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(Heft 3/2020)
Problemlagen ernst nehmen, gesundheitsorientiert beraten, Änderungen anstoßen

Jobcenter verknüpfen Arbeits- und Gesundheitsförderung

Arbeitslosigkeit beeinträchtigt die Gesundheit, eine beeinträchtigte Gesundheit ist ein großes Hemmnis bei der Vermittlung in Arbeit – ein Teufelskreis. Deshalb bieten die Jobcenter verstärkt gesundheitsorientierte Beratung und Gesundheitsförderung für ihre Kundinnen und Kunden an. Wir stellen drei Beispiele aus Nordrhein-Westfalen vor.

Viele Jobcenter stellen in den letzten Jahren zunehmend gesundheitliche Probleme bei ihren Kundinnen und Kunden fest. „Es fehlte aber etwas, das wir den Menschen konkret anbieten konnten, um das Thema Gesundheit in Bewegung zu bringen“, sagt Max Benda, Leiter des Jobcenters Bocholt im Kreis Borken. „Deswegen war das Modellprojekt ‚Verzahnung von Arbeits- und Gesundheitsförderung‘ eine gute Möglichkeit, in eine gesundheitsorientierte Beratung einzusteigen.“

Nachdem der Spitzenverband der Krankenkassen, GKV, und die Bundesagentur für Arbeit schon 2014 dieses Kooperationsprojekt zunächst modellhaft mit nur sechs Jobcentern gestartet hatten, nahm der Ansatz im Jahr 2018 neu Fahrt auf, als das Projekt unter dem Titel „Verzahnung von Arbeits- und Gesundheitsförderung in der kommunalen Lebenswelt“ auf zusätzliche Standorte ausgeweitet wurde.

Verschiedene Ansätze in Jobcentern
 

Diese Verzahnung ist in der Arbeit vieler Jobcenter in Nordrhein-Westfalen mittlerweile Realität. Dabei gibt es durchaus unterschiedliche Umsetzungsstrategien. Während die einen Jobcenter auf eine breite Streuung der gesundheitsorientierten Beratung in ihren Häusern setzen und möglichst viele Jobcenter-Fachkräfte im Fallmanagement und in der Vermittlung entsprechend schulen, bevorzugen andere Jobcenter die Spezialisierung einer Mitarbeiterin oder eines Mitarbeiters auf das Thema Gesundheit, die oder der dann Ansprechperson für die anderen Mitarbeitenden ist, gesundheitsorientierte Beratungsgespräche mit Kundinnen und Kunden durchführt und sich auch um die Vermittlung in Gesundheitskurse kümmert. Wieder andere Jobcenter nutzen die Expertise von externen Trägern beim Thema Gesundheit und delegieren die gesundheitsorientierte Beratung und Gesundheitsförderung an spezialisierte Fachkräfte.

Die drei ausgewählten Beispiele zur Umsetzung in den Jobcentern Kreis Kleve, Bocholt, im Kreis Borken (beides zugelassene kommunale Träger, zkT) und Kreis Unna (gemeinsame Einrichtung) repräsentieren genau diese drei unterschiedlichen Ansätze.

Ein einheitliches Bild ergibt sich hingegen, wenn man nach den Gründen fragt, warum das Thema gesundheitliche Einschränkungen für die genannten Jobcenter in den letzten Jahren an Relevanz gewonnen hat und sie zunehmend auf gesundheitsorientierte Beratung und Präventionsmaßnahmen setzen. „Bei den verbesserten Arbeitsmarktdaten in den letzten Jahren stellen wir fest, dass der Kundenkreis, der sich im SGB II bewegt, deutlich mehr Hemmnisse mitbringt, als das noch vor einigen Jahren der Fall gewesen ist“, sagt Max Benda. Besonders gesundheitsbezogene Einschränkungen, hier verstärkt psychische, seien ein Grund, der Arbeitsaufnahmen selbst mittel- und langfristig immer stärker im Wege stehe. Diesen Trend bestätigen die Jobcenter im Kreis Kleve und im Kreis Unna. Letzteres belegt ihn mit Zahlen: In seiner Maßnahme „Förderzentrum“, über die noch zu berichten sein wird, weisen über die Jahre durchschnittlich 49 Prozent der Teilnehmenden gesundheitliche Einschränkungen auf. Der Anteil der psychisch beeinträchtigten Teilnehmenden ist zwischen 2012 und 2019 von 35 Prozent auf 57 Prozent gestiegen.

