. „Die Arbeit mit Menschen mit Handicap war zwar oft nicht leicht, hat mir aber immer sehr viel Freude bereitet. Ich musste jeden Einzelnen mit seinen persönlichen Eigenschaften und Fähigkeiten sehen, motivieren und mitnehmen. Dabei habe ich viel gelernt“, erklärt Ihde. Im Hotel Vivendi bekamen der Hotelmanager und sein Team Unterstützung von außen, vom Integrations- und Beratungszentrum (IBZ) Paderborn und vom Landschaftsverband Westfalen-Lippe, der für den Betreuungsaufwand und den Mindestausgleich der Mitarbeitenden mit Behinderung aufkommt.

Von Beginn an für ein gutes Gefühl sorgen
 

Um zu entscheiden, wer für die Arbeit im Hotel infrage kommt, nahm das Unternehmen die Hilfe des IBZ Paderborn in Anspruch, welches dem Unternehmen potenzielle Kandidaten für ein Vorstellungsgespräch vorschlug. Wichtig hierbei: Die ohnehin angespannte Situation eines Vorstellungsgesprächs für die Bewerberinnen und Bewerber mit Behinderung möglichst angenehm zu gestalten. Dafür sorgt auch eine Betreuungsperson des IBZ, die grundsätzlich an diesen Gesprächen teilnimmt. Haben nach dem ers­ten Kennenlernen beide Seiten ein positives Gefühl, absolvieren die Kandidaten ein Praktikum, um sich mit der Tätigkeit und der neuen Umgebung vertraut zu machen. Hierbei bekommen sie regelmäßig Besuch von einem Betreuer des IBZ, der sie auch mal bei einem Arbeitstag begleitet, um sich ein Bild vor Ort zu machen. Das sei für die Mitarbeitenden mit Behinderung ebenso wichtig wie für das Unternehmen. „Vor allem psychische Erkrankungen, die eben nicht unmittelbar erkennbar sind, können in einem inklusiven Team zu Unsicherheiten führen. Umso wichtiger war es, beim IBZ einen festen Ansprechpartner für solche Fragen zu haben. Das hat uns allen mehr Sicherheit und Vertrauen gegeben“, so Hotelmanager Thomas Ihde. Denn einige der Mitarbeitenden haben in der Vergangenheit auch die ein oder andere schlechte Erfahrung gemacht. Unter anderem sahen sie sich mit Mobbing konfrontiert. So können Veränderungen zu weiteren Unsicherheiten führen, sodass einige Mitarbeitende entsprechend zurückhaltend in den neuen Job im Hotel starten. „Wir konnten aber schon nach wenigen Wochen feststellen“, erinnert sich Ihde, „dass sie ihre Unsicherheit zunehmend ablegten.“ Teammitglieder ermunterten besonders schüchterne Kolleginnen und Kollegen dazu, einfach mal durch das Hotel zu gehen und die Gäste zu begrüßen. Eine kleine Übung, die banal klingt, aber große Wirkung zeigte. „Sie haben dann ihre Ängste abbauen können, was ihnen mehr Selbstsicherheit gab“, sagt Ihde.

Das Beispiel des Hotels Vivendi zeigt, dass mindestens genauso wichtig wie die entsprechende Unterstützung von außen die eigene Haltung gegenüber Menschen mit Behinderung für eine erfolgreiche Inklusion ist. „Anders könne es auch gar nicht funktionieren“, resümiert der Hotelmanager. Ein gewisses Maß an Rücksicht im Umgang mit beeinträchtigten Menschen setzt das Hotelteam aber auch bei seinen Gästen voraus. Als sich eines Tages ein Hotelgast über das Arbeitstempo eines Kollegen mit Handicap beschwerte, stand das ganze Team verblüfft da. Solle man die Gäste lieber darauf hinweisen, dass man mit Inklusionskräften arbeite? Die Entscheidung war klar: Nein. „Denn die Vielfalt unseres Teams ist kein Handicap, sondern unsere Stärke,“ resümiert Thomas Ihde.

Ansprechpersonen in der G.I.B.

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Kontakt

Hotel Vivendi
Balhorner Feld 11
33106 Paderborn
Thomas Ihde
Tel.: 05251 771133
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Autor

Nils Strodtkötter
nils.strodtkoetter@web.de
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