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(Heft 3/2020)
Beratung in einer komplexen Sozial- und Arbeitswelt

Mit Rat zur Tat

Die Verunsicherung war mit Händen zu greifen. Einen Augenblick lang schien die Politik an die Grenzen ihrer Handlungsfähigkeit gelangt. Ohne Hinzuziehung von externem Sachverstand kein Weiterkommen. Das war die Stunde der Beratung. So wie die Politik im Fall einer völlig unbekannten Pandemie, sind Einzelne wie auch Unternehmen und Organisationen in meist weit weniger dramatischen Situationen auf Beratung angewiesen oder nehmen sie präventiv in Anspruch in einer zunehmend komplexen Sozial- und Arbeitswelt.

Zumindest in ihrer Anfangsphase war die Corona-Pandemie ein – extremes – Beispiel für eine jener volatilen, unsicheren, komplexen und mehrdeutigen Situationen, für die sich schon in den neunziger Jahren das Kunstwort „VUCA“ herausgebildet hat.

Das Akronym für die englischen Begriffe volatility, uncertainty, complexity und ambiguity, also Unbeständigkeit, Unsicherheit, Komplexität und Mehrdeutigkeit, sollte damals die multilaterale Welt nach dem Ende des Kalten Krieges beschreiben und charakterisiert heute allgemein die oft kaum überschaubaren Herausforderungen, denen sich Menschen, Unternehmen und Organisationen aller Art in einer globalisierten und zunehmend digitalisierten Welt stellen müssen.

Hoffnungslos ist die Lage aber nicht, denn zum Überleben in dieser „VUCA-Welt“ gibt es Strategien, die ebenfalls aus den Anfangsbuchstaben des Kurzworts abgeleitet sind, nämlich: vision, understanding, clarity und agility, also Vision, Verstehen, Klarheit und Agilität.

Da jedoch Menschen wie auch Organisationen aufgrund ihres Tunnelblicks schnell einen Teil der Wirklichkeit ausblenden, kommt bei der Entwicklung einer Lösungsstrategie in Phasen besonderer Herausforderungen Beratung als unterstützender Faktor ins Spiel. Sie kann helfen, eine als unüberschaubar erfahrene, mit herkömmlichen Mitteln und Denkweisen nicht zu bewältigende Situation zu meis­tern. Je komplexer dabei die Lage, umso größer der Beratungsbedarf.

„Implementierung von Beratung unterstützt die Veränderung eines sozialen Systems“
 

„Wenn klassische Rezepte nicht mehr funktionieren und einfache Wenn-dann-Beziehungen zunehmend fragwürdiger werden“, sagt Professor Dr. Eckard König vom Wissenschaftlichen Institut für Beratung und Kommunikation in Paderborn, „hat Beratung die Aufgabe, die konkrete Situation genau anzuschauen, den Blick auszuweiten, Sachverhalte aus anderen Perspektiven zu betrachten, neue Handlungsoptionen ins Auge zu fassen und auf dieser Basis individuelle Lösungen für den Einzelnen, für ein Team oder für eine Organisation zu finden, damit sie sich weiterentwickeln und ihre Zukunft neu denken können. Kurzum: Implementierung von Beratung unterstützt die Veränderung eines sozialen Systems.“

Hinsichtlich der Merkmale einer guten Beratung erinnert Professor König an die von Carl Ransom Rogers entwickelte „klientenzentrierte Gesprächstherapie“. Der amerikanische Psychologe und Psychotherapeut ging davon aus, dass Menschen zwar die Fähigkeit haben, ihre Probleme zu lösen, dafür aber oft auf ein verständnisvolles Gegenüber angewiesen sind, das mit Wertschätzung, Empathie und Authentizität zur Problemlösung beiträgt. „Beratung ist keine Technik, die ein klares Ergebnis vorgibt“, so Eckard König, „vielmehr liefert sie Anstöße zur Veränderung, gibt Hilfe zur Selbsthilfe. Wenn Beratung zur bloßen Technik verkommt, taugt sie nichts.“

Zweites Qualitätsmerkmal von Beratung ist nach seiner Ansicht eine Balance zwischen Struktur und Flexibilität: „Beratung ist mehr, als nur mal mit irgendjemandem zu reden, so hilfreich das auch in manchen Situationen sein mag. Vielmehr braucht Beratung immer auch eine klare, konsequente Struktur, wie an ein Problem heranzugehen ist. Sie bedarf einer Ist-Analyse, muss fördernde, hemmende und Risikofaktoren benennen und auf dieser Grundlage ein Konzept entwickeln. Gleichzeitig erfordert gute Beratung aufseiten des Beratenden ein Gespür für Themen und Aspekte, die Klienten im Gespräch immer wieder anklingen lassen, um bei der Entwicklung einer Lösungsstrategie oder dem Management von Veränderungsprozessen flexibel reagieren zu können.“

Drittes Merkmal ist die Lösungsorientierung. Konkrete Fragestellungen erfordern konkrete Handlungsoptionen mit klar definierten Schritten, wie die Ziele zu erreichen sind.