Früher Einstieg in das Thema Gesundheit im Jobcenter Kreis Unna
 

Das Jobcenter Kreis Unna nahm das Thema Gesundheit schon relativ früh in den Blick. Bereits ab 2007 stieg es in das JobFit-NRW-Projekt und damit in die Gesundheitsförderung für Arbeitslose ein. 2014 gehörte das Jobcenter Kreis Unna zu den ersten sechs Standorten, an denen das Modellprojekt „Verzahnung von Arbeits- und Gesundheitsförderung in der kommunalen Lebenswelt“ umgesetzt wurde. Es wählte dabei die Umsetzungsstrategie, mit einem Bildungsträger zusammenzuarbeiten, unter anderem der Werkstatt im Kreis Unna GmbH. Die Projektverantwortlichen im Jobcenter nahmen an der anderthalbtägigen Schulung „Motivierende Gesundheitsgespräche“ teil, die im Rahmen des Modellprojekts für Jobcenter angeboten wird. Beim Bildungsträger findet das Thema Gesundheit heute wie damals seinen Platz im Projekt „Förderzentrum“1, einem Gruppenangebot für langzeitarbeitslose Männer und Frauen mit mehrfachen Vermittlungshemmnissen, die die Werkstatt im Kreis Unna an fünf Standorten im Kreis Unna umsetzt (Lünen, Bergkamen, Schwerte, Selm, Unna). Insgesamt befinden sich ständig rund 150 Teilnehmende in etwa 15-Personen-starken Gruppen im Lehrgang. „Wir haben den Weg über eine Maßnahme und einen Träger gewählt, weil wir davon ausgehen, dass so eine bessere Kontinuität in der Behandlung des Gesundheitsthemas gegeben ist“, sagt Jürgen Klose, Berater Markt und Integration beim Jobcenter Kreis Unna. „Wir glauben auch, dass ein Träger eine andere Vertrauensbasis herstellen kann, weil viele Kundinnen und Kunden doch Vorbehalte gegen die Institution Jobcenter haben. Dazu kommt noch, dass ein Träger Präventionsangebote direkt vor Ort anbieten kann und der Teilnehmende keine externe Stelle ansteuern muss, wenn er ein solches Angebot wahrnehmen will. Das erhöht die Akzeptanz.“

Gesundheitsberatung und -förderung sind mit etwa 20 Prozent fester Bestandteil des Förderzentrums, in dem die Teilnehmenden bis zu 18 Monate (Zuweisung jeweils für 6 Monate) betreut werden können. Eine gesundheitsorientierte Beratung findet im Rahmen des Aufnahmegesprächs für alle Einsteigenden zu Beginn der Maßnahme statt. Auch die Angebotspalette des Förderzentrums im Bereich der Gesundheitsförderung wird den Teilnehmenden bei dieser Gelegenheit vorgestellt. Zweimal jährlich bietet die Werkstatt im Kreis Unna zum Beispiel sogenannte „JobFit-Kurse“ an, die in neun Modulen à 90 Minuten vor allem die Themen Stress, Entspannung, Bewegung und Ernährung behandeln. Die Teilnahme ist immer freiwillig. Die Werkstatt im Kreis Unna hat für das JobFit-Angebot im Laufe der Jahre 14 Mitarbeitende durch die Team Gesundheit GmbH zu autorisierten Job-Fit-Trainerinnen und -Trainern ausbilden lassen.

