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(Heft 4/2020)
Arbeiten auf dem Großmarkt mit ADHS

Auf die richtige Perspektive kommt es an

Seit seiner Kindheit lebt der 23-jährige Halilcan Aldirmaz mit ADHS – auch bekannt als Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung. Mit Unterstützung der ProjektRouter gGmbH absolvierte er eine betriebliche Qualifizierung bei der Früchte Heep GmbH auf dem Kölner Großmarkt am Bonntor.

Es ist ein verregneter Freitagmorgen, an dem das Treffen mit Halilcan Aldirmaz auf dem Kölner Großmarkt stattfindet. Während für den Großteil der arbeitenden Bevölkerung der Arbeitstag jetzt beginnt, endet die Nachtschicht des jungen Deutschtürken. Müdigkeit kann man bei dem lebhaft und zufrieden wirkenden Aldirmaz nur erahnen. Doch das war nicht immer so. „Die ersten vier Wochen waren hart“, weiß Aldirmaz noch genau. Daran müsse man sich erstmal gewöhnen – zu arbeiten, wenn man normalerweise schlafen würde. Da Aldirmaz aber grundsätzlich eher abends munter ist, hat er mit dem jetzigen Rhythmus weniger Probleme als in seiner vorherigen Tätigkeit. „Da musste ich morgens um sieben Uhr schon auf der Arbeit sein. Das war nichts für mich.“

Über die Gemeinnützigen Werkstätten Köln GmbH arbeitete er nach seinem Hauptschulabschluss für ein Jahr im Garten- und Landschaftsbau. Weil er sich aber unter anderem wegen der frühen Arbeitszeiten dort nicht wohl fühlte, brach er die Tätigkeit in der Werkstatt für Menschen mit Behinderung ab. Danach wurde es beruflich zunächst ruhig für Aldirmaz. Zu ruhig für einen Menschen, dem aufgrund seiner psychischen Erkrankung Beschäftigung guttut. „Wenn ich nichts zu tun habe, spüre ich dieses unangenehme Gefühl in mir, das größer und größer wird“, beschreibt Aldirmaz die Unruhe, die ihm dann zusetzt. Wird die Unruhe zu groß, hilft ihm sein Hobby. Der Hip-Hop-Fan schreibt eigene Rap-Texte, die er bei Treffen mit seinen Kumpels zum Besten gibt. Zwar habe ihn das in dieser schwierigen Phase ablenken können, doch er wusste auch, dass er noch etwas anderes brauchte – eine Perspektive. Und die ergab sich vor knapp drei Jahren ganz unverhofft.

„Unterstützte Beschäftigung“ – ein Weg auf den ersten Arbeitsmarkt
 

Zu Früchte Heep fand Aldirmaz durch seinen Vater. Der arbeitet selbst schon seit geraumer Zeit für den Betrieb und wusste, dass das Nichtstun kontraproduktiv für seinen Sohn war. Deshalb bat er seinen Chef um einen Aushilfsjob für Aldirmaz. Und schon nach zwei Wochen Probearbeit war man bei Früchte Heep überzeugt genug, um ihm ein Angebot zu unterbreiten. Eine Kollegin seines Vaters wusste von einem bestimmten Unterstützungsangebot der Arbeitsagentur – „Unterstützte Beschäftigung (UB)“. Das ist eine Qualifizierung, die die Arbeitsagentur Menschen anbietet, die bedingt durch Beeinträchtigungen einen individuellen Coachingrahmen benötigen. An dieser Stelle kommt die ProjektRouter gGmbH ins Spiel. Als Inklusionsdienstleister bringt sie beeinträchtigte Menschen und Wirtschaftsbetriebe zusammen, indem sie beide Seiten beim Aufbau sowie der Umsetzung maßgeschneiderter beruflicher Wege unterstützt.

„Die UB ist ein wichtiger Baustein der Arbeitsagentur, in dem Menschen in Betrieben qualifiziert werden, bei denen noch unklar ist, ob sie den Sprung in eine Beschäftigung auf den ersten Arbeitsmarkt schaffen“, erklärt Inklusionscoach Rosanna D’Ortona. Die UB ist also keine zertifizierte Ausbildung, sondern eine betriebliche Qualifizierung für eine sozialversicherungspflichtige Stelle. Wichtig hierbei ist, dass sich bei Projekt­Router die Betriebe bei entsprechendem Leistungsanstieg an der Lohnzahlung beteiligen. Denn das sende den beeinträchtigten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern eine bedeutende Botschaft. „Sie werden als vollwertige Arbeitskraft anerkannt. Das gibt ihnen einen enormen Schub fürs Selbstvertrauen“, so D‘Ortona. Davon profitierte auch Aldirmaz. Seine Souveränität bei der Erledigung seiner Aufgaben musste er sich jedoch mühsam erarbeiten.

Struktur für den Arbeitsalltag
 

Um 23 Uhr beginnt für Aldirmaz die Arbeit auf dem Großmarkt. Dann bekommt er einen Stapel Lieferscheine und los geht´s: Ware vom LKW abladen, Obst und Gemüse je nach Lieferschein auf eine Euro-Palette packen, die Lieferung mit dem Gabelstapler zum Sprinter bringen und einladen. „So geht das in einem durch. Bis morgens um sechs. Und immer schnell, schnell, schnell“, beschreibt Aldirmaz seinen üblichen Arbeitstag. Ohne Hilfe hätte er die Anfangsphase nicht überstanden, gibt er zu. Die fand er zunächst jedoch an der falschen Stelle. „In den ersten vier Wochen habe ich bis zu zehn Dosen Energy-Drinks pro Schicht getrunken. Bis ich so starkes Herzrasen bekam, dass ich zum Arzt musste.“ Nicht nur das flotte Arbeitstempo und die Umstellung, nachts zu arbeiten, waren eine große Belastung für ihn. Erschwerend kam hinzu, dass er einmal pro Woche tagsüber noch zur Berufsschule musste – nach durchgearbeiteter Nacht. Wie wertvoll in solchen Situationen ein persönlicher Inklusionscoach ist, sollte auch Aldirmaz erfahren.

