Sie sind hier: Startseite Heftarchiv 2020 Beratung in einer komplexen Sozial- und Arbeitswelt Schulische Beratung als Prozess
(Heft 3/2020)
Berufliche Orientierung im Rahmen der Landesinitiative „Kein Abschluss ohne Anschluss“

Schulische Beratung als Prozess

Schulische Beratung ist ein Standardelement der Landesinitiative „Kein Abschluss ohne Anschluss – Übergang Schule – Beruf in NRW“. Ziel ist, dass Schülerinnen und Schüler am Ende ihrer Schulzeit eine kompetente Berufs­entscheidung treffen können.

Laut Statistischem Bundesamt gab es im vergangenen Jahr in Deutschland 326 anerkannte Ausbildungsberufe und – die Zahl ist kein Tippfehler – 20.029 Studiengänge an den Hochschulen. Nicht leicht für Jugendliche, hier den Überblick zu behalten und zum Abschluss der allgemeinbildenden Schule oder des Berufskollegs eine fundierte Berufsentscheidung zu treffen. Ohne Unterstützung und Begleitung dürften sich viele von ihnen – und nicht selten auch ihre Eltern – im Dickicht des Übergangssys­tems verloren fühlen.

Standardelement Beratung
 

Schon vor Jahren hatte deshalb die Landesregierung von Nordrhein-Westfalen mit „Kein Abschluss ohne Anschluss“ (KAoA) ein „landesweit verbindliches, strukturiertes, transparentes, geschlechtersensibles, kultursensibles und inklusives Übergangssystem“ eingeführt, das Jugendliche ab der achten Jahrgangsstufe durch Standardelemente zur Beruflichen Orientierung bei der Berufswahl unterstützt.

Von zentraler Bedeutung ist hier das Standardelement „Schulische prozess­orientierte Begleitung und Beratung“, das alle Standardelemente im Prozess der Berufs- und Studienorientierung – von der Potenzialanalyse über Praxisphasen bis hin zum Ende der Sekundarstufe II – miteinander verbindet und so die kontinuierliche Entwicklung realisierbarer beruflicher Perspektiven für die Schülerinnen und Schüler sichert.

Die Verantwortung für die Umsetzung aller Maßnahmen in der beruflichen Orientierung (Handlungsfeld 1) liegt bei der Schulleitung, die innerschulische Organisation übernehmen die benannten Koordinatorinnen und Koordinatoren der beruflichen Orientierung, kurz StuBo genannt, bei der konkreten Umsetzung ist die Mithilfe aller Lehrkräfte gefragt.

Zu den Aufgaben jeder Lehrkraft zählt die kontinuierliche Beratung der Schülerinnen und Schüler im Rahmen von Schulsprechtagen, der Laufbahnberatung oder der Förderplanung genauso wie Unterrichten, Erziehen und Beurteilen. Wie sich die Umsetzung der Standardelemente der beruflichen Orientierung in das Curriculum zur beruflichen Orientierung und damit in die Fachcurricula integrieren lässt, hier ein Beispiel: Im Fach Mathematik kann die Aufgabe lauten, die Brutto- und Nettolöhne bestimmter Berufsgruppen zu ermitteln und eine Gehaltsabrechnung zu erstellen. Dabei erwerben die Schülerinnen und Schüler mit der Anwendung der Prozentrechnung zugleich mathematische Kompetenz.

Wichtig bei der Umsetzung der schulischen Prozessbegleitung: Beratende Lehrkräfte sind keine professionellen Berufs- und Studienberatenden. Sie müssen über kein Expertenwissen verfügen. Vielmehr ist der Überblick über die verschiedenen Beratungs­angebote wichtig, um die Schülerinnen und Schüler bei spezielleren Fragen gezielt an externe KAoA-Partner wie zum Beispiel die Berufsberatung der Agentur für Arbeit, die Hochschulen, die Kammern oder die Integrationsfachdienste der Landschaftsverbände verweisen zu können, die ihrerseits Beratungstermine in den Schulen anbieten.