Über die eigenen Angebote hinaus, werden die Teilnehmenden über das Netzwerk der Werkstatt im Kreis Unna auch zu externen Beratungsangeboten wie zum Beispiel der Suchtberatung des Kreises weitergeleitet.

Die wachsende Anzahl der Teilnehmenden mit psychischen Beeinträchtigungen führte im Jahr 2018 dazu, dass im Förderzentrum eine vom GKV, dem Spitzenverband der gesetzlichen Kranken- und Pflegekassen, finanzierte psychologische Unterstützungsstruktur installiert werden konnte – ein Novum im Rahmen der Verzahnung von Arbeits- und Gesundheitsförderung bei den Jobcentern in Nordrhein-Westfalen. Doro Rengers, Abteilungsleiterin und Qualitätsmanagementbeauftragte bei der Werkstatt im Kreis Unna, ist froh, dass man die Maßnahme gemeinsam mit dem Jobcenter und dem GKV in diese Richtung weiterentwickeln konnte, denn: „Für den hohen Anteil der Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit gravierenden psychischen Beeinträchtigungen ist ohne eine entsprechende Bearbeitung der Problemlagen an eine Vermittlung in Arbeit nicht zu denken.“ Nicht zuletzt seien auch die Mitarbeitenden in ihrem Arbeitsalltag mit diesen zunehmenden psychischen Erkrankungen konfrontiert gewesen und immer öfter an fachliche Grenzen gestoßen.
Seit April 2018 steht jetzt eine engagierte Psychologin, die einen lösungsorientierten systemischen Ansatz verfolgt, zwei Vormittage pro Monat für jeweils vier Beratungstermine im Förderzentrum zur Verfügung. Bei psychischen Erkrankungen, die einer intensiven Therapie bedürfen, vermittelt sie in externe therapeutische Hilfsangebote und begleitet die betroffenen Menschen bei Bedarf auch dorthin. Außerdem vermittelt die Psychologin im Rahmen von Fallbesprechungen den Mitarbeitenden des Förderzentrums die Methodik ihres lösungsorientierten Ansatzes im Sinne einer Fortbildung. Für zwölf pädagogische Fachkräfte konnte eine Ausbildung zum lösungsorientierten Coach angeboten werden. Die durch die Psychologin eingeleiteten Prozesse können so im Lehrgangsalltag professionell weiterverfolgt werden. Im Rahmen von regelmäßigen Gruppencoaching-Angeboten stärken die so ausgebildeten Coachs das Selbstwertgefühl, die Motivation und das Zielbewusstsein der Teilnehmenden.

In sieben Projektjahren haben bisher insgesamt über 1.800 langzeitarbeitslose Menschen das Förderzentrum durchlaufen. Die lösungsorientierte Arbeit hilft den Teilnehmenden, wieder an sich zu glauben, die Problemfokussierung zu durchbrechen und eine positive Sicht auf die Zukunft zu entwickeln. Auch die Resonanz der Teilnehmenden auf die JobFit-Präventionskurse ist sehr positiv. 72 Prozent bewerten die Teilnahme als Erfolg und ihr persönliches Gesundheitsverhalten am Ende des Kurses als verbessert, am deutlichsten ausgeprägt bei Stress. Den eigenen Gesundheitszustand schätzen bei Abschluss des Kurses sogar alle Teilnehmenden als verbessert ein.

Mit den Projekten „NeuStart“, „Langzeitarbeitslose in Arbeit“ und dem neuen Modellprojekt „GUIDE“ (Bundesprogramm „rehapro“) hat das Jobcenter Kreis Unna weitere gesundheitsorientierte Angebote im Portfolio, die auf der Grundlage der langjährigen Erfahrungen, die man mit dem Projekt „Förderzentrum“ gemacht hat, entwickelt werden konnten.