„Wir stehen mit den Teilnehmerinnen und Teilnehmern der Qualifizierung in ständigem Kontakt und sind regelmäßig an ihrem Arbeitsplatz, um zu sehen, wie sie zurechtkommen“, sagt D’Ortona. So erkannte sie, dass bei der Planung von Aldirmazs Arbeitszeiten dringender Anpassungsbedarf bestand. Denn eine Arbeitswoche auf dem Großmarkt liegt bei 48 Stunden. „Das konnte Aldirmaz unmöglich schaffen.“ Deshalb suchte sein Inklusionscoach das Gespräch mit dessen Vorgesetzten und erzielte mit ihm eine Einigung, die Aldirmaz mindestens 36 freie Stunden zwischen seinen Schichten einräumt. Seitdem arbeitet er in der Nacht von Montag auf Dienstag, besucht mittwochs die Schule und arbeitet dann wieder von Donnerstag auf Freitag und in der Nacht von Freitag auf Samstag. Immer noch ein straffes Stundenpensum, aber damit komme er zurecht, findet D’Ortona. Und wenn die Erschöpfung zwischendurch doch mal zu groß wird, hat Aldirmaz auch eine Lösung: „Ich kenne hier genügend ruhige Eckchen, wo man mal fünf Minuten die Augen zu machen kann“, sagt er mit einem Augenzwinkern.

Mit Selbstbewusstsein in die Zukunft
 

Für Aldirmaz war die UB schon jetzt eine wertvolle und lehrreiche Erfahrung. „Ich habe hier viel gelernt, vor allem selbstständig zu arbeiten. Heute hole ich mir bei Arbeitsbeginn meine Lieferscheine und erledige alles selbst.“ Und wenn er doch mal Hilfe brauche, könne er sich auf seinen Vater oder die Kollegen verlassen. In der Anfangsphase benötigte er die insbesondere beim Zusammenstellen der Ware. „Wenn Kollegen mir zuriefen, ,Halilcan, pack mal schnell vier Kisten á acht Avocados‘, bin ich ins Schwitzen gekommen.“ Denn mit einer ADHS-Erkrankung geht häufig eine Rechenschwäche einher. Hierfür hat ihm sein Coach eine spezielle Rechentabelle erstellt. Anhand dieser kann er nachvollziehen, wie er zum Beispiel 32 Kisten auf vier Paletten verteilen muss. Inzwischen braucht Aldirmaz die Tabellen aber kaum noch, was D’Ortona auf die berufliche Praxis zurückführt. „Das können wir häufig bei Ratsuchenden beobachten, dass sie Dinge durch die tägliche Praxis auswendig lernen und so gut zurechtkommen.“ Doch nicht nur diesen Lerneffekt stellt sie bei ihrem Schützling fest. „Als ich ihn kennenlernte, war er sehr hibbelig. Er sprach schnell und musste sich dabei immer bewegen. Das sehe ich bei ihm heute gar nicht mehr.“ Das liege zum einen an dem mittlerweile strukturierten Arbeitsalltag, aber insbesondere auch daran, dass seine Arbeitskraft von den Kolleginnen und Kollegen gebraucht wird. „Es fühlt sich gut an, dass ich eine Hilfe für mein Team bin“, freut sich Aldirmaz. Dabei wissen die meisten gar nichts von seiner Einschränkung, lediglich sein Vorgesetzter. Das sei ihm lieber so, denn „ich möchte keine Sonderbehandlung, sondern wie ein ganz normaler Kollege wahrgenommen werden.“

Aldirmazs Vertrag bei Früchte Heep GmbH läuft noch bis Ende Februar 2021. Aktuell lernt er fleißig für seine theoretische Führerscheinprüfung. Mit bestandenem Führerschein steigen nicht nur seine Chancen auf eine Vertragsverlängerung, er würde auch einen höheren Lohn bekommen. Zudem könnte er andere Aufgaben übernehmen, wie zum Beispiel Auslieferungen zu Kunden. Aber auch wenn sein Vertrag nicht verlängert werden sollte, bricht damit für ihn keine Welt zusammen. „Ich weiß jetzt, was ich kann, und glaube an mich. Wenn die Arbeit hier für mich enden sollte, finde ich woanders etwas. Davon bin ich überzeugt.“ Doch dazu muss es gar nicht kommen. Denn Aldirmaz´ Arbeitgeber hat schon kurz nach unserem Gespräch einer Vertragsverlängerung zugestimmt. Ob mit oder ohne Führerschein – bei der Heep GmbH scheint man zu wissen, was man an dem jungen Mann hat.

Ansprechpersonen in der G.I.B.

Helmut Kleinen
Tel.: 02041 767208
h.kleinen@gib.nrw.de

Benedikt Willautzkat
Tel.: 02041 767204
b.willautzkat@gib.nrw.de

Kontakt

ProjektRouter gGmbH
Grüner Weg 14
50825 Köln
Rosanna D’Ortona
Inklusionscoach und Schulungscoach
Tel.: 0221 800018822
rosanna.dortona@projekt-router.de

Autor

Nils Strodtkötter
nils.strodtkoetter@web.de
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