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(Heft 3/2020)
Editorial

Liebe Leserinnen und Leser!

„Rat zu geben ist das dümmste Handwerk, das einer treiben kann. Rate sich jeder selbst und tue, was er nicht lassen kann“, lässt Goethe in seinen „Wahlverwandtschaften“ einen seiner Protagonisten sagen. Ein Widerspruch in sich, denn was er sagt, ist nichts anderes als ein Rat – noch dazu ein vielleicht gar nicht mal so guter.

Offensichtlich geht es nicht ohne Rat. Außerdem haben sich die Zeiten gewandelt. Die Welt ist unübersichtlicher geworden und komplexer. Wer wollte da grundsätzlich auf Rat verzichten? Tatsächlich steigt die Nachfrage nach Beratung. Kaum eine Organisation, kaum ein Individuum, das nicht in irgendeiner Phase auf guten Rat angewiesen wäre.

Wegen ihrer zunehmenden Bedeutung im politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Leben haben wir das Thema „Beratung“ zum Schwerpunkt im vorliegenden G.I.B.-Info gemacht. Darin stimmen wir überein mit Prof. Dr. Eckard König vom Wissenschaftlichen Institut für Beratung und Kommunikation in Paderborn. Er sagt: „Beratung ist keine Technik, die ein klares Ergebnis vorgibt, vielmehr liefert sie Anstöße zur Veränderung, gibt Hilfe zur Selbsthilfe. Wenn Beratung zur bloßen Technik verkommt, taugt sie nichts.“

Beratung ist also weit mehr als „bloße Technik“, aber „Technik“, genauer: „Digitalisierung“, lässt sich durchaus für Beratung nutzen. Das hat die Corona-Pandemie mit ihrem starken Wachstum an Onlineberatung deutlich vor Augen geführt.

Aber kann Onlineberatung Präsenzberatung ersetzen? Nein, kann sie nicht, aber ergänzen: „Die Zukunft der Beratung ist Blended Counseling, also die Verknüpfung von Präsenz- und Onlinevarianten und damit die Überwindung ihrer Dichotomie“, prognostiziert Prof. Dr. Richard Reindl vom Institut für E-Beratung der Technischen Hochschule Nürnberg im G.I.B.-Gespräch, und fährt fort: „Eigentlich logisch, denn in allen Phasen unseres Alltagslebens wechseln wir ständig zwischen den beiden unterschiedlichen Kommunikationskanälen, also zwischen persönlichem Gespräch im Austausch face-to-face und digitalisiertem Kommunikationsnetz.“

Wo die Möglichkeiten, wo die Grenzen von Onlineberatung liegen, illustrieren unsere Beispiele aus der Praxis bei zwei Trägern und einem Jobcenter. Für Marie-Luise Roberg vom Kommunalen Jobcenter der Stadt Hamm jedenfalls ist klar, dass „Face-face-Kommunikation hinsichtlich der Verbindlichkeit unschlagbar ist.“

Dass Beratung aus keinem Politikfeld mehr wegzudenken ist, zeigen unsere Texte zur schulischen Beratung im Rahmen der Landesinitiative „Kein Abschluss ohne Anschluss“, der Beratung zur beruflichen Entwicklung (BBE), der Fachberatung zur Anerkennung ausländischer Berufsabschlüsse, der Potentialberatung in einem Maschinenbau-Unternehmen, der Beratung im Themenfeld Informationstechnologien sowie der Beitrag von Gabriele Schmidt aus dem Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales des Landes Nordrhein-Westfalen (MAGS NRW) zum Thema „Beratung im Kontext von Sozialplanung und Armutsbekämpfung“.

Dem Themenfeld „Armut und Ausgrenzung“ widmen sich auch unsere Projektbeispiele aus dem Förderprogramm „Zusammen im Quartier“ sowie unser Gespräch mit Jürgen Thomas vom MAGS NRW, in dem es darum geht, „Menschen, die auf der Straße leben, nicht aus dem Blick zu verlieren.“

Weitere Texte in diesem Heft befassen sich mit der Umsetzung des Qualifizierungschancengesetzes bei Jobcentern und Arbeitsagenturen in Nordrhein-Westfalen, mit einer Studie zum Vergleich des Lebenseinkommens bei Berufsausbildung und Hochschulstudium sowie mit der Verknüpfung von Arbeits- und Gesundheitsförderung in Jobcentern.

Hinzuweisen bleibt noch auf ein Interview mit Romy Stühmeier vom Kompetenzzentrum Technik-Diversity-Chancengleichheit e. V. zu Gender(un)gleichheiten in der digitalisierten Welt sowie auf ein Gespräch mit Monsignore Peter Kossen vom Bistum Münster. Letzteres trägt den Titel „Im Dschungel der Schlachthöfe“. Hier wird deutlich, dass die Fleischbranche sich und uns allen viele Probleme hätte ersparen können, wenn sie sich viel früher offen für sachkundige Beratung gezeigt hätte.

Viel Vergnügen beim Lesen dieser Ausgabe!

Karl-Heinz Hagedorn

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