Gesundheitsorientierte Beratung an Work-First-Projekte gekoppelt
 

Das Jobcenter Kreis Kleve stieg 2018 in das Modellprojekt „Verzahnung von Arbeits- und Gesundheitsförderung“ ein und hat sich entschieden, möglichst viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter einzubinden. Dabei fährt es zweigleisig: die Mitarbeitenden im Fallmanagement der kommunalen Jobcenter im Kreis werden sukzessive zum Thema gesundheitsorientierte Beratung geschult, schwerpunktmäßig wurde die gesundheitsorientierte Beratung im Kreis Kleve aber an die Work-First-Projekte angedockt, die in den Jobcentern der vier Kreiskommunen Gel­dern, Goch, Kleve und Rees gemäß dem Delegationsmodell eigenständig umgesetzt werden. Der „Work-First-Ansatz“ ist ein Gruppenangebot, das Bewerbungstraining, das Üben von Vorstellungsgesprächen und die aktive eigenständige Stellensuche umfasst, begleitet durch ein vermittlungsorientiertes Coaching, wobei die Jobcoachs der Jobcenter in besonderen Problemlagen auch für Einzelgespräche zur Verfügung stehen. „Unsere Idee war: Wenn wir ein sensibles Themenfeld wie Gesundheit ansprechen wollen, dann müssen wir das bei Kundinnen und Kunden machen, die wir gut kennen, zu denen wir engeren Kontakt aufgebaut haben und die man öfter sieht, als das in der Regelbetreuung üblich ist. Das ist bei den Work-First-Projekten der Fall“, erklärt die Leiterin des Jobcenters Kreis Kleve Andrea Schwan.

In den Work-First-Projekten im Kreis Kleve ist Gesundheit nun ein regelmäßiges Thema. Ein weit verbreitetes gesundheitliches Problem wie zum Beispiel Rückenschmerzen wird entweder in der Gruppe besprochen, auf Wunsch der Teilnehmenden – etwa bei einer Suchtproblematik – aber auch in Einzelgesprächen.

Während im Kreis Kleve die Schulungen 2020 und 2021 für die Jobcenter-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeiter im Fallmanagement weitergehen sollen, geht man im Jobcenter Bocholt einen anderen Weg.

Das Jobcenter Bocholt ist eines von 17 örtlichen Jobcentern innerhalb des Jobcenters im Kreis Borken, das als zugelassener kommunaler Träger und im Rahmen des Delegationsmodells eng mit den kreisangehörigen Kommunen zusammenarbeitet. Das Jobcenter Bocholt setzt das Projekt modellhaft im Kreis Borken um und deckt dabei neben dem Stadtgebiet Bocholt auch die angrenzenden Städte Rhede und Isselburg ab. Zwar war man auch dort ursprünglich damit gestartet, alle Fallmanagerinnen und Fallmanager in der gesundheitsorientierten Beratung zu schulen, schwenkte dann aber auf die Expertenlösung um. Diese Expertin beim örtlichen Jobcenter Bocholt ist Lisa Schoppers-Roes. Lisa Schoppers-Roes hat ein Bachelor-Studium Bio Science and Health und ein Master–Studium Gesundheitswissenschaften und -management absolviert und kann Ratsuchende zum Beispiel beim Thema Ernährung schon aus dem eigenen Wissen heraus unterstützen. Ihr Tätigkeitsfeld besteht nicht nur aus den gesundheitsorientierten Beratungsgesprächen, die die Kolleginnen und Kollegen aus dem Fallmanagement und dem Work-First-Projekt „Werkakademie“ an sie vermitteln. Sie plant auch Angebote und vermittelt in solche; ihr drittes Tätigkeitsfeld ist die Netzwerkarbeit. Durch die Netzwerkarbeit wird dafür Sorge getragen, dass ein langfristiges, koordiniertes und transparentes Zusammenwirken einzelner, bereits vorhandener Maßnahmen und Angebote gelingt. Ziel ist es, insbesondere Menschen in sozial benachteiligten Quartieren mit Gesundheitsangeboten zu erreichen.