Die prozessbegleitende schulische Beratung unterscheidet sich vom Beratungsangebot der genannten Einrichtungen. Darauf weist Anja Esser vom Ministerium für Schule und Bildung hin: „Hier geht es nicht um punktuelle Berufsberatung. Vielmehr unterstützen Lehrkräfte die Schülerinnen und Schüler im Prozess der beruflichen Orientierung. Idealtypisch stellen sie einmal pro Halbjahr in einem individuellen Gespräch mit ihnen den jeweiligen Stand ihrer Berufsorientierung fest, fragen: Wo stehst du auf deinem Weg? Welche Unterstützung brauchst du? Welche Elemente planst du als Nächstes? Verbunden sind diese Fragen mit einem klaren Ausblick auf die weiteren Schritte im KAoA-Prozess. So haben die Jugendlichen Lehrkräfte an ihrer Seite, die sie aus ihrem schulischen Alltag kennen, die das Thema berufliche Orientierung immer wieder aufs Neue aufgreifen und die Jugendlichen auffordern und darin unterstützen an ihrer Berufswahlkompetenz zu arbeiten.“

Martina Lüking vom Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales betont: „Die Prozessbegleitung bietet den Schülerinnen und Schülern einen roten Faden, verbindet die aufeinander aufbauenden Standardelemente zu einem sinnvollen Ganzen, sodass sich die Jugendlichen nach Beendigung ihrer regulären Schulzeit kompetent für ihre bestmögliche individuelle Perspektive entscheiden können und tatsächlich in die von ihnen gewünschte Laufbahn einmünden.“

Optimierung von Qualität und Wirkung
 

Das ist die Theorie. Bei deren Umsetzung in der Praxis finden die schulischen Akteure Unterstützung bei der im Rahmen von KAoA jeweils zuständigen Kommunalen Koordinierungsstelle (KoKo). Ingrid Jung von der KoKo Köln: „Wir begleiten in den rund 100 Kölner Schulen und 17 städtischen Berufskollegs mit mehr als 300 Koordinatorinnen und Koordinatoren für berufliche Orientierung (StuBo) die Prozesse zur Implementierung der Standardelemente, vernetzen die Schulen untereinander und mit den Partnern, reflektieren die Umsetzung, sichern die Ergebnisse und die Qualität. Die Organisation sowie die Durchführung finden in enger Abstimmung mit dem Schulamt der Stadt Köln statt.“

Schule ist ein komplexes System, weiß Bärbel Wensing von der KoKo Köln: „Hier brauchen Veränderungsprozesse etwas mehr Zeit. Viele KAoA-Standardelemente können relativ zentral in der Schule von den StuBos organisiert und koordiniert werden, sind also rasch steuerbar. Doch die Beratung zur ,Beruflichen Orientierung‘ und übrigens auch die Anwendung des Berufswahlpasses im Unterricht hängt von jeder einzelnen Lehrkraft ab. Hier müssen alle ihre jeweilige Aufgabe und Rolle in diesem Handlungsfeld kennen und Zeit inves­tieren, die woanders fehlt.“

Diese Einschätzung deckt sich mit den Erfahrungen manch anderer StuBos. Die Unterstützung der Schulleitung und die aktive Beteiligung der Lehrkräfte sind bei der Beratungsarbeit unerlässlich. Das betonen auch die StuBos Fenja Randermann und Britta Wölfer vom Lessing-Gymnasium der Stadt Köln: „Viele Fachlehrerinnen und -lehrer, erst recht jene, die ein Hauptfach unterrichten, verweisen darauf, dass sie so schon voll ausgelastet sind. Für berufliche Beratung bleibe ihnen da kaum Zeit.“

Vor diesem Hintergrund reagierte die KoKo Köln auf die Bedarfe der StuBos und organisierte im Zeitraum September 2018 und März 2019 eine viertägige Reihe von Kooperations-Workshops mit externer Moderation, finanziert im Rahmen der „Qualifizierung von Fachkräften der beteiligten Akteure in der Landesinitiative KAoA“.

In den Kooperations-Workshops erarbeiteten 27 Lehrkräfte aus 15 Schulen praktische Hinweise und beispielhafte Fahrpläne zur Umsetzung des Standardelements „Schulische prozessorientierte Begleitung und Beratung“ in der Stadt Köln. Einbezogen waren neben der Schulaufsicht auch die außerschulischen Partner Bundesagentur für Arbeit, Bildungsberatung Köln, Handwerkskammer (HWK) und Industrie- und Handelskammer (IHK) sowie die Technische Hochschule und die Universität zu Köln.