Hinsichtlich der Beratungsformen wird zwischen Fach- und Prozessberatung unterschieden. Während Fachberatung – Beispiel Steuerberatung – auf Fachwissen über eine objektive, von Deutungen unabhängige Wirklichkeit beruht, geht es bei der Prozessberatung um die Gestaltung eines Prozesses, bei dem der beratene Einzelne, die beratene Organisation, sei es ein Unternehmen oder eine öffentliche Einrichtung wie Schule oder Krankenhaus, sich der eigenen Ressourcen bewusst wird, die Problemlösung selbst erarbeitet und später auch realisiert. Eckard König: „Der Trend geht eindeutig in Richtung einer Verknüpfung der beiden ursprünglich getrennten Ansätze.“

Einen weiteren Trend hat Eckard König ausgemacht: die Entwicklung von individuumszentrierten hin zu systemischen Ansätzen: „Individuumszentrierte Ansätze schauen nur auf den Einzelnen, doch das ignoriert dessen Verflechtung mit und seine Abhängigkeit von der Organisation und den hier herrschenden geheimen Regeln, von Strukturen, von gesellschaftlichen Vorgaben. Systemische Beratung hingegen berücksichtigt immer auch die Interdependenzen.“
Systemische Beratung weitet den Blick, macht die Abhängigkeiten bewusst und zeigt zugleich Möglichkeiten der Einflussnahme auf, lotet Optionen aus, weist auf Handlungsspielräume hin. Professor König: „Zugleich ist es wichtig, Grenzen zu erkennen und nicht mit dem Kopf gegen die Wand zu rennen. Gefragt ist beides: Abkehr vom naiven Glauben, die ganze Welt verändern zu können, und zugleich die Vermeidung von Ohnmachtsgefühlen und stattdessen die Bereitschaft, das Schicksal selbst in die Hand zu nehmen.“

Da nahezu alle Beratungsprojekte zeitlich begrenzt sind, sollte langfristig wirksame Beratung immer auch interne Veränderungskompetenzen in den beratenen Unternehmen und Organisationen aufbauen. Dabei geht es nicht immer nur um professionelle Beratung, sondern auch um die Implementation einer kollegialen Beratungskultur zur wechselseitigen Unterstützung.

Die dynamische Zunahme von Onlineberatung im Kontext der Corona-Pandemie bewertet Eckard König ambivalent: „Aktuell leite ich einen Beratungsprozess online in Dubai mittels einer Videokonferenz. Das gibt mir die Möglichkeit, trotz Reisebeschränkungen mein Gegenüber zu sehen, sodass ich ein Gefühl für die andere Person bekomme. Doch gute Beratung braucht daneben auch die persönliche Beziehung und gemeinsame Treffen. Beraterinnen und Berater müssen nicht nur visuell und auditiv, sondern unmittelbar erspüren, in welchen Momenten die beratene Person emotional wirkt, müssen Feinheiten wahrnehmen und Mikro-Expressionen erkennen. Wer durch die Produktionsanlage eines Unternehmens geht, erfährt mehr über die Kultur des Betriebs als derjenige, der sich nur einen Film anschaut.“

Professionelle Beratung in der Arbeits- und Sozialpolitik
 

Komplett beratungsfreie Räume sind in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft heute kaum mehr denkbar. Das gilt für alle Ressorts, auch für die Arbeits- und Sozialpolitik, und für alle Ebenen. So unterstützt die landeseigene Gesellschaft für innovative Beschäftigungsförderung (G.I.B.) im Auftrag des Ministeriums für Arbeit, Gesundheit und Soziales des Landes Nord­rhein-Westfalen (MAGS) mit ihrer fachlichen Begleitung von Landesprogrammen und -initiativen regionale Entscheidungsträger und Multiplikatoren bei der Umsetzung von Landesprogrammen, begleitet Unternehmen und Träger bei der Realisierung von Vorhaben und übernimmt das qualitative Controlling der Programme und Projekte.