Schulungen durch das Team Gesundheit
 

„Der Vorteil dieses Experten-Modells ist, dass nicht jede Fachkraft, die das vielleicht gar nicht möchte, sich enger mit dem Gesundheitsthema auseinandersetzen muss, sondern pro Standort nur eine Person, die das dann aber auch wirklich will“, sagt Gesundheitswissenschaftlerin und Sozialarbeiterin Dr. Monique Faryn-Wewel von der Team Gesundheit GmbH (Team Gesundheit). Das Team Gesundheit ist eine Arbeitsgemeinschaft der Krankenkassen, vertritt diese in dem Projekt „Verzahnung von Arbeits- und Gesundheitsförderung“ und ist unter anderem für die Schulungen der Jobcenter-Fachkräfte zuständig. In den Jahren 2018/2019 hat das Team Gesundheit 61 Schulungen an 23 Jobcentern in Nordrhein-Westfalen durchgeführt und damit 694 Mitarbeitende erreicht. Die Schulungen mit dem Titel „Motivierende Gesundheitsgespräche“ finden zum allergrößten Teil inhouse bei den Jobcentern statt, meistens in Gruppen von bis zu 15 Personen. Eine dreitägige Variante ist für die Integrationsfachkräfte gedacht, die im Anschluss selbst die gesundheitsorientierte Beratung übernehmen wollen. Ein anderthalbtägiges Format nutzen in der Regel Jobcenter, die nur Lotsenfunktion übernehmen wollen und die eigentliche Beratung dann an einen Träger delegieren. Darüber hinaus bietet das Team Gesundheit noch die Schulung „Stressfaktor Arbeitslosigkeit“ und auch die genannten JobFit-Schulungen an.

Bei der Schulung „Motivierende Gesundheitsgespräche“ handelt es sich um einen Mix aus verschiedenen Bausteinen. Ein Baustein beschäftigt sich zum Beispiel – zum Teil in Form von Rollenspielen – mit Kommunikation und Gesprächsführung auf der Grundlage des „Motivational Interviewing“. Gesundheitsthemen werden ebenfalls behandelt: Bewegung, Ernährung, Stressmanagement, Entspannung, Sucht (Alkohol und Nikotin). In der Schulung lernen die Teilnehmenden zu erkennen, welche gesundheitliche Problematik bei einer Kundin/einem Kunden vorliegen könnte, wie man diese Problematiken ansprechen und auch, wie man zu einer Verhaltensänderung motivieren kann. Dazu erhalten die Teilnehmenden einen Gesprächsleitfaden.

„Die Schulungen vermitteln die Grundlagen, sind aber auch sehr praxisbezogen, sodass man das Erlernte dann auch gut in die Tat umsetzen kann“, sagt Diplom-Pädagogin Melanie Heynen, die beim Jobcenter Goch für Projekte zuständig ist.

Nicht mit der Tür ins Haus fallen
 

Aber wie in eine gesundheitsorientierte Beratung einsteigen? Da sei Erfahrung gefragt, sagt Melanie Heynen. Es mache meistens keinen Sinn – das ist auch ein Tipp für andere Jobcenter –, direkt mit der Tür ins Haus zu fallen und die Menschen mit dem Thema Gesundheit zu überrumpeln. Besser sei es, zunächst Vertrauen aufzubauen und dann nach und nach auf das Thema Gesundheit zuzusteuern. „Zuhören, die Problematik ernst nehmen, gemeinsam mit dem Kunden überlegen, was man ändern kann – so gehen wir vor.“