Die aus den Kooperations-Workshops entstandene „Arbeitshilfe für Schulen“ stellt klar, dass jede Schule für sich ein individuelles Konzept zur Durchführung der schulischen prozessbegleitenden Beratung zur beruflichen Orientierung entwickeln muss: Wer führt wann, wo und wie die Beratung mit den Schülerinnen und Schülern durch? Damit sich auch Fachlehrkräfte beteiligen, so ein Ergebnis, sind eine allgemeine thematische Einführung des Kollegiums in das Themenfeld KAoA sowie weiterführende Informationen für die Klassenleitungen und Fachlehrkräfte der Klassen 8 unabdingbar.

Durchgeführt werden kann die schulische prozessbegleitende Beratung zur beruflichen Orientierung als Einzelberatung in Form eines individuellen, etwa fünfzehnminütigen Gesprächs zwischen Lehrkraft und Jugendlichem, möglichst unter Einbeziehung der Eltern. Denkbar ist aber auch ergänzend ein Peer-to-peer-Ansatz, bei dem Schülerinnen und Schüler aus den höheren Klassen von ihren Erfahrungen mit einem
KAoA-Standardelement berichten und ihre Mitschülerinnen und -schüler entsprechend „beraten“.

Die Workshop-Teilnehmenden empfehlen eine Kombination aus Einzel- und Kleingruppenberatung im Wechsel einmal im Schuljahr. Für die Sicherung der Nachhaltigkeit sei es sinnvoll, die Beratungsergebnisse durch die Schülerinnen und Schüler verschriftlichen zu lassen und beispielsweise im Portfolioinstrument zu sammeln, um beim nächsten Termin unmittelbar an die vorherige Beratung anknüpfen zu können.

Beispiele für die Umsetzung von Einzelberatung
 

Zur organisatorischen Umsetzung von Einzelberatungen im Schulalltag liefert die in den Kooperations-Workshops entwickelte Handreichung acht Beispiele. Eins davon betrifft die regelmäßigen Sprechstunden im schulischen Berufsorientierungsbüro (BOB). Hier nehmen einzelne Schülerinnen und Schüler einen Beratungstermin wahr, während ihre Mitschülerinnen und -schüler Unterricht haben. Wie das zeitlich ablaufen kann und welche Möglichkeiten das birgt, haben die Workshop-Teilnehmenden exakt berechnet: „Pro 45-minütiger Schulstunde können drei Schülerinnen oder Schüler beraten werden. Das ergibt bei einer Sprechstunde pro Woche und 40 Schulwochen im Jahr eine Beratungskapazität von 120 Schülerinnen und Schülern pro Schuljahr. Besteht nun das BO-Team aus drei Personen, die je eine Doppelstunde wöchentlich BO-Sprechstunde anbieten, würde dies bei voller Ausnutzung theoretisch eine Beratungskapazität von 720 fünfzehn-minütigen Einzelgesprächen umfassen.“

Als Format für die schulische prozessbegleitende Beratung zur „Beruflichen Orientierung“ kommen darüber hinaus die klassischen Elternsprechtage in Frage, zu denen auch die Schülerinnen und Schüler eingeladen werden. Zusätzlich zur schulischen Entwicklung können hier die „Berufliche Orientierung“, die beruflichen Ziele und nächsten Schritte mittels eines Beratungsbogens besprochen und durch die Schülerinnen und Schüler protokolliert werden. Denkbar ist zudem ein Modell, bei dem sich Schülerinnen und Schüler aus dem Kollegium eine Tutorin, einen Tutor auswählen, die oder der mit ihnen die Beratungsgespräche führt. Eine weitere Option ist die Kombination der Beratung zur „Beruflichen Orientierung“ mit Quartalsnotengesprächen, wie sie in manchen Schulen längst üblich sind.

Auch in die obligatorische Projektwoche an Schulen lassen sich nach Überzeugung der Workshop-Teilnehmenden Zeiträume für die individuelle Beratung bestimmter Jahrgänge zum Thema „Berufliche Orientierung“ integrieren: „So könnte zum Beispiel ein aus StuBo, Stufenleitung und Beratungslehrkräften bestehendes BO-Team von der Übernahme einer Projektgruppe befreit werden und stattdessen während der kompletten Woche individuelle Beratungstermine beispielsweise für bestimmte Jahrgänge anbieten.“

Ein weiterer Vorschlag ist die Einrichtung von „Beratungsvormittagen durch Klassenleitungen“ am Ende des Halb- oder Schuljahres. Deren Terminierung erfolgt in Absprache zwischen StuBo, Klassenlehrkräften und Schulleitung. Während Einzelne beraten werden, haben die anderen Schülerinnen und Schüler Unterricht: „Der StuBo stimmt sich mit den hierfür zuständigen Kolleginnen und Kollegen ab und stellt anschließend einen entsprechenden Vertretungs- und Raumplan auf.“