In den 16 Regionen des Landes Nord­rhein-Westfalen wiederum unterstützen Regionalagenturen im Zentrum eines Netzwerks regionaler arbeitspolitischer Akteure die Umsetzung der Vorhaben des Landes vor Ort und informieren die regionale Öffentlichkeit.

Beide, die G.I.B. wie auch die Regional­agenturen haben in Corona-Zeiten einen Teil ihrer Beratungsaktivitäten auf Online-Seminare umgeschaltet. Die G.I.B. zum Beispiel mit einem Web-Seminar zum Thema „Geoinformationssysteme in der Sozialplanung“ für Kommunen, die Regionalagentur Ostwestfalen-Lippe mit einer Videokonferenz zum Thema „Personalplanung mit Weitblick“ für kleine und mittlere Unternehmen.

Für Prof. Dr. Richard Reindl vom Institut für E-Beratung der Technischen Hochschule Nürnberg steht fest, dass Onlineberatung auch in Post-Corona-Zeiten an Bedeutung gewinnt. Für ihn ist „Blended Counseling die Zukunft der Beratung, also die Verknüpfung von Präsenz- und Onlinevarianten und damit die Überwindung ihrer Dichotomie.“ Nach seinen Erkenntnissen „wird sich die Beraterszene insgesamt stärker diversifizieren.“

Trotz des Bedeutungsgewinns von Onlineberatung, prognostiziert der Wissenschaftler, „wird es auch zukünftig das persönliche Beratungsgespräch geben für Menschen, die auf die persönliche Atmosphäre in einer Beratungsstelle angewiesen sind.“

Eine Aussage, die Träger und Jobcenter als wichtige Akteure der Arbeitspolitik im Kampf gegen (Langzeit-)Arbeitslosigkeit bestätigen. Auch sie haben in Corona-Zeiten ihre Online-Beratungsangebote weiter ausgebaut. Doch viele langzeitarbeitslose Menschen, sagt zum Beispiel Bernd Moorkamp, Geschäftsführer der WertArbeit Steinfurt gGmbH, einem Sozialunternehmen, das Langzeitarbeitslose bei ihrem Weg in Arbeit begleitet, „sind oftmals labil und anfällig bei schnellen und einschneidenden Veränderungen, denn diese verursachen Angst. Gerade in extremen Krisensituationen sind sie auf besondere Zuwendung, auf personenorientiertes, enges Coaching und eine entsprechende Anleitung angewiesen. Man muss ihre Gesichter sehen, ihre Stimmung erkennen und sie ermutigen. Für diese Zielgruppe sind digitale Lösungen schwer umsetzbar.“ Ganz ähnlich sieht das Marie-Luise Roberg, Leiterin des Kommunalen Jobcenters der Stadt Hamm: „Die Face-to-face-Kommunikation mit unseren Kundinnen und Kunden ist hinsichtlich der Verbindlichkeit unschlagbar.“

Unabhängig vom konkreten Format ist „Beratung“ ein unverzichtbarer Bestandteil aller Handlungsfelder der Arbeits- und Sozialpolitik – sei es bei der Fachberatung zur Anerkennung ausländischer Berufsabschlüsse als Beitrag zur Fachkräftesicherung, bei der Entwicklung einer strategischen, integrierten Sozialplanung zur Armutsbekämpfung oder bei der Beratung zur beruflichen Entwicklung.

Die Relevanz von Beratung schon im Vorfeld der Erwerbstätigkeit unterstreicht das Standardelement „Schulische prozessorientierte Begleitung und Beratung“ im Rahmen der Landesinitiative „Kein Abschluss ohne Anschluss“ (KAoA). Hier sind Schulen und ihre externen Partner schon in den achten Klassen der allgemeinbildenden Schulen verpflichtet, Schülerinnen und Schüler bei der beruflichen Orientierung zu begleiten und zu beraten, denn klar ist: Angesichts der zunehmenden Komplexität der Arbeitswelt kann der Übergang von der Schule in den Beruf ohne professionelle Beratung kaum optimal gelingen.

Ansprechperson in der G.I.B.

Elisabeth Tadzidilinoff
Tel.: 02041 767244
e.tadzidilinoff@gib.nrw.de

Autor

Paul Pantel
Tel.: 02324 239466
paul.pantel@vodafonemail.de
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