Ähnliche Erfahrungen hat man auch im Förderzentrum-Projekt im Kreis Unna gemacht. Es sei schwierig, die arbeitslosen Menschen sofort beim Einstieg in das Projekt für das Thema Gesundheit zu begeistern, sagt Doro Rengers. „Wenn wir aber den Stressfaktor in den Vordergrund stellen: Wir wissen, dass Sie sich in einer extremen Situation befinden, weil Sie arbeitslos sind, weil Arbeitslosigkeit Stress verursacht, weil Stress die Gesundheit schädigt – dann sind alle bereit mitzuarbeiten. Über diesen Ansatz kommen wir dann auch an andere Gesundheitsthemen heran.“

Lisa Schoppers-Roes betont an erster Stelle die Vertraulichkeit der gesundheitsorientierten Beratung. An erster Stelle eines Gesprächs stehe immer die Information, dass die gesundheitsorientierte Beratung losgelöst vom Fallmanagement freiwillig und vertraulich erfolgt und keinerlei Sanktionen zu befürchten sind. Sind die Kunden mit einer Beratung einverstanden, behandelt das eigentliche motivierende Gesundheitsgespräch im Wesentlichen die vier Themenfelder Ernährung, Bewegung, Stress, Suchtmittelkonsum. „Es wird die Ist-Situation in den vier Themenfeldern ermittelt und welcher Zustand erwünscht wäre. Oft wollen die Kunden etwas ändern, aber es fehlt das gewisse Etwas, um in die Handlung überzugehen. Dabei helfe ich dann, indem wir in einem vierten Schritt einen Ziel- und Umsetzungsplan aufstellen“, erklärt Lisa Schoppers-Roes. Dabei gilt das Prinzip – das ist auch der Tipp von Lisa Schoppers-Roes: mit kleinen Schritten anfangen, die auch alltagstauglich sind.

Sinnvoll ist in den meisten Fällen die Teilnahme an einem Präventionsangebot. Das ist immer kostenlos. Teilnehmen dürfen alle Empfängerinnen und Empfänger von SGB II-Leistungen und deren Familienangehörige. Stellt sich heraus, dass mehrere Personen in den Jobcenter-Projekten gleiche Probleme haben – bei Ernährungs- und Rückenproblemen ist das öfter der Fall – kann das Jobcenter über das Team Gesundheit Präventionskurse im eigenen Haus aufsetzen. Im Kreis Borken wurden über diese Möglichkeit im Jahr 2019 zum Beispiel neun Angebot umgesetzt. Diese Möglichkeit bewertet Melanie Heynen als einen gro­ßen Vorteil der Zusammenarbeit mit dem Team Gesundheit. Das Feedback der Teilnehmenden sei besonders auf diese Angebote sehr positiv. „Sie kennen unsere Räumlichkeiten bereits, uns als Mitarbeitende des Jobcenters ebenfalls, das Jobcenter vor Ort ist für die Teilnehmenden gut zu erreichen – die Hemmschwelle, ein solches Angebot tatsächlich anzunehmen, ist also denkbar gering.“

Kleine Schritte – gute Erfolge
 

Alle drei Jobcenter konnten mit dem gesundheitsorientierten Ansatz bereits gute Erfolge erzielen. Da ist im Kreis Borken zum Beispiel der seit mehreren Jahren nicht mehr beschäftigte Handwerker mit abgeschlossener Berufsausbildung, der durch private Schicksalsschläge in eine Suchterkrankung und soziale Isolation gerutscht war. Ihn motivierten die gesundheitsorientierten Beratungsgespräche, seine Situation grundlegend zu ändern. In Kooperation mit ansässigen Beratungsstellen ist er mittlerweile nach einer Entgiftungskur „trocken“, hat eine Zahnsanierung abgeschlossen und ist jetzt dabei, seine Nikotinabhängigkeit zu überwinden. „Wir haben durch die Maßnahmen wieder mehr Struktur in das Leben des Mannes gebracht, er hat wieder Kontakte, mit denen er sich austauschen kann und insgesamt mehr Lebensfreude und Lebensqualität“, so Lisa Schoppers-Roes.