Der „Porsche“ unter den Umsetzungsbeispielen ist die sogenannte Zukunftskonferenz. Sie erfordert etwas mehr zeitlichen und organisatorischen Aufwand und wird daher eher an Schulformen umgesetzt, die sich bereits seit Langem mit dem Thema „Berufliche Orientierung“ befassen. Eine solche Schule ist die Ursula-Kuhr-Schule in Köln, an der Ute Lohmar StuBo ist. „Wir beginnen mit unseren Zukunftskonferenzen – 30-minütigen Einzelgesprächen, bei denen auch die Eltern einbezogen sind – in der 8. Klasse. Hier überlegen alle gemeinsam, welche zu dem Zeitpunkt meist noch vagen Berufsvorstellungen vorhanden sind und welche Berufsfeld­erkundungen und Praktika zur Klärung beitragen könnten. Im neunten und zehnten Schuljahr gibt es weitere Zukunftskonferenzen. Im zehnten Schuljahr sind dann auch die Schulsozialarbeiterin sowie der zuständige Berater der Agentur für Arbeit anwesend. Vorbereitet werden die Konferenzen von den Klassenlehrern, weil bei unseren Jugendlichen die emotionale Bindung extrem wichtig ist. Die Konferenzen selbst aber moderiert eine externe Person – eine für die jungen Leute völlig neue Erfahrungsdimension.“ Positive Resonanz finden die Zukunftskonferenzen nicht nur bei den Jugendlichen: „80 Prozent aller Eltern nehmen an ihnen teil.“

Um allen Lehrkräften jederzeit einen Zugriff auf relevante Informationen im Handlungsfeld schulischer Beratung zur „Beruflichen Orientierung“ zu gewährleisten, empfehlen die Workshop-Teilnehmenden, eine KAoA-Materialsammlung für das Kollegium zu erstellen. Zu den möglichen Inhalten des sogenannten KAoA-Ordners zählen beispielsweise Kurzerklärungen zu den einzelnen Standardelementen, Elternbriefe, eine Übersicht über Beratungsstellen für die Verweisberatung, ein Beratungstool für die Sekundarstufe II sowie Ausdrucke des umfangreichen „StuBo-Materials“, das die Kommunale Koordinierungsstelle auf dem Internetportal „Bildung Köln“ zur Verfügung stellt.

Zeit für Beratung
 

Beteiligt hatte sich an Vor- und Nachbereitung der Kooperations-Workshops auch Gordon Vemmer, KAoA-Regionalkoordinator beim Schulamt der Stadt Köln: „Mit der Arbeitshilfe ist kein theoretischer Beitrag zur schulischen Beratung entstanden, sondern ein sehr praxisnahes Werk, das im komplexen System Schule von allen Lehrkräften, die in ihrem Berufsalltag oft am Limit arbeiten, unmittelbar verwertbar ist.“

Die Qualität der aus den Kooperations-Workshops entstandenen Arbeitshilfe hat auch im Schulministerium Aufmerksamkeit erzeugt. Anja Esser: „Schulische Beratung bei der beruflichen Orientierung hat mittlerweile an so gut wie allen Schulen einen hohen Stellenwert. Doch eine besondere Herausforderung bleibt die Zeitknappheit der Lehrkräfte. Hier kann die im Workshop erstellte Arbeitshilfe sehr nützliche Dienste leisten. Wir möchten sie deshalb als Grundlage nehmen für eine um weitere Hinweise ergänzte Publikation, die demnächst allen Schulen in Nordrhein-Westfalen bei ihrer prozessbegleitenden Beratungsarbeit zur Verfügung stehen wird.“

Ansprechpersonen in der G.I.B.

Thomas Lindner
Tel.: 02041 767276
t.lindner@gib.nrw.de
Ulrich Schipp
Tel.: 02041 767258
u.schipp@gib.nrw.de

Kontakt

Bärbel Wensing
Stadt Köln
Kommunale Koordinierungsstelle
Übergang Schule – Beruf
Im Mediapark 6 D
50670 Köln
Tel.: 0221 22130562
baerbel.wensing@stadt-koeln.de

Links

Autor

Paul Pantel
Tel.: 02324 239466
paul.pantel@vodafonemail.de
Artikelaktionen