Melanie Heynen berichtet von Teilnehmenden, die durch Ernährungsberatungskurse ärztlich nachgewiesen bessere Blutwerte vorweisen konnten sowie Gewichtsreduktionen und ein besseres Wohlbefinden. Das Prinzip, sich zuerst der Hemmnisse und Probleme der Kundinnen und Kunden anzunehmen und dann erst die Vermittlung in Arbeit in den Fokus zu stellen, zeige aber auch auf anderer Ebene Erfolge. „Wenn der Kunde auf diesem Weg zunächst Vertrauen aufbaut, wirkt sich das auch positiv auf die Vermittlung aus. Dadurch, dass der Kunde offen benennt, was er sich zutraut und was nicht, kann ich als Jobcoach oder Fallmanager viel besser ansetzen, als wenn ich den Kunden nur ansporne, sich immer wieder zu bewerben.“ Inwieweit die hohe Vermittlungsquote von 50 Prozent in den Work-First-Maßnahmen im Kreis Kleve auf die Einbindung des Themas Gesundheit zurückzuführen ist, könne man nicht belegen, da über die tatsächliche Teilnahme der Kundinnen und Kunden an Präventionskursen keine statistischen Daten vorlägen, so Andrea Schwan. Vorstellbar sei ein positiver Effekt auf die Vermittlungsquote aber allemal.

Allerdings könne die Vermittlung in Arbeit aufgrund der starken, oft mehrfachen Vermittlungshemmnisse nicht im Vordergrund derartiger Maßnahmen stehen, erklärt Doro Rengers. Als allererste Aufgabe betrachtet sie die Wiederherstellung des durch die Arbeitslosigkeit verlorenen Selbstwertgefühls der teilnehmenden Menschen. „Damit erzeugen wir eine Selbstwirksamkeit, die dazu führt, dass die Menschen nach einer gewissen Zeit wieder aktiv Richtung Arbeitsmarkt werden – das ist unser Ansatz.“


1Es handelt sich um eine Regelmaßnahme. Das ursprüngliche Konzept wurde aufgrund der Erkenntnisse im Modellprojekt „Verzahnung“ angepasst.

Ansprechperson in der G.I.B.

Pamela Marquas
Tel.: 02041 767167
p.marquas@gib.nrw.de

Kontakte

Andrea Schwan, Leiterin
Jobcenter Kreis Kleve
Nassauerallee 81
47533 Kleve
Tel.: 02821 85109
andrea.schwan@kreis-kleve.de

Melanie Heynen
Jobcenter Goch – Fallmanagement
Tel.: 02823 9750486
melanie.heynen@goch.de

Max Benda, Leiter
Jobcenter Bocholt
Berliner Platz 2, 46395 Bocholt
Tel.: 02871 953502
benda@bocholt.de
Lisa Schoppers-Roes
Tel.: 02871 953717
schoppers-roes@bocholt.de

Jürgen Klose, Berater Markt und Integration
Jobcenter Kreis Unna
Bahnhofstraße 63
59423 Unna
Tel.: 02303 25381050
juergen.klose@jobcenter-ge.de

Doro Rengers, Abteilungsleiterin und
Qualitätsmanagementbeauftragte
Werkstatt im Kreis Unna
Obere Husemannstr. 10
59423 Unna
Tel.: 02303 9819012
d.rengers@werkstatt-im-kreis-unna.de

Dr. Monique Faryn-Wewel, Team Gesundheit
Gesellschaft für Gesundheitsmanagement mbH
August-Bebel-Str. 58
33602 Bielefeld
Tel.: 0521 16394711
faryn-wewel@teamgesundheit.de
www.teamgesundheit.de

Autor

Frank Stefan Krupop
Tel.: 02306 741093
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